mini|Miguel Chevalier (2012) Miguel Chevalier (geboren am 22. April 1959 in Mexiko-Stadt) ist ein franco-mexikanischer Künstler, der weltweit als Wegbereiter der digitalen und virtuellen Kunst angesehen wird.
Biographie Miguel Chevalier wurde am 22. April 1959 in Mexiko-Stadt geboren und verbrachte seine Jugend in Mexiko, wo sein Vater an einer Studie über die Geschichte Südamerikas arbeitete. Die lebendige kulturelle und künstlerische Umgebung der Zeit, mit der die Familie in Kontakt war, weckte bei Miguel Chevalier bereits früh ein lebhaftes Interesse an der Kunst. Zu den häufigen Gästen des Hauses in Tepoztlán zählten unter anderen der Muralist David Alfaro Siqueiros, der Regisseur Luis Buñuel und der Architekt Luis Barragàn, dessen Bauten mit ihren intensiven Farben einen dauerhaften Einfluss auf den Künstler ausübten.Miguel Chevalier, Entretiens avec Patrick Imbard, in , S. 1
Ausbildung 1978 siedelte Miguel Chevalier nach Paris über, wo er 1981 an der École Nationale Supérieure des Beaux-Arts sein Kunststudium abschloss. 1983 erhielt er die Licence in Kunst und Archäologie an der Sorbonne, das Diplom im Bereich Design an der École Nationale Supérieure des Arts Décoratifs von Paris und die Licence in Art Plastique an der Universität von Paris Saint-Charles. Seiner Ausbildung folgten mehrere Auslandsaufenthalte, unter denen diejenigen am Pratt Institute und an der School of Visual Arts in New York dank eines Lavoisier-Stipendiums des französischen Außenministeriums im Jahr 1983 sowie ein zweijähriger Aufenthalt an der Villa Kujoyama in Kyoto in Japan von 1993 bis 1994 von besonderer Bedeutung waren. In den Vereinigten Staaten lernte der französische Künstler die ersten Zeichenprogramme für Computer kennen.Miguel Chevalier, Entretiens avec Patrick Imbard, in , S. 2 Er wurde sich der bevorstehenden Informatikrevolution und deren Bedeutung für Malerei, Photographie und Video bewusst. Der Aufenthalt in Japan verstärkte seine Beziehung zur Natur, die er bereits in Lateinamerika als üppig und allgegenwärtig erlebt hatte und in den Zen-Gärten von Kyoto als ein Reich der Künstlichkeit wahrnahm, in dem alles bis ins Detail gestaltet wird.Miguel Chevalier, Entretiens avec Patrick Imbard, in , S. 5
Werk Das experimentelle und interdisziplinäre Werk von Miguel Chevalier beschäftigt sich mit den Fragen des hybriden, generativen und interaktiven Bildes. Seine Kunstwerke sind oft Indoor- bzw. Outdoor-Großformatprojektionen, die den Zuschauer einbeziehen, indem sie ihn ins Zentrum eines virtuellen und sich ständig weiterentwickelnden Universums eintauchen.Edmond Couchot, Une fête des yeux à la croisée des arts, des sciences et des techniques, in Miguel Chevalier, 2000/2008, Blou, Monografik, 2008 Seine zentralen Themen entwickelt der Künstler auf der Grundlage einer eingehenden Analyse der realen Welt sowie der Entwicklung der virtuellen Realität. Sie betreffen die Beziehung zwischen Natur und Künstlichkeit, die Betrachtung der Netzwerke, die der Organisation der menschlichen Gesellschaften zugrunde liegen, ebenso wie die Struktur virtueller Städte. Die Themen können auf zwei wichtige Motive zurückgeführt werden: auf den Raum – als Natur-, Stadtraum, virtuelles Universum und materielle Struktur – und auf das Wachstum, nicht nur als Lebenserscheinung der pflanzlichen Welt, sondern auch als Technik und Kultur, die Zeuginnen des Wachstums der Menschheit sind.Edouard Couchot, Une fête des yeux à la croisée des arts, des sciences et des techniques, in Miguel Chevalier 2000/2008, Blou, Monografik, S. 16–25, S. 23
Frühes Werk Barock und Klassik (1987) Die botanischen Gewächshäuser sind in dem kreativen Prozess von Miguel Chevalier besonders symbolträchtig. Sie waren nicht nur eines seiner ersten Forschungsthemen, sie bringen zudem die Beziehung zwischen zwei einander ergänzenden Aspekten der Geschichte der Formen deutlich zum Ausdruck: das Barock, das von Bäumen und deren Laub verkörpert wird, und die Klassik, für die die metallische Struktur und die Glasarchitektur stehen.Jérôme Sans, in Miguel Chevalier, Images nouvelles, éditions Granit, Belfort, 1987 Das Gewächshaus der Serie „Barock und Klassik“ ist gleichzeitig eine Anspielung auf die moderne Stadtlandschaft und die sich in ihr befindende Natur. Bei der Entwicklung seiner Installationen hat der Künstler den Eindruck, unterschiedliche Landschaften zu entdecken. Er entführt sich selbst und die Zuschauer aus der figurativen Realität in eine virtuelle Welt, die zum Träumen einlädt.Patrick Imbard, in Miguel Chevalier, Paris, Flammarion, 2001, S. 24
Binärzustand In der Überzeugung der Bedeutung des Computers für viele Lebensbereiche – vom alltäglichen Leben bis hin zu den Übertragungs- und Telekommunikationssystemen und Aktienkursen – schafft Miguel Chevalier mit Binärzustand (ab 1989) eine Serie, bei der die zwei logischen Symbole 0 und 1, die für den Betrieb von elektronischen Rechnern verantwortlich sind, unterschiedlich repräsentiert werden, wie zum Beispiel als Flip-Flop (Flip Flop, 1987), Trennungswand (Paravent binaire, 1989), Parabel (Parabole binaire, 1996), Welle (Vague binaire, DVD, 2004 e Vague binaire, stampa, 2009). Die binären Codesymbole werden ab 2011 in der interaktiven und generativen Installation virtueller Realität Pixels Welle als einer der „mehrfarbigen graphischen Bilder“ in Wechsel mit anderen graphischen Bildern wiederholt.https://www.miguel-chevalier.com/fr/la-vague-des-pixels
Önologie Für die Ausstellung Önologie (1991) im Schloss Pichon-Longueville Pauillac (Gironde) schuf der Künstler sequentielle Arbeiten auf den Spuren der wichtigsten Etappen der Herstellung des begehrten französischen Weines. Da die Weinbereitung vollständig computerisiert ist, erweisen sich die virtuellen Arbeiten Chevaliers als besonders geeignet, deren Ablauf zu erzählen, so wie es auch sinnvoll war, sie über die High-Tech-Stahlfässer zu projizieren.https://www.miguel-chevalier.com/fr/oenologie
Performances/Leistungen (1992) Ausgewählt 1992 zur Durchführung eines Projekts im Rahmen der Olympischen Spiele in Albertville und Barcelona, entschied sich der französischen Künstler für die Entwicklung einer Arbeit, die von den Sportbildern im Fernsehen ausging, um sie später der Öffentlichkeit der Olympischen Spiele in veränderter Form zu zeigen. An Stelle von standardisierten Darstellungen einzelner Sportarten nutzte Chevalier die Großleinwände am Fuße der Pisten und in den Stadien, um die Leistungen der Athleten zu zeigen. Mit dieser Operation von „Bildrecycling“,Patrick Imbard, in Miguel Chevalier, Paris, Flammarion, 2009, Kapitel 09/Performances die jeden Abend die Ereignisse des Tages zu einem einminütigen Video zusammenfasst, entmystifizierte der Künstler – weit von einer Apologie des Körpers bzw. der athletischen Leistung – den Mechanismus der großen Sportveranstaltungen und deren Management.
Autres natures (1996) Geprägt von seinem zweijährigen Japanaufenthalt 1993/94, bilden die Autres natures (andere Naturen) – in logischer Folge der Gewächshäuser von Barock und Klassik – eine Reihe von Arbeiten über Natur und Künstlichkeit; sie spielen eine wichtige Rolle in der künstlerischen Entwicklung Miguel Chevaliers, handelt es sich bei ihnen doch um seine ersten interaktiven und ausschließlich digitalen Werke. Auch bei diesen Werken verwendete Chevalier Bilder nicht als unveränderliche Einheiten – wie er es bereits mit den „Performances“ (1992) und noch davor mit „Le combat des images“ (1988) getan hatte. Im Fall von Le grand verre/nature liquide, eine interaktive Installation in 2D, erzeugen die Algorithmen Bilder, die sich in keiner linearen Form entwickeln und in einem ständigen Fluss sind und von den Betrachtern mit Hilfe einer Maus verändert werden können.https://www.miguel-chevalier.com/fr/autres-natures
Schwarzes Gold (seit 1992) Schwarzes Gold ist eine Serie von Werken und Installationen, die die Bedeutung des Öls für die lateinamerikanische Wirtschaft behandelt. Das Projekt wurde für fünf große Museen in Venezuela, Kolumbien und Mexiko konzipiert. In den Werken inszenierte der Künstler die gesamte Komplexität des Imaginären, das sich mit dem Erdöl verbindet. Seine Aufmerksamkeit galt vor allem den Netzen – die Frage von Netzwerken bildet eine Konstante seiner kreativen Forschungen – und den Technologien, die nötig sind, um das Öl an die Erdoberfläche zu bringen. Den Künstler interessieren die Methoden, mit denen die Ölkompanien vor den Bohrungen die verschiedenen Bodentypen analysieren. Durch die Bohrungen sieht er eine neue Kartographie von synthetischen Landschaften entstehen (die hier eine Subform von seismischen Kartographien sind), die er später in Paysages artificiels (1998) wieder aufgreift und in Méta-Cités (1993–2004) weiterentwickelt.
In den Visions urbaines (1993), die in der Regel aus vier Back-lights bestehen, präsentierte Chevalier Karten, die von Satelliten aufgenommen wurden, und Fotoklischees, denen mehrere Radiationen unterstellt wurden und die den urbanen Raum unter anderem durch den Transitverkehr, die Verschmutzung oder das städtische Beleuchtungssystem redifinierten.
Andere Naturen Die digitalen Werke von Miguel Chevalier verfolgen nicht einen Bruch mit der Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts, sondern entwickeln sich konsequent aus dieser.Suzete Venturelli, Segunda natureza, Brasilia, Espaço Marcantônio Vilaça, 2009 Die Serien Sur-Natures (2004), Fractal Flowers (2008) und Trans-Natures (2012) – generative und zum größten Teil interaktive großformatige Installationen – reproduzieren nicht nur eines der Leitmotive der Geschichte der Kunst und der Malerei virtuell, sondern etablieren gezielt Verbindungen mit Künstlern der Vergangenheit, wie zum Beispiel mit Paul Cézanne, dem Initiator des Prozesses einer Fragmentierung, die bei den Fractal Flowers wiederzufinden ist. Der Einfluss von Claude Monet, der mit seinen Variationen über den Zyklus der Jahreszeiten und das Licht eine Form von digitalen Impressionismus ankündigt, ist in den virtuellen Gärten der Sur-Natures offensichtlich.
Bei der Serie Sur-Natures entstehen, wachsen, reifen und sterben schließlich imaginäre und magische Pflanzen laut ihrem morphogenetischen Kodex. Ihr Wachstum setzt sich täglich in Echtzeit auf unbestimmte Zeit fort. Anwesenheitssensoren ermöglichen, dass jede Pflanze auf den Durchgang der Besucher reagiert. Den « Sur-Natures » folgten die « Fractal Flowers », eine dritte Generation von Blumen und virtuelle Gärten. Sie unterscheidet sich von den früheren durch die Eroberung der dritten Dimension und durch eine ausgeprägtere Form der Blumen, die stark stilisiert und am Rande des Geometrisierung sind. Diese Kristallblumen fadenförmiger Struktur wirken majestätisch auf einer Seite und überraschen gleichzeitig, wenn sie sich auflösen. Mit den « Fractal Flowers » wird der Künstler, einst « digitaler Gärtner », zum « Botaniker des 21. Jahrhunderts ».Elisabeth Couturier, in Miguel Chevalier. Chasseur d'images virtuelles, in , S. 2 Das generative Software « Fractal Flowers » erlaubt Chevalier seit 2008 auch seine ersten dreidimensionalen Skulpturen mit Hilfe von 3D-Druckern herzustellen, die in der Lage sind, das Visuelle zu materialisieren. Mit der Nutzung von 3D-Druckern in der Kunst erweist sich Chevalier auch in diesem Bereich als Pionier. Die Werke verfolgen das Prinzip der Variabilität des Kunstwerkes, wenn ein Bild virtuell oder auf jeden Typ von Trag materialisiert werden kann. Die « Trans-Natures » stellen eine Art von digitaler Natur dar, die an jene des Unterholzes erinnert. Hier existieren verschiedene Arten von Bäumen, Sträuchern, Laub und Ästen, deren Entwicklung von Baumdiagrammen inspiriert ist, die das Prinzip von Wurzeln, Stämmen und Zweigen verwenden.