An den gecreutzigten Jesum ist ein Sonett von Andreas Gryphius. Es wurde erstmals 1637 in Gryphius’ erster Sonettsammlung im polnischen Lissa gedruckt, eines der 31 Lissaer Sonette. Es ist dort das vierte der fünf geistlichen Sonette, die die Sammlung eröffnen. Man hat es ein „Meisterwerk“ genannt,Szyrocki 1959, S. 95. den Höhepunkt der geistlichen Sonette.Mauser 1976, S. 86.

Entstehung und Überlieferung Gryphius hat die Lissaer Sonette ab 1634 in Danzig während des Besuchs des dortigen Akademischen Gymnasiums und anschließend auf dem Gut seines Gönners Georg Schönborner (1579–1637) in der Nähe des niederschlesischen Freystadt geschrieben. Er hat später immer wieder an ihnen gefeilt. So ist „An den gecreutzigten Jesum“ zu seinen Lebzeiten zu vier weiteren Auflagen gekommen, 1643, 1650, 1657 und 1663. Die Lissaer Fassung hat zunächst Victor Manheimer 1904, dann Marian Szyrocki 1963 neu gedruckt, die 1663er Ausgabe letzter Hand unter anderen Thomas Borgstedt 2012. Aus Szyrockis und Borgstedts Ausgaben stammen die folgenden Texte.

Text An den am Creutz auffgehenckten Heyland. (1637)Szyrocki 1963, S. 6.

Hier wil Ich gantz nicht weg: Laß alle Schwerter klingen / Setz Spiß vnd Sebel an / brauch aller Waffen macht / Brauch Fewr / vnd was die Welt für vnerträglich acht / Mich soll von Christi Creutz kein Todt noch Teuffel dringen. Ob mich gleich Ach und Noth / Angst / Weh / vnd Leid umbringen / Ob Erd vnnd Meer gleich reist / ob schon des Donners Macht Mit dunckelrothem Plitz auff meinem Häupte kracht / Vnd sambt dem Himmel fält; doch wil Ich frölich singen Für dir mein trawtes Hertz; diß meiner Armen Band / Sol von deim Creutz vnd Leib nie werden abgewand / Hier wil Ich / wenn Ich sol den matten Geist auffgeben / Du aber der du hoch am Holtz stehst auffgericht / HErr JEsu / neig herab dein bluttig Angesicht: Vnd heiß durch deinen Todt im Todt mich Ewig leben. An den gecreutzigten JEsum. Sarbievii: Hinc ut recedam. (1663)Borgstedt 2012, S. 11–12.

HIr wil ich gantz nicht weg! laß alle Schwerdter klingen! Greiff Spiß und Sebel an! brauch aller Waffen Macht Vnd Flamm’ / und was die Welt für unerträglich acht. Mich sol von disem Creutz kein Todt / kein Teufel bringen. Hir wil ich / wenn mich Ach und Angst und Leid umbringen / Wenn Erd und Meer auffreisst / ja wenn der Donner Macht / Mit dunckel-rotem Blitz auff meinem Kopffe kracht / Ja wenn der Himmel fällt / hir wil ich frölich singen. Weil mir die Brust noch klopfft / auch weder dort noch hir / Vnd nun und ewig sol mich reissen nichts von dir. Hir wil ich / wenn ich soll / den matten Geist auffgeben. Du aber / der du hoch am Holtz stehst auffgericht; HErr JEsu / neig herab dein bluttig Angesicht / Vnd heiß durch deinen Tod im Tod mich ewig leben!

Interpretation Das Gedicht ist wie alle Lissaer Sonette in Alexandrinern geschrieben und wie alle bis auf eines mit dem Reimschema ABBA ABBA für die Quartette und CCD EED für die Terzette. Die Verse mit den „A“- und „D“-Reimen sind dreizehnsilbig, die Reime weiblich, die Verse mit den „B“-, „C“- und „E“-Reimen sind zwölfsilbig, daher hier entsprechend den Ausgaben von Szyrocki und Borgstedt eingerückt, die Reime männlich.

Die Deutung geht von der Lissaer Fassung aus, bezieht aber die jüngste Fassung jeweils ein.

„Andreas Gryphius – Philosoph und Poet unter dem Kreuz“ hat Mauser ein Interpretationsbuch betitelt. In der Gestalt des gekreuzigten Christus laufen für den strengen, fest zur Augsburger Konfession stehenden Lutheraner Gryphius die Koordinaten der heilsgeschichtlichen Ordnung zusammen.Mauser 1988, S. 211.

Erstes Quartett „Hier wil ich gantz nicht weg:“, später mit dem Ausrufungszeichen in „HIr wil ich gantz nicht weg!“ noch lauter: Selbstgewiss, unmissverständlich, wie mit einem PosaunenrufConrady 1962, S. 241. platziert Gryphius gleich zu Anfang sein Leben und Wirken unter das Kreuz, zu Füßen Jesu, der „hoch am Holtz“ sein blutiges Angesicht neigen möge. Die Wortstellung hat etwas Hartes, Trotziges.Szyrocki 1959, S. 94. Jede Silbe wiegt schwer, gerade auch die gemäß dem jambischen Versfuß metrisch unbetonten Wörter „Hier“ und „nicht“. Der Halbvers macht den Ort des Ich auch im Schriftbild augenfällig: Das „Hier“ kommt unter die Überschrift und damit unter „den am Creutz auffgehenckten Heyland“ zu stehen. Der Ort des Gedichts ist der Ort unter dem Kreuz.Beck 2016, S. 572.

Dieser Ort ist ein Ort der Bedrängnis, der Angst und des Todes. Die Kriegsmetaphorik in den vier einander Schlag auf Schlag folgenden Imperativsätzen symbolisiert das Ausmaß der Bedrohung. Doch das Ich ist gewillt, sie zu bestehen. „Bekennend schließt das Quartett mit einem in sich bis zum äußersten gespannten Satz: Vor dem Glauben an Christi Kreuz haben Tod und Teufel keine Macht.“Conrady 1962, S. 241.

Zweites Quartett Das zweite Quartett führt zunächst die Schilderung der Bedrängnis weiter – die Substantivhäufung „Ach vnd Noth / Angst / Weh / vnd Leid“ wird konkretisiert in den Elementargewalten Erdbeben, Donner und Blitz. Dann aber setzt eine Gegenbewegung ein, die das Bekenntnis erneut ausspricht. In der Lissaer Fassung wird dabei nur das „wil ich“ des ersten Verses bekräftigend wiederholt. In der 1663er Fassung gerät die Bekräftigung eindrucksvoller, weil alle drei Eingangsworte „HIr wil ich“ schon zum zweiten Mal wiederholt werden (Vers 5 und Vers 8). „doch wil Ich frölich singen / Für dir mein trawtes Hertz“ erinnert an Kirchenliedklänge.Conrady 1962, S. 241.

Erstes Terzett Im ersten Terzett der Lissaer Fassung erinnert „diß meiner Armen Band / Sol von deim Creutz vnd Leib nie werden abgewand“ an Bilder Maria Magdalenas etwa im Isenheimer Altar, wie sie unter dem Kreuz Jesu () die Arme ringt. Mit „Hier wil Ich“ wird der Gedichtanfang zum letzten Mal wiederholt (Vers 11), mit „Hier wil Ich / wenn Ich sol den matten Geist auffgeben“ die letzte Konsequenz des Stehens unter dem Kreuz einbegriffen. „Vom Hier und Jetzt der Anfechtung weitet sich die Dimension zum Bereich des Überzeitlichen und Ewigen.“Mauser 1976, S. 88.

Zweites Terzett Mit dem zweiten Terzett endet das Gedicht in glaubensstarker Todesbereitschaft. Der Satzfluss ist ruhig und gemessen. „Ernst, ja feierlich erklingen die Worte des Dichters, die er an den Gekreuzigten richtet mit der Bitte um Erlösung.“Szyrocki 1959, S. 94. „In der Ruhe und Sicherheit dieser drei Schlußzeilen liegt ein besonderer Kontrast zu den aufgeregten, stark apostrophierten und mit Imperativen überhäuften Eingangsstrophen, so daß das Sonett als Ganzes von stärkster Wirkung ist.“ Wentzlaff-Eggebert 1966, S. 71. Die Antithese „hoch“ – „neig herab“ macht den Unterschied der Sphären Jesu und des Ich fühlbar: Jesus ins Jenseits ragend, das Ich erdgebunden. Die dritte Zeile des ersten Terzetts und das zweite Terzett sind die einzigen Teile, die Gryphius bei den Überarbeitungen unverändert gelassen hat.

Das Ganze Im Titel der Lissaer Fassung wird der Gekreuzigte „Heyland“ genannt, der Heil bringende Gottessohn. So ist das Gedicht von der Hoffnung auf Erlösung gerahmt, vom Beinamen des Erlösers am Beginn und der Bitte „Vnd heiß durch deinen Todt im Todt mich Ewig leben“ am Ende. Kreuzigung und Erlösung, urteilt Wolfram Mauser, stünden in dem Sonett in unmittelbarem sachlichen und optischen Zusammenhang. Das insistierende „Hier wil Ich“, die Ichform der Aussage, die metaphorische Aufgipfelung in jeder Strophe seien rhetorische Mittel, um die wechselseitige Bedingtheit der Kreuzigung Christi und der Erlösung des Menschen zu ewigem Leben dichterisch zu vergegenwärtigen.Mauser 1976, S. 88. Auch Friedrich-Wilhelm Wentzlaff-Eggebert sieht in dem Gedicht eine glückliche Übereinstimmung von Inhalt und Form.Wentzlaff-Eggebert 1966, S. 71.

Lateinische Anregung: Maciej Sarbiewski Von der 1650er Auflage an fügte Gryphius dem inzwischen gekürzten Gedichttitel hinzu „Sarbievii: Hinc ut recedam“. Damit gab er das Sonett als die Übersetzung oder Nachdichtung eines neulateinischen Gedichtes des polnischen Jesuiten Maciej Sarbiewski zu erkennen. Sarbiewski war damals einer der populärsten lateinisch schreibenden Dichter in Europa. „Hinc ut recedam“ stammt aus seiner Gedichtsammlung Lyricorum libri IV, die 1634 in Antwerpen mit einem Frontispiz von Peter Paul Rubens gedruckt worden war. Gryphius mag das Werk in der Bibliothek Georg Schönborners kennengelernt haben. Er mag die Beziehung zu Sarbiewski zunächst verschwiegen haben, um seine lutherischen Glaubensgenossen nicht zu reizen, später offenbart haben, um sich die einflussreichen Jesuiten in seiner Vaterstadt Glogau gewogen zu machen. Der Zusatz „sollte vielleicht heißen: ‚Seht, wir Protestanten schätzen euch sehr hoch ein und sind für das friedliche Zusammenleben.‘“Szyrocki 1959, S. 92. Das lateinische Gedicht ist hier nach Friedrich-Wilhelm Wentzlaff-Eggebert wiedergegeben, die Übersetzung nach Wolfram Mauser.

Ad pedes CHRISTI in cruce morientis Auctor provolutus.Wentzlaff-Eggebert 1966, S. 70. Hinc ut recedam, non trucis ferri minae, Non nudus ensium timor, Unquam revellent a tua JESU cruce Hoc multa fleturum caput. Me teque tellus inter & caelum ruat, Versique tempestas maris, Mixtusque flammis nimbus, & ter igneis Caducus aer imbribus: Jacebo fixum pondus, & certum mori, Suique non usquam ferens; Tuosque clavos & tuas amantibus Ligabo plantas brachiis. At tu sereno, nam potes, vultu tuum Tuere, JESU, supplicem: Et hoc, Patri quem reddis, haud evanido Me stringe paullum spiritu. Der zu Füßen des am Kreuze sterbenden CHRISTUS darniederliegende Dichter.Mauser 1976, s. 89. Hier soll ich weichen? Nicht grimmer Klage Drohn, Nicht nackte Angst vor Schwertern Reißen je von deinem Kreuz, o JESU, Mein von Tränen reiches Haupt. Mag stürzen Himmel und Erde zwischen Dich und mich Und ein Regensturm groß wie das Meer, Eine flammende Wolke und dreimal feuriger Luftstrom wie ein Regenguß: Ich werde liegen fest, entschlossen zum Tod Und nirgendwohin mehr gehn; Und Deine Nägel und Füße werde ich Mit liebenden Armen umschlingen. Doch Du, denn Du vermagst es, blicke mit heiterem Antlitz, O JESU, auf Deinen demütig Bittenden: Und mit Deinem nie vergehenden Geist, den Du Dem Vater zurückgibst, streife mich doch nur ein wenig.

Gryphius’ Sonett ist gegenüber dem sechzehnzeiligen lateinischen Vorläufer stellenweise recht frei gestaltet, doch fehlen auch fast wörtliche Übertragungen nicht. Den ersten acht Versen des lateinischen Gedichts entsprechen inhaltlich die beiden Quartette des Sonetts. Aus den Versen „Tuosque clavos & tuas amantibus / Ligabo plantas brachiis“ – „Und Deine Nägel und Füße werde ich / Mit liebenden Armen umschlingen“ wird „diß meiner Armen Band / Sol von deim Creutz vnd Leib nie werden abgewand“.

Auch im lateinischen Gedicht, schreibt Szyrocki, sei die Form voll und ganz gemeistert. Doch sei das Versmaß zu fließend, zu glatt, um mit voller Kraft das Bekenntnis zur Nachfolge Christi auszudrücken. Gryphius gelinge es, diese Schwäche zu beheben.Szyrocki 1959, S. 94. Ähnlich urteilt Wentzlaff-Eggebert. Im lateinischen Original rufe die Gedankenfolge nicht den Eindruck einer untrennbaren Verbundenheit des Dichters mit dem gekreuzigten Christus hervor. Das ganze Gedicht verspreche an Ausdruck gläubiger Hingabe mehr, als es halte. Karl Otto Conrady spricht von einer „Intensivierung“ durch Gryphius.Conrady 1962, S: 241–242. Mauser errechnet, dass Gryphius 70 % mehr Worte bringt in einem nur 10 % längeren Gedicht. „Das heißt aber: Er ‚weitet die Sprache‘ nicht ‚aus‘, sondern komprimiert sie extrem und bringt so weit mehr ‚Nennungen‘ in einem versteiften Sprachkörper von höherem spezifischen Gewicht unter. Er bereichert qualitativ, nicht quantitativ, was letztlich der Grund für die beobachtete ‚Intensivierung‘ ist.“Mauser 1976, S. 90–91.