Als Materia peccans (lateinisch für „krankmachende Substanz“, von peccare „sündigen“) bezeichnete man in der Vier-Säfte-Lehre bis ins 19. Jahrhundert allgemein einen naturwidrigen Stoff, der eine Krankheit verursacht und daher vollständig ausgeschieden werden muss. Um eine Heilung der Krankheit zu ermöglichen, versuchten Ärzte, den Krankheitsstoff (etwa „bößes Blut“) bzw. die Krankheitsmaterie aus dem Körper zu entfernen, um dadurch eine Wiederherstellung des gestörten Säftegleichgewichts zu erzielen. Heute findet der Begriff nur noch in der Alternativmedizin Verwendung.

Geschichte Der Begriff entstammt der Humoralpathologie, die auf Hippokrates von Kos zurückgeht und teils bis ins 19. Jahrhundert die dominierende Medizintheorie darstellte. Bei den Hippokratikern war damit insbesondere die Abszessbildung (im Sinne von Absonderung) gemeint, die der Theorie zufolge im Körper gekocht, aber nicht natürlich ausgeschieden werden konnte. Galenos von Pergamon verwendete hierfür später die Begriffe schädliche Materie oder übler Saft. Die noxia materia von Aulus Cornelius Celsus könnte man modern mit Schadstoff übersetzen.Friedrich Wilhelm H. P. Sohn: Materia peccans. In: Zeitschrift für Klassische Homöopathie, 1982, 26(6), S. 233–245

In seinem Kanon der Medizin übernahm Avicenna dieses Denken, im zweiten Buch findet sich u. a.:

Auch der Eiter wurde humoralpathologisch gedeutet als geschmolzenes phlegma und somit als (giftige) Materia peccans angesehen.Robin Fåhræus: Grundlegende Fakten über die Pathologie der Körpersäfte und ihrer Relikte in Sprache und Volksmedizin. Aus dem Englischen übersetzt von Margarete Schönherr. In: Elfriede Grabner (Hrsg.): Volksmedizin: Probleme und Forschungsgeschichte. Darmstadt 1967, S. 444–458, hier: S. 458.

Auch bei Hildegard von Bingen ist immer wieder von schlechten Säften die Rede, so etwa im Kapitel zur Rübe in ihrer Physica:

Im Mittelalter bezeichnete man die die Pest bzw. den Schwarzen Tod verursachende Krankheitsmaterie (mittelhochdeutsch materie) als materia pestis.Bernhard D. Haage: Ein neues Textzeugnis zum Pestgedicht des Hans Andree. In: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Band 8/9, 2012/2013, S. 267–282, hier: S. 279.

Im Zedler findet sich Mitte des 18. Jahrhunderts folgende Definition:

Johann Christian Reil, Wegbereiter der romantischen Medizin, wies in seinem 1815 veröffentlichten Entwurf einer allgemeinen Pathologie auf Probleme dieser Theorie hin:

Auch Samuel Hahnemann verwendete den Begriff, widersprach aber der vorherrschenden Praxis:

Mit der Ablösung der Humoralpathologie durch die Zellularpathologie verschwand die Materia peccans aus dem medizinischen Sprachgebrauch, wird aber in der Homöopathie und anderen Bereichen der Alternativmedizin gelegentlich noch verwendet.

Weitere Verwendung Diese Redewendung wird im übertragenen Sinn auch für mögliche Gründe anderer Störungen verwendet. So schrieb etwa Karl Marx im Zuge eines Zerwürfnisses zwischen ihm und Ferdinand Lassalle, an dem beide ihren Anteil hatten, schrieb Marx am 7. November 1862 einen Brief an Lassalle: „Du bist also jedenfalls im Unrecht in der Art, wie Du meinen Brief interpretierst; ich bin im Unrecht, weil ich ihn schrieb und die materia peccans lieferte.“Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA). Dritte Abteilung, Briefwechsel, Band 12, S. 716, (PDF; S. 60).

Literatur Charles Lichtenthaeler: Der magische Hintergrund der hippokratischen Materia peccans in den Epidemienbüchern III und I. In: Gerhard Baader, Rolf Winau (Hrsg.): Die Hippokratischen Epidemien. Theorie – Praxis – Tradition. Franz Steiner, Stuttgart 1989, S. 109 ff.

Einzelnachweise

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