„Aktives Altern bedeutet, Menschen dabei zu helfen, ihr Leben so lange wie möglich selbstständig zu führen und – wenn möglich – einen Beitrag zu Wirtschaft und Gesellschaft zu leisten.“Europäische Kommission: Aktives Altern. Definition. Brüssel 2014 Der Rat der Europäischen Union forderte die Mitgliedstaaten im Juni 2010 auf, aktives Altern zu einer politischen Priorität für die folgenden Jahre zu machen.Europäischer Wirtschafts- und Sozialausschuss: Aktives Altern und Solidariät zwischen den Generationen. EWSA-Stellungnahme zum Europäischen Jahr für aktives Altern. 2012 Das Jahr 2012 wurde zum Europäischen Jahr für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen erklärt. mini|Entertainment von Senioren für Senioren
Weitere Definitionen Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert den Begriff Aktives Altern folgendermaßen:
„Unter aktiv Altern versteht man den Prozess der Optimierung der Möglichkeiten von Menschen, im zunehmenden Alter ihre Gesundheit zu wahren, am Leben ihrer sozialen Umgebung teilzunehmen und ihre persönliche Sicherheit zu gewährleisten, und derart ihre Lebensqualität zu verbessern.“World Health Organization (WHO): Aktiv Altern – Rahmenbedingungen und Vorschläge für politisches Handeln. April 2002, S. 12
In dieser Definition ist nicht festgelegt, wer für den Optimierungsprozess verantwortlich ist. Es kann sich um den konkreten alternden Menschen bzw. Gruppen alternder Menschen handeln, aber auch um Institutionen des Staates und der Kommunen, der Wirtschaft sowie der Gesellschaft.
Demografischer Wandel als Kontext
Bedeutung des Alters mini|Entwicklung der Lebenserwartung in Deutschland 1960–2010 Zu den bedeutsamsten Entwicklungen in den westlichen Industriestaaten zählt der stetige Rückgang der Zahl der Geburten, verbunden mit einem Anstieg des durchschnittlichen Lebensalters der Bevölkerung.Bernhard Rohde: . Leipzig 2012, S. 1 Sinkende Kinderzahlen und eine wachsende Lebenserwartung führen zu einem Anstieg des Anteils älterer Menschen an der Bevölkerung. In Deutschland nimmt nicht nur der Anteil, sondern auch die Anzahl älterer Menschen durch die hohe Zahl der Geburten in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg zu.
Aufgrund der hohen Lebenserwartung und des guten Gesundheitszustandes vieler Senioren fühlen sich 67 % der 65- bis 74-Jährigen laut der Generali-Altersstudie von 2012 nicht als „alte Menschen“.Martin R. Textor: Zukunftsentwicklungen. Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF). 2013 Die meisten Senioren führen demnach ein aktives Leben: Sie verbringen z. B. viel Zeit mit ihren Hobbys sowie mit ihren Kindern und Enkeln. Im Durchschnitt sind sie an fünf Tagen der Woche unterwegs. Außerdem sind rund 45 % der Befragten für ca. vier Stunden pro Woche ehrenamtlich tätig. Die meisten Senioren sind laut der Umfrage mit ihrer materiellen Situation, ihrer Wohnsituation und ihrem Leben zufrieden.
Nach einer Definition der Vereinten Nationen werden Menschen ab 60 Jahren der Gruppe der „Älteren“ zugerechnet.Vereinte Nationen – Hauptabteilung wirtschaftliche und soziale Angelegenheiten Abteilung Bevölkerungsfragen: Alterung der Weltbevölkerung 1950–2050. Zusammenfassung. 2001, S. 3 Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung bewertet diese Zuordnung als „nicht mehr zeitgemäß“.Stephan Sievert / Ulrike Berger / Steffen Kröhnert / Reiner Klingholz: . Oktober 2013, S. 4 (6)In der oben zitierten Veröffentlichung der UN wird allerdings die Gruppe der „potenziell erwerbsfähigen Bevölkerung“ mit der Altersgruppe der 15- bis 64-Jährigen gleichgesetzt; vgl. S. 5 Auch die Vorstellung von einem „verdienten Ruhestand“ Jahrzehnte vor dem wahrscheinlichen Todeszeitpunkt des Betreffenden müsse neu überdacht werden. Nach Beendigung der im Vergleich zur Gegenwart verlängerten Lebensarbeitszeit des Durchschnittsbürgers müsse über eine „Anschlussverwendung“Bernhard Rohde: . Leipzig 2012, S. 3 für ehrenamtliche Aktivitäten der noch produktiven Senioren nachgedacht werden.Silke van Dyk: . „Green Ladies Lunch“ der Heinrich-Böll-Stiftung. 20. März 2009 Diese Ansicht stellt eine Abkehr von der Disengagementtheorie dar, der zufolge das höhere Alter mit einem Verlust an sozialen Rollen einhergehe, ein individuelles Bedürfnis nach Rückzug mit reduzierten gesellschaftlichen Erwartungen an die Älteren korrespondiere und das gelingende Zusammenspiel beider Faktoren sich förderlich auf das Wohlbefinden der Älteren auswirke.Deutsches Zentrum für Altersfragen (DZA): . 2002, S. 1 Die Vorstellung, ältere Menschen gehörten (nicht nur auf dem Arbeitsmarkt) zum „Alten Eisen“, wird immer seltener vertreten.Jutta Almendinger: Ältere Arbeitnehmer: Alte Hasen oder altes Eisen?. In: Neue Wege zur Flexibilisierung des Renteneintritts (Hrsg.: Friedrich-Ebert-Stiftung. 2006, S. 29–32
In Deutschland kam es ab der 1980er durch das Vorruhestandsgesetz und später durch das Altersteilzeitgesetz und die „58er-Regelung“ dazu, dass Ältere häufig aus dem Berufsleben ausstiegen. Diese Regelungen liefen jedoch später aus und an die Stelle der Arbeitslosenhilfe traten die ALG-Regelungen. Im Jahr 1995 waren mit 19,2 % nur rund ein Fünftel der 60- bis 64-Jährigen erwerbstätig und eine Bewerbung ab 55 galt als aussichtslos. Der Anteil Erwerbstätiger stieg in der Folge jedoch stetig an, und 2015 waren hingegen mit 56,2 % über die Hälfte der 60- bis 64-Jährigen erwerbstätig. Laut Arbeitsmarktforschern gibt es allerdings weiterhin „deutliche Hinweise, dass ältere Bewerber unter sonst gleichen Bedingungen schlechtere Einstellungschancen haben“.
Auch auf einer Tagung der Hanns-Seidel-Stiftung wurde 2012 die Notwendigkeit einer Konzeption des Aktiven Alterns mit dem demographischen Wandel begründet. Das Ergebnis der Tagung fassen die Veranstalter folgendermaßen zusammen:
„Die für die Gesellschaft nützlichen Potenziale älterer Menschen sollen angemessen wahrgenommen und gewürdigt werden. Dazu bedarf es eines Altersbildes, das die Stärken älterer Menschen betont und dazu führt, dass diese ihren Beitrag in der Gesellschaft leisten können. Leistungsfähigkeit, Kreativität und Innovationskraft sind auch jenseits der Lebensmitte vorhanden. Jedoch setzen aktives Altern und Generationensolidarität die Eigen- und Mitverantwortung sowie den Beitrag jedes Einzelnen voraus[…]. Auf Seiten von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssen Anpassungen erfolgen, die sowohl Jugendschwund wie Alterung Rechnung tragen. Hierbei gilt es das Potenzial älterer Menschen verstärkt zu mobilisieren und es ihnen zu ermöglichen, ein unabhängiges Leben zu führen.“Aktives Altern und demographischer Wandel. Hanns-Seidel-Stiftung. 20. September 2012
Einige Sozialwissenschaftler verknüpfen im Hinblick auf die Entwicklung in Deutschland die Erfordernisse des demografischen Wandels mit der Reform des Sozialstaats im Zuge der Agenda 2010. Dieser sei von einem „versorgenden“ zu einem „aktivierenden“ Arrangement sozialer Unterstützung umgebaut worden. Die zunehmende Sensibilisierung der Öffentlichkeit für den doppelten Sachverhalt, dass „die Alten“ nicht nur „immer älter“, sondern in gewisser Weise auch „immer jünger“ würden, also einen länger werdenden Teil ihrer länger werdenden Lebenszeit gesund und leistungsfähig blieben, habe zur Entdeckung der Aktivierbarkeit des Alters geführt. Maßgeblich hierfür sei in Deutschland der Fünfte Altenbericht gewesen, durch den die Frage beantwortet worden sei, wie die Potenziale des Alters gesellschaftlich besser genutzt werden könnten.Silke van Dyk / Stephan Lessenich: . WSI-Mitteilungen 10/2009, S. 540–546 Zugleich führten bestimmte Entwicklungen – der Rückgang der Tarifdeckung, die Zunahme flexibler Beschäftigungsformen sowie die Aktivierung von Menschen im erwerbsfähigen Alter mit der Verpflichtung für (Langzeit-)Arbeitslose, auch Tätigkeiten mit einem Entgelt unterhalb des Tariflohns anzunehmen – zu einer Verschärfung des Risikos, im Niedriglohnbereich zu verharren, und des Armutsrisikos für Menschen mit geringer Bildung.Irene Dingeldey: Bilanz und Perspektiven des aktivierenden Wohlfahrtsstaates. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. 27. Februar 2015 (online) Zu erwarten ist ein erhöhtes Risiko der Verarmung von Menschen im Niedriglohnsektor nach deren Austritt aus dem Erwerbsleben. Geringe Einkommen und Vermögen wiederum vermindern die Teilhabechancen der hiervon Betroffenen.
Im Jahr 2024 waren laut einem Bericht des Stern mehr als 1,1 Millionen Menschen über 67 Jahre erwerbstätig, viermal so viel wie 2004, als nur 288.000 Menschen ab 67 erwerbstätig waren.
Alter und Migration Zu den am schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppen in Deutschland gehören ältere zugewanderte Menschen. Umgekehrt verlegen zahlreiche Menschen im Alter ihren Wohnsitz ins Ausland bzw. nehmen dort einen zweiten Wohnsitz auf (siehe: Altersmigration).
In Deutschland wird sich voraussichtlich der Anteil der 65-Jährigen und Älteren in der Migrantenbevölkerung von 8,4 Prozent (im Jahr 2007) bis zum Jahr 2032 auf 15,1 Prozent erhöhen, und die absolute Zahl der Älteren mit Migrationshintergrund wird vermutlich von ca. 1,4 Millionen (im Jahr 2007) auf ca. 3,6 Millionen (im Jahr 2032) ansteigen.Das Alter wird bunter. Lebenslagen älterer Menschen mit Migrationshintergrund und Handlungsbedarfe für Politik und Gesellschaft. Friedrich-Ebert-Stiftung. August 2013 41,5 Prozent der über 65-Jährigen mit ausländischer Staatsangehörigkeit waren aus der Sicht des Jahres 2013 von Armut bedroht, bei den Gleichaltrigen mit deutschem Pass waren es 13,3 Prozent.E. Seils: Armut im Alter – aktuelle Daten und Entwicklungen. In: WSI-Mitteilungen 5/2013. Mit der Situation alternder Menschen mit Migrationshintergrund befasste sich 2007 bis 2009 das Projekt AAMEE (Active Ageing of Migrant Elders across Europe) des Ministeriums für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen.Peter Schimany / Stefan Rühl / Martin Kohls: Ältere Migrantinnen und Migranten – Entwicklungen, Lebenslagen, Perspektiven. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). 2012, S. 77
Ältere Migranten leben in Deutschland im Vergleich zu Einheimischen gleichen Alters häufiger in Mehrgenerationen-Haushalten. Im Alter sind besondere Schwierigkeiten unter den Zuwanderern zu beobachten. Beispielsweise kann es nach Beginn einer Demenz-Erkrankung dazu kommen, dass der Betroffene nur noch seine Muttersprache spricht. Ärzte weisen auf einen Bedarf für eine kultursensible Pflege hin. Medien nennen als positive Beispiele unter anderem Eigeninitiativen für Mehrgenerationenhäuser sowie Demenz-Wohnungsgemeinschaften in Altenheimen, die auf Basis der jeweiligen Muttersprache zusammengesetzt sind.
Politische Maßnahmen Das Konzept des Aktiven Alterns soll zu einem „Mainstreaming“ (etwa nach dem Vorbild des Gender-Mainstreamings) führen, bei dem die Politik die Hauptverantwortung übernehmen soll. Zum Abschluss des Europäischen Jahrs für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen stellte der Europäische Rat im Dezember 2012 „Leitlinien“ für die politische Arbeit in der EU und in deren Mitgliedsstaaten auf. Diese Leitlinien befassen sich mit den folgenden Aspekten: Beschäftigung Fortlaufende berufliche Aus- und Weiterbildung Gesunde Arbeitsbedingungen Strategien für das Altersmanagement Arbeitsverwaltungen für ältere Arbeitnehmer Verhinderung der Altersdiskriminierung Beschäftigungsfreundliche Steuer- und Sozialleistungssysteme Weitergabe von Erfahrung Vereinbarkeit von Beruf und Betreuung Gesellschaftliche Teilhabe Einkommenssicherheit Soziale Eingliederung Ehrenamtliche Tätigkeit von Senioren Lebensbegleitendes Lernen Mitwirkung an der Entscheidungsfindung Unterstützung für informelle Pflegekräfte Unabhängiges Leben Gesundheitsförderung und Krankheitsvorbeugung Angepasste Wohnungen und Dienste Zugängliche und bezahlbare Beförderung Altersfreundliche Umgebungen, Güter und Dienste