mini|Statue des Saichō im Hōshakuzan Nōfuku-ji (), Kōbe Die Tendai-shū () ist eine auf dem Lotos-Sutra basierende Schule des Buddhismus in Japan, die von den beiden Klostertempeln Enryaku-ji und Mii-dera während der Heian-Zeit neben der rivalisierenden Shingon-shū die religiöse Landschaft Japans dominierte und wesentliche Grundlagen für die spätere Entwicklung des Buddhismus in der Kamakura-Zeit legte. Die Tendai-shū entwickelte sich Anfang des 9. Jahrhunderts als Übertragung der Lehren der Tiantai zong des chinesischen Buddhismus durch Dengyō Daishi Saichō (767–822). Wie die Tiantai zong gehört die Tendai-shū zum Mahayana, zählt sich jedoch wegen ihres integrativen Anspruchs spezifischer zum Ekayana.

Geschichte Nara-Zeit Lehren der Tiantai zong wurden bereits in der Nara-Zeit in Japan eingeführt. Dies geschah hauptsächlich durch frühe Vertreter der Risshū, wie z. B. den chinesischen Vinaya-Mönch Jianzhen (688–763), der Mitte des 8. Jahrhunderts wichtige Schriften des Tiantai-Begründers Zhiyi (538–597; ; jap. Chigi) nach Japan brachte.

Ein weiter Vorläufer war Gyōga (; 729–803), Mönch am Kōfuku-ji, der 753 nach China reiste, dort sieben Jahre Tiantai und Faxiang zong studierte und bei seiner Rückkehr nach Japan entsprechende Schriften mitbrachte.

Heian-Zeit Gründung durch Saichō Die Gründung einer eigenen Schule geht zurück auf den japanischen Mönch Saichō (767–822), der erstmals während seines Aufenthalts in einer Einsiedelei auf dem Hiei-zan in Kontakt mit Tiantai-Schriften kam. Nachdem Saichō im Jahr 802 im Takaosan-ji (später: Jingo-ji) in Heian-kyō bei einem vom Kammu-tennō ausgerichteten Treffen hoher buddhistischer Würdenträger eine Rede über das Lotos-Sutra gehalten hatte, wurde ihm vom Kaiserhof des Tennō eine Reise in das Kaiserreich China der Tang-Zeit versprochen, die er im siebten Monat des Jahres 804 vom Hafen von Matsuura in der Provinz Hizen antrat. Auf einem der anderen drei Schiffe befand sich Saichōs Zeitgenosse und späterer Rivale Kūkai (späterer Gründer der Shingon-shū), dessen Schiff am zehnten Tag des achten Monats in der Provinz Fujian einlief. Saichōs Schiff traf später, am ersten Tag des neunten Monats in Ningbo ein.

Während Kūkai ohne Umwege zum Kaiserhof in Chang’an reiste, machte sich Saichō auf den Weg zum Berg Tiantai (), dem Heiligtum der Tiantai zong. Dort studierte er kurz bei Daosui () und Xingman (), zwei Schülern des Tiantai-Erneuerers Zhanran (711–782/4; ), auch Jingqi (, auch ).

Von Xiuran (), Vertreter der Ochsenkopfschule des Chan erhielt er ebenfalls über kurze Zeit Unterweisungen in Meditation.

Während Saichō auf das Schiff zur Abreise wartete, traf er Shunxiao (), tantrischer Meister am Lung-hsing-Tempel und Schüler von Śubhākarasiṃha, der ihn in den esoterischen Buddhismus Zhenyan (; jap. Shingon!) unterwies.

Mit derart synkretistischen Einflüssen und mehreren hundert Schriften kehrte Saichō schließlich nach neuneinhalb Monaten im Jahr 805 nach Japan zurück. Dort wurde er zum kaiserlichen Palast geladen, wo der Kammu-tennō schwer krank war. Saichō hielt einen Bußritus (, keka), weswegen die Tendai-shū im folgenden Jahr zwei jährliche Priester (, nembundosha) an den Hof schicken durfte. Dies gilt gemeinhin als offizielle Anerkennung der Tendai-shū als eigene Schule durch die Regierung.

In den folgenden Jahren baute Saichō die Stellung der Tendai-shū kontinuierlich aus. Durch die Eigenheiten seiner Übertragung der Lehren entstanden dabei früh einige wesentliche Unterschiede zur chinesischen Tiantai zong.

Dazu gehörte zunächst der Eklektizismus seiner Lehren. Dieser wurde später auch Enmitsuzenkai () genannt, in Anspielung auf die Vermischung von „Vollkommener Lehre“ (, engyō), esoterischem Buddhismus (, mikkyō), Meditationsbuddhismus (; gemeint ist hier aber nicht Zen, sondern das der Tiantai eigene Prinzip der „Sammlung und Einsicht“, ; jap. shikan) und Ordensregeln (, kai). So richtete er auf dem Hiei-zan zwei Studienzentren ein: eins für (meditative) Studien zum Lotos-Sutra (, shikangō), eins für tantrische Lehren (, shanagō; wörtlich: „Vairocana-Aktivitäten“). Mönche die dort lernen wollten, mussten zuvor die Mahayana-śīla empfangen und ein Gelübde ablegen, den Berg für zwölf Jahre nicht zu verlassen. Diese strenge Lernfrist hatte wahrscheinlich damit zu tun, dass Saichō – wiederum im Unterschied zur Tiantai zong, die eine reine Mönchsgemeinschaft war – eine Bosatsu-sōgya vorsah, was auch – bis dahin einmalig in der Geschichte des Buddhismus – die Aufnahme von Laien in die Gemeinschaft einschloss, was die Schule leicht in den Verdacht nachlässiger Disziplin hätte bringen können.

Des Weiteren konzipierte er entgegen den universalistischen Tendenzen der Tiantai zong seine Lehre als auf das Heil des Landes, d. h. Japan, bezogen. Das Singen der Sutras sollte der Verteidigung und Stärkung Japans als Buddhaland dienen. Ein Grund hierfür mag auch darin liegen, dass Saichōs neue Schule mit den bereits etablierten Schulen des Nara-Buddhismus konkurrieren musste, die sich wichtiger Unterstützung vom Ritsuryō-Adel erfreuen konnten.

Berühmt wurde Saichōs im Jahr 817 schriftlich geführter Disput mit dem Hossō-Gelehrten Tokuitsu (; ca. 760–835) über die richtige Auffassung von der Buddha-Natur (Tokuitsu unterschied zwei Arten von Buddha-Natur, Saichō vertrat nur eine) und welches Fahrzeug (skt. yāna) das ultimative des Buddhismus sei (Tokuitsu vertrat das Triyana, Saichō das Ekayana).

Im fünften Monat des Jahres 818 ersuchte Saichō die kaiserliche Erlaubnis, eine eigene Mahāyāna-Ordinationsplattform (, kaidan) basierend auf dem Bonmōkyō (; skt. Mahāyāna-brahma-jāla-sūtra; Pali Brahma-jāla-sutta; ) errichten zu dürfen, damit die Tendai-shū ihre Mönche selber in ihrer eigenen „Bodhisattva-Ordination“ (, bosatsu-kai) ordinieren könnte. Bislang hatten die Tendai-Mönche zur abschließenden Ordination nach den – von Saichō als Hinayana verunglimpften – Dharmaguptaka-vinaya (; jap. Shibun ritsu) aus dem Vinayapitaka immer noch nach Nara gemusst, wobei sehr viele in der Stadt blieben und zu den dort etablierten, anderen Schulen (insbesondere zur Hossō-shū) übertraten.

Unsicher darüber, wie mit Saichōs Gesuch umzugehen sei, wandte sich der Hof an das von den Mönchen in Nara kontrollierte Sōgō (), eine althergebrachte Einrichtung zur Repräsentation der japanischen Mönchsgemeinschaft in offiziellen religionspolitischen Fragen. Das Sōgō lehnte das Anliegen Saichōs ab. Es folgten wortreiche Auseinandersetzungen zwischen Saichō und dem Sōgō, die indirekt über den Kaiserhof liefen.

mini|Kompon-chūdō (), das Hauptgebäude des Enryaku-ji Als Saichō am vierten Tag des sechsten Monats im Jahr 822 im Chūdō-in auf dem Hiei-zan verstarb, hatte der Hof immer noch keine abschließende Entscheidung gefällt. Sieben Tage später entschied man sich jedoch dafür, Saichōs Bitte stattzugeben. So fand am 26. Tag des ersten Monats im Jahr 823 die erste Tendai-Ordination im Haupttempel des Hiei-zan statt, der zugleich offiziell den Namen Enryaku-ji erhielt.

Taimitsu: Enchō, Ennin und Annen Nach Saichō übernahm Gishin (; 781–833), der Saichō nach China begleitet hatte und 823 zu den ersten 14 im Ritus der Tendai-shū ordinierten Mönche gehörte, die Leitung der Tendai-shū und wurde zu deren erstem Vorsteher (, zasu) im sechsten Monat des Jahres 824. Er kümmerte sich in seinem Amt weniger um religiöse Fragen, sondern bemühte sich stattdessen um eine ausreichende Finanzierung für die Schule. Gishin hatte kein besonders gutes Verhältnis mit Saichōs anderen unmittelbaren Schülern, weswegen der von ihm gewünschte Nachfolger, Enshū ( bzw. ; 735–843) von der Gemeinde am Hiei-zan als Vorsteher der Tendai-shū abgelehnt wurde.

So wurde Enshū auf kaiserlichen Beschluss noch 833, im Jahr seines Amtsantritts, von seinem Posten entfernt und stattdessen Enchō ( bzw. ; 771–836) eingesetzt. Mit diesem Ereignis war der Grundstein für die lang andauernden Zwistigkeiten zwischen zwei Fraktionen innerhalb der Tendai-shū gelegt, die später zu einem Schisma innerhalb der Schule führen sollte.

Enchō zeichnete sich besonders dadurch aus, dass er innerhalb der Tendai-shū verstärkt den beim Adel beliebten Mikkyō starkmachte, weswegen er im Jahr 831 sogar eine Petition und 26 Mönche zu Kūkai schickte, um im Tantrismus unterrichtet zu werden.

Gegenüber der in diesem Bereich dominanten Shingon-shū holte die Tendai-shū allerdings erst unter Ennin ( bzw. ; 794–864) auf, der im sechsten Monat des Jahres 838 von Hakata (heutiges Fukuoka) mit einer der damaligen Botschaftermissionen (kentōshi) in das Kaiserreich China der Tang-Dynastie aufbrach. Dort wurde ihm zunächst die Einreise verboten. Er konnte jedoch am Tempel Kaiyuansi () Siddham studieren und erhielt dort Kopien des Diamant- sowie des Matrix-Mandalas.

Schließlich konnte er im Jahr 839 doch noch bei einem wetterbedingten Zwischenstopp auf der Rückreise nach Japan in China an Land gehen und begab sich in einer mühevollen Reise in das Gebirge Wutai Shan, wo er die esoterischen Aspekte der Tiantai studieren konnte und auch mit der Meditationstechnik Changxing sanmei (; jap. jōgyō sammai) vertraut wurde. Im achten Monat des Jahres 840 kam er schließlich in Chang’an an, wo er mehrere Jahre lang bei verschiedenen Meistern Studien zu den Konzepten des Vajradhātu (; jap. kongōkai) und des Garbhakośa (; jap. taizōkai) sowie zum Soshitchi-kyō () betrieb. Außerdem eignete er sich tiefgehende Kenntnisse des Sanskrit an.

Wegen der ab 845 im Kaiserreich China grassierenden Buddhistenverfolgung unter Kaiser Wu Zong musste Ennin schließlich das Land über Silla (Korea) verlassen.

Mit all seinen neuen Kenntnissen ausgestattet kehrte er im Herbst des Jahres 848 nach Japan zurück und wurde mit den höchsten Ehren am Kaiserhof empfangen. Seinen Aktivitäten ist die Entwicklung des japanischen Tendai-Mikkyō (, taimitsu) zu verdanken. Noch zu Lebzeiten verlieh er dem Montoku-tennō, dem Regenten Fujiwara no Yoshifusa und diversen anderen Adligen esoterische Weihen.

Ennins Nachfolger in dieser Tradition wurde sein Rivale Enchin ( bzw. ; 814–89), ein Schüler von Gishin und Neffe von Kūkai, der im Jahr 868 zum Vorsteher des Enryaku-ji wurde und dieses Amt für 23 Jahre innehatte. Er reiste im Jahr 853 auf einem Handelsschiff (die offiziellen Botschaftermissionen gab es nicht mehr) nach China. Auf dem Berg Tiantai traf er den japanischen Tendai-Mönch Ensai ( bzw. ), der dort wegen der Buddhistenverfolgungen als Laie getarnt lebte. Im Jahr 855 traf Enchin dann in Chang’an ein und studierte dort esoterische Lehren. Nach seiner Rückkehr nach Japan im Jahr 858 spielte er bald eine wichtige Rolle am Hof des Seiwa-tennō und erlangte die Gönnerschaft des neuen Regenten Fujiwara no Yoshifusa (dem er, wie auch dem Seiwa-tennō, esoterische Weihen verlieh) und dessen Sohn und späteren Regenten Mototsune.

Eine abschließende Systematisierung erfuhr das Taimitsu durch Annen (; 841–89/97), der u. a. direkter Schüler von Ennin, Enchin, Dōkai (), Chōi (), Tenkai (; 817–880) und Henjō (; 816–890) gewesen war. Annen schrieb eine Vielzahl von Schriften zum Taimitsu. Eines seiner anderen Hauptwerke ist das 882 verfasste Futsū jubosatsukai kōshaku (), in dem er argumentierte, dass es zulässig sei, die buddhistischen Vorschriften im buchstäblichen Sinn zu missachten, wenn dahinter ein reines Gewissen und die buddhistische Motivation (insbesondere im Sinne des Mahāyāna) stünde.

Aufstieg zur Macht und erste Spaltung Ryōgen (; 912–985), ab 966 Oberpriester am Enryaku-ji, war ein wichtiger Erneuerer der Tendai-shū. Trotz (oder wegen) wachsender Popularität seit Mitte des 10. Jahrhunderts (seit dieser Zeit traten sogar erstmals Adlige als Mönche der Schule bei) hatte die Schule wachsende Probleme mit nachlassender Disziplin der Gemeinde am Hiei-zan. Serien von Bränden suchten die Tempelkomplexe heim (935, 941 und 966), mehrere kaiserliche Erlasse und Rügen gingen gegen das Missverhalten der Mönche.