Elektronikschrottverarbeitung in Guiyu findet im gleichnamigen Guiyu () in der Provinz Guangdong von China statt, einer Agglomeration aus vier angrenzenden Dörfern mit der Gesamtgröße von rund 52 Quadratkilometern, die weithin als größter Elektronikschrottplatz der Welt gesehen wurdeTim Johnson: E-waste dump of the world, The Seattle Times, 9. April 2006. und als „Hauptstadt“ des Elektronikschrotts bezeichnet wurde.
Im Jahr 2005 waren rund 60.000 Menschen mit der Verwertung von Elektronikschrott in der Größenordnung von täglich rund 100 LKW-Ladungen beschäftigt.Xinhua General News Service: China Daily: Chinese recycling base in pursuit of sustainable development Der Umgang mit und die Verarbeitung von schädlichen und toxischen Elektronikabfällen ohne hinreichenden Schutz für Umwelt und die Beschäftigten führte zum Spitznamen „elektronischer Friedhof der Welt“ für die Region.Miranda Yeung: There's a dark side to the digital age, South China Morning Post 21. April 2008. Bei den Maßnahmen im Jahr 2015 wurde für die Verarbeitung von jährlich etwa 4 Mio. t Elektroschrott geplant.
Gesundheitsbeeinträchtigungen (insbesondere vor 2015) Viele der primitiven Recycling-Methoden in Guiyu setzen Gifte frei und gefährden die Gesundheit der Beschäftigten. (PDF 2017, 2,3 MB) Überdurchschnittliche Fehlgeburtsraten sind in der Region gemeldet. Arbeiter brechen mit bloßen Händen elektronische Geräte und Komponenten auf, um wiederverwendbare Teile einschließlich Chips zu entnehmen. Leiterplatten werden „gekocht“, um Chips und Lote zu entfernen, Drähte und andere Kunststoffe abzuschwelen und Metalle wie Kupfer und Silber herauszulösen. Mit gefährlichen, hochkorrosiven Säurebädern wird an den Flussufern das Gold aus den Mikrochips extrahiert. Dort wird auch Toner aus Patronen und Druckern gewaschen. Kinder sind der mit polychlorierten Dibenzodioxinen und Dibenzofuranen („Dioxinen“) belasteten Asche ausgesetzt. Der Rauch rund um Guiyu schlägt sich in der Umgebung nieder. Im Boden haben sich Blei, Chrom, Zinn und andere Schwermetalle angereichert. Die weggeworfene Elektronik liegt in vergifteten Senken, aus denen Wasser versickert und das Grundwasser unbenutzbar macht. Trinkwasser wird daher aus anderen Regionen bezogen. Die Bleiwerte im Sediment liegen nach Angaben des Basel Action Networks über dem Doppelten der europäischen Grenzwerte. 25. Februar 2002 (PDF; 2,8 MB). 80 % der Kinder leiden an einer Bleivergiftung, ihr Blut ist im Durchschnitt 54 % höher mit Blei belastet als dasjenige von Kindern in der nahe gelegenen Stadt Chendian.George Monbiot: From toxic waste to toxic assets, the same people always get dumped on. In: The Guardian. 21. September 2009.Liangkai Zheng, Kusheng Wu, Yan Li, Zongli Qi, Dai Han, Bao Zhang, Chengwu Gu, Gangjian Chen, Junxiao Liu, Songjian Chen, Xijin Xu, Xia Huo: Blood Lead and Cadmium Levels and Relevant Factors Among Children from an E-Waste Recycling Town in China. In: Environmental Research. 108, 2008, S. 15–20, doi:10.1016/j.envres.2008.04.002. Asche und Plastikmüll häufen sich nahe den Reisfeldern und Deichen des Flusses Lianjiang.
Im Jahr 2008 bewertete eine Studie das Ausmaß der Schwermetallbelastung in dem Gebiet: Mit Hilfe von Staubproben analysierten Wissenschaftler mittlere Schwermetallkonzentrationen in einer Werkstatt in Guiyu und stellten fest, dass die Konzentrationen von Blei und Kupfer im Vergleich zu 30 km entfernten Gebieten 371 bzw. 115 Mal höher waren.Anna O. W. Leung, Nurdan S. Duzgoren-Aydin, K. C. Cheung, Ming H. Wong: Heavy Metals Concentrations of Surface Dust from e-Waste Recycling and Its Human Health Implications in Southeast China. In: Environmental Science & Technology. 42, 2008, S. 2674–2680, doi:10.1021/es071873x. Die gleiche Studie ergab, dass Sedimente aus dem nahe gelegenen Fluss Lianjiang mit polychlorierte Biphenylen (PCB) dreimal stärker verunreinigt sind, als es eine Leitlinie vorsieht.
Auch im Jahr 2014 fand eine Untersuchung der südchinesischen Universität Shantou Schwermetalle in Luft und Wasser sowie hohe Bleiwerte im Blut von Kindern.
Wirtschaftliche Gründe für die Entsorgung in Guiyu Ökonomische Anreize, strenge Umweltschutzregelungen oder auch fehlende oder nicht umgesetzte erzwungene Bestimmungen in den Herkunftsländern und die Globalisierung des Müllhandels führen zum Export von Elektronikschrott. Aufgrund der Basler Konvention dürfen seit 1989 keine defekten Elektrogeräte exportiert werden. Die Wertschöpfung mit Teilen der ausgedienten Elektronik sind ein Anreiz für Menschen, aus anderen Provinzen nach Guiyu zu ziehen und dort zu arbeiten. Der durchschnittliche Beschäftigte, Erwachsener oder Kind, erwirtschaftet am Tag bei einer durchschnittlichen Arbeitszeit von sechzehn Stunden knapp 1,50 USD (oder 17 US-Cents pro Stunde) mit dem Teilerecycling oder der Rohstoffrückgewinnung. Selbst dieser relativ kleine Gewinn ist genug Motivation für die Arbeiter, ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen.Waste not want not? In: Business Daily Update.
Landwirtschaft Das Dorf Guiyu, das einst vom Reisanbau lebte, auf theforbiddenknowledge.com. ist durch die Verschmutzung nicht mehr in der Lage, genießbare Lebensmittel anzubauen. Das Wasser des Flusses ist für die Gewinnung von Trinkwasser nicht mehr geeignet. Ein im Rahmen der Maßnahmen nach 2013 begonnenes Pilot-Projekt zur Behandlung von 14 Hektar schwer belastetem Boden wurde nicht fortgeführt, obgleich die Kosten nur einen kleinen Bruchteil (12 Millionen von 1,5 Milliarden Yuan) des neuen Industrieparks ausmachten.
Berichterstattung Die Situation Guiyus als Drehscheibe von Elektronikschrott wurde erstmals im Dezember 2001 von dem gemeinnützigen Basel Action Network dokumentiert, das mit seinem Bericht und dem Dokumentarfilm Exporting Harm die Praxis der Giftmüllabfuhr in Entwicklungsländer aufzeigt. Die durch diesen Bericht und die anschließenden wissenschaftlichen Studien aufgeworfenen Gesundheits- und Umweltfragen haben internationale Organisationen wie das Basel Action Network und später Greenpeace sowie dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen und das Basler Übereinkommen stark betroffen. Die Mediendokumentation von Guiyu wird von der chinesischen Regierung aus Angst vor der Exposition oder aus rechtlichen Maßnahmen streng geregelt. Zum Beispiel dokumentierte eine Novembersendung von 60 Minutes, einem populären US-Fernsehnachrichten-Programm, die illegalen Sendungen elektronischer Abfälle von Recyclern in den USA nach Guiyu. Während der Dreharbeiten an illegalem Recycling-Müll vor Ort in Guiyu versuchten Vertreter der chinesischen Recycler ohne Erfolg, die Aufnahmen des 60-Minutes-Fernsehteams beschlagnahmen zu lassen.Following The Trail Of Toxic E-Waste. cbsnews.com Greenpeace hat mit verschiedenen Methoden gegen die Umweltauswirkungen des Elektroschrottrecyclings in Guiyu sensibilisiert und protestiert, darunter dem Bau einer Statue aus in Guiyu gesammeltem Elektroschrott und dem Transport einer LKW-Ladung von in Guiyu entsorgtem Elektroschrott zurück zum Hauptsitz von Hewlett-Packard. Greenpeace machte Lobby gegen große Unternehmen der Unterhaltungselektronik, die Verwendung giftiger Stoffen in ihren Produkten möglichst einzustellen.Tschang Chi-Chu: Greenpeace launches e-waste drive in China (Microfilm Rolle NL26190 eresources.nlb.gov.sg) The Straits Times. 24. Mai 2005.
Der chinesische Autor Qiufan Chen veröffentlichte 2013 den Science-Fiction-Roman „Die Siliziuminsel“, für den die Deponie in Guiyu als Vorbild diente.
Bereinigungsmaßnahmen ab 2005 Bis 2007 hatte sich die Situation in Guiyu nur wenig verändert, obwohl die chinesische Zentralregierung bemüht war, den lange andauernden Import von Elektroschrott zu unterbinden und das Verbot durchzusetzen. Danach erstellte Studien belegen in der Region einige der weltweit höchsten Umweltbelastungen mit Dioxin. Durch die Arbeit der Aktivistengruppen entwickelte sich eine Bewusstseinsbildung für die Situation. Ihre und die Arbeit der Presse ist von Regierung und Polizei nicht gerne gesehen. Die mit dem Schrott beschäftigten Arbeiter stammen überwiegend aus ländlichen Gegenden.Nicola Albrecht: Tödlicher Müll in China, ZDF auslandsjournal 2013
Schon 2005 waren von der Gemeindeverwaltung von Guiyu Dekrete erlassen worden, die das Abschwelen von Elektroschrott in offenen Feuern und das Auflösen von Bauteilen in Schwefelsäure verbieten. Es wurden Kontrollen und Geldstrafen bei Verstößen angekündigt. In diesem rechtlichen Rahmen wurden über 800 Kohleöfen rückgebaut, wodurch die Luftqualität wieder die für Wohngebiete akzeptable Stufe II erreichte. auf unep.org.
Das Umfassende System zur Lösung der elektronischen Abfallverunreinigung der Region Guiyu der Stadt Shantou, () wurde 2013 von der Provinzregierung Guangdong genehmigt. Recycling in neuem Industriepark ab 2015 Für 233 Millionen US-Dollar wurde ein neuer Industriepark angelegt, der eine geplante Verarbeitungskapazität von 4 Mio. t Elektronikschrott hat. Seit Dezember 2015 wurden Recyclingbetriebe dort angesiedelt; nur etwa 1/4 der kleinen Unternehmen zogen dahin um, viele mussten schließen. 2016 wurden dort jährlich 1,7 Mio. t verarbeitet. Teile des Elektroschrotts weichen auf andere Plätze aus, (PDF 2017, 2,3 MB) aus den USA beispielsweise nach Hongkong. 2017 stand noch die Weiterbearbeitung der Leiterplatten zu Blöcken, die in Jiangxi recycelt wurden, in der Kritik.
2019 gibt es für die lukrative Extraktion der Metalle in Guiyu lediglich zwei zertifizierte Unternehmen; Deqing Recycling Resources Technology kann jährlich aus 1 Mio. t Elektroschrott Gold zurückgewinnen. Die Einkommen der Arbeiter, deren Tätigkeit sich nun auf das mechanische Zerlegen allein beschränkt, sind gesunken, wobei sie immer noch mit den Giftstoffen aus der früheren Arbeit belastet sind. Sie tragen inzwischen einfache Schutzkleidung: Handschuhe, Mundschutz und teilweise auch Schutzbrillen.
Siehe auch Elektronikschrottverarbeitung in Agbogbloshie (größtes Elektroschrott-Verwertungsgebiet in Afrika) Green IT
Weblinks Basel Action Network: Viceland: CTRL+ALT+LANDFILL – China’s Secret Computer Graveyard
Fotoreport: China’s electronic waste village. In: Time.
Einzelnachweise
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