mini|hochkant=1.3|Neues Romanisches Haus, um 1901

Das Romanische Café war ein namhaftes Berliner Künstlerlokal östlich der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche im Ortsteil Charlottenburg. Seit 1965 steht an der Stelle am Breitscheidplatz, zwischen Tauentzienstraße und Budapester Straße, das Europa-Center. Auch darin existierte eine Zeitlang ein gastronomischer Betrieb mit dem Namen Romanisches Café.

Geschichte des Cafés mini|Hauptraum, später „Bassin für Nichtschwimmer“ genannt, 1908

Im Erdgeschoss des im Jahr 1901 fertiggestellten Neuen Romanischen Hauses befand sich zuerst die Café-Konditorei Kaiserhof, eine Art Filiale des berühmten Hotels Kaiserhof. Bereits das Berliner Adressbuch des Jahres 1902 nennt diesen Gastronomiebetrieb aber Romanisches Café – ein naheliegender Name angesichts der aufwendigen neoromanischen Innenarchitektur der Räume, die auf manche Besucher eher düster und schwer wirkte. Die Speisen galten als „legendär dürftig“, die Einrichtung hingegen als pompös. 1909 übernahm der Gastronom Bruno Fiering das Lokal, bis zur Zerstörung im Jahr 1943 blieb es in Familienbesitz.Handelregisterakte im Landesarchiv Berlin, Signatur A Rep. 342-02 Nr. 21590.

mini|links|Rudolf Großmann, Milieustudie im Romanischen Café in Berlin, 1927

Nach dem Niedergang des Cafés des Westens am Kurfürstendamm zog das Romanische Café ab 1915 die zuvor dort verkehrenden Intellektuellen und Künstler an: Renommierte Schriftsteller, Maler, Schauspieler, Regisseure, Journalisten, Kritiker. Es wurde zur „literarischen Nachrichtenbörse im Berlin der zwanziger Jahre“: Was am Abend in der Zeitung stand, wurde am Vormittag an seinen Tischen diskutiert. Zugleich war es eine Anlaufstelle für werdende Künstler, die erste Kontakte suchten. Die bereits Erfolgreichen versuchten allzu plumpe Annäherungsversuche abzuwehren. Ihr Revier war das sogenannte „Bassin für Schwimmer“, der Nebenraum mit etwa 20 Tischen. Alle anderen wurden auf den Hauptraum mit etwa 70 Tischen verwiesen, das „Bassin für Nichtschwimmer“, in dem Egon Erwin Kisch residierte, einer der populärsten Stammgäste des Cafés.Christian Buckard: Egon Erwin Kisch. Die Weltgeschichte des rasenden Reporters. Berlin Verlag, Berlin 2023, ISBN 978-3-8270-14498, S. 151 ff. Die Schachspieler trafen sich traditionell auf der Galerie, auf der Terrasse tummelten sich die „Fremdlinge“.

Stammgäste nannten es in den 1920er Jahren scherzhaft „Rachmonisches Café“.jiddisch ráchmon = ‚barmherzig‘; Der Talmud legt dieses Eigenschaftswort dem jüdischen Volk bei. Georg Zivier, S. 39 f., bezieht die Namensschöpfung etwas nebulös auf den ‚erbarmungswürdigen‘ Zustand der Nation nach dem Ersten Weltkrieg. Als gegen Ende der Weimarer Republik die politischen Auseinandersetzungen gewalttätiger wurden, verlor das Romanische Café allmählich seine Rolle als Sammelpunkt. Bereits am 20. März 1927 veranstalteten Nationalsozialisten einen Krawall am Kurfürstendamm, wobei auch das Romanische Café ein Ziel des Vandalismus war. Die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten und die damit verbundene Emigration von vielen, oftmals jüdischen Stammgästen bedeutete das endgültige Aus als Künstlercafé.Edgard Haider: Verlorene Pracht. Geschichten von zerstörten Bauten. Gerstenberg, Hildesheim 2006, ISBN 3-8067-2949-2, S. 162–167. 1933 nahm die uniformierte Gestapo an einem eigenen Tisch Platz.Georg Zivier: Romanisches Café, Berlin 1965, S. 99

Im Jahr 1943 wurde das Gebäude bei einem alliierten Luftangriff stark beschädigt und die Ruine in den 1950er Jahren abgerissen.

Zeitgenössische Rezeption mini|Lesser Ury, Mädchen im Romanischen Café, 1911, Alte Nationalgalerie, Berlin mini|Lili Grün in Jugend, 1930

Der Essayist Sigismund von Radecki kommentierte 1923 nüchtern:

Günter Birkenfeld taufte das Romanische Café Wartesaal des Genius.

Erich Kästner merkte 1928 an:

Der Journalist Pem skizzierte in Die Bleibe 1926 die Gäste:

Der Publizist Walther Kiaulehn äußerte sich später zwiespältig:

Der Journalist Karlernst Werle reimte:

Wolfgang Koeppen über den Niedergang des Cafés nach 1933:

Mascha Kaléko schrieb über das Romanische Café das Gedicht Auf einen Café-Tisch gekritzelt:

Ich bin das lange Warten nicht gewohnt, Ich habe immer andre warten lassen. Nun hock ich zwischen leeren Kaffeetassen Und frage mich, ob sich dies alles lohnt.

Es ist so anders als in früheren Tagen. Wir spüren beide stumm: das ist der Rest. Frag doch nicht so. – Es lässt sich vieles sagen, Was sich im Grunde doch nicht sagen lässt.

Halbeins. So spät! Die Gäste sind zu zählen. Ich packe meinen Optimismus ein. In dieser Stadt mit vier Millionen Seelen Scheint eine Seele ziemlich rar zu sein.

Im Jahr 1927 feierte Friedrich Hollaenders Kabarettrevue Bei uns um die Gedächtniskirche rum Premiere. Das Romanische Café war einer der Schauplätze. Willi Schaeffers sang als Romanischer Kellner das Titellied. Anni Mewes sang das Chanson eines verlumpten Mädchens: Zwei dunkle Augen, Zwei Eier im Glas.

1932 komponierte der gerade 23-jährige Siegfried Sonnenschein den Schlager Auf der Terrasse vom Romanischen Café.

Stammgäste (Auswahl)

Walter Benjamin Gottfried Benn Josef Block Bertolt Brecht Arnolt Bronnen Heinz Buchholz Bruno Cassirer Géza von Cziffra Otto Dix Alfred Döblin Hanns Eisler Alfred Flechtheim Herbert Fritsche Gusto Gräser George Grosz Sylvia von Harden Max Herrmann-Neiße Friedrich Hollaender John Höxter Mascha Kaléko Erich Kästner Irmgard Keun Egon Erwin Kisch Arthur Kronfeld Anton Kuh Ruth Landshoff Else Lasker-Schüler Hugo Lederer Max Liebermann Iwar von Lücken Paul Morgan Pem Franz Pfemfert Erich Maria Remarque Joachim Ringelnatz Roda-Roda Christian Schad Moriz Seeler Renée Sintenis Max Slevogt Rudolf Steiner Abraham Nochem Stenzel Erika von Thellmann Ernst Toller Heinz Ullstein Konrad Wachsmann Franz Werfel Billy Wilder Georg Zivier Stefan Zweig

Nachleben in der Kunst Von Gerhard Haase-Hindenberg stammt Romanisches Café. Eine Theaterrevue, Uraufführung 1990, Freie Volksbühne Berlin / Maxim-Gorki-Theater, Berlin.

Tom Peuckert schrieb das Schauspiel Artaud erinnert sich an Hitler und das Romanische Café, Uraufführung 2000 im Berliner Ensemble. Das Monolog-Drama lässt den französischen Schauspieler und Dramatiker Antonin Artaud im Wahnsinn darüber phantasieren, 1932 mit Adolf Hitler im Romanischen Café zusammengetroffen zu sein.

Romanische Cafés Nr. 2 und 3 Im 1965 eröffneten Europa-Center befand sich an gleicher Stelle in den 1970er Jahren ein neues Romanisches Café. Seit 2012 befand sich auf der Westseite der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Hardenbergstraße 28, ein Café, dessen Name ebenfalls an die Tradition des ursprünglichen Romanischen Cafés anknüpfen sollte. Es gehörte zum neu errichteten Hotel Waldorf Astoria im Zoofenster. Mittlerweile (Stand: Juni 2016) wurde das Konzept mehrfach überarbeitet und das Lokal unter dem Namen Roca wiedereröffnet.Waldorf Astoria tischt Neues auf. In: Allgemeine Hotel- und Gastronomiezeitung (Druckausgabe Nr. 2016/23), 11. Juni 2016, abgerufen am 31. August 2016

Ausstellung mini|Ausstellungsraum Das romanische Café, Berlin 2024

Am 5. Januar 2024 eröffnete im Europa-Center die Ausstellung Das Romanische Café im Berlin der 1920er-Jahre, gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung aus Mitteln des Deutschen Bundestages. Sie rekonstruiert das Innenleben des Cafés, die Baugeschichte des Romanischen Hauses II und das stadträumliche Umfeld um die Gedächtniskirche. Für die Ausstellung entstand ein VR-Modell des Romanischen Cafés.Das „Romanische Café“ im Berliner Europa-Center – Im Wartesaal der Poesie. In: Tagesspiegel, 9. Januar 2024; abgerufen am 25. Januar 2025Das Romanische Café kehrt an seinen Ursprungsort zurück. In: Berliner Morgenpost, 4. Januar 2024; abgerufen am 25. Januar 2025

Literatur John Höxter: So lebten wir! 25 Jahre Berliner Bohème. Biko, Berlin 1929. Georg Zivier: Das Romanische Café. Erscheinungen und Randerscheinungen rund um die Gedächtniskirche. Haude & Spener, Berlin 1965. Wolfgang Koeppen: Romanisches Café. Erzählende Prosa. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1972. Brigitte Landes: Im Romanischen Café, Ein Gästebuch. Insel Verlag, 2020, ISBN 978-3-458-19472-9 Gabriele Silbereisen: Das „Romanische Café“ im Neuen Romanischen Haus … In: Historische Kommission zu Berlin (Hrsg.): Charlottenburg, Teil 2, Der Neue Westen. (= Geschichtslandschaft Berlin, Orte und Ereignisse, Band 1.) Nicolaische, Berlin 1985, ISBN 3-87584-143-3, S. 325–335. Hermann-J. Fohsel: Im Wartesaal der Poesie. Else Lasker-Schüler, Benn und andere. Zeit- und Sittenbilder aus dem Café des Westens und dem Romanischen Café. Arsenal, Berlin 1996, ISBN 3-921810-31-0. Jürgen Schebera: Damals im Romanischen Café. Künstler und ihre Lokale im Berlin der zwanziger Jahre. Das Neue Berlin, Berlin 2005, ISBN 3-360-01267-4. Edgard Haider: Verlorene Pracht. Geschichten von zerstörten Bauten. Gerstenberg, Hildesheim 2006, ISBN 978-3-8067-2949-8. Katja Baumeister-Frenzel, Christiane Barz, Michael Bienert et al.: Das Romanische Café im Berlin der 1920er Jahre. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2024, ISBN 978-3-96982-098-8. Christian Buckard: Café Babylon. Berlin, Romanisches Café, 1913–1933. C. H. Beck, München 2026, ISBN 978-3-406-83658-9.

Weblinks

Website des Ausstellungsprojekts 3-D-Rekonstruktion von Jan Schneider (Video)

Einzelnachweise

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