Die Otterspitzmäuse (Potamogalidae) sind eine Familie der Säugetiere bestehend aus drei Arten in zwei Gattungen: die Große Otterspitzmaus sowie die zwei Arten der Kleinen Otterspitzmäuse, die Zwerg- und die Ruwenzori-Otterspitzmaus. Alle drei Vertreter kommen nur auf dem afrikanischen Festland vor und bewohnen die tropischen Regenwälder beiderseits des Äquators. Die Tiere bevorzugen Landschaften mit kleinen, klaren Gewässern. Sie sind an das Wasserleben angepasst und gehen in der Nacht schwimmend auf Nahrungssuche. Dabei ernähren sie sich hauptsächlich von Krabben und Fischen. Allgemein leben sie einzelgängerisch und verbringen den Tag in einem Bau. Die genaue Lebensweise der Otterspitzmäuse ist bisher kaum erforscht. in ihrem Erscheinungsbild sind sie an das Leben im Wasser angepasst. Sie haben eine otterähnliche Gestalt mit einer abgeplatteten Schnauze, die zahlreiche Tasthaare aufweist, und einem muskulösen Schwanz. Die Fortbewegung im Wasser erfolgt hauptsächlich durch Schlängelbewegungen des Schwanzes, eine Art besitzt allerdings Schwimmhäute und setzt auch ihre Beine paddelnd ein.
Die nächsten Verwandten der Otterspitzmäuse stellen die Tenreks (Tenrecidae) dar, die endemisch auf Madagaskar verbreitet sind. Die beiden Gruppen trennten sich bereits vor nahezu 50 Millionen Jahren. Teilweise wurden die Otterspitzmäuse auch als afrikanischer Zweig der Tenreks angesehen, aus molekulargenetischer Sicht befürwortet der lange Abspaltungszeitraum neben einigen anatomischen Unterschieden einen eigenständigen Familienstatus. Die Otterspitzmäuse sind bisher nur selten im Fossilbericht belegt, einige wenige Funde stammen aus dem südwestlichen Afrika und weisen ein Alter von rund 40 Millionen Jahre auf. Die ersten Berichte von heutigen Vertretern der Familie datieren in die 1860er Jahre. Sie beziehen sich auf die Große Otterspitzmaus, die beiden Angehörigen der Kleinen Otterspitzmäuse wurden erst rund einhundert Jahre später entdeckt. In der Regel wurden die Otterspitzmäuse in ihrer forschungsgeschichtlichen Vergangenheit als Teil der Insektenfresser angesehen. Im Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert erbrachten aber genetische Untersuchungen eine nähere Beziehung zu anderen originär afrikanischen Tieren. Von den drei heutigen Arten wird eine als in ihrem Bestand gefährdet eingestuft.
Merkmale mini|Große Otterspitzmaus Habitus Otterspitzmäuse sind kleine Vertreter der Säugetiere. Sie besitzen eine Kopf-Rumpf-Länge von 12 bis 20 cm bei den Kleinen Otterspitzmäuse (Micropotamogale) und von 30,5 bis 33,7 cm bei der Großen Otterspitzmaus (Potamogale). Der Schwanz wird zwischen 9,5 und 29,0 cm lang, er erreicht zwischen 77 und 84 % der Länge des übrigen Körpers. Das Körpergewicht variiert von 32 bis 780 g. Wie der Name schon andeutet, haben die Tiere in ihrem äußeren Erscheinungsbild eine entfernte Ähnlichkeit mit Ottern. Ihr Körper ist stromlinienförmig, die Schnauze breit und abgeflacht mit unterständigem Maul. Der Körper wird von einem dichten Unterfell bedeckt, das von glänzenden Überhaaren überlagert wird. Der Glanz wird durch die abgeflachten Spitzen der Haare hervorgerufen. Das Fell ist an der Oberseite dunkelbraun und an der Unterseite weißlich gefärbt. Eine Ausnahme bildet die Zwerg-Otterspitzmaus (Micropotamogale lamottei), deren Körper einheitlich dunkel gefärbt erscheint. Ein markantes Merkmal bildet der lederige Nasenspiegel, der zumeist herzförmig gestaltet ist und von einer Längsfurche geteilt wird. Die sich seitlich-oberhalb befindenden Nasenlöcher können durch kleine Klappen verschlossen werden. An der Oberlippe besteht ein Kranz aus steifen Vibrissen, weitere Tasthaare finden sich über den Augen und am Unterkiefer. Die Augen selbst sind klein, die Ohrmuscheln haben eine gestreckt-ovale Form und ragen aus dem Fell heraus. Der Schwanz ist kräftig und lang gebaut, bei der Großen Otterspitzmaus zeigt er eine seitlich deutlich abgeplattete Form, bei den Ruwenzori-Otterspitzmaus (Micropotamogale ruwenzorii) ist er nur leicht abgeplattet, während er bei der Zwerg-Otterspitzmaus einen runden Querschnitt aufweist. Die kurzen und kräftigen Gliedmaßen enden in jeweils fünf Strahlen. Schwimmhäute zwischen den Fingern und Zehen kommen lediglich bei der Ruwenzori-Otterspitzmaus vor. Typisch für alle Otterspitzmäuse bilden der zweite und dritte Strahl des Hinterfußes eine funktionale Einheit, die Zehen sind also syndactyl. Alle Finger und Zehen tragen gebogene Krallen.
Schädel- und Gebissmerkmale Der Schädel der Otterspitzmäuse ist allgemein schmal, die größte Breite wird am Hirnschädel erreicht. Dadurch wirkt der Schädel in der Aufsicht tropfenförmig mit einem lang ausgezogenen Rostrum. In Seitenansicht verläuft die Stirnlinie nahezu gerade. Auf dem Scheitelbein besteht ein Scheitelkamm. Der Jochbogen ist nicht geschlossen. Unter dem hinteren Bogenansatz am Schläfenbein befindet sich die Glenoidgrube, der Ansatzstelle des Unterkiefergelenks. Der Tränen-Nasen-Gang (Ductus nasolacrimalis) ebenso wie das Tränenloch (Foramen lacrimale) fehlen, was mit der Reduktion des Geruchssinnes zusammenhängt. Auffallend an der Schädelbasis ist weiterhin eine verknöcherte Paukenblase.
Das Gebiss setzt sich aus insgesamt 40 Zähnen mit folgender Zahnformel zusammen: . Ein charakteristisches Merkmal bilden der vergrößerte erste obere und der zweite untere Schneidezahn. Sie erinnern in ihrem Aussehen an Eckzähne und wirken als Gegenspieler beim Ergreifen der Beute. Die nachfolgenden Zähne einschließlich des Eckzahns und der vorderen Prämolaren zeigen einen einfachen Bau. Zwischen den einzelnen Arten bestehen Unterschiede in der Größenausprägung dieser Zähne. So sind bei der Zwerg-Otterspitzmaus deutliche Variationen erkennbar, während bei der Großen Otterspitzmaus alle Zähne in diesem Abschnitt etwa die gleichen Ausmaße haben. Dadurch wirkt das Gebiss bei den jeweiligen Arten unterschiedlich stark spezialisiert. Der obere Eckzahn weist darüber hinaus immer zwei Wurzeln auf. Die Molaren verfügen über ein markantes Kauflächenmuster, das drei Haupthöcker umfasst: den Para-, Meta- und Protoconus (bezogen auf die Oberkieferzähne). Der Protoconus ist gut ausgebildet, der Metaconus verschmilzt abweichend von den Tenreks nicht so deutlich mit dem Paraconus, letzterer stellt den Haupthöcker der Mahlzähne dar. Auch hier sind Unterschiede zwischen den Arten ausgeprägt, so ist die Trennung zwischen den beiden letztgenannten Höckern bei der Großen Otterspitzmaus auffallender als bei den Kleinen Otterspitzmäusen. Charakteristisch ist überdies eine V-förmige Scherleiste (Ectoloph), deren Spitze der Paraconus bildet. Die Mahlzähne können daher als weitgehend zalambdodont aufgefasst werden. Der hinterste obere Molar zeigt eine starke Größenreduzierung.
Skelettmerkmale mini|Skelett der Großen Otterspitzmaus Die Wirbelsäule der Otterspitzmäuse besteht aus 7 Hals-, 16 bis 17 Brust-, 5 bis 6 Lenden-, 5 Kreuzbein- und 31 bis 34 Schwanzwirbeln. Untersuchte Jungtiere der Zwerg-Otterspitzmaus besitzen 24 bis 25 Schwanzwirbel. An den vorderen Schwanzwirbeln treten kräftig entwickelte Dorn- und Querfortsätze sowie robuste Hämalbögen auf. Ihre Größe nimmt nach hinten ab.
Ein auffälliger Unterschied zu den Tenreks besteht im Fehlen des Schlüsselbeins bei den Otterspitzmäusen. Das Schulterblatt ist bei der Großen Otterspitzmaus sehr lang und schmal, allerdings besitzt es abweichend von den Tenreks kein ausgeprägtes Acromion, wo normalerweise Teile des Deltamuskels ansetzen. Ebenfalls im Gegensatz zu den Tenreks weist der Oberarmknochen gegenüber den Knochen des Unterarms eine sehr langgestreckte Form auf. Der große Tuberkel des Humerus ragt als krallenartiger Fortsatz steil auf und erinnert hier weniger an Tenreks als eher an die Fledermäuse. Er blockiert gegen das Schulterblatt und verhindert so zu weit ausholende Armbewegungen. Das untere Humerusgelenk (Ellenbogen) ist sehr schlank, allerdings ist das Capitulum breit und rechteckig. An der Elle, die eine kurze, kompakte Gestalt aufweist, fällt der langgestreckte obere Gelenkfortsatz, das Olecranon, auf. Es nimmt rund 19 % der Länge des Gesamtknochens ein. Der gesamte Bau des Ellenbogengelenks zeigt, dass es auf die Stabilisierung des Vorderarms ausgerichtet ist und nur eingeschränkte seitliche Bewegungen zulässt. Die Handwurzelknochen sind in ihrer Anzahl reduziert, eventuell ist kein Os centrale ausgebildet oder mit dem Kahnbein verwachsen, teilweise treten auch Verwachsungen zwischen dem Kahn- und dem Mondbein auf. Die Verringerung der Anzahl der Handwurzelknochen ähnelt der der grabenden Tenreks und hilft wie bei diesen, die Hand beim Schwimmen zu stabilisieren. Dagegen ist ein Präpollex, eine fingerartige Verlängerung am Großen Vieleckbein, abweichend von den Tenreks nicht vorhanden oder stark verkleinert. Dafür tritt ein Fortsatz am Kahnbein auf, der wohl dessen Position einnimmt. Im Vergleich zu den Handwurzelknochen sind die Mittelhandknochen ausgesprochen langgestreckt.
Der Oberschenkelknochen ist in Bezug auf das Becken eher kurz, was in Verbindung mit der nach oben orientierten Hüftgelenkpfanne eine erhöhte Beinhebelkraft bewirkt. Am Femurschaft besteht nur ein kleiner dritter Rollhügel, der im Unterschied zu den Tenreks weit nach unten verlagert ist und so einen kräftigen Gesäßmuskel unterstützt. Schein- und Wadenbein sind im unteren Drittel miteinander verwachsen. Beide Knochen verlaufen weitgehend gerade und sind am Schaft nicht deutlich gebogen. Das Fußgelenk ist in seiner Struktur stark abweichend von dem der Tenreks. Dies betrifft etwa die langgestreckten und schmalen Knöchel, die die Rotationsfähigkeit des Fußes einschränken. Dies bewirkt auch der scharfe Übergang von der Sprungbeinrolle zum Gelenkhals am Sprungbein. Letzterer ist außerdem extrem kurz. Weitere markante Unterschiede finden sich am Fersenbein mit seinem extrem langen Fersenhöcker. Am Fuß sind die Mittelfußknochen des inneren und äußeren Strahls vergleichsweise länger geformt als bei den Tenreks.
Weichteile Wie bei den Tenreks auch bilden die Geschlechts-, Verdauungs- und Ausscheidungsorgane eine gemeinsame Austrittsöffnung, die Kloake. Der Magen ist einfach gebaut und von ovaler Form. Der Darm bestehend aus dem Dünndarm und dem Dickdarm erreicht bei der Ruwenzori-Otterspitzmaus eine Gesamtlänge von 55 cm, anderen Angaben zufolge bis 68 cm, was in etwa der vierfachen Körperlänge des Tieres entspricht, der Blinddarm fehlt. Die Bauchspeicheldrüse ist stark verästelt. Die Hoden befinden sich bei den Otterspitzmäusen in der Beckengegend auf Höhe des Schambeins. Sie liegen in faserigen Hauttaschen (Cremastersäcken), die einem inneren Pseudo-Hodensack entsprechen. Die Position der Hoden unterscheidet sich von einigen Tenreks wie den Reistenreks, wo sie in der Nähe der Nieren verbleiben. Der Penis ist vergleichsweise lang. Weibchen besitzen eine zweihörnige Gebärmutter, die Plazenta ist im Unterschied zu den Tenreks endotheliochorial.
Das Gehirn der Otterspitzmäuse ist relativ einfach gebaut. Es fällt durch eine Verkleinerung des Riechkolbens und durch eine Vergrößerung der Medulla oblongata auf. Von letzterer geht der Trigeminus-Nerv aus, der unter anderem die Tasthaare steuert. Es handelt sich hier wahrscheinlich um eine Anpassung an das Wasserleben, bei dem der Tastsinn als wichtigstes Sinnesorgan den Geruchssinn ablöst. Die Merkmale sind bei der Zwergotterspitzmaus am geringsten, bei der Großen Otterspitzmaus am stärksten ausgebildet, was als graduelle Anpassung an die semi-aquatische Lebensweise gedeutet wird und sich auch in anderen Körpermerkmalen wiederfindet. Das Volumen des Gehirns ist im Vergleich zu den nahe verwandten Tenreks größer. Es variiert zwischen 720 und 1270 mg bei den Kleinen Otterspitzmäusen und zwischen 3720 und 4640 mg bei der Großen Otterspitzmaus.
Verbreitung und Lebensraum mini|hochkant|Verbreitungsgebiete der drei Arten der Otterspitzmäuse