mini|Vor dem Gesetz (gelesen von Hans-Jörg Große) Vor dem Gesetz ist ein 1915 veröffentlichter Prosatext Franz Kafkas, der auch als Türhüterlegende oder Türhüterparabel bekannt ist. Die Handlung besteht darin, dass ein „Mann vom Lande“ vergeblich versucht, den Eintritt in das Gesetz zu erlangen, das von einem Türhüter bewacht wird.
Inhalt Die Parabel handelt von dem Versuch eines Mannes vom Lande, in das „Gesetz“ zu gelangen. Der Mann erfährt von einem Türhüter, der davor steht, dass es möglich sei, aber nicht zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Er wartet darauf, dass ihm der Türhüter Einlass gewährt, „Tage und Jahre“, sein ganzes Leben lang. Er versucht, den Türhüter zu bestechen. Er bittet sogar die Flöhe im Pelzkragen des Türhüters nach jahrelangem Studium desselben, ihm zu helfen. Aber alles ist vergeblich.
Kurz bevor der Mann vom Lande stirbt, fragt er den Türhüter, warum in all den Jahren niemand außer ihm Einlass verlangt hat. Der Türhüter antwortet, dieser Eingang sei nur für ihn bestimmt gewesen. Er werde ihn jetzt schließen.
Werksgeschichte Der Text stammt aus dem Dom-Kapitel des Romanfragmentes Der Process und wird dort Josef K., dem Protagonisten des Romans, von einem Geistlichen erzählt.
Vor dem Gesetz ist der einzige Text aus dem Process, den Kafka selbst veröffentlichte. Zuerst erschien er 1915 in der jüdischen Wochenzeitschrift Selbstwehr und später noch einmal im Rahmen des Erzählsammelbandes Ein Landarzt (1920) zu einem Zeitpunkt, als Kafka die Arbeit am noch unvollendeten Roman schon aufgegeben hatte.Carsten Schlingmann, Franz Kafka. Literaturwissen für Schule und Studium. Philipp Reclam jun., Stuttgart, S. 97.
Die Frage seiner Intertextualität ist in der Forschung umstritten. Für Ulf Abraham ist die „Midrasch-Legende“ Pesikta Rabbati 20,Pesikta Rabbati 20: Als Moscheh auf den Berg Sinai stieg... in: HaGalilJonathan Magonet (Hrsg.): Das Jüdische Gebetbuch. Aus dem Hebräischen übersetzt von Annette Böckler, Bd. 2: Gebete für die hohen Feiertage. Güthersloh, Gütersloher Verlagshaus, 1997, S. 664; Der Process. Reclam XL - Text und Kontext 3.3.5 PT 229 books.google „in der Mose eine Reihe von Türhütern überwinden muß, bevor er von Gott die Thora entgegennehmen darf, die Vorlage, zu der sich Kafkas berühmte ‚Legende‘ verhält wie ihre Negation. Der ‚Mann vom Lande‘ ist ein Anti-Mose, der seine biblische Rolle verspielt. Durch diese ‚Um-Schreibung‘ stellt Kafka den Glauben eines ‚auserwählten Volkes‘ an Gott und an sich selbst in Frage.“Ulf Abraham: Mose “Vor dem Gesetz”. Eine unbekannte Vorlage zu Kafkas “Türhüterlegende”, Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte (1983) 57: 636. Cornelija Vismann sieht einen Bezug zu Johann Peter Hebels Geschichte Der Prozeß ohne Gesetz,Der Proceß ohne Gesetz. In J. P. Hebel's sämmtliche Werke. Neue Ausgabe. Dritter Band. Erzählungen des rheinländischen Hausfreunds. Carlsruhe 1838, S. 245 books.google in der einem rechtsuchenden Bauern – wiederum anders als bei Kafka – unerwartet und schnell Erfolg zuteilwird.Cornelija Vismann: Von der Poesie des Rechts oder vom Recht in der Dichtung. Eine Fallstudie zu „Der Proceß“ von Franz Kafka. In Hendrik Johan Adriaanse, Rainer Enskat (Hrsg.): Fremdheit und Vertrautheit. Hermeneutik im europäischen Kontext. Leuven 2000, S. 275, 282 books.google
Form Kafka selbst bezeichnet das Prosastück als Legende. Sie benutzt eine schlichte, gewissermaßen archaische Sprache. Aber sie ist keine volkstümliche Erzählung über Heiligenleben und Wundergeschehnisse, sondern sie steht in einem gebrochenen Verhältnis zu religiösen Volksaussagen.Ralf Sudau: Franz Kafka: Kurze Prosa/Erzählungen. 2007, ISBN 978-3-12-922637-7, S. 25 ff. Andere Literaturquellen sehen hier eine Parabel.Cerstin Urban: Franz Kafka: Erzählungen II. Bange Verlag, 2004, ISBN 3-8044-1756-6, S. 68.
Die Erzählperspektive ist zwar auktorial,Ralf Sudau Franz: Kafka: Kurze Prosa/Erzählungen. 2007, ISBN 978-3-12-922637-7, S. 27. da der auktoriale Erzähler die Gestalt des neutralen Erzählers einnimmt, aber er berichtet kaum über das Innenleben der beiden Figuren. Er wertet wenig und weiß kaum mehr als der Leser und gibt diesem keine Antwort auf seine Fragen, hält sich vor allem in der zentralen Frage ganz zurück.
Drei Fragen lässt der Text letzten Endes offen: Was bedeutet das Gesetz? Wie ist das Verhalten des Mannes vom Lande zu beurteilen? Wie ist das Verhalten des Türhüters zu bewerten?
Das Gesetz kann weltimmanent oder metaphysisch ausgelegt werden: als Lebensgesetz der persönlichen Selbstverwirklichung oder als göttliches Gesetz des Daseinssinns oder der Heilsfindung. Der Mann vom Lande verfehlt in seiner mangelnden Beherztheit und seiner Autoritätsfurcht sowohl die selbstbestimmte Sinnsuche, wie er auch durch seine lächerlichen Bestechungsversuche offenbart, dass ihm eine wirkliche Glaubenshaltung fehlt. Diese wäre von Demut und Zuversicht geprägt. Der Türhüter wiederum kann als Prüfungsinstanz begriffen werden, welche die existentielle Ernsthaftigkeit der Sinnsuche ausforscht. Er personifiziert die erschreckenden Herausforderungen des Lebensweges oder, anders gewendet, er verbildlicht die innere Skrupulosität des Mannes vom Lande.Ralf Sudau: Franz Kafka: Kurze Prosa/Erzählungen. 2007, ISBN 978-3-12-922637-7, S. 15–23.
Die Legende als Bestandteil des Romans Der Process Der Geistliche, der sich selbst als Gefängniskaplan bezeichnet, teilt Josef K. im Dom mit, dass es schlecht um seinen Prozess steht und dass er sich im Gericht täuscht. Zur Erläuterung erzählt er ihm die Türhüterlegende. Josef K. und der Geistliche entwickeln nun verschiedene Auslegungen. Kafka selbst hat in seinen Tagebüchern von der ExegeseCarsten Schlingmann, Franz Kafka. Literaturwissen für Schule und Studium. Philipp Reclam jun., S. 98. der Legende gesprochen. Der Geistliche hebt dabei die Pflichterfüllung und Geduld des Türhüters hervor. Josef K. identifiziert sich mit dem Mann vom Lande, der vergeblich ins Gesetz vordringen wollte und der demnach getäuscht wurde.
Der Geistliche bemängelt den Denkansatz des Josef K. und versucht ihm die Vielfalt der Deutungsvarianten, die bereits bestehen, nahezubringen. Denkwürdig sind hierzu folgende zwei Aussagen: „Richtiges Auffassen einer Sache und Missverstehn der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus.“ und „Die Schrift ist unveränderlich und die Meinungen sind oft nur ein Ausdruck der Verzweiflung darüber.“ Josef K. kann mit diesen Ausführungen nichts anfangen und sagt: „Trübselige Meinung. […] Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht.“
Obwohl die Szene in einem Dom, also einem katholischen Gotteshaus mit Mariendarstellung, spielt, verweist der dort auftauchende Geistliche auf die Denkweise der jüdischen Mystik und des babylonischen Talmud. Es handelt sich jedoch nicht in erster Linie um ein religiöses Thema, sondern es soll das Wesen des Gerichtes oder die Erkenntnissuche allgemeinPeter-André Alt: Franz Kafka: Der ewige Sohn. C.H. Beck, München 2005, ISBN 3-406-53441-4, S. 410. verdeutlicht werden. Bezeichnend ist, dass zwar beide Personen der Legende ausführlich beschrieben und gedeutet werden, ein Versuch einer Annäherung an das Wesen des Gesetzes findet jedoch nicht statt. Auch der Geistliche und Josef K. befinden sich eben „vor“ dem Gesetz; die Sphäre „hinter der Tür“, den Schein, der von dort kommt, berühren sie nicht.Carsten Schlingmann, Franz Kafka. Literaturwissen für Schule und Studium. Philipp Reclam jun., S. 100.
Die in der Legende proklamierte Vorstellung, dass jedem Menschen ein individueller Zugang zum Gesetz eingeräumt wird, erscheint dem abendländischen Verständnis völlig fehlgeleitet.Peter-André Alt: Franz Kafka: Der ewige Sohn. C.H. Beck, München 2005, ISBN 3-406-53441-4, S. 411. Das Gesetz soll doch auf einheitlichem Weg erreichbar sein nach dem Motto „Gleiches Recht für alle“.
Kryptisch ist auch der Abschiedsspruch des Geistlichen an Josef K.: „Das Gericht will nichts von Dir. Es nimmt Dich auf wenn Du kommst und es entlässt Dich wenn Du gehst.“ Hier könnte die Türhüterlegende die Möglichkeit andeuten, dass Josef K. sich aus freien Stücken immer mehr vo dem Prozess einnehmen lässt, sich ihm aber auch entziehen und ein Leben „unabhängig“ vom Gericht führen könnte.
Die Parabel als eigenständiges Prosastück Obwohl nach dem Vorgenannten eine beliebige Vielfalt oder eben gar keine Deutungsmöglichkeit besteht, wird die Türhüterlegende immer wieder insbesondere zu Unterrichtszwecken bearbeitet. Hierzu einige Deutungsansätze:
Der Mann vom Lande verschanzt sich hinter Gebot und Verbot. Er sucht für jeden Schritt die Genehmigung, die ihn der Verantwortlichkeit enthebt. Er bleibt gefangen im Labyrinth seiner eigenen Vorstellungen und seines Sicherheitsbedürfnisses. Die Bequemlichkeit der Sicherheit, der persönlichen Unverantwortlichkeit weckt den Wunsch, die Verantwortung auf den anderen oder besser noch auf eine unpersönliche Instanz (das Gesetz!) abzuwälzen. Die Legende ist so auch ein Lehrstück über Hierarchien und Ordnungen. Der Mann vom Lande sieht das Licht von fern, aber er kann nicht auf den Weg dahin gelangen, er ist keine autonome Persönlichkeit, sondern ist verstrickt in Zögern, Entschlusslosigkeit und Angst. Der philosophische Rahmen ist der Existentialismus (Kierkegaard, Dostojewski).Ingeborg Scholz: Franz Kafka. Analysen und Reflexionen. S. 69.
Das Gesetz, ein juristisches Regelwerk, wird hier in Bezug auf den einfachen Mann vom Land als Räumlichkeit dargestellt mit einem definierten Zugang, der nur jeweils für eine bestimmte Person vorgesehen ist. Dürfte nicht bereits diese Vorstellung, dass man das Gesetz mit Leichtigkeit über eine Tür wie einen RaumKindlers Neues Literaturlexikon, 1990, ISBN 3-463-43009-6, S. 45. – oder eher wie ein LabyrinthPeter-André Alt: Franz Kafka: Der ewige Sohn. C.H. Beck, München 2005, ISBN 3-406-53441-4, S. 409. – betreten kann, die Fehleinschätzung sein, die das weitere Scheitern schon beinhaltet? Auch die Vorstellung des Mannes, dass das Gesetz jedem zugänglich sein sollte und auch von vielen aufgesucht würde, ist offensichtlich unrealistisch. Durch seine hinhaltenden Angaben verurteilt der Türhüter den Mann vom Land zum sinnlosen Warten bis zum Tod. Lässt man sich auf die Diktion der Erzählung ein, beginnt hinter der Tür das Gesetz. Folglich ist vor der Tür gesetzfreier Raum. So handelt auch der Türsteher, der sehr bestimmt auftritt und sich niemandem gegenüber zu rechtfertigen hat, entweder willkürlich oder er vollzieht ein dumpfes vorbestimmtes Schicksal.
In beiden Fällen gibt es keine Gesetzmäßigkeit, keine Regel, wodurch der Mann in die Sphäre des Gesetzes gelangen kann oder davon ferngehalten wird. Seine Suche nach dem Gesetz hinter der Tür wird durch das Fehlen einer Gesetzlichkeit vor der Tür plausibel, ja letztlich zwingend.Peter-André Alt: Franz Kafka: Der ewige Sohn. C.H. Beck, München 2005, ISBN 3-406-53441-4, S. 414.
In der Parabel zeigt sich auch ein bezeichnender Blick Kafkas auf seine eigene berufliche Existenz als Jurist, ein eigentlich ungeliebter Beruf, in dem er dennoch recht erfolgreich war. Die Abgründe des Rechtswesens, die hier geschildert werden, werden im Verlauf des Romanfragments Der Process eindringlich dargestellt.
Interpretation Franz Kafka hat in seinem Tagebuch vermerkt, dass er „Zufriedenheits- und Glückgefühle“ empfunden hat, als er den Text abermals las. Bei der Parabel ist es ihm somit gelungen, dass er vollkommen zum Ausdruck gebracht hat, was er wollte.
Der Gefängniskaplan wirft Josef K. in der Kirche im Process vor: „Du suchst zuviel fremde Hilfe“. Auch fixiert sich der Mann vom Lande ebenso wie Josef K. auf das Gericht und versucht umso unermüdlicher, den „Eintritt in das Gesetz“ zu erlangen. Nicht auflösbar bleibt, worin der übergeordnete Sinn des Wartens besteht. Josef K. identifiziert sich mit dem Mann vom Lande und sieht sich als der Getäuschte.