L’Allegro, il Penseroso, ed il Moderato (HWV 55), deutsch: Frohsinn, Schwermut und Mäßigung oder auch Der Fröhliche, der Gedankenvolle und der Maßvolle, ist ein Oratorium oder eine pastorale Ode in drei Teilen von Georg Friedrich Händel mit einem Libretto, welches Charles Jennens nach John Miltons L’Allegro und Il Penseroso (beide 1632) bearbeitete und den dritten Teil Il Moderato selbst beisteuerte. Die Uraufführung fand am 27. Februar 1740 im Lincoln’s Inn Fields Theatre in London statt.
Entstehung
Nachdem Händel die Spielzeit 1738/39 mit den ersten drei Vorstellungen seines neuen Oratoriums Israel in Egypt bis Mitte April 1739 und der Ende April fertiggestellten Pasticcio-Oper Giove in Argo, welche Anfang Mai zweimal gespielt wurde, nur mit mäßigem Erfolg abgeschlossen hatte, komponierte er nach einer Sommerpause im September die Ode for St. Cecilia’s Day und im Oktober die zwölf Concerti grossi, denen John Walsh im Juli 1741 die Opuszahl „6“ zuweisen wird. Am 22. November eröffnete Händel seine neue Saison im für zwei Jahre angemieteten Theater in den Lincoln’s Inn Fields mit dem Alexanderfest und der gerade fertiggestellten Cäcilienode. Er setzte keine Oper auf den aktuellen Spielplan, sondern bestritt die Spielzeit mit Oratorien und Oden. Seine früheren triumphalen Erfolge als Opernkomponist lagen weit zurück und in den letzten Jahren folgten Fehlschlag auf Fehlschlag, was ihn gar erwägen ließ, dem verkrusteten Opernbetrieb ein für alle Mal den Rücken zu kehren und England wieder zu verlassen.Bernd Baselt: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 978-3-7618-0717-0, S. 308ff.Roman Hinke: Eine musikalische Temperamentenlehre, Programmheft zu den Konzerten am 5. & 6. Juni 1997, RIAS-Kammerchor Berlin.
Zudem verlangte der kälteste Winter seit Beginn der Aufzeichnungen seinen Tribut. Die Themse war über Wochen zugefroren, das öffentliche Leben stand still, selbst die Theater waren zeitweise geschlossen, weil es nicht mehr gelang, die Säle ausreichend zu beheizen. Für Händel kam diese witterungsbedingte Kulturkrise noch auf seine ohnehin schon kritische künstlerische Gesamtsituation erschwerend hinzu, sodass er sich vorläufig zurückzog. Am 19. Januar begann er mit der Komposition eines neuen Werkes, L’Allegro, il Penseroso, ed il Moderato und war nach sechs Tagen mit dem ersten Teil schon fertig: „Fine della parte prima Jan: 25 1740 ♀ [Freitag].“ Den zweiten Teil stellte er am 2. Februar („Fine della Parte 2da Fevrier 2. 1740“) fertig. Schließlich beendete er die Komposition mit seiner gewohnten Dankesformel am 4. Februar: „S[oli]. D[eo]. G[loria]. G. F. Handel Fevrier ☽ [Montag] 4. 1740 ♄ [Samstag] 9 dito“. Offenbar schloss er das „Ausfüllen“ der Partitur also am 9. Februar ab, nachdem es für ihn zwei Tage zuvor wieder eine Vorstellung von Acis and Galatea mit der Cäcilienode zu dirigieren gab, für die in der Presse extra dafür geworben werden musste, dass das Theater gut beheizt und „das Feuer die ganze Zeit“ an sei. Inmitten dieser recht labilen Schaffensphase bringt Händel also mit L’Allegro, il Penseroso, ed il Moderato in nur 17 Tagen eines seiner einfallsreichsten und experimentellsten Stücke zu Papier. Knapp drei Wochen nach Fertigstellung der Partitur erlebte das Werk am 27. Februar 1740 seine erfolgreiche Uraufführung im notdürftig gegen den Frost abgeschirmten Theater. Die Gesangssolisten waren:
Il Penseroso, il Moderato – Élisabeth Duparc, detta La Francesina (Sopran) L’Allegro – ein KnabensopranMit hoher Wahrscheinlichkeit war es der auch schon in Israel in Egypt eingesetzte Sohn des Organisten John Robinson und Händels früherer Sopranistin Ann Turner Robinson. L’Allegro, il Moderato – John Beard (Tenor) L’Allegro – Henry Theodore Reinhold (Bass) Il Moderato – William Savage (Bass)
Aufführungsgeschichte
Dem schönen Erfolg ließ Händel sehr bald vier weitere Aufführungen im März und April 1740 folgen. Im folgenden Jahr nahm er das Oratorium am gleichen Theater zwischen Januar und April nochmals für vier Aufführungen in den Spielplan und ergänzte es dafür um einige Nummern. Während der Vorbereitungszeit für die Erstaufführung des Messiah kam es von Dezember 1741 bis März 1742 zu drei Wiedergaben in der neugebauten „Great Musick Hall“ in Dublin, wiederum mit kleinen Änderungen: so wurde z. B. aus dem Violoncello-Solo in Nr. 22 (But oh! Sad virgin that thy pow’r) für Francisco Caporale ein Violin-Solo für den irischen Geiger Matthew Dubourg.
Weitere Aufführungen unter Händels Leitung im Covent Garden Theatre erfolgten 1743, 1754 und 1755. Für diese drei Vorstellungen ließ Händel den dritten Teil Il Moderato weg und fügte stattdessen die einteilige Ode for St. Cecilia’s Day an.
Ohne Händels Beteiligung sind folgende Aufführungen dokumentiert: Dublin (1748), Salisbury (1750, 1753), Gloucester (1751, 1754), Oxford (1754, 1755, 1757, 1758), Hereford (1756), London (1756, 1759), Bath (1758), Bristol (1758) und Birmingham (1759).Hans Joachim Marx: Händels Oratorien, Oden und Serenaten: Ein Kompendium, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 3-525-27815-2, S. 35 ff.
Nach Händels Tod wurde L’Allegro in England noch bis zum Ende des Jahrhunderts fast jährlich gespielt, meist jedoch ohne den dritten Teil. Danach wurde es ruhiger um das Stück. 1843/44 gab Ignaz Moscheles eine Partitur als L’Allegro, il Pensieroso für die Londoner „Handel Society“ heraus, was aber eine Verbreitung des Stückes nicht befördern konnte. Seltene Aufführungen waren in Heidelberg (1853) und in Wien, 1884 durch die Singakademie und 1897 im Rahmen der Wiener „Gesellschafts-Konzerte“, zu erleben. Über diese Darbietung äußert sich Eduard Hanslick (siehe „Erfolg und Kritik“).
Jenseits des Atlantiks war L’Allegro 1873 in der Mechanics Hall in Boston, 1878 in Worcester und 1881 und 1895 in New York zu hören. Nachdem der Hallenser Komponist und Dirigent Robert Franz im Jahre 1871 eine Bearbeitung des Werkes vorgelegt hatte, kam es gelegentlich (z. B. bei den Händelfesten 1918 und 1929) zu Aufführungen dieser Fassung in der Saalestadt mit der Singakademie Halle. 1904 wurde das Werk in der oberschlesischen Stadt Brieg gespielt.Klaus-Peter Koch: Aufführungen von oratorischen Werken Georg Friedrich Händels zwischen 1685 und 1945 im östlichen Europa, In: Musikgeschichte in Mittel- und Osteuropa, Heft 14, ISBN 978-3-926196-68-2, Gudrun Schröder Verlag, Leipzig 2013, S. 113. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind Aufführungen des Werkes weiterhin selten gewesen. Im 21. Jahrhundert erlebt das Oratorium eine Renaissance, nicht nur bei den einschlägigen Händel-Festivals. Inzwischen sind auch einige Tonträger-Aufnahmen vorgelegt worden (siehe „Diskografie)“. 1988 choreografierte Mark Morris eine Tanzperformance am Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel zu Händels Musik und Miltons Poesie.Review/Dance; Mark Morris Interprets Handel, Kisselgoff, Anna, The New York Times, 8. Oktober 1990
Libretto mini|John Miltonvon Mary Beale oder Peter Lely, London ca. 1630 Nach dem Erfolg des Alexanderfestes (1736), einer Vertonung der vielbewunderten Ode von John Dryden, stellte sich für eine Reihe von Händels Freunden die Frage, wie das Ergebnis ausfallen würde, wenn man den Meister dazu bewegen könnte, die Worte eines noch bedeutenderen englischen Dichters zu vertonen. Dieser recht hochgesinnte Freundeskreis, dem der reiche Hobbypoet Charles Jennens, der Philosoph James Harris und der Earl of Shaftesbury angehörten, drängten Händel regelmäßig zur Produktion englischer Oden und Oratorien. Unter ihrem Einfluss nahm er sich nun der Dichtung eines schon zu Lebzeiten weltberühmten Literaten des 17. Jahrhunderts, John Milton, an.
Die literarische Grundlage für den Oratoriumstext bildet Miltons berühmtes Gedichtpaar L’Allegro (Frohsinn) und Il Penseroso (Schwermut), geschrieben während seiner Studienjahre 1632, in welchen der Gegensatz zwischen den beiden Stimmungen allegorisch behandelt wird. Gut hundert Jahre danach tauschte sich Händel nun mit Harris und Jennens abwechselnd und gleichzeitig darüber aus, wie man diese Dichtungen nun nach Maßgabe dialogischer Spannung zusammenschmelzen und miteinander kombinieren kann, wobei die ursprüngliche Idee dazu wohl von Harris kam. War es Milton vorrangig um eine Gegenüberstellung von verschwenderischer Lebensfreude und ernster Besonnenheit gegangen, so arbeiteten Harris, Jennens und Händel nun die zeitlose Dialektik der verschiedenen Wesensarten heraus. Die Polarisierung zwischen dem lebenslustigen, stets optimistischen „Allegro“ und dem nachdenklichen, zurückhaltenden „Penseroso“ führt nun bildhaft vor, dass beide die widerstrebenden Kräfte ein und desselben Geistes sind und somit die zwei Gesichter einer menschlichen Natur beleuchten, weshalb die jeweiligen Temperamente auch nicht bestimmten Vokalpartien zugeordnet sind, sondern zwischen den verschiedenen Solostimmen aufgeteilt werden. Der Chor bekräftigt dabei die jeweiligen geäußerten Standpunkte.
Jedoch bleibt dieser Streit bis hierher ohne Resultat, ohne Aussicht auf Versöhnung oder Ausgleich, weshalb ein solches Ende, also ohne zu moralisieren, für die Zeit undenkbar war. Händel wünschte sich deshalb von Jennens noch einen dritten Teil nach dessen eigener Erfindung, Il Moderato („Die Mäßigung“), der zwar einen wesentlich kleineren Umfang als die beiden ersten Teile bekommen sollte, aber den moralisierenden Schlichter hinzufügt. Hier wird der sehnliche Wunsch des 18. Jahrhunderts nach Ausgleich, Harmonie und Balance deutlich.
Handlung mini|L’Allegro von Thomas Cole, New York City 1845
Die drei Charaktere sind von Händel nicht einer speziellen Stimme oder Figur zugewiesen, sondern sie „wandern“ zwischen den vier Gesangssolisten und dem Chor. Auch hat das Oratoriums keinen Handlungsablauf, vielmehr bestehen die beiden ersten Teile aus einem argumentativen Schlagabtausch. Auf der einen Seite steht ein fröhlicher Mensch, der seinen Tag vom Morgengrauen bis zum Abend in idyllischer Umgebung verbringt und die Freuden an der schönen Landschaft und Natur im Sonnenlicht, am Bauern- und Hirtenleben oder der regen Betriebsamkeit in den Städten in vollen Zügen genießt. Ihm gegenüber steht der gedankenvolle oder gar nachdenklich bis schwermütige Mensch, welcher der melancholische Seite des Lebens, die aus Kontemplation und Nachdenklichkeit besteht, nachgeht. Er möchte seine Zeit in der Stille der Nacht und in der Nähe der Natur verbringen, Zuflucht in einem Kloster suchen und dem Gesang der Nachtigall lauschen. mini|links|Il Penseroso von Thomas Cole, New York City 1845
Schließlich meldet sich der „Maßvolle“, welcher versucht, zwischen den Polen zu vermitteln und die goldene Mitte, bzw. das Glück in der Balance zwischen diesen beiden Extremen des Frohsinns und der Melancholie zu finden. Der Schlusschor geht darauf ein und wirbt dafür, diese Haltung als das Maß aller Dinge anzusehen: „Gib diese Lust, o Maß, uns du, in ihr allein ist Glück und Ruh‘.“ mini|The Arcadian or Pastoral State von Thomas Cole, New York City 1836
Musik mini|Titelblatt des Erstdruckes der Arienpartitur von L'AllegroJohn Walsh, London 1741
Als Konglomerat aus Oper und Oratorium, pastoraler Serenata und Kantate nimmt L’Allegro in Händels Schaffen einen besonderen und nicht ganz leichten Platz ein, denn die unklare Gattungszugehörigkeit des Werkes scheint gelegentlich abschreckend zu wirken. Händel selbst gibt, anders als sonst, etwa durch einen genrezuweisenden Untertitel, keinen Hinweis dazu, weder im Londoner Autograph, noch in der Hamburger Direktionspartitur.