mini|Alfred Mayer in seiner Frankfurter Zeit, 1885

Alfred Karl Mayer (Rufname Alfred, * 31. März 1860 in Frankfurt am Main; † 15. April 1932 in München) war ein deutscher Kunst- und Theaterkritiker.

Alfred Mayer galt noch nach seinem Tod als „echt Schwabinger Erscheinung: Kahl und hutlos, die guten Augen hinter einer Brille.“Lucy von Jacobi: Der Mäzen mit dem Rucksack. Ein Münchner Schicksal, Vossische Zeitung, 19. April 1932, vgl. Gabriele Münter – Die Jahre mit Kandinsky, Photographien 1902–1914, Städtische Galerie im Lenbachhaus, München 2007, S. 278, Abb. 218. Nahezu 75 Jahre war er vergessen und wurde mit dem deutschen Schriftsteller und Verleger Alfred Richard Meyer alias Munkepunke verwechselt.Vivian Endicott Barnett, Kandinsky, Werkverzeichnis der Aquarelle, 1900-1921, Bd. 1, München 1992, S. 283, Nr. 314. Erst 2005 wurde er wiederentdeckt und auf einem Foto von Gabriele Münter aus dem April 1913 erstmals identifiziert.Irene Dütsch: Alfred Mayer – ein Mäzen im Umkreis des „Blauen Reiter“. Hinter den Kulissen der Münchner Bohème. In: Jahrbuch des Historischen Vereins Murnau 22, 2005, S. 69, Anm. 5; S. 86, Abb. 9. Das Foto zeigt Mayer zusammen mit Wassily Kandinsky auf dem Balkon des Hauses Ainmillerstraße 36 in München.Zwei Jahre nach der Identifizierung wurde das Foto noch einmal publiziert, vgl.: Helmut Friedel (Hrsg.): Gabriele Münter – Die Jahre mit Kandinsky, Photographien 1902–1914. Städtische Galerie im Lenbachhaus, München 2007, S. 278, Abb. 218.

Leben Herkunft Alfred Mayer war der Spross einer Frankfurter jüdischen Kaufmannsfamilie. Er war der Sohn des Carl Rudolph Mayer (1828–1912) und der Rosalie Amelia Oppenheim (1837–1921).Original-Dokumente zu den Lebensdaten beider Personen eingesehen auf ancestry.de am 18. Juli 2024. Über seine Kindheit und Schulbildung weiß man so gut wie nichts. Nur so viel ist bekannt, dass er als „ältester Sohn jedoch dazu bestimmt war, die Leitung des elterlichen Unternehmens […] L(öb) S(alomon) MayerFirmengeschichte von L. S. Mayer. zu übernehmen.“Irene Dütsch: Alfred Mayer – ein Mäzen im Umkreis des „Blauen Reiter“. Hinter den Kulissen der Münchner Bohème. In: Jahrbuch des Historischen Vereins Murnau 22, 2005, S. 70. Doch er entschied sich anders – sein jüngerer Bruder Leo Salomon Mayer (Leo S. Mayer, 1864–1913) übernahm die Firma – und zog nach Berlin. Wichtige Quellen zu seinem weiteren Leben stellen seine „Gästebücher“ darIrene Dütsch: Alfred Mayer – ein Mäzen im Umkreis des „Blauen Reiter“. Hinter den Kulissen der Münchner Bohème. In: Jahrbuch des Historischen Vereins Murnau 22, 2005, S. 72., sowie „Briefe, Postkarten und Federzeichnungen“Bernd Fäthke: >Lieber Freund Mayer<, Neuentdeckte Briefe Alfred Kubins an Alfred Karl Mayer im Germanischen Nationalmuseum, in: Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg 2007, S. 215., die über seine vielfältigen Kontakte informieren.

Von Frankfurt nach Berlin, 1886–1906 In Berlin prägte der jüdische Literatur-, Theaterkritiker und Bühnenleiter Otto Brahm Mayers Begeisterung für das Theater. Mayers Gästebücher bezeugen seinen freundschaftlichen Umgang u. a. mit dem Dichter und Literaturkritiker Julius Hart, der zusammen mit seinem Bruder Heinrich die Berliner Monatshefte für Literatur, Kritik und Theater gründete. Eintragungen finden sich darin auch von dem Schriftsteller Wilhelm Lentrodt und der Schriftstellerin Martha Asmus. Die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Hedwig Dohm widmete ihm in Grunewald im August 1906 den Aphorismus: „Der starke Wille zum Glück ist der Anfang zum Glück.“

Von Berlin nach München, 1906–1914 Am 10. November 1906 meldete sich Alfred Mayer als Kunstschriftsteller und Redakteur im Einwohnermeldeamt in München an. Nicht nur sein dortiger Eintrag bezeugt, dass er sich zwischenzeitlich auch mit der Bildenden Kunst vertraut gemacht hatte, sondern auch ein Brief des Malers Fritz von Uhde vom „5.12.06“, der stilistisch im Wesentlichen noch dem Realismus verhaftet war. Doch bald favorisierte Mayer die Avantgarde, dazu zählten z. B. die Maler Albert Weisgerber und Richard Seewald, ebenso wie die beiden Illustratoren Rolf von Hoerschelmann und Alfred Kubin.Irene Dütsch: Alfred Mayer – ein Mäzen im Umkreis des „Blauen Reiter“. Hinter den Kulissen der Münchner Bohème. In: Jahrbuch des Historischen Vereins Murnau 22, 2005, S. 71 ff. Ein besonderes Faible entwickelte Mayer für die russischen Maler, die außerdem im „rosafarbenen Salon“Valentine Macardé: Le renouveau de l’art picturale russe 1863–1914. Lausanne 1971, S. 135 f. der Malerin Marianne von Werefkin verkehrten.Irene Dütsch: Alfred Mayer – ein Mäzen im Umkreis des „Blauen Reiter“. Hinter den Kulissen der Münchner Bohème. In: Jahrbuch des Historischen Vereins Murnau 22, 2005, S. 83. Robert GeninIrene Dütsch: Alfred Mayer – ein Mäzen im Umkreis des „Blauen Reiter“. Hinter den Kulissen der Münchner Bohème. In: Jahrbuch des Historischen Vereins Murnau 22, 2005, S. 80 f. und Wassily KandinskyIrene Dütsch: Alfred Mayer – ein Mäzen im Umkreis des „Blauen Reiter“. Hinter den Kulissen der Münchner Bohème. In: Jahrbuch des Historischen Vereins Murnau 22, 2005, S. 69 ff. hatten es ihm angetan. Alexej Jawlensky hinterließ 1912 in einem seiner Gästebücher als farbfrohes Aquarell die Wiederholung von einem verschollenen ÖlgemäldeMaria Jawlensky, Lucia Pieroni-Jawlensky, Angelica Jawlensky (Hrsg.): Alexej von Jawlensky, Catalogue Raisonné of the oil-paintings, Bd. 1, München 1991, S. 367, Nr. 478. mit dem ursprünglichen Titel KopfOtto Fischer: Das neue Bild. Veröffentlichung der Neuen Künstlervereinigung München, München 1912, S. 46, Tafel XXII., mit der sibyllinischen Zuschrift: „Unsere Schwächen sind unsere Kraft.“Bernd Fäthke: Jawlensky, Sein Aquarell ist der Richter. In: Weltkunst 70. Jg., Nr. 14, 15. November 2000, S. 2401, Abb. S. 2401, „Kopf Unsere Schwächen sind unsere Kraft.“; Dütsch (), 0501 S. 69 Irene Dütsch: Alfred Mayer – ein Mäzen im Umkreis des „Blauen Reiter“. Hinter den Kulissen der Münchner Bohème. In: Jahrbuch des Historischen Vereins Murnau 22, 2005, S. 71. Ein paar Seiten weiter findet sich ein Selbstbildnis als Tänzer von Alexander SacharoffBernd Fäthke: Von Werefkins und Jawlenskys Faible für die japanische Kunst. In: Ausstellungskatalog „...die zärtlichen, geistvollen Phantasien...“. Die Maler des „Blauen Reiter“ und Japan, Schloßmuseum Murnau 2011, S. 119, Abb. 35., einem Mitglied der Neuen Künstlervereinigung München. Ebenfalls 1912 schmückte Gabriele Münter mit einer Federzeichnung mit sechs bunten Masken eine Seite des gleichen Gästebuchs.Irene Dütsch: Alfred Mayer – ein Mäzen im Umkreis des „Blauen Reiter“. Hinter den Kulissen der Münchner Bohème. In: Jahrbuch des Historischen Vereins Murnau 22, 2005, Abb. 8, S. 84, Anm. 126. – Eine ganze Reihe von weiteren Malern und Malerinnen verewigten sich in Mayers Gästebüchern. Dazu zählt u. a. die jüdische Malerin Margarete Pohl, die 1907 Albert Weisgerber geheiratet hatte. Des Weiteren der Illustrator Emil Preetorius, außerdem die Schriftsteller Wilhelm von Scholz, Wilhelm Schmidtbonn oder Heinrich Mann und die Dichterin Else Lasker-Schüler.Irene Dütsch: Alfred Mayer – ein Mäzen im Umkreis des „Blauen Reiter“. Hinter den Kulissen der Münchner Bohème. In: Jahrbuch des Historischen Vereins Murnau 22, 2005, S. 95, 104, Abb. 15, S. 105.

Während des Ersten Weltkriegs in München Zu Kriegsbeginn hatte Mayer noch in der Isabellastraße 24 gewohnt. 1915 zog er in die Kunigundenstraße 29. Dort hatte er Kontakt u. a. mit der Schriftstellerin Hertha Koenig, den Schriftstellern Hans Ludwig Held, Felix Braun, Georg Hirschfeld und dem Maler Josef Eberz.Irene Dütsch: Alfred Mayer – ein Mäzen im Umkreis des „Blauen Reiter“. Hinter den Kulissen der Münchner Bohème. In: Jahrbuch des Historischen Vereins Murnau 22, 2005, S. 74 ff. Mayer war in besonderem MaßeMayer besaß von Marc eine fast quadratische Kohlezeichnung eines schlafenden Mädchens, monogrammiert und datiert 1905, siehe Brigitte Roßbeck: Franz Marc, Die Träume und das Leben. München 2015, Abb. S. 53, nicht bei: Annegret Hoberg, Isabelle Jansen: Franz Marc, Werkverzeichnis, Band 2, Aquarelle, Gouachen, Zeichnungen, Postkarten, Hinterglasmalerei, Kunstgewerbe, Plastik. München 2004. um den Blauen Reiter Franz Marc besorgt, der sich „kriegsbegeistert“Claus Pese: Franz Marc. Leben und Werk. Stuttgart/Zürich 1989, S. 43. vorzeitig schon „am 4. August 1914“Brigitte Roßbeck: Franz Marc, Die Träume und das Leben. München 2015, S. 241. zum Dienst an der Waffe gemeldet hatte. Er machte sich ernsthafte Gedanken, wie für Marc „eine Freistellung […] vom Krieg zu erwirken sei.“Irene Dütsch: Alfred Mayer – ein Mäzen im Umkreis des „Blauen Reiter“. Hinter den Kulissen der Münchner Bohème. In: Jahrbuch des Historischen Vereins Murnau 22, 2005, S. 97. Während eines Fronturlaubs malte Marc in Mayers Gästebuch in Mischtechnik und Collage einen Pokal mit Fuchs und Rehbock.Irene Dütsch: Alfred Mayer – ein Mäzen im Umkreis des „Blauen Reiter“. Hinter den Kulissen der Münchner Bohème. In: Jahrbuch des Historischen Vereins Murnau 22, 2005, S. 95 ff., Abb. 11, S. 96; vgl.: Annegret Hoberg, Isabelle Jansen: Franz Marc, Werkverzeichnis, Band 2, Aquarelle, Gouachen, Zeichnungen, Postkarten, Hinterglasmalerei, Kunstgewerbe, Plastik, München 2004, S. 260, Nr. 261, Abb. S. 261. Die Widmung lautet: „Alfred Mayer kredenzt im Kriegsjahr 1915 von fm“. Wohl 1916 erreichte Mayer eines Dezembertages eine Postkarte von Alfred Kubin mit den zynischen Worten: „Ich [...] wünsche Ihnen allen die beste Kriegerweihnacht, die Sie aufbringen können.“ Die Federzeichnung auf der Rückseite zeigt die düstere Darstellung des Todes im Pestgewand, der die Kriegsfackel schwingt, dahinter ein Soldatenfriedhof, Grabkreuze mit aufgesteckten Pickelhauben bis zum Horizont.

Am 8. Februar 1917 heiratete der fast 57-jährige Mayer die attraktive 24-jährige Elisabeth Holnstein. Als Kubin davon erfuhr, gratulierte er mit einer Federzeichnung mit dem Titel Der Amorfänger. Die Darstellung zeigt Mayer mit der Brille auf der Nase, eine Botanisiertrommel auf dem Rücken. Auf einer Wiese war ihm ein geflügeltes Wesen in das Schmetterlingsnetz gegangen. Die dazugehörige kurze Mitteilung lautet: „Meinen herzlichen Glückwunsch! zur mich froh überraschenden Nachricht!“Bernd Fäthke: >Lieber Freund Mayer<. Neuentdeckte Briefe Alfred Kubins an Alfred Karl Mayer im Germanischen Nationalmuseum. In: Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums 2007, S. 217. Am 31. Dezember 1917 kam ihre Tochter Eva in München zur Welt († 28. August 2008 in Leipzig).

In München 1919–1932 Während dieser Zeit lassen sich u. a. Kontakte zu den Regisseuren Julius Gellner und Josef Eichheim, den Schauspielern Erna Pinner und Otto Wernicke, dem Schriftsteller und Kabarettisten Joachim Ringelnatz, den Malern Adolf Oberländer, Max Kaus, Joseph Eberz, Helmuth Macke und Conrad Felixmüller und dem Tänzerpaar Clotilde von Derp und Alexander Sacharoff nachweisen.Irene Dütsch: Alfred Mayer – ein Mäzen im Umkreis des „Blauen Reiter“. Hinter den Kulissen der Münchner Bohème. In: Jahrbuch des Historischen Vereins Murnau 22, 2005, S. 78 ff. 1921 besuchte Mayer in Wiesbaden den Kunstsammler Heinrich KirchhoffBernd Fäthke: Jawlensky und seine Weggefährten in neuem Licht. München 2004, S. 189 f., ders.: Alexej Jawlensky, Köpfe radiert und gemalt. Die Wiesbadener Jahre. Galerie Draheim, Wiesbaden 2012, S. 10 f., Anm. 66. und trug sich am „30.9.21“ in dessen Gästebuch ein.Irene Dütsch: Alfred Mayer – ein Mäzen im Umkreis des „Blauen Reiter“. Hinter den Kulissen der Münchner Bohème. In: Jahrbuch des Historischen Vereins Murnau 22, 2005, S. 90, Abb. 10.