miniatur|hochkant|Französisches Mirliton um 1910 Mirliton (IPA: [] aus dem Französischen) ist ein durch Luftbewegung angeregtes Membranophon, von dem nach der Art der Tonerzeugung drei Varianten unterschieden werden: Bei den heute überwiegend als Kinderspielzeug (Luftrüssel) verwendeten Ansingtrommeln wird eine an einem Hohlkörper befindliche dünne Membran durch Ansingen oder Ansprechen durch eine Öffnung in Schwingung versetzt, wodurch sich der Klang der Stimme verändert. Freie Mirlitone benötigen keinen Hohlkörper, weil die Membran wie beim Kammblasen oder beim Blasen über ein Blatt durch die Luftströmung direkt angeregt wird. An Resonanzkörpern von Musikinstrumenten, besonders an afrikanischen Xylophonen und an Flöten, über kleinen Löchern angebrachte Membrane verstärken und verändern den Klang.
Ansingtrommeln miniatur|Französische Papiertröte von 1990 Die unterschiedlichen Formen der kleinen, flötenähnlichen Effektinstrumente, die als Kinderspielzeug Luftrüssel oder Rollpfeife genannt werden, bestehen aus Papier, Holz oder Kunststoff. Wird in das Mundstück hineingesprochen oder gesungen, gerät eine Membran in Schwingungen und verleiht dem Klang der Stimme eine eigentümlich nasale Klangfarbe. Das Gehäuse fungiert als Resonanzkörper und wirkt klangverstärkend. Mirlitone sind röhrenförmige Hohlkörper oder anders geformte Gefäße mit einer durch eine Membran abgedeckten Öffnung.
Der englische Name für eine besondere Form von Ansingtrommeln aus Metall oder Kunststoff ist kazoo. Ansingtrommeln waren in vielen Teilen Afrikas und Asiens alte Kultinstrumente, mit denen die menschliche Stimme in die eines jenseitigen Geistwesens verwandelt werden konnte, um mit diesem in Verbindung zu treten. Ihre Existenz lässt sich aus den mancherorts in der Volksmusik und als Kinderspielzeug erhaltenen Exemplaren rückschließen.
Bei Aerophonen wird der Ton erzeugt, indem ein Luftstrom an einer Kante (Flöte), einem vibrierenden Plättchen (Rohrblattinstrument, auch an einer Zunge) oder mit den Lippen (Blechblasinstrument) gebrochen und in Schwingungen versetzt wird. Die Membran bei einem Mirliton gerät wie das Rohrblatt eines Blasinstruments durch einen Luftstrom in Bewegung, dennoch zählen nach der Hornbostel-Sachs-Systematik Ansingtrommeln nicht zu den Aerophonen, sondern wie Schlagtrommeln zu dem Membranophonen, weil der Ton primär anderweitig entsteht und an der Membran nur klanglich verändert wird.
Europa mini|hochkant=0.3|Chalumeau eunuque des Marin Mersenne von 1636/37 Ab welcher Zeit Stimmenverzerrer verwendet wurden, ist unklar. Der Archäologe Jean-Loup Ringot (2011) unternahm Versuche, einen aus dem Jungpaläolithikum stammenden Knochenfund, der als Flöte gedeutet wird, als Einfachrohrblattinstrument oder als Mirliton zu rekonstruieren.Jean-Loup Ringot: Die steinzeitlichen Aerophone: Flöten oder Schalmeien? In: Experimentelle Archäologie in Europa, Heft 10, 2011, S. 188–198, hier S. 195 Hierzu wurde experimentell ein Stück Naturdarm über das oberste Loch gezogen, ohne es festzukleben. Naturdarm war ein in der damaligen Kaltzeit leicht verfügbares Material.Michael Praxmarer: Blasinstrumente aus dem europäischen Jungpaläolithikum. Fundmaterial, Interpretation und musikwissenschaftliche Aspekte. In: Archaeologia Austriaca, Band 103, 2019, S. 75–97, hier S. 88
Im 16. und 17. Jahrhundert war das Mirliton in Europa als Zwiebelflöte, französisch flûte à l'onion, auch flûte eunuque, englisch eunuch flute, bekannt. Der französische Musiktheoretiker Marin Mersenne (1588–1648) bildet in seinem Werk Harmonie universelle: Contenant la théorie et la pratique de la musique von 1636/37, in welchem er akustisch-physikalische Berechnungen vornimmt und die Musikinstrumente klassifiziert, ein für seine Zeit typisches Mirliton unter dem Namen chalumeau eunuque („Chalumeau der Eunuchen“) ab. Die in das Loch B eingesungenen Töne kommen verstärkt am Trichter heraus. Das nahe Ende ist mit einer Membran abgedeckt, über die eine in der Abbildung abgezogene Kappe mit Schalllöchern gestülpt wird. Die erkennbaren Fingerlöcher sollten das Instrument als Flöte aussehen lassen. Damit ließ sich jedoch nicht die Tonhöhe, sondern nur in gewissem Umfang der Klang beeinflussen.Jeremy Montagu: Origins and Development of Musical Instruments. Scarecrow Press, Lanham 2007, S. 6
Ein Holzröhrchen besitzt am Ende eine Verdickung, die durch eine dünne, mit einer Zwiebelschale vergleichbare Membran geschlossen ist.1911 Encyclopædia Britannica/Eunuch Flute. wikisource Ende des 19. Jahrhunderts kam eine verbesserte Version solcher Ansingtrommeln mit einem Schalltrichter aus Messing, die Zobo genannt wurden auf den Markt (englisch zobo flute oder zobo horn).Kwintet Goedkoper: The rise of the Zobo brass instruments. Populär wurde das Mirliton als industriell gefertigter Lärmapparat für Kinder und als Scherzartikel auf Jahrmärkten. Eine ähnliche akustische Wirkung lässt sich erzielen, wenn über einen Kamm geblasen wird.
Ein typisches selbst gefertigtes Mirliton kommt in der süditalienischen Region Kalabrien als Kinderspielzeug vor. Ein weicher Riedgrashalm wird am nahen Ende direkt am Fruchtknoten und am fernen Ende kurz vor dem nächsten Knoten abgeschnitten. Eine am nahen Ende seitlich in den Halm geschnittene ovale Öffnung diente als Blasloch. Das ferne Ende wird mit einem festgebundenen Blatt, einer Zwiebelschale oder dem Fetzen einer Serviette als Membran abgedeckt.Antonello Ricci, Roberta Tucci: Folk Musical Instruments in Calabria. In: The Galpin Society Journal, Band 41, Oktober 1988, S. 36–58, hier S. 44
Alte Namen für Mirlitons in der Schweiz sind Strählorgeli und Düderli. Der französische Spielzeughersteller Romain François Bigot erfand 1883 für den Pariser Karneval Bigophone genannte, preiswert herzustellende Krachmacher aus Zink in der Form von Blechblasinstrumenten mit einem seitlichen Loch, das von einer Membran überdeckt ist. Varinette hießen ähnliche Instrumente, die in den 1920er Jahren beliebt waren.Sibyl Marcuse, 1966, S. 53, 561
Tschaikowski nannte einen für Querflöten komponierten Satz seiner Nussknacker-Suite (1892) danse des mirlitons.
Asien mini|links|hochkant|Zwei nyastaranga werden an die Kehle gehalten. Abbildung im Katalog der Musikinstrumente von Victor-Charles Mahillon, 1900 In der Türkei werden die als Kinderspielzeug dienenden Ansingtrommeln nach den Musikinstrumenten benannt, an die sie erinnern sollen, etwa kaval (endgeblasene Hirtenflöte), düdük (eine Schnabelflöte) oder allgemein mızıka, wobei mızıka ansonsten „Militärkapelle“ bedeutet und die Zusammensetzung ağız mızıkası Mundharmonika. Ein zırıltı (türkisch „plappern“, „schwatzen“) oder nârek (eventuell von arabisch nāra, „Schrei“) genanntes Instrument besteht aus einem etwa 20 Zentimeter langen, beidseitig offenen Schilfrohr oder Holunderzweig, bei dem nahe an einem Ende ein 2 × 3 Zentimeter großes Loch eingeschnitten wird. Das dortige Ende wird mit einem Wachspapier verschlossen. Der Spieler hält die Lippen an die seitliche Öffnung und spricht kurze abgehackte Silben („di, di, di...“) hinein. Das zırıltı diente im türkischen Schattenspiel Karagöz als Signalinstrument zu Beginn der Aufführung und begleitete geräuschvoll den Auftritt von Raubtieren oder Monstern.Laurence Picken, 1975, S. 164f
Die in Indien und Bangladesch verwendete nyastaranga ist eine 40 bis 50 Zentimeter lange, leicht konische Messingröhre in Trompetenform, also mit einem auswärts gebogenen Schallbecher.Nyastaranga. Metropolitan Museum of Art (Abbildung) Unterhalb der oberen Öffnung, die wie ein Mundstück aussieht, befindet sich in der Röhre eine Engstelle, die durch eine dünne Membran abgedeckt ist. Der Spieler hält zwei dieser „Rachentrompete“ (englisch throat trumpet) genannten Instrumente an seine Kehle, während er ein summendes Geräusch produziert oder singt. Die Schwingungen übertragen sich auf die Membran und werden von der Röhre verstärkt.Nyastaranga. In: Sibyl Marcuse, 1966, S. 369 Weil die winzige Membran kaum zu erkennen ist, wurde das nyastaranga in der Literatur häufig fälschlich eine „Trompete“ genannt.Nyastaranga. In: Laurence Libin (Hrsg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments. Bd. 3, Oxford University Press, Oxford/New York 2014, S. 616
Afrika In derselben Form, nur aus einem Röhrenknochen hergestellte Mirlitone dienten in Afrika ursprünglich sakralen Zwecken, etwa als Ritualinstrumente beim Totenkult oder bei der Anrufung personifizierter Ahnengeister. Magier verwendeten Mirlitone, weil sie zur Kontaktaufnahme mit jenseitigen Wesen ihre Stimme verändern mussten. Ein Stimmenverzerrer konnte auch die Botschaften des im Ritual anwesenden Geistes vermitteln. Beim Dodo-Besessenheitskult in Nordnigeria sprach der unsichtbare Dodo-Geist aus einem eigens für ihn errichteten Kulthaus mit einem aus einer Kalebasse hergestellten Stimmenverzerrer zu den initiierten Männern. Die Bafia in Kamerun stellten zu ähnlichen Zwecken nach einer Beschreibung von 1934 Mirlitone aus menschlichen Röhrenknochen oder aus Leopardenknochen her, deren eines Ende sie durch einen mit Wachs angeklebten Kokon einer Spinne abdeckten. Solche Mirlitone durften nur von männlichen Erwachsenen oder Medizinmännern eingesetzt und mussten vor Nichtinitiierten sorgfältig verborgen werden. Jungen sangen stattdessen in einen Elefantengras-Stängel, in den seitlich zwei Öffnungen eingeschnitten waren: ein Blasloch und ein mit einer Membran abgedecktes Loch.B. M. Blackwood, Henry Balfour, S. 50f Maskentänzer der westafrikanischen Senufo sprechen beim Ritual für einen Verstorbenen, der in eine Decke gewickelt am Boden liegt, in ein Mirliton und wollen so in Kontakt mit ihm treten, während sie gleichzeitig mit einem Fliegenwedel sanft über ihn hinwegstreichen.Till Förster: Smoothing the Way of the Dead: A Senufo Rhythm Pounder. In: Yale University Art Gallery Bulletin, (African Art at Yale) 2005, S. 54–67, hier S. 61 Die Idoma in Zentral-Nigeria verändern den Klang ihrer Stimme mit dem Vogelknochen-Mirliton ɔgakwú, das mit einem Spinnenkokon versehen ist. Ähnliche Instrumente gibt es im Süden Nigerias.Roger Blench: Idoma Musical Instruments. In: Journal of International Library of African Music, Band 6, Nr. 4, 1987, S. 42–52, hier S. 47
Ein rituell verwendetes Kalebassen-Mirliton ist das engwara der Busoga im Osten von Uganda. Es besteht aus dem abgeschnittenen Hals eines Flaschenkürbis, dessen offenes Ende mit einer Spinnenmembran überzogen ist. Mit einem seitlich eingeschnittenen Anblasloch ähnelt das engwara einer quer geblasenen Kalebassentrompete. Beim Besessenheitskult und Heilungsritual baswezi (nswezi) singen Frauen in die Öffnung hinein, wenn sie mit den Stimmen der Geister in Kontakt treten wollen.Peter Cooke: Engwara. In: Grove Music Online, 22. September 2015 Ansonsten waren in Uganda nach Beobachtungen in den 1940er Jahren Mirlitone als Kinderinstrumente weit verbreitet. Diese bestanden aus durch ein Loch in der Mitte quer geblasenen Röhrchen mit einer Spinnenmembran an einem Ende. Als Röhrchen verwendeten die Kinder der Baganda eine Blattrippe eines Papayabaums, die Kinder der Batoro einen dünnen Bambusabschnitt und die Mädchen der Basoga bliesen in das abgeschnittene dünne Ende eines Flaschenkürbis. Bei den Lango im zentralen Norden Ugandas wurden die Mirlitone wesentlich größer, ungefähr so groß wie die quer geblasenen Kalebassentrompeten eggwara (vgl. waza) angefertigt und nach diesen benannt.Klaus Wachsmann: Tribal Crafts of Uganda. Part Two: The Sound Instruments. Oxford University Press, London 1953, S. 375