mini|hochkant=1.5| mini|Geräuschkulisse in der Kirche

Die evangelische St.-Marien-Kirche (Eigenschreibweise der Kirchengemeinde St. Marienkirche; Kirchenkreis Berlin Stadtmitte) befindet sich an der Karl-Liebknecht-Straße im Park am Fernsehturm im Berliner Ortsteil Mitte, in der Nähe des Alexanderplatzes. Sie ist die älteste noch sakral genutzte städtische Pfarrkirche Berlins, eines von ursprünglich sechs mittelalterlichen Kirchengebäuden in der historischen Mitte Berlins, im ehemals dicht bebauten Marienviertel.

Baugeschichte mini|Platz am Zeughaus mit Blick in die Straße Unter den Linden,Gemälde von Carl Traugott Fechhelm1788: Blick zum alten Dom, links das Zeughaus, mittig die Marienkirche, rechts das Stadtschloss

mini|Gotisches Hauptportal mit Toren aus getriebenem Kupfer und eingearbeiteter Kreuzsymbolik von Achim Kühn

Am 3. Januar 1292 wurde die Kirche erstmals urkundlich als Pfarrkirche erwähnt (ecclesia St. Marie virginis, „Kirche der heiligen Jungfrau Maria“), nach Meinung von Architekturexperten entstand sie um 1270.Joachim Schulz, Werner Gräbner: Architekturführer DDR. Berlin. VEB Verlag für Bauwesen, 1974, S. 43. Sie befindet sich in der Berliner Neustadt am Neuen Markt – unweit der älteren altstädtischen Pfarrkirche St. Nicolai.

Die Grundmauern der Marienkirche bestehen aus Feldsteinen, über denen eine Hallenkirche aus roten Ziegeln im Stil der märkischen Backsteingotik errichtet wurde. Der 48 Meter hohe Turmhelm besitzt einen Unterbau aus Rüdersdorfer Muschelkalk. Nach Brandschäden erneuerte die Kirchengemeinde 1663–1666 den Turmaufbau nach Plänen und unter Leitung von Michael Mathias Smids im Barockstil. Die heutige Turmspitze ist das Resultat einer Überformung durch Carl Gotthard Langhans aus dem Jahr 1789 im Stil der Neogotik.

Eine umfassende Restaurierung und Umgestaltung des Sakralbaus erfolgte 1893–1895 durch Hermann Blankenstein. Nach der Beseitigung der Kriegsschäden des Zweiten Weltkriegs ließ die DDR 1969/1970 den Bau ein weiteres Mal im Zuge der vollendeten Neugestaltung des Alexanderplatzes und dessen Umfeldes restaurieren. Zu dieser Zeit wurden u. a. die Eingangsportale aus räumlich getriebenem Kupfer durch den Berliner Kunstschmied und Metallbildhauer Achim Kühn neu geschaffen. Das Kreuzsymbol ist in den Portalen künstlerisch eingearbeitet.

Im Jahr 1938 trat die evangelische Gemeinde Berlins die Nikolaikirche an die Stadt Berlin ab, sodass damit die Marienkirche die älteste Berliner Predigtstätte wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie eine der wenigen Großkirchen, die noch genutzt werden konnten. Die Kirche diente im Krieg den alliierten Bomberpiloten als zentraler Orientierungspunkt für ihre Luftangriffe, wodurch auch zu erklären ist, warum sie – anders als das Umfeld – nicht zerstört wurde.

Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts ist die Marienkirche Predigtstätte der Evangelischen Kirchengemeinde St. Petri-St. Marien. Zugleich ist sie Veranstaltungsort des Kirchenkreises Berlin Stadtmitte und der Berliner Landeskirche sowie Ort für Hochschulgottesdienste, ökumenische Gottesdienste und kirchenmusikalische Veranstaltungen. Eine besondere Tradition hat das zu Heiligabend gegen 22 Uhr stattfindende Orgelkonzert mit Bibellesungen. In der DDR der 1980er Jahre galt die Teilnahme daran als Bekenntnis der intellektuellen Blueserszene zur Friedensbewegung („Schwerter zu Pflugscharen“).

Nach den Kriegszerstörungen und der großflächigen Umgestaltung des Berliner Stadtkerns im Bereich zwischen der Stadtbahn, der Karl-Liebknecht-Straße, der Rathausstraße und der Spree in den 1960er Jahren befindet sich die Marienkirche seit dem beginnenden 21. Jahrhundert in einer städtebaulich völlig veränderten Situation. Während sie bis 1945 noch den engbebauten Stadtraum am ehemaligen Neuen Markt beherrschte, steht sie nunmehr als Solitärgebäude in einer von vielgeschossigen Neubauten umgebenen großräumigen Freifläche, die von dem 1969 eröffneten Fernsehturm dominiert wird. Nachdem die im Krieg nicht zerstörten Altbauten in ihrer Umgebung abgerissen und der noch aus dem Mittelalter stammende Stadtgrundriss aufgegeben wurde, ist die Marienkirche in diesem Teilbereich die einzige sichtbare Erinnerung daran, dass sich hier der historische Stadtkern von Berlin befindet.

Das Kirchengebäude steht auf der ursprünglichen Höhe des mittelalterlichen Bodenniveaus. Die jahrzehntelang am Eingang spürbare Differenz von etwa 1,50 Meter ist auf eine Geländeaufschüttung zu DDR-Zeiten zurückzuführen.Darstellung. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Bei Umgestaltungsarbeiten im Umfeld des Gotteshauses 2014–2017 wurde durch eine teilweise Bodenabsenkung die ursprünglich ebenerdige Lage der Kirche wieder besser deutlich gemacht.Darstellung der Senatsverwaltung für StadtentwicklungNeugestaltung des Rathausforums – Die Marienkirche erhält einen Hof. In: Berliner Zeitung, 4. April 2014.

Architektur

Kirchenschiff mini|hochkant|Blick in das Mittelschiff zu Kanzel und Hauptaltar

Das Kirchengebäude ist eine dreischiffige Hallenkirche. Außer dem einschiffigen Chor mit einem gut erhaltenen Sterngewölbe verfügt sie über eine Gruft mit einer zweigeschossigen Gruft-Kapelle. Das Langhaus verfügt über achteckige und gebündelte Pfeiler, deren Kapitelle keine Ornamentik zeigen. Es wird von einem Kreuz- und Netzgewölbe überspannt.

Kirchturm und Glocken Der Westturm wurde Anfang des 15. Jahrhunderts begonnen, nachdem ein früherer Turm eingestürzt war. Die Bauforschung konnte fünf mittelalterliche Bauphasen unterscheiden. Der Unterbau – etwa so breit wie das Schiff und ebenfalls dreischiffig, aber geringfügig nach Norden versetzt – wurde im Abstand von über zwei Metern vom Langhaus errichtet und erst nach Fertigstellung mit ihm verbunden. Das Mauerwerk des Turms ist zweischalig. Außen besteht es im unteren Bereich aus Feldsteinen mit Backsteinkanten, im oberen aus Rüdersdorfer Muschelkalk. Das Innenmauerwerk hingegen ist unten zu großen Teilen, oben ganz in Backstein ausgeführt. Die Fenstergewände bestehen im unteren Kalksteingeschoss ebenfalls aus Kalkstein, in allen übrigen aus Backstein. Das mittelalterliche Westportal wurde im 19. Jahrhundert durch ein neugotisches ersetzt, das bei der Renovierung der Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg von einigen historistischen Schnörkeln befreit wurde (siehe Weblink).

In den Jahren 1789 und 1790 erfuhr das Gotteshaus insgesamt eine umfangreiche Umgestaltung. Der Turm erhielt nach einem Entwurf von Carl Gotthard Langhans einen Turmhelm im neugotischen Stil und seine jetzige Gesamthöhe von rund 90 Metern.kirchbau.de Die Bauleitung hatten dabei Carl Samuel Held und Georg Friedrich Boumann.

Die Kirche besitzt fünf Kirchenglocken in den Schlagtönen g°, h°, cis′, e′ und e″. Die vier großen Glocken hängen an gekröpften Jochen. Die große Glocke (g°) wurde 1705 von Johann Jacobi gegossen. Sie wiegt etwa 6000 kg bei einem Durchmesser von 2080 mm. Diese Glocke wurde ursprünglich für den damaligen Berliner Dom gegossen und 1742 in die Marienkirche gebracht, weil der Dom und seine Türme baufällig waren und deshalb auch 1747 abgerissen wurden.

Ausstattung

Totentanz mini|Berliner Totentanz, unfertige 3D-Rekonstruktion Eines der bedeutendsten erhaltenen mittelalterlichen Kunstwerke Berlins stellt das Totentanzfresko in der Turmhalle der Kirche dar.

Das 22,6 Meter lange und zwei Meter hohe Wandbild zeigt einen Reigen aus geistlichen und weltlichen Ständevertretern, die sich in einem Schreittanz mit jeweils einer Todesgestalt befinden. Die Darstellung geht auf Vorlagen aus vorher entstandenen Totentänzen in Lübeck und möglicherweise auch in Hamburg zurück. Über die Entstehung des Freskos gibt es keine schriftliche Überlieferung. Daher hat man durch eingehende Untersuchungen des Kunstwerks Informationen über dessen Ursprung zu gewinnen versucht. Verschiedene Rückschlüsse ermöglichen eine Datierung in etwa auf das Pest­jahr 1484.

Die Besonderheit der Darstellung liegt in ihrer geometrischen Anordnung, die sich vom Westeingang, dann verwinkelt über den Pfeiler, die Westwand und die Nordwand fast in die Kirche hineinzieht. Die geistlichen und weltlichen Ständevertreter werden durch eine Kreuzigungsszene, welche das Zentrum der Darstellung bildet, getrennt. Die dazugehörigen Textverse stellen die älteste Berliner Dichtung dar. In den Versen beklagen die Ständevertreter ihr Leid und bitten den Tod um einen Aufschub. Die Verse sind in der plattdeutschen Sprache gehalten, die die Berliner noch bis in die Neuzeit sprachen, und enthalten ein franziskanisch geprägtes Weltbild, das sich auch in der Trennung von geistlichen und weltlichen Ständevertretern niederschlägt. Der Reigen selbst wird von einem predigenden Franziskaner eröffnet – daher vermutet man als Künstler des vom Berliner Bürgertum in Auftrag gegebenen Wandbildes einen Franziskaner. Diese Vermutung wird dadurch erhärtet, dass in diesem Zeitraum Bauarbeiten am Grauen Kloster der Franziskaner in Berlin durchgeführt wurden.Zur Bernhardintafel aus der Franziskanerkirche siehe Burkhard Kunkel: Die Kunst der lutherischen Kirchen im 16. Jahrhundert. Medien, Mitteldinge, Monumente – eine Geschichte der materiellen Kultur. Gebr. Mann Verlag, Berlin 2020, ISBN 978-3-7861-2848-9, S. 225–226 und 320.

Der Totentanz wurde wahrscheinlich in der Reformations­zeit mit Kalk übertüncht und erst im Jahr 1861 durch den Hofbaurat Friedrich August Stüler wiederentdeckt. Es wurde von Heinrich Fischbach restauriert. Heute befindet sich das Wandbild in keinem guten Zustand. Die Darstellung ist durch die Nässe im Mauerwerk stark verblasst und wird durch eine Glaswand geschützt.

Altar mini|hochkant|Blick in den Chorraum

Der Hochaltar wurde um 1762 von Andreas Krüger im Stil des Barock geschaffen. Mit seiner monumentalen Größe trennt er das Polygon vom Rest des Chores, sodass jenes als Sakristei genutzt werden kann. Den Altar zieren drei, von kompositen Säulen gerahmte Gemälde von Bernhard Rode. Links ist Jesu Gebet am Ölberg dargestellt, rechts die Szene, wie Thomas seine Finger in die Seitenwunde Christi legt. Über dem zentralen Bild der Kreuzabnahme erhebt sich im Giebel des Altares eine plastische Darstellung eines liegenden, auf sein Kreuz gestützten Salvators, der von zwei Engeln verehrt wird.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gelangten zahlreiche Kunstgegenstände aus der zerstörten Nikolaikirche und der ebenfalls zerstörten Franziskanerklosterkirche in die Marienkirche. Ein um 1520 entstandener Marienaltar aus der Franziskanerkirche wurde 2004 mit Zustimmung des Denkmalamtes an das Kloster Stift zum Heiligengrabe verliehen.Nikolaus Bernau: Die Stadt Berlin als Altar-Verleih: St. Marien. In: Berliner Zeitung, 26. Mai 2004. Nach einer öffentlich geführten Debatte über den zunächst auf unbestimmte Zeit geschlossenen Leihvertrag wurde die Rückkehr des Altars nach Berlin vertraglich festgeschrieben und der Leihvertrag entsprechend zeitlich befristet.Uwe Aulich: Der Marienaltar soll in einigen Jahren nach Berlin zurückkehren: Eine Leihgabe auf Zeit. In: Berliner Zeitung, 22. Juli 2004. Im Februar 2014 befand sich der Altar noch in Heiligengrabe.

Taufbecken und Kanzel Vor dem Altar, in der Mitte des Chorraums hat das gotische Taufbecken, ein Bronzeguss von 1437 seinen Platz. Es steht auf vier, wie Drachen ausgearbeiteten, Füßen. Der Korpus wird von 16 reliefartig ausgearbeiteten Heiligen geziert, die in Maßwerkbögen stehen.