Die am 1. November 1889 gegründete Otto A. Müller GmbH (Abkürzung OAM) stellte zum Jahresende 2016 den Schifffahrtsbetrieb ein. Gegründet wurde das Hamburger Traditionsunternehmen von Otto Alfred Müller, einem Unternehmer, der zunächst Kohle an Hamburger Haushalte lieferte, die er später aus England importierte.
Gründung und Unternehmensführung Am 1. November 1889 gründete der damals 31-jährige Otto Alfred Müller (OAM) mit einem Darlehen neben einem vererbten Vermögen eine Kleinfirma für den Import von englischer Kohle nach Deutschland. Otto Alfred Müller blieb bis zu seinem Tod im Jahre 1929 Geschäftsführer des Unternehmens. Der jüngste Sohn von dreizehn Kindern eines sächsischen Gerbers wurde von seinen Mitarbeitern als typisches Mitglied der Gründergeneration beschrieben: sparsam und präzise, stets auf seine Rechte beharrend, aber gleichzeitig großzügig und wohltätig. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs bestand das Personal von OAM aus sieben Personen: den Buchhaltern Muus und Niehus, dem Kaufmann Schwede, dem Boten Diedrich, dem Sekretär Sauerland, dem Bürovorsteher Sauerland und Otto A. Müller als Eigentümer. Infolge des gespaltenen Verhältnisses zwischen Vater und Sohn wurde erst nach seinem Tod im Jahre 1929 Otto Franz Jacob Ottmüller Geschäftsführer der OAM. Er war seit 1920 stiller Teilhaber. Gleichzeitig trat Friedrich Sauerland als persönlich haftender assoziierter Partner mit einem Anteil von 33 Prozent in die Unternehmensführung ein.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs trat Otto A. Ottmüller, ältester Sohn von Otto Franz Jacob Ottmüller, als persönlich haftender Gesellschafter in das Unternehmen ein. Friedrich Sauerland starb im Juli 1952 und Gert Ottmüller wurde im August 1952 zum weiteren Geschäftsführer bestellt und ab dem folgenden Jahr persönlich haftender Gesellschafter. Am 30. April 1946 wurde OAM von der britischen Militärregierung unter Aufsicht von Captain Abott gestellt, und Herr Taurek von der Schiffahrts- und Kohlenhandelsgesellschaft wurde zum Treuhänder ernannt.
Im Jahre 1960 starb Otto F. J. Ottmüller.Angehöriger des Corps Budissa, Kösener Corpslisten 1996, 25/214 OAM wurde in eine KG umgewandelt. Neben Otto A. Ottmüller und Gert Ottmüller als persönlich haftende Gesellschafter trat Rolf Ottmüller als Kommanditist in das Unternehmen ein. Der Jurist Ewald Giebelmann trat als weiterer Geschäftsführer und Anteilseigner in das Unternehmen ein. Ernst Schöpf als Kaufmann sowie Kurt E. Gehrts, dessen Vater seit 1929 die Altona-Anlage leitete, übernahm die Leitung der Versandabteilung, während Peter Schröder der Charterabteilung vorstand und Klaus Bäätjer zum Leiter der Handelsabteilung berufen wurde. Am 1. März 1981 wurde die Otto A. Müller durch Umwandlung in die damalige GfKK in eine GmbH umgewandelt deren Gesellschafter die Brüder Otto, Gert und Rolf Ottmüller sowie Giebelmann wurden, ersterer und letzterer als Geschäftsführer. Gesamtprokura erhielten die Abteilungsleiter Kurt Gehrts jr. (Reederei), Klaus Bäätcher (Baustoffhandel), Hein Baumgarten (Rechnungswesen), Martin Plog (Buchhaltung), Ernst-Holger Schween (Befrachtung), Klaus Langhans (Personal), Jochen Bayer (Spotbefrachtung), Hermann Rautert (Kontraktbefrachtung) und Lothar Adolf Schneider (Baustoff Vertrieb).
Am 1. März 1988 starben Otto A. Ottmüller und seine Frau Ortrud bei einem Flugzeugabsturz in Johannesburg, Südafrika. Ihr Sohn Kai-Peter Ottmüller, der seit Ende seines Studiums im Unternehmen tätig war, erbte seinen Gesellschaftsanteil und trat als Mehrheitsgesellschafter seine Nachfolge als Geschäftsführer an. Bereits am 30. März 1988 starb Ewald Giebelmann, Hans Werner Oberlack, der einen Teil-Gesellschaftsanteil von Rolf Ottmüller übernommen hatte, wurde zum weiteren Geschäftsführer bestellt und wenige Monate später wurde Ulrich Kranzusch, ehemaliger Mitarbeiter von OAM, bis zum Jahre 1993 Geschäftsführer. 1994 wurde ein Jointventure mit gleichberechtigter Beteiligung von OAM und Heinrich Hanno & Co. BV (Rotterdam) mit Ausgründung der der Schifffahrt in die Firmen OAM – Hanno Shipping GmbH in Hamburg und Hanno OAM Shipping vof in Rotterdam abgeschlossen, das jedoch bereits 1997 wieder aufgelöst wurde. Im gleichen Jahre schließt sich die von Hermann Rautert geführte Delphin Schiffahrt durch wechselseitige Beteiligung mit OAM zusammen zur Otto A. Müller Schiffahrt GmbH und der Delphin Schiffahrt GmbH. Beide Unternehmen agieren fortan erfolgreich und völlig unabhängig voneinander im Bürohaus Hamburg, Domstraße 11, mit unterschiedlichen Hauptgesellschaftern und Interessen. OAM verfolgt das kommerzielle Schiffsmanagement und Delphin das operative Maklergeschäft, damit wurden von vornherein etwaige Konflikte vermieden.
Der Kohletransporthandel In den Gründungsjahren wurde die Kohle mit angemieteten Frachtern über King’s Lynn, später über Immingham und Leith, zum Hamburger Hafen transportiert, hier in eigene Schiffe umgeladen und durch die Alsterkanäle zu den Kohlehändlern und Endverbrauchern befördert. In jenen Tagen war Kohle sehr gefragt, sie wurde zum Heizen von Häusern und Öfen und in der Verfeuerung von Lokomotiven und Maschinen verwendet. Der florierende Handel gestattete OAM im Jahre 1908 den Bau des ersten eigenen Schiffes, der Gretchen Müller. Sie wurde bei einer Rostocker Werft in Auftrag zu geben. 1917 verkaufte OAM seinen Lagerbestand an Raab Karcher, einer Filiale der Thyssen-Gruppe, die mit Ruhrkohle handelte, nachdem durch die Britische Seeblockade in der Nordsee die englische Kohleversorgung eingestellt war.
Die Gretchen Müller kam unbeschadet durch die Kriegstage und konnte 1921 den Kohletransport zwischen England und Deutschland wiederaufnehmen. Im Jahre 1923 begründet OAM das Hauptbüro in Hamburg, Speersort 17, das nun Bolsoverhaus (nach der englischen Bolsover Zeche) genannt wurde. Bedingt durch den Streik britischer Bergleute im Jahr 1926 beteiligte sich OAM über neun Monate lang an der Lieferung von Kohle von Deutschland nach England, zog sich aber rechtzeitig vor dem Ende des Streiks zurück und vermied so, im Gegensatz zu einigen Konkurrenzunternehmen, erhebliche Verluste. Im Jahr 1930 kaufte OAM ein Versorgungsschiff der Marine mit einer Tragfähigkeit von 2.300 tdw, das in Else Müller umbenannt wurde. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 12 Knoten war sie damals eines der schnellsten Frachtschiffe, die innerhalb von zwei Wochen drei Fahrten von Immingham nach Hamburg durchführen konnte. Mit 72 Fahrten im Jahr hielt sie bis heute das blaue Band der Hamburger Steinkohlenschifffahrt.
Gemäß den vertraglichen Vereinbarungen mit Raab Karcher war es OAM nicht gestattet, zehn Jahre lang ein eigenes Kohlelager zu haben, erst 1928 konnte OAM die Hafenanlage der Firma O. Vidal an der Großen Elbstraße in Hamburg ankaufen. Mit erheblichen technischen Verbesserungen in der Siebanlage und Verlademöglichkeiten für LKWs erreichte OAM die Spitzenposition des Kohlensieb- und -verteilstandorts Hamburg. Während der ersten Tagesschicht verluden die OAM-Mitarbeiter 1200 t Kohle in LKWs, in der zweiten Tagesschicht wurden weitere 1000 t für den industriellen Einsatz in Kähne umgeladen. Dies ermöglichte den Schiffen, die früh am Morgen ankamen, bereits um Mitternacht die Rückfahrt nach Immingham. Ein Teil der Kohle, die sogenannten Bolsover Nuts, wurde von OAM mit fünf Kaelble-Lastwagen, unter dem Einsatz von mehr als zwanzig Anhängern mit Ladungen von je fünf bis sieben Tonnen, nach Marne (Holstein) und Itzehoe ausgeliefert. Im Jahre 1936 übernahm OAM das Kohlehandlungsunternehmen C. Carstens mit den Anlagen am Mittelweg und 1937 O. Vidal mit Räumlichkeiten in der Sierichstraße direkt am Kanal. 1938 verkaufte F. E. Rosenberg sein Unternehmen und seine Räumlichkeiten an der Gertigstraße an OAM. Nach dem 1. September 1939 kamen die Kohleimporte aus England zum Stillstand. Die Transportkapazitäten von Kohle aus Oberschlesien, Braunkohle aus Mitteldeutschland sowie Sand für den Bau von Bunkern verschlechterten sich bald auf die Hälfte ihres früheren Volumens.
Die Nachkriegsjahre mit dem raschen Wiederaufbau der zerstörten deutschen Volkswirtschaft und Kohle als einem der wesentlichen Energieträger prägten die positiven Entwicklungen von OAM. Erst in den späten 1950er Jahren wandelte sich die Entwicklung des Energiemarktes, es war absehbar, dass nur importierte Kohle im einsetzenden Erdöl-Boom konkurrieren könne. Die Betreiber der meisten deutschen Industrieanlagen wandten sich von der heimischen Kohle hin zum Heizöl ab. Diese Prognosen bestätigten sich auch bei der Hamburger Fischereiflotte, die seit 1950 jährlich mit 60.000 t Kohle versorgt wurde, der OAM-Betrieb Altona wurde 1964 geschlossen. OAM importierte weiterhin, unter den Beschränkungen der Dekrete von 1957, vor allem für die Hamburger Elektrizitätswerke und die Nordwestdeutschen Kraftwerke Kohle aus England.
Die Ölkrise Anfang der 1970er Jahre brachte der Kohle eine Renaissance, 1976 kaufte OAM das erste Los von ca. 23.000 t Kohle bei der Cape Breton Development Corporation (DEVCO) in Sydney/Ostkanada für die Hamburger Elektrizitätswerke in Wedel. Neben DEVCO als Hauptlieferant belebte OAM alte Verbindungen zum britischen National Coal Board, um mit britischer Kohle die Lieferungen an Zementfabriken in Deutschland und der Schweiz zu sichern. Auf der Suche nach anderen außereuropäischen Lieferanten flog Otto Ottmüller 1986 nach Kolumbien, wegen sinkender Preise auf dem Weltmarkt konnte die kolumbianische Kohle nicht konkurrieren. Anfang der 90er Jahre führten ehrgeizige Träume einer schnellen Expansion zu Investitionen in Kohlelager (Global Fuels Ltd.) im britischen Sunderland (UK) und später in Immingham. Gleichzeitig wurden neue Geschäfte mit Südafrika und Venezuela eingeleitet. Nach den unternehmensbedrohenden Verlusten durch die Lagergeschäfte in England und die Verluste in Venezuela und Südafrika wurde der Kohlehandel 1995 in die „OAM Coal Trade“ ausgegründet. Die Öffnung des Ostens gewährte OAM neue Möglichkeiten mit Handelsbeziehungen zu Kohleminen im russischen Workuta und in Kasachstan, während die traditionelle Versorgung aus Kanada zunehmend versiegte und schließlich die Zeche ganz geschlossen wurde. Die fortschreitende zentralistische Kontrolle bei den russischen Kohleminen erschwerten zunehmend den freien Handel und auch ein weiterer Versuch mit Südafrikanischer Kohle sowie eine Lieferung aus Indonesien brachten dafür keinen nachhaltigen Ersatz. Die zunehmende internationale Vernetzung des Handels und die Dominanz großer Handelskonzerne in einem schrumpfenden Markt und stark gedrückten Margen bei steigenden Risiken führte letztlich aber zur Aufgabe dieses Geschäftszweiges.
Weitere Unternehmungen von OAM Heizsysteme / Klimaanlage 1960 übernahm OAM die insolvente Heizungsbaufirma Stamer, die Kohle Unterschubfeuerungen entwickelt und gebaut hatte. Arnold Polenz stieg in die Restmasse ein und entwickelte unter Teilhabe der OAM den Klimagerätebau der Arnold Polenz GmbH der sich zu einem der führenden Unternehmen in diesem Bereich entwickelte.
Ab 1962 experimentierte OAM mit Zentrifugen zur Trocknung von Torf als Ersatzbrennstoff.
Zement & Saudi-Arabien