Las Meninas („Die Hoffräulein“) ist ein Gemälde des spanischen Malers Diego Velázquez. Das 3,18 Meter × 2,76 Meter große Gemälde entstand im Jahr 1656 und befindet sich heute im Museo del Prado in Madrid.

Las Meninas zeigt einen großen Raum des Alcázar von Madrid, der Hauptresidenz von König Philipp IV. von Spanien. Zu sehen sind mehrere Personen des spanischen Hofes. Im Mittelpunkt befindet sich die fünfjährige Königstochter Margarita, umgeben von Personen ihres Hofstaats.

Las Meninas wurde zu einem bekannten Gemälde, interpretiert als Ausdruck einer Reflexion über die Malerei. Der Barockmaler Luca Giordano behauptete von dem Gemälde, dass es die „Theologie des Malens“ darstelle. Der Maler Thomas Lawrence nannte es im 19. Jahrhundert ein Werk über die „Philosophie der Kunst“. Es wurde von der Kunstgeschichte als eins der Hauptwerke Diego Velázquez' eingeordnet.

Hintergrund: Diego Velázquez am spanischen Hof mini|Infantin Margarita in Trauerkleidung nach dem Tod ihres Vaters, gemalt von Juan del Mazo, 1666. Im Hintergrund des Gemäldes findet sich ihr jüngerer Bruder Karl II. Wesentlich für die Analyse des Bildes ist sowohl, welche Rolle Malerei im Spanien des 17. Jahrhunderts einnahm, als auch die Frage, welche Rolle Diego Velázquez am spanischen Hof innehatte.

Im Spanien des 17. Jahrhunderts galt die Malerei als Handwerk und weniger als Kunst wie etwa Poesie oder Musik.Sira Dambe: “Enslaved sovereign”: Aesthetics of power in Foucault, Velazquez and Ovid. In: Journal of Literary Studies. Band 22, Nr. 3/4, 2006, S. 229–256, doi:10.1080/02564710608530402. Den Beruf des Malers auszuüben galt als so unedle Tätigkeit, dass vor der Aufnahme von Velázquez in den Orden der Santiago-Ritter hundert Zeugen bestätigen mussten, dass Velázquez nie um des Geldes willen gemalt habe, sondern lediglich um König Philipp IV. eine Freude zu bereiten.Hagen: Meisterwerke im Detail. Band 2. 2005, S. 421. Der aus Sevilla stammende Diego Velázquez hatte am spanischen Königshof zunächst als Hofmaler gedient und übernahm zusätzlich mehrere kleine Hofämter, die ihm ausreichend Zeit zum Malen ließen. Zwischen 1640 und 1650 hatte er unter anderem die Funktion eines Kurators für den königlichen Hof inne. In dieser Rolle war er dafür verantwortlich, Gemälde zu erwerben, sie zu verwalten und die einzelnen königlichen Residenzen mit ihnen auszustatten. Eine große Anzahl der heute im Prado befindlichen Gemälde – darunter solche von Tizian, Raffael und Rubens – wurden in der Zeit erworben, in der Diego Velázquez Kurator war.Svetlana Alpers: The Vexations of Art. Velázquez and Others. Yale University Press, New Haven CT u. a. 2005, ISBN 0-300-10825-7, S. 183.

Im Februar 1651 wurde Velázquez zum Palast-Marschall (aposentador mayor del palacio) ernannt. Dieses Amt brachte ihm Ansehen und ein verhältnismäßig hohes Gehalt. Die umfangreichen Aufgaben, zu denen, neben der Beschaffung von Holz und Kohle für die königliche Hofhaltung und der Beaufsichtigung des Reinigungspersonals, auch die Funktion eines Quartiermeisters bei den Reisen des Hofes gehörte, beanspruchten ihn zeitlich dagegen sehr viel mehr. In den letzten acht Jahren seines Lebens entstanden nur noch wenige Gemälde. Meist handelt es sich dabei um Porträts der königlichen Familie.Dawson W. Carr: Painting and Reality: The Art and Life of Velázquez. In: Dawson W. Carr, Xavier Bray, John H. Elliot, Larry Keith, Javier Portús (Hrsg.): Velázquez. National Gallery, London 2006, ISBN 1-85709-303-8, S. 26–55, hier S. 46. Philipp IV. ließ bereits zu Beginn der 1650er Jahre Diego Velázquez den Pieza Principal („Hauptraum“) der Wohnräume des verstorbenen Prinzen Baltasar Carlos zuweisen, der dem Maler fortan als Atelier diente. Es ist dieser Raum, den Las Meninas zeigt. Zwischen Philipp IV. und Velázquez bestand, trotz der strengen Hofetikette, ein enges Band. Für Philipp IV. stand im ehemaligen Pieza Principal ein Stuhl bereit, und der spanische König fand sich häufig im Atelier ein, um Velázquez bei der Arbeit zu beobachten.John Canaday: Baroque Painters (= The Norton Library. Lives of the Painters. 2). W. W. Norton, New York NY 1972, ISBN 0-393-00665-4, und Kahr: Velázquez and Las Meninas. In: The Art Bulletin. Band 57, Nr. 2, 1975, S. 225–246. Der Besuch des spanischen Königspaares, den Diego Velázquez andeutet, ist vor diesem Hintergrund nichts Ungewöhnliches.

Das Gemälde mini|Die dargestellten Personen. 1: Infanta Margarita; 2: Isabel de Velasco; 3: María Agustina Sarmiento de Sotomayor; 4: Mari Bárbola; 5: Nicolas Pertusato; 6: Marcela de Ulloa; 7: Wächter; 8: José Nieto Velázquez; 9: Diego Velázquez; 10 und 11: das spanische Königspaar mini|Die Treppe im Hintergrund mit Hofmarschall José Nieto Velázquez, Detail des Gemäldes mini|Diego Velázquez, Detail

Die erste ausführliche Beschreibung von Las Meninas, die die Wahrnehmung und Rezeptionsgeschichte des Werkes bis heute mitbestimmt, stammt aus dem Jahr 1724 und geht auf den spanischen Maler und Kunsttheoretiker Antonio Palomino zurück.Palomino: Worin das berühmte Werk von Don Diego Velázquez beschrieben wird. In: Greub (Hrsg.): Las Meninas im Spiegel der Deutungen. 2001, S. 34–39. Ihm verdankt sie auch die Identifikation aller auf dem Bild dargestellten Personen sowie genaues Datum und Ort der Bildvollendung: Die Szene zeigt nach den Angaben von Palomino einen Raum im alten Alcázar in Madrid und ist ein Porträt der noch jungen Infantin Margarita.

Der Raum ist Velázquez’ Atelier, das ihm auf Anweisung von Philipp IV. zugewiesen wurde.Svetlana Alpers: The Vexations of Art. Velázquez and Others. Yale University Press, New Haven CT u. a. 2005, ISBN 0-300-10825-7, S. 185. Im Mittelpunkt steht hell beleuchtet die fünfjährige Infanta, die jüngste Tochter König Philipps IV. von Spanien und seiner Gemahlin Maria Anna. Die erste Ehefrau von Philipp IV., Isabella von Bourbon, war bereits 1644 verstorben. Baltasar Carlos, der einzige Sohn aus dieser Verbindung, lebte nur bis 1646. Dem spanischen Hof fehlte es damit an einem Thronerben. Philipp IV. heiratete deshalb 1649 seine Nichte Maria Anna von Österreich, die ursprünglich mit dem verstorbenen Thronerben verlobt war. Die 1651 geborene Infantin Margarita war das erste und zum Zeitpunkt der Entstehung des Gemäldes das einzige Kind dieser siebenjährigen Ehe. Königin Maria Anna war danach wiederholt schwanger geworden, hatte jedoch bis 1656 nur Totgeburten zur Welt gebracht. Die Infanta Margarita repräsentierte für das Königspaar die Hoffnung, dass noch ein gesunder Thronfolger folgen werde. Auf dem Gemälde hat die reich gekleidete Infantin Margarita ihren Blick dem Betrachter zugewendet, während sie gleichzeitig nach einem bucaro greift, den ihr die kniende Hofdame María Agustina Sarmiento de Sotomayor auf einem Tablett reicht.Jon Manchip White: Diego Velázquez. Painter and Courtier. Hamish Hamilton, London 1969, S. 143. Die zweite Hofdame, Isabel de Velasco, steht rechts von der Infantin und ist in einer leicht knicksenden Haltung dargestellt. Dargestellt ist damit auch ein Teil des umständlich-formalistischen Hofzeremoniells. Nur wenige Personen haben das Vorrecht, den Angehörigen der königlichen Familie etwas zu reichen, und wenn sie dies tun, hat eines ihrer Knie den Boden zu berühren.Hagen: Meisterwerke im Detail. Band 2. 2005, S. 419.

Im Vordergrund befinden sich ein liegender spanischer Mastiff sowie zwei kleinwüchsige Personen, so genannte Hofzwerge: die aus Oberösterreich stammende Maria Bárbola und der Italiener Nicolasito Pertusato, der spielerisch versucht, mit seinem Fuß den schlafenden Hund aufzuwecken. Im halbschattigen Hintergrund steht die Ehrendame Marcela de Ulloa, die in Trauerkleidung abgebildet ist und mit einem nicht identifizierten Wächter (guardadamas) spricht.

Auf den Stufen einer Treppe schaut der mit einem Mantel bekleidete und den Hut in der Linken haltende Hofmarschall José Nieto Velázquez durch eine geöffnete Tür in den Raum. Die meisten Forschungsquellen betrachten José Nieto Velázquez heute als königlichen Beistand. Er hatte, der höfischen Etikette entsprechend, der königlichen Majestät zur Verfügung zu stehen – auch um etwa Türen zu öffnen.Brown: Über die Bedeutung von Las Meninas. In: Greub (Hrsg.): Las Meninas im Spiegel der Deutungen. 2001, S. 150–169, hier S. 153. Aus seiner Haltung – das rechte Knie gebeugt, die Füße auf zwei verschiedenen Stufen – lässt sich nicht schließen, ob er den Raum gerade verlässt oder ob er ihn betreten wird.Harriet Stone: The Classical Model. Literature and Knowledge in Seventeenth Century France. Cornell University Press, Ithaca NY u. a. 1996, ISBN 0-8014-3212-X, S. 35. José Nieto Velázquez scheint einen Vorhang beiseitezuschieben, der sich vor der kurzen, hell erleuchteten Treppe befindet. Sowohl dieser kleine, helle Bildausschnitt als auch die aus dem Raum führende Treppe geben dem Gemälde Tiefe.Analisa Leppanen: Into the house of mirrors. The carnivalesque in Las Meninas. In: Aurora. Band 1, 2000, , S. 60–77. Der perspektivische Fluchtpunkt befindet sich gleichfalls hier, was diesen Eindruck verstärkt.

José Nieto Velázquez’ Erscheinen gilt als Indiz dafür, dass das spanische Königspaar tatsächlich präsent ist. Links neben dem Hofmarschall identifizierte Palomino einen Spiegel, in dem sich das Königspaar reflektiert. Es zeigt nur die Oberkörper des königlichen Paares. Offen bleibt, was die Quelle der Reflexion ist: das Gemälde, an dem Velázquez gerade arbeitet, oder das anwesende Königspaar.

Schließlich, im linken Bildmittelgrund, hat sich Diego Velázquez selbst dargestellt. Er blickt an der Leinwand vorbei in Richtung des Betrachters.Dawson W. Carr: Painting and Reality: The Art and Life of Velázquez. In: Dawson W. Carr, Xavier Bray, John H. Elliot, Larry Keith, Javier Portús (Hrsg.): Velázquez. National Gallery, London 2006, ISBN 1-85709-303-8, S. 26–55, hier S. 47. An seinem Gürtel hängen die symbolischen Schlüssel seiner Hofämter.Hugh Honour, John Fleming: A World History of Art. Macmillan, London u. a. 1982, ISBN 0-333-23583-5, S. 449. Auf seinem Wams trägt er das Kreuz des Santiago-Ordens. Erst 1659, drei Jahre nach der Fertigstellung von Las Meninas, wurde Diego Velázquez in diesen Aristokraten-Orden aufgenommen. Er benötigte dazu eine Ausnahmegenehmigung, da er seine adelige Ahnenreihe nicht vollständig belegen konnte, und Zeugen, die bestätigten, dass er die Malerei nicht als Handwerk ausgeübt habe.Hagen: Meisterwerke im Detail. Band 2. 2005, S. 421. Nach den Angaben von Palomino ordnete Philipp IV. nach dem Tod von Velázquez an, dass das Kreuz dieses Ordens auf das Wams gemalt werde, und Palomino wies sogar darauf hin, dass nach Ansicht einiger Philipp IV. mit eigener Hand das Kreuz hinzugefügt habe.Antonio Palomino, 1724. Zitiert in Kahr: Velázquez and Las Meninas. In: The Art Bulletin. Band 57, Nr. 2, 1975, S. 225–246.

Palominos Angaben zum Bildpersonal sind innerhalb der Kunstwissenschaft unstrittig. Er trifft auch erste Aussagen zu den im Hintergrund hängenden Gemälden. Heute ist Konsens, dass es sich um Gemälde von Juan Bautista Martínez del Mazo nach Peter Paul Rubens und Jacob Jordaens handelt.

Zu Palominos Beschreibung traten in der Folge weitere Beobachtungen. Besonders auffällig erscheint die Anordnung der Figuren, deren Köpfe und Hände geschwungene Wellenbewegungen vollziehen,Greub: Spiegelungen von Las Meninas. Einleitung. In: Greub (Hrsg.): Las Meninas im Spiegel der Deutungen. 2001, S. 7–34, hier S. 15. während der Raum selbst durch horizontale und vertikale Linienführung stabilisiert wird. Jede Figur der Hoffamilie verfüge über die ihr angemessene Gebärde, die sich in einer Rangskala von Gesten einordne und zu einem Regelsystem führe, das der Maxime gehorche, dass eine Person sich umso weniger bewege, je höher ihr sozialer Stand sei.Greub: Spiegelungen von Las Meninas. Einleitung. In: Greub (Hrsg.): Las Meninas im Spiegel der Deutungen. 2001, S. 7–34, hier S. 21.