mini|x200px|Stereogramm von Davos, um 1900, von Johannes Meiner Die Davoser Disputation (auch: Streitgespräch von Davos, offizielle Bezeichnung: „Arbeitsgemeinschaft Cassirer – Heidegger“Ernst Cassirer: Nachgelassene Manuskripte und Texte. (ECN), Band 17, Davoser Vorträge. Vorträge über Hermann Cohen, hrsg. von Jörn Bohr und Klaus-Christian Köhnke. Hamburg 2014, „Arbeitsgemeinschaft Cassirer – Heidegger“, S. 108) ist ein in der modernen Philosophiegeschichte berühmter Dialog, den der Kulturphilosoph und Semiotiker Ernst Cassirer und der Seinsphilosoph und Hermeneutiker Martin Heidegger am 26. März 1929 anlässlich der II. Internationalen Davoser Hochschulkurse (vom 17. März bis 6. April) im Hotel Belvédère des Schweizer Luftkurortes austrugen. Auf dem Symposium stand formal die kantische Frage „Was ist der Mensch?“ zum Thema,Salomon Malka: Emmanuel Lévinas: eine Biographie. 2004, S. 60 doch bereits im VorfeldDer Soziologe Gottfried Salomon-Delatour und der Theologe Eberhard Grisebach kündigten das Treffen Cassirer/Heidegger in Briefen an Kollegen als Attraktion an, vgl. Thomas Meyer: Der Mythenberg von Davos. In: Zeitschrift für Ideengeschichte, Band VIII Heft 2, 2014, S. 109–112. zeichnete sich ab, dass nicht nur die Repräsentanten zweier Generationen, sondern auch zweier philosophischer Weltanschauungen aufeinandertreffen würden. Die Kontroverse gilt in der Rezeption oft als Nachklang der Tradition öffentlicher Debatten von Philosophen zur Zeit der Scholastik.

Zur enormen Resonanz, die bis zur Gegenwart in der Fachliteratur anhält, trugen neben der philosophischen Gegensätzlichkeit des Disputs auch die besonderen zeitgeschichtlichen und gesellschaftspolitischen Aspekte bei, wie rückblickend zudem der Umstand, dass sich mit Cassirer und Heidegger an dem mondänen Schauplatz des fünf Jahre zuvor publizierten Romans Der Zauberberg in der letzten Phase vor der Weltwirtschaftskrise und dem Ende der Goldenen Zwanziger Jahre ein bald aus NS-Deutschland fliehender Jude und ein künftiges Mitglied der NSDAP gegenüberstanden.

In diesem Artikel wird die in der Heidegger-Gesamtausgabe publizierte Version des Disputs zugrunde gelegt,Martin Heidegger Gesamtausgabe (HGA) 3, Frankfurt am Main 1973, „Davoser Disputation zwischen Ernst Cassirer und Martin Heidegger“, S. 274–296 die der Cassirer-Nachlassausgabe wird ergänzend hinzugefügt.Ernst Cassirer: Nachgelassene Manuskripte und Texte. (ECN), Band 17, Davoser Vorträge. Vorträge über Hermann Cohen, hrsg. von Jörn Bohr und Klaus-Christian Köhnke. Hamburg 2014, „Arbeitsgemeinschaft Cassirer – Heidegger“, S. 108–119. In einem Fall wird auf die von Guido Schneeberger publizierte Fassung verwiesen.Guido Schneeberger: Ergänzungen zu einer Heidegger-Bibliographie. Bern 1960, „Arbeitsgemeinschaft Cassirer – Heidegger“, S. 17–27.

Vorgeschichte Internationale Davoser Hochschulkurse

Nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg und den Restriktionen, die deutschen Wissenschaftlern auf internationaler Bühne auferlegt worden waren, entstand die Idee, deutsche und französische Forscher auf dem neutralen Boden der Schweiz „im Geiste von Locarno“ zusammenzuführen: Jean Cavaillès sprach daher von einem „Locarno der Intelligenz“.Salomon Malka: Emmanuel Lévinas: eine Biographie. 2004, S. 58 f. Zuvor hatte es schon den Gedanken gegeben, den vielen studentischen Patienten im Luftkurort ein universitäres Angebot zu schaffen, worauf Albert Einstein, der Festredner der ersten Hochschulkurse, 1928 in seinem Vortrag hinwies: „Und doch ist mäßig geistige Arbeit der Gesundung im Allgemeinen nicht abträglich, ja sogar indirekt nützlich (…). In dieser Erkenntnis wurden die Hochschulkurse ins Leben gerufen, welche nicht nur beruflich vorbilden sondern überhaupt zu geistiger Betätigung anregen sollen.“ Gesundheit, Bildung und Völkerverständigung war das kombinierte Anliegen der Hochschultage, und Einstein bekräftigte dabei den frühen Geist einer europäischen Gemeinschaft: „Lasset uns auch nicht vergessen, dass dies Unternehmen in hervorragendem Maße dazu angetan ist, Beziehungen zwischen Menschen verschiedener Nationen herzustellen, die der Erstarkung eines europäischen Gemeinschafts-Gefühls günstig sind.“zit. n. Katja Bruns: Anthropologie zwischen Theologie und Naturwissenschaft bei Paul Tillich und Kurt Goldstein. Göttingen 2011, S. 9, Anm. 8.

Während dieser ersten Hochschulkurse von 1928 kam es am Rande zu einer lebhaften Diskussion zwischen den Theologen Erich Przywara und Paul Tillich zum „Verständnis des Gnadenbegriffs“,Peter E. Gordon: Continental Divide. 2010, S. 93. an der sich auch andere Forscher beteiligten. „Charakter und Dynamik dieser Diskussion galten als Impuls für die Idee, im folgenden Jahr Heidegger und Cassirer miteinander diskutieren zu lassen.“Katja Bruns: Anthropologie zwischen Theologie und Naturwissenschaft bei Paul Tillich und Kurt Goldstein. Göttingen 2011, S. 100. mini|Davoser Café 1928, aus Sicht des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner

Davos 1929 Die geladene Gesellschaft von 1929 Wie schon die Hochschultage von 1928, so waren auch die im Jahr darauf mit hochkarätigen Wissenschaftlern besetzt, zudem mit Studenten, die teils Koryphäen ihres Fachs werden sollten. Unter den rund hundert geladenen Teilnehmern waren Deutsche, Franzosen, Italiener und Schweizer unterschiedlicher Disziplinen: Zu den Dozenten zählten, neben Heidegger und Cassirer, der Philosophieprofessor der Sorbonne Léon Brunschvicg, der Zürcher Philologieprofessor Ernst Howald, der Philosoph und Rektor der Universität von Basel Karl Joël, der aus Pisa kommende Sprachphilosoph Armando Carlini, der zu Benedetto Croce und dem italienischen Idealismus referierte, der Frankfurter Philologieprofessor Karl Reinhardt und der niederländische Philologe und Sprachphilosoph Hendrik Pos. Unter den Studenten waren der Soziologe Norbert Elias, die Philosophen Herbert Marcuse, Rudolf Carnap, Maurice de Gandillac und Joachim Ritter, letzterer lichtete die Begegnung von Cassirer und Heidegger abdie Fotografie von Cassirer und Heidegger in Davos wurde, wie auch der literarische Nachlass von Joachim Ritter, vom Deutschen Literaturarchiv Marbach erworben (Dateinummer: D20130228-004) und ist auf dem und gehörte zu den Protokollanten. Emmanuel LevinasDie Schreibweise weicht von der des hier gelegentlich zitierten Levinas-Biographen Salomon Malka ab: Levinas schreibt seinen Namen aber in hebräischer Schreibung ohne Akzent. Dem schließt sich u. a. Ludwig Wenzler in seiner Ausgabe von Humanismus des anderen Menschen an, vgl. die Begründung S. XXIX; ebenso Thomas Freyer, Richard Schenk (Hrsg.): Emmanuel Levinas – Fragen an die Moderne. Wien 1996; Ulrich Dickmann: Subjektivität als Verantwortung: die Ambivalenz des Humanum bei Emmanuel Levinas und ihre Bedeutung für die theologische Anthropologie. Tübingen/Basel 1999; Adriaan Peperzak: Einige Bemerkungen zum Verhältnis von Levinas und Heidegger. In: Annemarie Gethmann-Siefert (Hrsg.): Philosophie und Poesie: Otto Pöggeler zum 60. Geburtstag. „Obwohl der aus Litauen stammende Levinas die französische Nationalität angenommen hat, schreibt sein Name sich ohne Akzent. In vielen deutschen Kommentaren wird er jedoch zu unrecht französiert.“ und Otto Friedrich Bollnow karikierten die Disputanten in der Abschlussrevue. Neben Ritter und Bollnow fertigten auch die Heidegger-Schüler Hermann Mörchen und Helene Weiss Nachschriften von Teilen des Disputs an. Aus Bern war der Philosoph Arthur Stein angereist, der zu Beginn der Debatte an Heidegger einleitende Fragen stellte.siehe zur Teilnehmerliste: Peter E. Gordon: Continental Divide. 2010, S. 94–100; Dominic Kaegi: Die Legende von Davos. In: Hannah Arendt, Verborgene Tradition – Unzeitgemäße Aktualität? S. 75–86, hier S. 75, Anm. 4; Salomon Malka: Emmanuel Lévinas: eine Biographie. 2004, S. 59.

Die Lesungen vor dem Disput In den Tagen vom 17. März bis zur Debatte am 26. hielten Cassirer und Heidegger Vorlesungen in Davos, die für die folgende Auseinandersetzung zwischen beiden den thematischen Hintergrund bildeten, auf den unverzüglich Bezug genommen wurde.

Heideggers Davoser Kant-Vorlesungen Heideggers drei Davoser Vorträge sollten „die These erweisen: Kants Kritik der reinen Vernunft ist eine, bzw. die erste, ausdrückliche Grundlegung der Metaphysik.“ Mit diesem provozierenden Tenor stellte sich der junge Dozent entschieden gegen „die traditionelle Interpretation des Neukantianismus“, denn die KrV „ist keine Theorie der naturwissenschaftlichen Erkenntnis – überhaupt keine Erkenntnistheorie.“ Die drei Vorträge lagen den ersten drei Kapiteln des noch 1929 publizierten Buchs Kant und das Problem der Metaphysik zugrunde, das Heidegger nach Davos um ein viertes Kapitel erweiterte. Gemeinsam mit der Synopsis der Davoser Vorträge lassen sich Heideggers dortige Vorlesungen so zumindest inhaltlich weitgehend rekonstruieren.„Davoser Vorträge“ (DV), HGA 3, S. 271.

Cassirers Heidegger-Vorlesungen Eine Woche vor der Disputation, am 19. März 1929, hielt Cassirer die „Heidegger-Vorlesungen“, in denen er sich mit dem „Raumproblem, Sprachproblem und Todesproblem“ bei Heidegger befasste.ECN 17, S. 3; in HGA 3, S. XV schreibt Heidegger 1973: „Cassirer hatte in drei Vorträgen über die philosophische Anthropologie, und zwar über das Problem des Raumes, der Sprache und des Todes gesprochen“, verschweigt aber Cassirers Zusatz: „über das Problem … im Anschluss an Heidegger.“ (ECN 17, S. 12) Cassirers Davoser Vorlesungen wurden, wie auch die Disputation, von den Studenten Hermann Mörchen und Helene Weiss jeweils in Form einer Synopsis notiert und erst 2014 in der Nachlassausgabe publiziert. Zunächst behandelte Cassirer den Raum als Heideggers „pragmatischen Raum“,ECN 17, S. 13 bezog sich aber schon bald auf den Biologen Jakob Johann von Uexküll – wie Cassirer Professor in Hamburg – und erörterte den Raum als „Raumbewußtsein“,ECN 17, S. 17. schließlich mit den in seiner Philosophie der symbolischen Formen getroffenen Unterscheidungen in „Ausdrucks-Raum, Darstellungs-Raum, Bedeutungs-Raum“,ECN 17, S. 24 f. wobei Heidegger nicht mehr erwähnt wurde. In Cassirers Heidegger-Vorlesungen zeichnete sich also schon die unterschiedliche Verwendung der Begrifflichkeiten ab, die etwa das letzte Viertel der Disputation in der Woche darauf bestimmen sollte.

Im Fall des „Sprachproblems“ erkennt Cassirer zunächst einen zentralen Gedanken aus Sein und Zeit an und zitiert ihn – „Damit Erkennen als betrachtendes Bestimmen des Vorhandenen möglich sei, bedarf es vorgängig einer Defizienz des besorgenden Zu-tun-habens mit der Welt“ECN 17, S. 27, Anm. c; HGA 2, Sein und Zeit, S. 61 – doch dieses „Sichenthalten“ des zweckgerichteten Denkens, das gemäß Heidegger zum Modus des „Nur-noch verweilen-bei“HGA 2, Sein und Zeit, S. 61 f. leite, des bloßen „Vernehmens des Vorhandenen“, das zwar als „terminus a quo, als Ansatzpunkt“ anzuerkennen sei, kritisiert Cassirer als unvollständig: „Fehlt nicht die Blickrichtung auf den terminus ad quem?“ Und, deutlicher: „Lässt sich bei diesem Anfang stehen bleiben? – oder ist nicht (…) der Schritt vom ›Zuhandenen‹ zum ›Vorhandenen‹ das eigentliche Problem.“ECN 17, S. 28. Der Übergang zur Möglichkeit der Gegenstandskonstitution bleibe bei Heidegger ungeklärt, wobei Cassirer die Sprache meint: „Wir fragen somit: welches ist das Medium, das von der Welt des bloss Zuhandenen zu der des Vorhandenen, von der bloßen „Zeughaftigkeit“ zur echten „Gegenständlichkeit“ herüberführt? Und als das allgemeine Medium bezeichnen wir hierbei die Welt der symbolischen Formen. Aber wir können hier nicht auf die Gesamtheit dieser Formen reflektieren – sondern wir greifen aus ihr nur e i n e wesentliche u[nd] entscheidende heraus: wir betrachten die Welt der Sprache.“ECN 17, S. 33.