mini|Giuseppe Volpi (1877–1947) galt neben Vittorio Cini (1885–1977) als Hauptexponent des Gruppo veneziano, 1925 mini|Vittorio Cini (1885–1977) im Jahr 1934 Als Gruppo veneziano wurde eine Gruppe von überwiegend venezianischen Finanziers, Industriellen und Politikern bezeichnet, die unter der Führung von Giuseppe Volpi (1877–1947) und Vittorio Cini (1885–1977) in erheblichem Ausmaß die Innen-, Wirtschafts-, Kolonial- und Außenpolitik Italiens zwischen etwa 1900 und 1945 beeinflusste. Dabei profitierten die Exponenten dieser Gruppe sowohl vor als auch während der beiden Weltkriege von der Kriegswirtschaft, indem sie selbst Ministerposten besetzten, als auch von den Expansionsbestrebungen der Faschisten und ihrer Bereitstellung billiger und gefügig gemachter Arbeitskraft. Insgesamt fanden sich aus den aufsteigenden Gruppen des Finanzwesens, des Unternehmertums und der Industriellen Männer mit Vertretern der alten Gruppen aus Adel, Landbesitz und Handel in der Gruppe zusammen. Die Verflechtung der Hauptexponenten mit dem faschistischen Regime wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nicht geahndet, unter anderem, weil diese rechtzeitig der Resistenza Geldmittel zur Verfügung gestellt hatten.

Die Aufspaltung Venedigs in eine petrochemische Industriestadt (Marghera), eine Arbeiterwohnstadt (Mestre) und ein dem Tourismus zur Verfügung gestelltes historisches Zentrum einschließlich des Lido, in dem die beiden Hauptakteure der Gruppe wohnten, geht ebenso auf ihre Tätigkeit zurück, wie die Zuschüttung von Teilen der Lagune, die zudem durch Kanalvertiefungen, Zugangsverbreiterungen zur Adria sowie durch Einleitung von Abwässern geschädigt wurde, dazu durch Eintrag von Arten, die sich seither zu Lasten der lokalen Flora und Fauna ausgebreitet haben.

Vorgeschichte, Mitglieder der Gruppe Giuseppe Volpi, dessen Familie aus Bergamo kam, war im Handel mit Agrarwaren, als Versicherungsagent und Minenbesitzer zu Vermögen gelangt, Vittorio Cini kam aus Ferrara und hatte, nachdem er das Unternehmen seines Vaters geerbt hatte, sein Vermögen mit Baumaterial, in Unternehmen der Logistik und im Seehandel sowie in Infrastrukturmaßnahmen vermehrt.Maurizio Reberschak: Cini, Vittorio, Dizionario biografico degli Italiani 25 (1981) 626–634.

Volpi kam durch den Kontakt mit der Banca Commerciale Italiana in der Person von Giuseppe Toeplitz in Kontakt, der von 1900 bis 1903 deren Filiale in Venedig leitete. Toeplitz stieg zudem bald in die Führungspositionen innerhalb des Haupthauses bis zum Vizepräsidenten auf und betrieb von dort aus die Industrialisierung Italiens.

Cini hingegen investierte während des Ersten Weltkriegs in die Seestreitkräfte und in die Seeversicherungswirtschaft, so dass er erheblichen Einfluss im Überseehandel in der Adria, im Ionischen Meer und in der Levante gewann und zugleich ein Netzwerk in Regierungs- und Militärkreisen ausbildete. mini|Piero Foscari (1865–1923), fotografiert 1902 mini|Das Rifugio Carlo e Massimo Semenza oberhalb von Tambre in der Provinz Belluno erinnert an eines der führenden Mitglieder des Gruppo veneziano. Die Initiative zum Bau der Hütte des Italienischen Alpenvereins, der von 1962 bis 1963 erfolgte, ergriff sein Sohn Massimo Semenza, seinerzeitiger Präsident der örtlichen Vereinssektion. Als Volpi und Cini ihre Kontakte, ihre Finanzkraft und ihren politischen Einfluss zusammenfügten, sprach man schnell von der besagten Venezianischen Gruppe. Andere führende Angehörige dieser Gruppe waren Achille Gaggia (1875–1953),Maurizio Reberschak: Gaggia, Achille, Dizionario biografico degli Italiani 51 (1998) 218–222. der ab 1905 zur Entourage von Volpi zählte und geradezu zu seinem „rechten Arm“ wurde, und über den Toeplitz bemerkte, er führe alles aus, was Volpi ihm vorgebe.

Zur Gruppe zählten aber auch Ingenieure und Verwaltungsmänner wie Antonio Pitter,Auf Initiative des Ingenieurs Antonio Pitter wurde die Società italiana per la utilizzazione delle forze idrauliche del Veneto im Jahr 1900 gegründet (Il Veneto nell’età giolittiana (1903–1913): aspetti economici, sociali, politici, culturali, hrsg. vom Comitato provinciale dell’Istituto per la storia del Risorgimento, 1991, S. 3). Vincenzo Ferniani und Ottaviano Ghetti, die gemeinsam etwa für die Umleitungsarbeiten am Piave verantwortlich waren,Vincenzo Fontana: Il nuovo paesaggio dell’Italia giolittiana, Laterza, Bari 1981, S. 129. Carlo Semenza,Nach dem Wasserbauingenieur Semenza (1893–1961), der vor allem für den Bau von Wasserkraftwerken verantwortlich war, der aber auch eine Sektion des Italienischen Alpenvereins gründete, wurde eine der Hütten benannt, nämlich das 1963 eingeweihte Rifugio Carlo e Massimo Semenza. der Geologe Giorgio Dal Piaz, Guido und Antonio Rossi, die Ingenieure Paolo Milani, Francesco Villabruna, Mario Mainardis, Alessandro Croce, dann der Unternehmer Nicolò Spada,Spada trat 1911 durch ein Projekt hervor, das nie verwirklicht wurde, nämlich den Bau eines 3,6 km langen Tunnels von San Marco, genauer gesagt den Giardinetti Reali, zum Lido (). der Bürgermeister von Venedig Mario Alverà, dann der Inhaber einer bedeutenden Paduaner Färberei Giovanni Venuti, schließlich Angelo Sperti, Aurelio Fracca, Silvio Pellas, Alberto Cottica, Vittore Antonello. Hinzu kamen Exponenten, die im Finanz- und Wirtschaftsbereich im Sinne der Gruppe tätig wurden, wie Antonio Revedin, Nicolò Papadopoli Aldobrandini, Alberto und Mario Treves de’ Bonfili, Piero Foscari, Giancarlo Stucky, Amedeo und Edoardo Corinaldi, Nicola und Tito Braida, Carlo und Enrico Ratti, Gino Toso, „Commendatore“ Giuseppe Da Zara,Nicht zu verwechseln mit dem Direktor der Comunione Israelitica di Padova (Regolamento della comunione israelitica della provincia di Padova, Padua 1829, S. 57 (Digitalisat)). Luigi Ceresa,Er war Präsident der Società di Navigazione Adriatica e della Carrozzeria Calore (Francesco Piva: Lotte contadine e origini del fascismo. Padova-Venezia 1919–1922, Marsilio, 1977, S. 80 f.). Mario Nani Mocenigo oder Giulio Coen.

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts bestand ein Gruppo Veneto, der auf der Linie Vicenza-Padua-Venedig agierte. Diese Gruppe wurde vor allem durch Vincenzo Stefano Breda, Alessandro Rossi, Luigi Luzzatti repräsentiert, die ebenfalls Finanzen und Industrie, Kredit und Politik miteinander verbanden, um die Region stärker zu industrialisieren. Doch ihr Geflecht basierte auf der Verbindung von Adel, Grundbesitz und Handel. Sie strebten eine Industrialisierung ohne Modernisierung auf der Basis von konservativem Paternalismus, von gesellschaftlicher Schichtung und unter Garantien von Seiten des Staates an. Eine wesentliche Aufgabe erhielt dabei die Banca veneta di depositi e conti correnti, die 1871 in Padua gegründet worden war. Unter dem Einfluss von Alberto Treves de Bonfili wurde sie nach Venedig verlegt – infolge der Übernahme des Stabilimento mercantile und mit Rücksichtnahme auf die dortige jüdische Gemeinde. Die ebenfalls in Padua 1872 gegründete Società veneta per imprese e costruzioni pubbliche wurde 1899 in Società veneta per costruzione ed esercizio di ferrovie secondarie oder einfach Veneta umbenannt, die Eisenbahnen, Infrastruktur und öffentliche Bauwerke finanzierte und baute. Die Veneta hatte bereits 1881 eine eigene Niederlassung in Venedig.

Die ersten Unternehmungen

Im Gegensatz zum Gruppo Veneto strebte der Gruppo veneziano von Anfang an auf die nationale, sogar internationale Ebene. In einem ersten Schritt gelang die „Eroberung der Energie“ („conquista della forza“), das heißt der Gewinnung von Strom aus Wasserkraft. 1900 und 1905 wurden die Società italiana per l’utilizzazione delle forze idrauliche del Veneto, die unter dem Namen Cellina bekannt wurde, sowie die Società Adriatica di Elettricità (SADE) gegründetDie Mitglieder des Consiglio di amministrazione finden sich hier, im Archiv der Mediobanca, der Rechtsnachfolgerin, auf S. 20 f.. Vom bloßen Erwerber vorhandener und Erbauer neuer Wasserkraftwerke verwandelte sich letztere in eine Holding für Energieunternehmen. 16 bzw. 18 % des Stammkapitals der beiden Unternehmen waren dabei in Händen der Banca Commerciale Italiana.

In einem zweiten Schritt kam der Bereich des Tourismus und des Hotelwesens hinzu, indem 1906 die Compagnia Italiana Grandi Alberghi, kurz CIGA, gegründet wurde. Bei ihr lag der Anteil der Banca Commerciale Italiana bei 20 %. Zum Schwerpunkt wurden die Hotels auf dem Lido di Venezia, wo vor allem die Hotels Des Bains und Excelsior um 1920 eine nationale Dimension erlangten, ab 1923 gar eine internationale.

Die Basis für die großangelegten Investitionen bildete ein Zustrom von Kapital aus verschiedenen Quellen. Zu den lokalvenezianischen Investoren kamen solche aus der Bodenrendite, dem Handel, den Finanzgeflechten, zudem gelang die Integration von ausländischem, katholischem und jüdischem Vermögen. Kulturell und familial entstand eine Führungsschicht aus aufgestiegenen Bürgern und verbürgerlichtem Adel, die auf der nationalen Ebene um 1900 die Führung übernahm.

Dabei expandierte die SADE über Venetien hinaus in den Adriaraum, den man als das gesamte Gebiet zwischen Friaul und Apulien auffasste, und das man als „dominio adriatico“ zu beherrschen gedachte. Mit der Ausdehnung der Ambitionen bis in den östlichen Mittelmeerraum sprengte der Gruppo veneziano endgültig den Rahmen des Gruppo Veneto.

Der Balkan Mit der Expansion Richtung Balkan knüpfte die Gruppe an venezianische Politiktraditionen an.Wie es Giuseppe Fusinato 1917 ausdrückte: „Venedig […] hat einen überragenden Anteil, weil es von der Natur und der Geschichte zur unbestrittenen Herrin der Adria geweiht ist“ („Venezia […] ha una parte preponderante, perché consacrata dalla natura e dalla storia a signora indiscussa dell’Adriatico“). Dabei hatte man beide Seiten der Adria im Blick. Auch bei den Wirtschaftsunternehmen in diesem Raum war die Banca Commerciale Italiana von großer Bedeutung, aber auch Piero Foscari (1865–1923), der seinen Einfluss in Montenegro nach der Eheschließung mit Elisabetta Widmann Rezzonico (1897) ausweitete und später für die Faschisten im Parlament saß. Die Società commerciale d’oriente, gegründet 1907, wurde zum Dreh- und Angelpunkt der Vorhaben, sie wurde geradezu zur Montenegriner Filiale der Banca Commerciale Italiana, und zum Drehpunkt anderer Unternehmen, wie der Regia cointeressata dei tabacchi del Montenegro (1903) oder des Sindacato italo-montenegrino (1903), insbesondere aber der Compagnia di Antivari (1905). Schließlich wurde sie sogar zur Filiale der Banca Commerciale in Istanbul, wo der Hauptverwalter Otto Joel, Mitgründer der Banca Commerciale Italiana, dafür sorgte, dass Bernardino Nogara Direktor wurde, ein Freund Volpis. Was noch fehlte, um der imperialistischen Hegemoniestellung auf dem Balkan Ausdruck zu verleihen, war eine Eisenbahnstrecke und ein Industriehafen, eine Funktion für die Antivari vorgesehen war. mini|Giuseppe Volpi (rechts) und Pietro Bertolini (links) bei den Verhandlungen mit den osmanischen Vertretern in Lausanne, 1912. Bertolini war 1907 Arbeitsminister und von 1913 bis 1914 Kolonialminister Als Kopf dieser Strategie gilt Volpi, der Kontakte bis an den Osmanenhof pflegte. Dort gab er sich den Nimbus eines typischen Vertreters der Republik Venedig, nämlich den eines Händlers und Diplomaten, eines Statthalters und Bevollmächtigten (procuratore), ja eines Dogen. Als es wegen des Libyenkrieges 1912 zu Verhandlungen kommen sollte, wählte Giovanni Giolitti für die Konferenz von Ouchy Volpi und Pietro Bertolini. Gaetano Salvemini erkannte in Volpi den „principale deus ex machina“ der Verträge. Volpi wurde zum Diplomaten „ad honorem“.