mini|300px|Karte Spitzbergens mit der Fahrtroute der Helgoland und Korrekturen der Küstenlinien durch Kapitän Rüdiger. Die Nummern bezeichnen die Planktonstationen. Die Deutsche Expedition in das Nördliche Eismeer, nach dem verwendeten Schiff auch Helgoland-Expedition genannt, führte im Sommer 1898 nach Spitzbergen und an die Murmanküste. Organisatorisch wurde sie vom Geschäftsmann und Journalisten Theodor Lerner geleitet, wissenschaftlich von den Berliner Zoologen Fritz Schaudinn und Fritz Römer. Im Zentrum des wissenschaftlichen Interesses standen die Meeresbiologie und die Ornithologie. Das wichtigste geographische Ergebnis war die erste Vermessung des König-Karl-Lands.
Vorläufer Nach der Entdeckung der Insel Spitzbergen durch Willem Barents am 19. Juni 1596Gerrit de Veer: A true description of three voyages by the north-east towards Cathay and China. Undertaken by the Dutch in the years 1594, 1595 and 1596. Charles T. Beke (Hrsg.), The Hakluyt Society, London 1853, S. 77 (englisch, ). wurde Svalbard im 17. Jahrhundert vor allem von niederländischen Walfängern besucht. Die nächste Entdeckungsreise, die die Inselgruppe erreichte, war die des russischen Admirals Wassili Tschitschagow, der auf seiner Suche nach einer Passage von der Kolahalbinsel nach Kamtschatka 1764 bis 1766 die Westküste der Insel kartieren ließ. Es folgten Forschungsreisen der britischen Admiralität, geleitet von Constantine Phipps (1773) und William Edward Parry (1827), die das geografische Wissen über den Spitzbergen-Archipel bedeutend erweiterten, deren Teilnehmer aber auch Naturbeobachtungen anstellten. So ist Phipps der Erstbeschreiber des Eisbären.
Joseph Paul Gaimard leitete 1838 und 1839 die erste rein wissenschaftliche Expedition nach Spitzbergen an Bord der französischen Korvette La Recherche. Im Mittelpunkt standen Forschungen auf dem Gebiet der Ozeanographie, der Glaziologie, der Zoologie und Botanik. 1858 erforschte Otto Martin Torell die gesamte Westküste Spitzbergens vom Hornsund bis nach Amsterdamøya. Drei Jahre später fuhr er an der Nordküste entlang. Die Serie schwedischer Unternehmungen setzte Adolf Erik Nordenskiöld 1864, 1868 und 1872–1873 fort. 1868 segelte das Schiff der Ersten Deutschen Nordpolar-Expedition unter Carl Koldewey durch die Hinlopenstraße zwischen Spitzbergen und Nordostland bis nach Wilhelmøya. Während des Ersten Internationalen Polarjahrs 1882–1883 richtete Schweden eine geophysikalische Forschungsstation am Isfjorden ein. Unter Leitung von Nils Ekholm wurden umfangreiche meteorologische und erdmagnetische Beobachtungen vorgenommen.
In den folgenden Jahren wurde Spitzbergen fast jährlich von Geographen besucht, die das Wissen um die Inselgruppe stetig erweiterten. Besonders bemerkenswert sind die schwedischen Expeditionen von Gustaf Nordenskiöld (1868–1895) 1890 und Gerard de Geer 1896 sowie die Erforschung des Inselinnern durch den englischen Alpinisten Martin Conway 1896 und 1897. Der deutsche Zoologe Willy Kükenthal leitete 1889 eine von der Bremer Geographischen Gesellschaft organisierte Forschungsreise mit der Yacht Berentine, bei der erstmals auch einige Inseln des König-Karl-Archipels kartiert wurden.
Vorbereitung und Ziele mini|Fritz Schaudinn mini|Fritz Römer Im Winter 1897/98 begann der Journalist Theodor Lerner, eine private Jagdreise nach Svalbard zu planen, die zugleich der Suche nach Salomon August Andrée und seinen beiden Gefährten dienen sollte. Lerner hatte Andrée 1896 und 1897 auf Danskøya besucht, um dem Start zu dessen Versuch beizuwohnen, den Nordpol mit einem Gasballon zu erreichen. Ballon und Besatzung waren seitdem verschollen, und verschiedene Hilfsexpeditionen versuchten, deren Schicksal aufzuklären.
Im Zuge der Vorbereitungen änderte sich der Charakter der bevorstehenden Reise dahingehend, dass auf der Grundlage von Vereinbarungen mit dem Reichsmarineamt, dem Naturkundemuseum Berlin und dem Zoologischen Institut der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin zoologische, ozeanographische und geographische Arbeiten in das Programm aufgenommen wurden. Die Zoologen Fritz Römer und Fritz Schaudinn erhielten die Möglichkeit, an der Reise teilzunehmen, über das Schiff und die Mannschaft zu verfügen und Einfluss auf die Reiseroute zu nehmen. Ernst Haeckel unterstützte die Expedition finanziell über die Paul-von-Ritter-Stiftung. Einen Teil der Finanzierung übernahm auch der Berliner Lokal-Anzeiger, für den der Journalist Reinhold Cronheim als Berichterstatter an der Reise teilnahm.
Die Grundzüge der geplanten Expedition wurden Anfang 1898 von einer wissenschaftlichen Konferenz in Berlin festgelegt.Verhandlungen der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. Band 25, Nr. 4, 1898, S. 197 f. (). Sie sahen vor, dass die Helgoland von Bremerhaven über Tromsø zunächst zur Ostküste, dann zur West- und Nordküste Spitzbergens fahren und anschließend über Jan Mayen nach Tromsø zurückkehren sollte, um dort die Kohle- und Proviantvorräte zu ergänzen. Es war geplant, danach über Vardø, Archangelsk und Nowaja Semlja die Inselgruppe Franz-Joseph-Land anzusteuern und auf dem Rückweg nach Möglichkeit König-Karl-Land zu kartieren. Im Mittelpunkt der Reise sollten die meeresbiologischen Arbeiten von Schaudinn und Römer stehen, insbesondere auf dem Gebiet der Plankton- und Tiefseeforschung. Des Weiteren wollte man in den nördlichen Gewässern Nachforschungen nach dem Verbleib der Andrée’schen Expedition anstellen. Daneben wurden aber auch die Interessen der übrigen Expeditionsteilnehmer nach Möglichkeit berücksichtigt. Als Nebenziele wurden genannt: Forschungen und Sammlungen auf dem Gebiet der Bakterien, der tierischen Parasiten oder von sonstigem physiologischen Interesse; die Jagd im eigenen Interesse, wie auch im Interesse der zoologischen Forschung; einem Maler Gelegenheit zum Studium zu geben; einem Schriftsteller die Gelegenheit zu geben, Stoff zu sammeln zu Schilderungen des Nord-Meeres, der Erlebnisse darin und seiner Wunder, für das größere Publikum; soviel die Verhältnisse es mit sich brachten und gestatteten, oceanographische, meteorologische und geographische Beobachtungen anzustellen. Diese Thätigkeit wurde notwendig beschränkt durch die Menge und die Vorbildung des Personals wie auch durch die Anzahl der auf dem kleinen Schiffe mitzuführenden Instrumente, welche die Expedition durch das zu besonderem Dank verpflichtende Entgegenkommen der Kaiserlichen Marine von dieser geliehen erhalten hat.
Theodor Lerner hatte darüber hinaus die Absicht, die Bäreninsel für das Deutsche Kaiserreich in Besitz zu nehmen. Er verfolgte den Plan, hier eine deutsche Fischerei- und Walfangstation zu errichten und die Kohlevorkommen der Insel auszubeuten.
Teilnehmer Leiter des Expedition war Theodor Lerner, ein umtriebiger Journalist und Geschäftsmann, der zuvor schon mehrere Arktisreisen unternommen hatte.
Die wissenschaftlichen Arbeiten wurden von Fritz Römer und Fritz Schaudinn ausgeführt. Römer, ein Schüler Haeckels, war zu dieser Zeit Kustos am Naturkundemuseum in Berlin. Er wechselte nach der Reise zu Willy Kükenthal nach Breslau und wurde später Direktor des Senckenbergmuseums Frankfurt am Main. Schaudinn war Privatdozent am Zoologischen Institut in Berlin. Er gehörte zu den führenden Protozoenforschern und entdeckte 1905 gemeinsam mit Erich Hoffmann den Erreger der Syphilis.
Der Schiffsarzt Ludwig Julius Brühl, Assistent am Königlichen Physiologischen Institut in Berlin, führte eigene Forschungsarbeiten auf bakteriologischem, physiologischem und hygienischem Gebiet aus. Der Tiermaler Richard Friese wollte die großen arktischen Säugetiere in ihrem natürlichen Lebensraum studieren. Stoff für Reportagen suchte der Schriftsteller und Journalist Reinhold Cronheim. Um zu jagen, nahmen die königlichen Forstassessoren von Krosigk und Brüning sowie der großherzoglich-mecklenburgische Jagdjunker von Strahlendorf an der Reise teil.
Nautischer Leiter der Expedition war Korvettenkapitän a. D. Hugo Rüdiger. Die Mannschaft bestand aus zwei Steuerleuten, drei Maschinisten, einem Heizer, vier Matrosen und einem Tierpräparator. In Tromsø wurden der Eislotse Sören Johannesen und der Harpunier Claus Thue (1856–1929) an Bord genommen.
Ausrüstung Bei der Oldenburgischen Hochseefischerei-Gesellschaft in Geestemünde wurde für die Expedition der Fischdampfer Helgoland gechartert. Das Schiff war nur 34 m lang und ließ sich dadurch gut auch durch enge Rinnen im Eis manövrieren. Sein geringer Tiefgang von lediglich fünf Metern erlaubte es, tief in die flachen Buchten des befahrenen Gebiets einzudringen. Die für die vorgesehenen Schleppnetzzüge notwendige Dampfwinde war bereits vorhanden, es wurde allerdings eine 2500 m lange Stahldrahttrosse mit Hanfseele beschafft, um auch in der Tiefsee dredschen zu können. Zusätzlich wurde auf der Reling eine Handwinde angeschraubt, die bei Planktonfängen in geringer Tiefe zum Einsatz kam. Für Tiefenlotungen stattete man das Schiff mit einer Lotmaschine nach Sigsbee aus. Der im vorderen Teil des Dampfers gelegene Raum, der bisher zur Aufbewahrung der gefangenen Fische gedient hatte, wurde in ein Laboratorium umgewandelt. Die letzte arktische Ausrüstung bekam die Helgoland erst im norwegischen Tromsø: Es wurden zwei Fangboote an Bord gebracht und an der Spitze des Vormastes ein Krähennest als Ausguck befestigt.
Die wichtigste Ausrüstung für den Fang der Meerestiere waren die verschiedenen Netze. Für die Untersuchung der Bodenfauna waren ein größeres viereckiges Trawl, mehrere dreieckige Dredschen von 75 cm Seitenlänge sowie verschiedene kleinere Handdredschen im Gebrauch. Fischfang wurde mit einer kleinen Kurre, einem Heringsnetz, einem Buttnetz, mehreren Handnetzen, Reusen und Angelgerät betrieben. Für die Planktonforschung waren Gazenetze verschiedener Form und Größe an Bord.
Verlauf der Expedition mini|Walstation Rolvsøya: Untersuchung eines Finnwals mini|Rossøya (links) und Vesle Tavleøya (Mitte), die nördlichsten Inseln Spitzbergens mini|Auf der Insel Storøya Die Helgoland verließ Geestemünde Ende Mai 1898. Nach einem Zwischenstopp in Bergen kamen in Tromsø die letzten Besatzungsmitglieder an Bord. Vor dem Erreichen der hohen See ließ Lerner an der Walstation auf der Insel Rolvsøya Halt machen. Hier hatten die Zoologen die Möglichkeit, die Anatomie eines 22 Meter langen weiblichen Finnwals zu studieren.
Vom 12. bis 15. Juni lag die Helgoland vor der Südküste der Bäreninsel vor Anker. Während die Jäger den Miseryfjellet bestiegen, untersuchten die Biologen fünf der Süßwasserteiche, die auf der Bäreninsel in großer Zahl zu finden sind. Lerner steckte unterdessen mit Kapitän Rüdiger einen 60 Hektar großen Claim ab, um seinen Anspruch, hier in der Zukunft Kohle zu fördern, formell geltend zu machen. In einem Schreiben an den deutschen Reichskanzler bat er, ihm gegebenenfalls den Schutz des Deutschen Kaiserreiches angedeihen zu lassen.Theodor Lerner: Polarfahrer. Im Banne der Arktis. Oesch Verlag, Zürich 2005, S. 34 f. Damit durchkreuzte Lerner ohne sein Wissen einen Geheimplan der deutschen Reichsregierung, der ebenfalls auf eine Inbesitznahme der Bäreninsel hinauslief.Klaus Barthelmess: Bäreninsel 1998 und 1899: Wie Theodor Lerner eine Geheimmission des Deutschen Seefischerei-Vereins zur Schaffung einer deutschen Arktis-Kolonie unwissentlich durchkreuzte. In: Polarforschung. Band 78, 2009, S. 67–71. Einen Tag nach der Helgoland traf auch eine schwedische Expedition unter Leitung des Geologen Alfred Gabriel Nathorst auf der Bäreninsel ein.