mini|hochkant|Mashak mit kurzer Anblasröhre sowie Bordunrohr mit drei Fingerlöchern und Melodierohr mit fünf Fingerlöchern parallel, 19. Jahrhundert in Burma. Mashak, auch mašak, maśak, mashaq, mashq (Hindi, von persisch, „Ledersack“), ist eine in der nordindischen Volksmusik gespielte Sackpfeife mit Einfachrohrblättern im Melodie- und Bordunrohr. Ein Vorläufer der mashak mit einer Spielpfeife ohne Bordun hieß auf Sanskrit nagabaddha. Hauptsächlich von Straßensängern zur Liedbegleitung werden in Südindien die Sackpfeifen mit nur einer Bordunpfeife, sruti upanga und titti, verwendet. Die selten gewordenen indischen Sackpfeifen wurden in vielen Regionen durch die schottische Great Highland bagpipe ersetzt. Diese ist in der Himalayaregion Garhwal als mashak bin bekannt.
Herkunft Sackpfeifen kommen von den Britischen Inseln (Great Highland bagpipe), der spanischen Atlantikküste (galicische Gaita) und Tunesien (mezwed) im Westen über Mittel- und Osteuropa (duda) bis in den Kaukasus (gudastviri in Georgien) und bis Indien im Osten vor.Anthony Baines: Lexikon der Musikinstrumente. J. B. Metzler, Stuttgart 2005, S. 278, Stichwort: Sackpfeife (Dudelsack) Ihr geographischer Ursprung ist unbekannt, er wird im westlichen Asien, also im arabisch-persisch-indischen Kulturraum vermutet. Der traditionell aus einem Tierbalg angefertigte Luftsack wurde vermutlich anfangs nicht zum Musizieren, sondern als Blasebalg der Schmiede gebraucht. Im altägyptischen Theben wurde Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. mit Hilfe von Blasebälgen ein Schmiedefeuer erzeugt, um Eisen zu schmelzen.Emanuel Winternitz: Bagpipes and Hurdy-Gurdies in their Social Setting. The Metropolitan Museum of Art Bulletin, 1943, S. 71 Im hebräischen Buch Daniel kommt das aus dem griechischen sýmphōnia (συμϕωνία, „zusammenklingend“) entlehnte Wort śûmponyâ vor, welches mutmaßlich den harmonischen Zusammenklang zweier Spielröhren meint und entsprechend (von Derenbourg/Jastrow, 1887, und anderen) als Namen der Sackpfeife interpretiert wurde.Hartwig Derenbourg, Morris Jastrow: The Greek Words in the Book of Daniel. In: Hebraica, Band 4, Nr. 1, Oktober 1887, S. 7–13, hier S. 10 Auch wenn śûmponyâ unstrittig als ein Musikinstrument oder Blasinstrument gelesen wird, so gilt die ursprüngliche Bedeutung „Sackpfeife“ weder für das griechische Wort noch für das abgeleitete italienische zampogna als gesichert.George F. Moore: Συμφωνία Not a Bagpipe. In: Journal of Biblical Literature, Band 24, Nr. 2, 1905, S. 166–175 Ebenso fragwürdig sind die Deutung eines um 1000 v. Chr. datierten hethitischen Reliefs aus Alaca Höyük und der akkadische Name takaltu der Assyrer im 7. Jahrhundert v. Chr. als Sackpfeife. Takaltu bezog sich vermutlich auf etwas aus Holz oder Leder, also auf einen Kasten oder einen Sack.Francis W. Galpin: The Music of the Sumerians and their Immediate Successors, the Babylonians and Assyrians. Cambridge University Press, Cambridge 1937, S. 16 Zuverlässig erwähnt erst der griechische Redner Dion Chrysostomos im 1. Jahrhundert n. Chr. eine Pfeife (aulein), die mit dem Mund oder mit Luft aus einem unter der Armbeuge gedrückten Sack geblasen wurde. Als ascaules (askaulos, von askos, „Tierhaut“ und aulos, „Röhre“, „Blasinstrument“) bezeichnete er die „Sackpfeifer“.Anthony Baines, 2005, S. 281 Bis zu einem „Brief an Dardanus“ eines Pseudo-Hieronymus genannten, unbekannten Verfassers im 9. Jahrhundert gibt es keine weiteren Hinweise auf europäische Sackpfeifen; zu den ersten arabischen Quellen im 11. Jahrhundert, die den mizmar al-dschirab („Rohrblattinstrument mit Sack“) erwähnen, gehört Avicenna. Über eine Verbindung zwischen den antiken und mittelalterlichen Sackpfeifen ist nichts bekannt.Sibyl Marcuse: A Survey of Musical Instruments. Harper & Row Publishers, New York 1975, S. 674
Auf einen wahrscheinlich westasiatischen Ursprung der Sackpfeife verweist die in jener Region bis heute übliche Blastechnik, die Rohrblätter gänzlich in den Mundraum zu nehmen und mit Zirkularatmung kontinuierlich Töne zu produzieren. Der Luftsack kann als technische Erleichterung für die ununterbrochene Spielweise eingeführt worden sein.Sibyl Marcuse: Musical Instruments: A Comprehensive Dictionary. Country Life Limited, London 1964, S. 30, Stichwort Bagpipe Im gesamten Verbreitungsgebiet der Sackpfeife, von Westeuropa bis Indien, gibt es auch Hornpipes in unterschiedlichen Variationen. Diese einfachen Hirteninstrumente, bestehend aus ein bis zwei Spielröhren mit Schallbechern, kommen als mögliche Vorläufer der Sackpfeifen in Betracht und dürften folglich entsprechend alt sein.
Rohrblattinstrumente sind in Mesopotamien seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. in Gestalt zweier Blasinstrumente bekannt, die wie beim altgriechischen aulos vom Spieler in einem spitzen Winkel gehalten und gleichzeitig geblasen werden. In Südasien sind entsprechende gedoppelte Blasinstrumente als Reliefabbildungen aus der Zeit des Indo-Griechischen Königreichs (2./1. Jahrhundert v. Chr.) in der buddhistischen Kunst von Gandhara überliefert. Ähnliche Abbildungen blieben am Stupa I von Sanchi (1. Jahrhundert v. Chr.) und im kuschanazeitlichen Mathura (2. Jahrhundert n. Chr.) erhalten. Heute kommen gedoppelte Blasinstrumente in Südasien nur gelegentlich in manchen Regionen in der Volksmusik vor. Hierzu gehören die Doppelflöte doneli im Süden Pakistans und die seltene, paarweise gespielte Messingtrompete tirucinnam in Südindien. In altindischer Zeit waren Doppelblasinstrumente ebenfalls selten. Wenn sie auf Steinreliefs zu sehen sind, zeigen sie Musiker, die zu einer Gruppe fremder Menschen gehören, die von weither angereist waren.Walter Kaufmann: Altindien. Musikgeschichte in Bildern, Band 2. Musik des Altertums, Lieferung 8. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 62 Der aulos wurde vermutlich wie seine heutigen arabischen Nachfahren im Orient (mizmar, zummara, midschwiz) mit Zirkularatmung gespielt, wobei der Musiker mit seinem Mundraum eine Art Windkammer bildet. Für Indien ergibt sich hieraus eine fast zwangsläufige Entwicklung zu Blasinstrumenten mit einer starren Windkammer aus einem Bambusrohr, Tierhorn oder am geeignetsten aus einer Kalebasse. Das Rohrblatt bei den (relativ wenigen) indischen Einfachrohrblattinstrumenten wird nicht mit den Lippen gefasst, stattdessen besitzen diese Blasinstrumente in Indien starre Windkammern, die eine kontinuierliche Spielweise ermöglichen und die Rohrblätter umschließen.Curt Sachs: Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens (zugleich eine Einführung in die Instrumentenkunde). Georg Reimer, Berlin 1915, S. 157 Eine parallele Erscheinung war die Verbreitung der Windkapselinstrumente mit Doppelrohrblatt in der europäischen Renaissance- und Barockmusik des 16. und 17. Jahrhunderts.Georg Kinsky: Doppelrohrblatt-Instrumente mit Windkapsel. Ein Beitrag zur Geschichte der Blasinstrumente im 16. u. 17. Jahrhundert. In: Archiv für Musikwissenschaft, 7. Jahrgang, Heft 2, Juni 1925, S. 253–296, hier S. 255 Eine Ausnahme ist die pepa im nordostindischen Bundesstaat Assam, die aus zwei Bambusröhren mit Einfachrohrblatt besteht, welche der Spieler mit dem Mund anbläst. Am unteren Ende geht jede Röhre der pepa in ein Büffelhorn oder einen metallenen Schallbecher über.Bigamudre Chaitaniya Deva: Musical Instruments. National Book Trust, Neu-Delhi 1977, S. 65
mini|Pungi Das bekannteste indische Blasinstrument mit einer Kalebassenwindkammer ist die pungi (von Hindi ponga, „hohl“), die eine Spielröhre und eine parallel befestigte Bordunröhre besitzt. Die Alternativnamen been (wie auch das Saiteninstrument vina genannt wird) und mahudi (zu mohori) reichen in altindische Zeit zurück. Bei der eng verwandten tarpu bläst der Spieler in das Ende einer länglichen Kalebasse, in deren anderem Ende zwei parallele Spielröhren mit Einfachrohrblättern stecken. Eine zweite, an den unteren Enden beider Röhren befestigte Kalebasse dient als Schallbecher. Der Schritt zur Sackpfeife, bei der die starre Windkapsel durch einen elastischen Sack ersetzt wird, macht die Tonerzeugung vom konstanten Blasdruck des Spielers unabhängig, sodass der Spieler Pausen zum Luftholen erhält. Diese Weiterentwicklung – die Erfindung der Sackpfeife – könnte laut Curt Sachs (1915) in Indien stattgefunden haben.Curt Sachs, 1915, S. 159 Da Dudelsäcke mit zwei Pfeifen außer in Indien traditionell auch weiter westlich im Orient bis nach Nordafrika vorkommen (etwa ney anban, auch nay mashak, in Iran) gibt Sachs (1930) das westliche Asien einschließlich Indien als wahrscheinliche Herkunftsregion der Sackpfeife an.Curt Sachs: Handbuch der Musikinstrumentenkunde. 2. Auflage, Leipzig 1930, Nachdruck: Georg Olms, Hildesheim 1967, S. 349f
Die indischen Sackpfeifen stellen die instrumentenkundlich nächsten Verwandten der genannten Windkapselinstrumente dar.Bigramude Chaitaniya Deva, 1978, S. 117 Ein anderer Versuch, um wie mit den starren Windkapseln die Lippen des Spielers von den Rohrblättern zu trennen, stellt der chorus (Mittellatein, von corium, „Fell“, „Haut“) des frühen europäischen Mittelalters dar. In einer Handschrift des Walahfrid Strabo aus dem 9. Jahrhundert bläst ein Musiker durch eine Röhre in einen runden Luftsack und bedient mit einer Hand eine einzelne Spielröhre mit vier Fingerlöchern. Die primitive Sackpfeife besaß keine Bordunröhre und der vor das Gesicht gehaltene Sack wurde der Abbildung zufolge nicht gepresst.William Henry Grattan Flood: The Story of the Bagpipe. The Walter Scott Publishing Co., London 1911, S. 11
Eine äußerlich ähnliche, aber nach der Klangerzeugung andere Instrumentengruppe bilden die Mundorgeln, bei denen mehrere Pfeifen mit einer durchschlagenden Zunge aus einer gemeinsamen Windkapsel mit Blasluft versorgt werden. Die meisten Vertreter dieser Gruppe sind in Ost- und Südostasien verbreitet (sheng, qeej und khaen). In Indien gehört hierzu die rasem im äußersten Nordosten.
Das persische Wort mashak („Ledersack“, „Wassersack“) lautete in sassanidischer Zeit mittelpersisch mustak. Im westiranischen Taq-e Bostan stellen sassanidische Felsreliefs die Investituren dreier Könige und andere Szenen dar. Das Relief der Hirschjagd zeigt mehrere Reihen von Figuren, die Musikinstrumente spielen. Zwei Musiker einer Vierergruppe blasen in ein unförmiges Instrument, das sie in Kopfhöhe halten. Der Musikhistoriker Carl Engel (1874) interpretierte dieses als Sackpfeife, möglicherweise aufgrund der ungenauen Umzeichnung.Carl Engel: A descriptive catalogue of the musical instruments in the South Kensington museum. Chapman & Hall, London 1874, S. 58 (online) Henry George Farmer (1938) kam dagegen zu dem Ergebnis, dass es sich wegen der Spielhaltung um eine der chinesischen sheng ähnliche Mundorgel handeln dürfte, die unter dem Namen muschtaq sīnī („chinesische muschtaq“) bekannt war.Henry George Farmer: The Instruments of Music on the Ṭāq-i Bustān Bas-Reliefs. In: Journal of the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland, Nr. 3, Juli 1938, S. 397–412, hier S. 404
Bauform mini|Südindische Bordun-Sackpfeife sruti upanga. Tafel XVI in Charles Russell Day: The music and musical instruments of southern India and the Deccan, 1891 Der Sack einer mashak besteht aus dem luftdicht verarbeiteten Leder eines ganzen Ziegenbalges. Er ist enthaart und schwarz glänzend. Die Herstellung von Ledersäcken hat in Indien eine lange Tradition, da sie primär für außermusikalische Zwecke gebraucht werden. Mit Luft gefüllte Ledersäcke dienten seit alter Zeit – abgesehen von Blasebälgen – als Auftriebskörper für Flöße, um Flüsse zu überqueren. Bis heute wird in ihnen Trinkwasser aufbewahrt oder sie werden verwendet, um den staubigen Boden mit Wasser zu besprenkeln.