Die Stoatley Rough School war eine 1934 von Hilde Lion mit Hilfe der englischen Quäker, und insbesondere der Hilfe von Bertha Bracey, gegründete Schule, durch die aus dem Deutschen Reich geflüchtete Kinder an das britische Bildungssystem herangeführt werden sollten. Sie gehört zum Kreis der von geflüchteten Deutschen oder bereits im Ausland lebenden Nazigegnern gegründeten Schulen im Exil. Die Schule hatte ihren Sitz in dem Ort Haslemere in Südengland.

Die Gründung der Stoatley Rough School Anders als viele andere nach 1933 entstandenen Schulen im Exil ist die Stoatley Rough School keine Gründung von deutschen Schul- oder Landerziehungspädagogen. Sie beruht viel mehr auf der Initiative einer Frau, die aus der Sozialarbeit und Sozialpädagogik und aus der Frauenbewegung kam.

Aufgrund ihrer jüdischen Abstammung musste Hilde Lion 1933 ihre Arbeit an der Deutschen Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit aufgeben und emigrierte nach Großbritannien. Wie und wo in diesem Kontext die Idee entstand, in England eine Schule zu gründen, ist nicht belegt. Auf der Webseite 1934 – The Founding of Stoatley Rough School1934 – The Founding of Stoatley Rough School heißt es nur, Hilde Lion habe im Dezember 1933 Kontakt zu den englischen Quäkern aufgenommen und diese um Unterstützung für ihre Pläne gebeten, eine kleine Schule aufzubauen, die deutsche Flüchtlingskinder auf den Unterricht in englischen Schulen vorbereiten solle. An anderer Stelle heißt es, Hilde Lion sei am 17. November 1933 mit der Absicht nach England gekommen, um hier über vergleichende Pädagogik zu forschen. Sie habe zu dem Zeitpunkt bereits in Kontakt zum Germany Emergency Committee (G.E.C.) gestanden und angefangen, für das Komitee als Beraterin zu arbeiten.

Das G.E.C. habe der Idee für diese Schule begrüßt, sei allerdings finanziell nicht in der Lage gewesen, sie zu unterstützen. Die Leiterin des G.E.C. jedoch, Bertha Bracey, machte Hilde Lion mit „Mrs. Vernon of Hampstead“ bekannt, die ihrerseits dem G.E.C. ein voll möbliertes Haus in Haslemere angeboten hatte, das für wohltätige Zwecke mietfrei zur Verfügung stand. Hilde Lion nahm das Angebot an und startete im März und Mai 1934 eine Spendenkampagne, um die Schulgründung finanzieren zu können.

Frau Vernon und Bertha Bracey wurden Mitglieder des Schulrats und des Schulkomitees. Bertha Bracey blieb der Schule bis zur Schließung im Jahr 1960 eng verbunden.

Im April 1934 folgte die Eröffnung der Schule mit folgender öffentlichen Ankündigung:

Das pädagogische Leitungsteam Baumel-Schwartz weist auf die große Abhängigkeit der in England arbeitenden Exilschulen von privaten Gruppen und mehr noch von religiösen, wie denen der Quäker, hin. Da das Quäker-Engagement aber sehr stark von Frauen getragen worden ist, erkennt sie darin nicht nur eine Frage des religiösen Engagements, sondern sie sieht hier auch eine geschlechtsspezifische Komponente. Sie verweist darauf, dass, wie bei vielen Flüchtlingsorganisationen insgesamt, Frauen oft deren Hauptstützen waren – so auch bei den im Umfeld der Flüchtlingsorganisationen entstandenen Schulen. Baumel-Schwartz benennt als Ursache hierfür einerseits traditionelle geschlechtsspezifische Verhaltensweisen in Bezug auf die Rollen von Frauen in der Kinderbetreuung und der Kindererziehung, andererseits aber auch die Tatsache, dass die Bildungssphäre in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg einer der wenigen Bereiche war, der Frauen gesellschaftlich legitimierte Aussichten zur Übernahme von Verantwortung bot.Judith Tydor Baumel-Schwartz: Never look back, S. 32–33 Hinzu kamen aber auch persönliche Charakterzüge, die Feidel-Mertz so beschreibt: „Strong women, both as individuals and in groups, exercised an important function in the exile schools.“Hildegard Feidel-Mertz: Integration and Formation of Identity, S. 75. „Starke Frauen, sowohl als Individuen als auch in Gruppen, übten eine wichtige Funktion in den Exilschulen aus.“

Dass solche starke Frauen es gelegentlich mal an der erforderlichen Sensibilität fehlen lassen können und zu einem leicht übergriffigen Verhalten fähig sind, versucht Christiane Goldenstedt an den Auseinandersetzungen Hilde Lions mit Helmut Kuhn und dessen Frau zu zeigen. Der siebenjährige Sohn der Kuhns, Reinhard, besuchte um die Jahreswende 1938/1939 kurze Zeit die Stoatley Rough School, fand sich dort aber nicht zurecht und wollte nicht länger dorthin gehen. Die Eltern akzeptierten den Willen ihres Kindes, nicht aber Hilde Lion. Sie machte den Eltern heftige Vorwürfe, sprach der Mutter gar die Fähigkeit ab, Verantwortung für ihr Kind übernehmen zu können und pochte auf ihren Sachverstand, nachdem sie am besten Wisse, was gut für den Jungen sei. Dass Hilde Lion schließlich einlenkte, ist nicht zuletzt der Vermittlung von Gertrud Bing zu verdanken. Diese bezahlte aus Geldern, die Anita Warburg, die Schwester von Eric M. Warburg, zur Verfügung gestellt hatte, einen Teil des Schulgeldes für den Sohn der Kuhns und war mit Hilde Lion befreundet.Christiane Goldenstedt: „Du hast mich heimgesucht bei Nacht.“, S. 41–62. über Google-Books kann die materialreich dokumentierte Kontroverse weitgehend nachvollzogen werden. Liest man die bei Goldenstedt abgedruckten Dokumente, dann lernt man eine Hilde Lion kennen, die Hans Loeser (28. September 1920 bis 15. Mai 2010), ein ehemaliger Schüler der Stoatley Rough School – neben aller Bewunderung und Dankbarkeit – so beschrieb: „Unglücklicherweise Konnte sie das Leben denjenigen schwer machen, die sie aus irgendeinem Grund nicht mochte, oder – häufiger – denjenigen, den sie in eine falsche Schublade gesteckt hatte, als, sagen wir, potenziellen Landwirte, oder als nicht geeignet – oder nur geeignet – für die akademische Arbeit. Sobald man in ihrem Gedächtnis eingestuft worden war, war es schwer, diese Einstufung zu durchbrechen, auch wenn die Einstufung nicht paßte.“Hans Loeser’s Stoatley Rough MemoriesIm Original: „She was unfortunately also able to make life hard for those whom she didn't like for some reason or – more often – those whom she had wrongly pigeonholed as, say, potential farmers, or as not suited – or only suited – for academic work. Once one became classified in her mind, it was hard to break out even though the classification didn't fit.“ Loesers gesamte Erinnerungen verweisen immer wieder darauf, dass dieses „In eine Schublade stecken“ kein nebensächlicher Charakterzug von Hilde Lion gewesen ist, sondern existentielle Bedeutung für viele Schülerinnen und Schüler hatte, die an der Stoatley Rough School aufgenommen werden wollten. Sie führte mit jeder Schülerin und jedem Schüler teils mehrstündige Aufnahmegespräche und entschied danach, ob jemand für die auf einen höheren Schulabschluss hinführende Ausbildung geeignet sei, oder für die praktischen Bereiche, Hauswirtschaft und Landwirtschaftsausbildung.

Dennoch sind die Frauen, die die Stoatley Rough School aufgebaut haben, ein Beleg sowohl für die These von den starken Frauen als auch für die These von den Frauen als „mainstays“, Hauptstützen, der Flüchtlingsarbeit und damit verbunden der Arbeit mit Kindern und jugendlichen Flüchtlingen: Bertha Bracey von der Quäkerseite her, und von deutscher Seite her dann die, die als „The Five Principal Teachers at Stoatley Rough“ gelten. Neben Hilde Lion sind das: Eleonore Astfalck (1900–1990)Sie musste 1933 aus politischen Gründen Deutschland verlassen und ging zunächst zusammen mit einer jüdischen Familie in die Schweiz. Dort erreichte sie das Angebot von Hilde Lion zur Mitarbeit an der Stoatley Rough School. Am 19. März 1934 traf sie dort ein und übernahm die Stelle einer „Hausmutter“ und als Lehrerin für Hauswirtschaft. Sie kehrte 1946 nach Deutschland zurück. Johanna Nacken (1896–1963)Sie ist von den fünf Frauen die unbekannteste. Doch hat sie, wie einige der anderen Frauen auch, in den 1920er Jahren an den damals reformfreudigsten und sozial engagiertesten sozialpädagogischen Einrichtungen ihre Ausbildung erhalten und dort auch nach ihrer Ausbildung unterrichtet. Vermutlich ist sie aber die einzige der fünf Frauen, die nicht aufgrund einer eigenen Bedrohung durch die Nazis in die Emigration ging, sondern aufgrund ihrer sehr engen persönlichen Beziehung zu Eleonore Astfalck, der sie ab dem Ende der 1920er Jahre privat und beruflich jahrzehntelang verbunden blieb.In seinen Erinnerungen beschreibt Hans Loeser Eleonore Astfalck und Johanna Nacken als „Miss-Astfalck-and-Miss-Nacken (a twosome that, as I soon understood, was more than the sum of one plus one)“. Emmy Wolff (1890–1969)Über Emmy Wolff existiert in der deutschsprachigen Wikipedia noch kein eigener Beitrag. Ihre Biografie ist aber umfassend dargestellt auf der Webseite des „Kölner Frauengeschichtsverein e.V.“: Emmy Wolff. Luise Leven (1899–1983)Sie war Musikwissenschaftlerin und Musikpädagogin und lernte die Schule 1934 während einer „summer school“ kennen. Als Jüdin musste sie 1939 ihre Heimatstadt Krefeld verlassen und erhielt auf Vermittlung von Hilde Lion eine Aufenthaltsgenehmigung für England. Sie wurde zur Musiklehrerin der Schule und später zu deren stellvertretenden Leiterin.

Hans Loeser kam 1937 als Schüler an die Stoatley Rough School, seine Schwester Lise Anfang 1938, nachdem sie zuvor für einige Zeit das Alpine Schulheim am Vigiljoch besucht hatte. Loeser wurde später ein bekannter Anwalt in Boston, dem seine Aktivitäten gegen den Vietnam-Krieg die Feindschaft von Richard Nixon einbrachten.Nixon „enemy“'Hans Loeser: admired, civic-minded lawyer In seinen Erinnerungen an seine Schulzeit an der Stoatley Rough charakterisiert er vier der „Principal Teachers“ (Luise Leven war noch nicht angekommen) folgendermaßen:

Luise Leven, die 1939 als Lehrerin an die Stoatley Rough School kam (die Jahre davor hatte sie sie bereits zu „summer schools“ besucht), kann man dieser Charakterisierung folgend, getrost der Intellektuellen-Fraktion innerhalb der „Principal Teachers“ zurechnen.

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Schule Herta Lewent (* 1921) war seit 1937 Hilde Lions Sekretärin. Eigentlich wollte sie ihre schulische Ausbildung an der Stoatley Rough School fortsetzen, doch Hilde Lion hatte sie zur Schulsekretärin bestimmt und erlaubte ihr nicht, am Unterricht teilzunehmen. Sie wurde 1944 die Ehefrau von Hans Loeser.Nixon „enemy“'Hans Loeser: admired, civic-minded lawyer

Hans Loeser erwähnt in seinen Erinnerungen auch zwei englische Lehrer der Schule: Miss Dove († 1997), die nach ihrer Heirat Margaret Faulkner hieß und an den späteren Altschülertreffen teilnahm. Loeser schildert sie als eine junge und sehr aufgeschlossene Lehrerin, die erst kurz vor dem Jahr 1937 ihre Ausbildung beendet hatte, und nun englische Literatur und Geschichte unterrichtete. Col. Hamilton (vermutlich Colonel Hamilton), den Mathematiklehrer der Schule. Hamilton war laut Loeser ein rigider ehemaliger Armeeangehöriger mit knapper Sprache. Mathematik sei ihm eine Sache gewesen, die man auswendig lernen müsse, aber niemals hinterfragen dürfe. Ideen hätten mit ihr nichts zu tun; wichtig sei: Das Mathematikbuch lesen, zuhören und sich alles einprägen.

Das pädagogische Konzept