Als Lesben- und Schwulenbewegung bezeichnet man die Emanzipationsbewegung homosexueller Männer und Frauen seit dem Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre. Anhand der Bezeichnung wird sie historisch abgegrenzt von der Ersten Homosexuellenbewegung vom Ende des 19. Jahrhunderts bis Ende der 1930er Jahre und der Homophilenbewegung, die über die 1940er Jahre hinweg bis zum Anfang der 1970er Jahre reichte.Ulrike Repnik: Die Geschichte der Lesben- und Schwulenbewegung in Österreich (Feministische Theorie, Band 48). Milena Verlag, Wien 2006, ISBN 3-85286-136-5.
Der Schwulen- und Lesbenwegung gelang es vor allem in Nordamerika sowie in weiten Teilen Europas seit ihrer Entstehung eigenständige Subkulturen und Organisationsstrukturen aufzubauen und sukzessive juristische, politische und gesellschaftliche Forderungen durchzusetzen. In Deutschland wurde 1994 die ersatzlose Streichung des § 175 StGB durchgeführt, der zuvor sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe stellte.
Die moderne deutsche Lesben- und Schwulenbewegung hat seit ihrer Entstehung maßgeblich das gesellschaftliche Klima von sozialer Ächtung hin zu wesentlich mehr Gleichberechtigung und Achtung von Schwulen und Lesben verändern können. Durch die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen fiel in den 1990er Jahren der Paragraph 175 und konnte 2001 die Eingetragene Lebenspartnerschaft beschlossen werden, die schließlich 2017 in der gleichgeschlechtlichen Ehe mündete.
Außerhalb der westlichen Welt war die Lesben- und Schwulenbewegung häufig die erste Emanzipationsbewegung gleichgeschlechtlich liebender Menschen. Je nach kulturellem Hintergrund sind ihre Bestrebungen unterschiedlich erfolgreich. Während sich in manchen Regionen der Welt (wie in Teilen Ost- und Südostasiens oder Süd- und Mittelamerikas) die Situation für Schwule und Lesben sukzessive verbessert, ist in anderen Regionen wie in Teilen des subsaharischen Afrikas, islamischer Staaten und des postsowjetischen Raums eher eine Verschlechterung zu beobachten. Dabei ist die Ausgangslage häufig komplex, da manche Nationen, die – häufig aus kolonialem Erbe – Gesetze gegen Homosexualität hatten oder noch haben, Homosexualität nicht aktiv verfolgen und in ihnen gesellschaftlich ein permissives Klima vorherrscht. Im Gegenzug gibt es Länder, in denen Homosexualität zwar juristisch nicht verfolgt wird, Lesben und Schwule aber gesellschaftlich geächtet sind. Schutz davor, z. B. in Form von Antidiskriminierungsgesetzen, ist nicht immer gewährleistet, ebenso besteht eine Gleichstellung in Bezug auf die Ehe noch relativ selten. Eine Übersicht über die weltweite Situation findet sich in der Liste von Ländern nach LGBT-Toleranz und -Rechten.
Vorgeschichte – Die Homophilenbewegung
Als Homophilenbewegung bezeichnet man die Emanzipationsbewegung homosexueller Männer und teilweise Frauen von den 1940er bis Ende der 1960er Jahre. Ideell speiste die Homophilenbewegung sich aus der ersten Homosexuellenbewegung, konnte deren Erbe aber aufgrund der auch sozial und intellektuell zerstörerischen Homosexuellenpolitik der Nationalsozialisten nur in stark fragmentarisierter Form wahrnehmen. Tradiert und transformiert wurde dieses Erbe vor allem in der Schweiz, von dort befördert entstand in den Niederlanden (ab 1946), Skandinavien (ab 1948) sowie in den USA die organisierte Homophilenbewegung. Essentiell für homophile Positionen war ein eher defensiver Ansatz, der die Mehrheitsgesellschaft von der „Ungefährlichkeit“ Homosexueller überzeugen wollte.
In Deutschland spürte man noch stark die Nachwirkungen der nationalsozialistischen Ideologie, viele Protagonisten waren umgekommen oder wurden vertrieben, wenige kamen zurück, und die wenigen Aktivisten zerstritten sich auch teilweise. Der deutsche Straftatbestand in § 175 StGB blieb auch in der nationalsozialistischen Fassung bestehen, und mit der damit einhergehenden Zensur wurde jede Aufklärung über das Thema erschwert. Es wurden Zeitschriften zensiert und verboten, und der Versuch, homosexuelle Organisationen zu gründen, führte zu Verhaftungen.Carsten Balzer: Gender-Outwlaw-Triptychon. (PDF; 2,8 MB) – Eine ethnologische Studie zu Selbstbildern und Formen der Selbstorganisation in den Transgender-Subkulturen Rio de Janeiros, New Yorks und Berlins. Dissertation am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der Freien Universität Berlin, Oktober 2007. Es kam nur zu vereinzelten Vorstößen gegen den nur für Männer geltenden Straftatbestand § 175 StGB. Sonst gab es nur wenige kleine Privatzirkel. Der Begriff homosexuell wurde von vielen vor allem wegen des Wortteils „-sexuell“ abgelehnt, und neben den Versuchen, neue Begriffe zu finden, bezeichnete man sich meist als homophil. Mit Wirkung vom 1. September 1969 wurde das Strafrecht reformiert und homosexuelle Handlungen über 21 Jahren und unter 18 Jahren straffrei.
Stonewall und die Entstehung der globalen Schwulen- und Lesbenbewegung Mit dem Stonewall-Aufstand vom 27. bis zum 29. Juni 1969 begann in den USA ein neues Zeitalter. Die Homosexuellen wurden wieder selbstbewusster und wollten selbstbestimmend werden. Treibende Kraft waren anfangs vor allem politisch Linke und Studenten, die 68er-Bewegung zeigte ihren Einfluss. Innerhalb kurzer Zeit entstanden viele neue Initiativen, von etwa 50 Organisationen schnellte die Zahl auf etwa 2500 zwei Jahre später;David Carter: Stonewall: The Riots that Sparked the Gay Revolution. St. Martin’s Press, 2004, ISBN 0-312-34269-1, S. 251. sie brachen mit der Angepasstheit der Homophilenbewegung. Manche Aktivisten wechselten, andere hörten auf. 1970 gab es die erste kleine Demonstration in London und 1971 wurde in Paris beim Ersten Mai mitmarschiert. Sukzessive wurde die Lesben- und Schwulenbewegung in den kommenden Jahrzehnten weltweit aktiv.
1970er Jahre
Vereinigte Staaten
Gay Liberation Front und Gay Activists Alliance In New York bildete sich unmittelbar nach dem Stonewall-Aufstand im Juni 1969 die Gay Liberation Front (GLF). Die Namenswahl war eine Anspielung auf die südvietnamesische Befreiungsfront Vietkong. Als erste Organisation, die bereit war, in offener Konfrontation für die Befreiung von Schwulen und Lesben einzutreten, markierte die GLF, wie auch der ihr vorausgegangene Stonewall-Aufstand, eine völlig neue Qualität. Mit der Sichtbarmachung von Lesben und Schwulen legte sie eine Grundlage für alle späteren Liberalisierungen, obwohl ihre Ziele über die Integration einer Minderheit hinausgingen.
Bereits sehr früh zeichnete sich eine Spaltung an der Frage ab, ob die GLF andere militante linke Organisationen wie z. B. die Black Panther Party unterstützen sollte. 1970 gründeten Jim Owles und Marty Robinson außerhalb der GLF eine neue Organisation: die Gay Activists Alliance (GAA). In einer Broschüre für Neulinge stellte sie sich so dar:
Nach dem Auszug der gemäßigten Aktivisten verstand sich die GLF offen als revolutionäre Organisation. In einem Interview mit Mitgliedern der GLF New York, das in der San Francisco Free Press veröffentlicht wurde, wurde auf die Frage, was die Gay Liberation Front sei, geantwortet:
Ein Jahr alt, umfasste die GLF neben den Vollversammlungen am Sonntagabend, die von ca. siebzig bis achtzig Personen besucht wurden, 19 Zellen oder Aktionsgruppen, zwölf Gruppen zur Bewusstseinsbildung, ein Treffen am Mittwochabend für Männer, ein Frauentreffen am Sonntagabend vor der Vollversammlung, drei Wohn-Kommunen und eine Radical Study Group. Darüber hinaus gab es die GLF-Zeitung Come Out! und die Zeitschrift der GLF-Kommune in der 17. Straße, Gay Flames. Aus den Erfahrungen der US-GLF wurden in einigen anderen Ländern Ableger gegründet, unter anderem die englische Gay Liberation Front, die – von Aubrey Walter und Bob Mellors ins Leben gerufen – vor allem in London, später im ganzen Land ihre Aktivitäten entfaltete.
Entstehung des lesbischen Feminismus Die Gründung des lesbischen Feminismus ging auf den zweiten Jahreskongress zur Vereinigung der Frauen am 1. Mai 1970 zurück, wo unter Veranstaltung eines Happenings das Manifest der Frauenidentifizierten Frau verteilt wurde. Darin hieß es:
Die lesbischen Frauen, die das Abschlussplenum mit einer Reihe von Resolutionen konfrontierten, gaben sich im Anschluss an den Kongress den Namen „Radicalesbians“. Die Separierung von der Schwulenbewegung rief bei den GLF-Frauen zunächst heftige Kritik hervor. Doch die Unsichtbarkeit von Lesben in der GLF, am Ende der Vorwurf des Sexismus, der Ignoranz gegenüber den Problemen von Frauen führten schließlich zu ihrem Auszug. 1970 gründeten sie in San Francisco die Gay Women’s Liberation. Und 1973 ging aus der Gay Activists Alliance, der bürgerlichen Abspaltung der GLF, die Lesbian Feminist Liberation hervor.
Die lesbisch-feministische Bewegung verabschiedete sich vom Begriff gay und legte sich die Bezeichnungen lesbian und dyke zu.
1971 gründeten sich die Furien, mit Basis in Washington, D. C., die das Programm des lesbischen Separatismus weiterentwickelten und auf die Organisation des privaten Lebens übertrugen. „Heterosexuelle Frauen werden durch Männer verwirrt, setzen Frauen nicht an erste Stelle“, schrieb Rita Mae Brown, eine der Gründerinnen. „Sie verraten Lesben und zuletzt verraten sie auch sich selbst.“ In der ersten Nummer ihrer gleichnamigen Zeitschrift hieß es schließlich:
Deutschsprachiger Raum Bundesrepublik Deutschland Die Schwulenbewegung der 1970er Jahre orientierte sich international sehr stark an anderen Neuen Sozialen Bewegungen, insbesondere an der Neuen Linken. Die Lesbenbewegung verschmolz zu einem großen Teil mit der Frauenbewegung und prägte dort das Paradigma des Lesbischen Feminismus.
1969 entstand in West-Berlin der „Schutzverband Deutscher Homophiler“, Anfang 1970 folgte in Wiesbaden die Gründung der „Interessenvereinigung Deutscher Homophiler“.
In Deutschland und der Schweiz war Stonewall noch wenigen bekannt. In Deutschland gilt die Uraufführung des Films Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt (1971) von Rosa von Praunheim als Auslöser der modernen Lesben- und Schwulenbewegung, die sich von der aus ihrer Sicht auf gesellschaftliche Anpassung und Unterordnung setzenden Homophilenbewegung abgrenzte und für mehr Freiheit, Gleichberechtigung und Sichtbarkeit plädierte. Mit seinem Film leitete Rosa von Praunheim die moderne Lesben- und Schwulenbewegung ein, die sich ab den 2010er Jahren unter Begriffen wie LSBTI- und Queer-Bewegung weiterentwickelte. Von Praunheims Anspruch, Homosexuelle im Sinne einer Emanzipationsbewegung zu politisieren, machte sich bereits 1969 in seinem Film Schwestern der Revolution bemerkbar. Die Cargo-Filmzeitschrift schrieb in einer Rückschau, der Film würde eine Gender- und Queerness-Theorie entwickeln, ohne von den damals gerade erst einsetzenden Elaborierungen dieser Konzepte schon viel wissen zu können. Auch andere Kurzfilme von Rosa von Praunheim beschäftigen sich mit dem Thema einer homosexuellen Revolution, bevor 1971 Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt erschien.