mini|Gäste beim Eintritt in das Wiener Rathaus, 2014 mini|hochkant|Festsaal des Rathauses, 2014 Der Life Ball ( für Ball des Lebens) war eine große, von 1993 bis 2019 jährlich in Wien stattfindende Benefiz-Veranstaltung für HIV-infizierte und an AIDS erkrankte Menschen. Die Show wurde von vielen nationalen und internationalen Prominenten, Politikern, Künstlern, Modedesignern und Models unterstützt und fand im Wiener Rathaus bzw. am Wiener Rathausplatz statt. Es war die größte Veranstaltung für die LGBT-Community in Österreich und die größte entsprechende Benefiz-Veranstaltung in Europa.

Hinter dem Life Ball stand der karitative Verein LIFE+ (zuvor AIDS Life), der 1992 von selbst Betroffenen, dem Visagisten Gery KeszlerHIV-Outing: Respekt für Gery Keszler, kronehit.at und dem Arzt Torgom Petrosian († 1993)Gery Keszler: Zwischen Glamour und Trauer. derstandard.at, 17. Mai 2015 gegründet worden war. Sie unterstützten mit den Erlösen des Balls Non-Profit-Organisationen, die sich für HIV-positive und an AIDS erkrankte Menschen einsetzen. Zudem war es Ziel, die Öffentlichkeit über die Gefahren von HIV/AIDS aufzuklären und ihr Bewusstsein für die Krankheit zu schärfen.

Der Ball

mini|Gery Keszler, Eröffnung des Life Ball 2013 vor dem Wiener Rathaus

Als Gesicht und Motor des Life Balls galt sein Organisator und Begründer Gery Keszler. Der Ball sollte in der Tradition der Wiener Bälle liegen, nur provokanter, aufregender und glamouröser., wieninternational.at, 24. April 2007 Daneben schloss er auch an die Tradition der kostümprächtigen Tuntenbälle an. Er begann als kleine, aus der Schwulenszene kommende Veranstaltung, war jedoch von Anfang an nicht als Szene- oder „Jet-Set-Ghetto“-Veranstaltung konzipiert.Petra Stuiber: "Das empfinde ich als feige" – Interview mit Gery Keszler, derstandard.at & Printausgabe, 14. Februar 2008

Der Life Ball fand starkes internationales Interesse und hohe öffentliche Aufmerksamkeit. Zum einen schillernde Partygäste und aufsehenerregende Live-Auftritte, zum andern der Kampf gegen AIDS. Den ernsten Hintergrund riefen unter anderem Reden von internationalen Stargästen bei der Eröffnungszeremonie am Rathausplatz in Erinnerung, die sich in der Regel selbst in verschiedenen Hilfs- und Charityprojekten engagierten. Seit Bestehen des Balles nahmen Designer, Schauspieler, Sänger, Politiker und Models an der Eröffnungsshow teil, um für das Anliegen zu werben. Er fand mit einzelnen Ausnahmen an einem Samstag im Mai im Wiener Rathaus statt.

Die Eröffnungsshow mit Musik von Operette bis Popmusik und nationalen und internationalen Stars wie auch die Modenschau konnte auf dem bis zu 12.000 Zuschauer fassenden Rathausplatz auch bei freiem Eintritt besucht werden. Für die Ballbesucher gab es in verschiedenen Höfen und Sälen des Rathauses verschiedene Tanzmöglichkeiten, zahlreiche Bars und Buffets und Konzertbühnen, auf denen auch ein Teil der angereisten internationalen Stars auftrat.

Die Zahl der Eintrittskarten für den Life Ball war, nicht zuletzt aufgrund des Platzangebots im Rathaus, auf 3780 beschränkt. Um den für das Fest charakteristischen und wichtigen extravaganten Stil zu erhalten, gab es über die Jahre zwei verschiedene Kartenkontingente. Eine feste Anzahl von Karten zum halben Preis, die „Style Tickets“, war für jene vorgesehen, die sich am Dresscode, der sogenannten Life Bible, orientieren wollten. Die Kostümierung sollte dabei dem jeweiligen Motto des Balls entsprechen. Diesen Besuchern war neben den Stargästen der Zutritt zum Life Ball über den red carpet vorbehalten, der vom Ring über den ganzen Rathausplatz bis zur Hauptbühne vor dem Rathaus führte. Besucher in normaler Abendgarderobe bezahlten den vollen Ticket-Preis. Kleinere Kontingente wurden über verschiedene Aktionen vergeben (beispielsweise Life Ball Warm Up, eBay-Versteigerung, losartig verteilt in Kondompackungen, welche in ausgewählten Lokalen verkauft wurden, und Ähnliches).Hanna Kordik: Bestechung: Gesetz gegen Korruption wird gelockert, Die Presse, 16. Juni 2008APA: Partystimmung - Life Ball trotzt der Wirtschaftskrise, derstandard.at, 24. April 2009

Geschichte

mini|hochkant|Red Ribbon am Parlamentsgebäude, 2010

Gery Keszler hatte Gelegenheit bekommen, dem damaligen Wiener Bürgermeister Helmut Zilk seine Idee zu präsentieren. Dieser war vom positiven Sinn überzeugt, stimmte einem Versuch zu, überließ Keszler den Rathaussaal und unterstützte ihn gegen alle Widerstände. Bereiche der Schwulenszene unterstützten das Projekt, besonders in den Anfangszeiten, tatkräftig, wie beispielsweise das Café Berg seit dessen Eröffnung.

Keszler ist es auch maßgeblich zuzuschreiben, dass zur Eröffnungsshow des Life Balls neben Vertretern der Modebranche auch Prominente der Unterhaltungsbranche wie unter anderen Bill Clinton, Elton John, Katy Perry, Janet Jackson, Barbara Eden, Antonio Banderas, Whoopi Goldberg, Anna Netrebko, Hilary Swank, Dionne Warwick, Roseanne Barr, Falco, Catherine Deneuve, Liza Minnelli, Melanie Griffith, Pamela Anderson, Sharon Stone, Dita Von Teese, Lorna Luft, Anastacia, Niki Lauda, Brigitte Nielsen, Heidi Klum, Charlize Theron, Vivienne Westwood, Naomi Campbell, Nadja Auermann, Jenna Jameson und Katie Holmes anreisten, teils um sich aktiv am Programm des Balles zu beteiligen, teils um als Gäste mitzufeiern., wieninternational.at, 24. April 2007

Der erste Life Ball fand am 29. Mai 1993 statt. Neben der Stadtregierung gab es nur zwei Sponsoren. Dabei wurde ein Erlös in Höhe von 1.100.000 Österreichischen Schilling (79.940 Euro) erzielt, der dem Verein „LIFE+“ zufloss. Im zweiten Jahr, dem Life Ball am 28. Mai 1994, konnte der Erlös aus Spenden, Sponsoring und Eintrittsgeldern verdoppelt werden. Nachdem von den beiden ersten Bällen im österreichischen und deutschen Fernsehen berichtet worden war, fand der dritte Life Ball am 6. Mai 1995 darüber hinaus bereits Beachtung bei französischen und spanischen TV-Stationen sowie MTV. Sowohl die Zahl der Besucher der Eröffnungsshow und des Balles, wie auch der berichtenden Journalisten, Rundfunkstationen und Presseartikel sowie der Sponsoren nahm in den folgenden Jahren kontinuierlich zu – und damit auch der Erlös, der über den Life Ball an AIDS-Hilfsprojekte ausgeschüttet wurde. 1999 wurde das Rathaus renoviert und der Ball fand in der Wiener Hofburg statt.

Mit dem 8. Life Ball am 13. Mai 2000 wurde erstmals die Summe von 10.000.000 Schilling (726.728 Euro) erreicht. Zugleich war es der erste Life Ball, dessen Eröffnungsshow auf dem Rathausplatz stattfand und öffentlich zugänglich war. Im darauf folgenden Jahr wurden über die erstmalige Kooperation mit der Elton John Aids Foundation (EJAF) – er selbst war von 2001 bis 2005 regelmäßiger Gast und hielt die Eröffnungsreden – auch Projekte in Afrika (vgl. HIV/Aids in Afrika) unterstützt. Der 13. Life Ball am 21. Mai 2005 überschritt mit einem Gesamterlös von 1.017.600 Euro durch Kartenverkauf, Gastronomie, Versteigerungen, Tombola, Briefmarken- und Plattenverkauf sowie zahlreiche Spender und Sponsoren erstmals die Euro-Millionengrenze. Die Hälfte des Erlöses floss internationalen Projekten zu. Seit 2006 war die The Foundation for AIDS Research (amfAR), die von Elizabeth Taylor gegründet wurde, neuer Kooperationspartner des Life Ball. Das Hauptaugenmerk 2006 lag dabei in der Bekämpfung von HIV und AIDS bei Babys und Kleinkindern. Ab 2011 kooperierte LIFE+ auch mit UNAIDS.

Der Ball wuchs in seiner gesellschaftlichen Bedeutung bald über die Lesben- und Schwulenszene hinaus. Für diese wurde ein kleines Kartenkontingent eingerichtet, um der Angst einiger Kritiker zu begegnen, es könnte wegen des starken heterosexuellen Andrangs eine der Schwulenszene entstammende Veranstaltung ohne sie stattfinden. Von 2000 bis 2007 wurde mit dem Fernsehsender ATV eine „Wedding Chapel“ mit bekannten „Showpriests“ für Paare jeder sexuellen Orientierung betrieben, um auf die rechtliche Ungleichbehandlung zwischen hetero- und homosexuellen Paaren hinzuweisen. 2008 gab es neun hauptberufliche Life Ball-Angestellte, welche über ein Jahr mit der Beschaffung von Sach- und Geldspenden und der Koordinierung aller Beteiligter beschäftigt waren. Alleine im Bereich Gastronomie gab es knapp 1000 beteiligte Partner und Mitarbeiter. mini|The Blonds mit Katy Perry, 2009 2010 bildete der Life Ball am 17. Juli den Auftakt zur XVIII. Internationalen AIDS-Konferenz, mit 19.300 Delegierten aus 139 Ländern.Ranking der Kongressstädte: Wien weltweit auf Platz eins, diepresse.com, 18. Mai 2011; Die Presse, 19. Mai 2011 Daher standen in dieser Nacht neben dem Rathaus und Rathausplatz auch das gegenüber liegende Burgtheater und das Parlamentsgebäude ganz im Zeichen des Red Ribbon. Das „Konzept der drei Häuser“ vereinte an diesem Abend drei außergewöhnliche Veranstaltungen und wichtige Organisationen: die amfAR-Gala im Parlament, die Elton John AIDS Foundation beim Red Ribbon Cotillion im Burgtheater sowie die William J. Clinton Foundation beim traditionellen Life Ball im Rathaus.Verwässertes Charity-Großereignis, 17. Juli 2010, orf.at mini|Performance-Künstler von Celestial Tableau, 2013 Der Life Ball 2011 erbrachte einen vorläufigen Reinerlös von mehr als 1,9 Millionen Euro. Nationale AIDS-Hilfsprojekte sowie amfAR – The Foundation for AIDS Research und CHAI und die William J. Clinton Foundation wurden daraus mit je einer halben Million Euro unterstützt. UNAIDS, das gemeinsame Programm der Vereinten Nationen zu HIV/AIDS, erhielt die Hälfte der Einnahmen des Tischverkaufs aus der AIDS Solidarity Gala. Die in Wien ansässige UN-Organisation UNODC erhielt 100.000 Euro für ein ukrainisches HIV-Präventionsprojekt von Frauen für Frauen. Der Crystal of Hope und die damit verbundene finanzielle Unterstützung von EUR 100.000 ging an die russische Rylkow-Stiftung für Gesundheit und Soziale Gerechtigkeit. Durch die Einnahmen konnten Präventions- und Frühtestprogramme, Vermeidung der Mutter-Kind Übertragung, Schaffung von Infrastruktur, Medikamentenversorgung sowie Bekämpfung sozialen AIDS für Zigtausende für ein Jahr sichergestellt werden. mini|Auf dem red carpet, 2014 In seiner Rede beim Life Ball 2015 verkündete Gery Keszler zur Überraschung der Besucher, dass im folgenden Jahr kein Life Ball stattfinden werde. Nach 23 Jahren hielt er einen Moment der Reflexion für richtig; auch die Ziele und neue Wege sollten überdacht werden. Aus dem Verein Aids Life wurde in der Folge die neue Dachmarke LIFE+, die relevanten Themen über den Life Ball hinaus ganzjährig eine Plattform bieten sollte. In den Jahren 2017 und 2018 konzentrierte sich LIFE+ auf die Kampagne „Know Your Status“: das Wissen um den eigenen Immunstatus sollte so selbstverständlich werden wie das Wissen um die eigene Blutgruppe. Die visuelle Kommunikation des Themas wurde vom international renommierten Fotografen Peter Lindbergh durch eine Fotoplakatkampagne unterstützt.

Die Kampagne spiegelte sich im Thema des Life Ball 2017 wider. Mit dem Motto „Recognize the Danger“ wurde an die Zeit der 30er Jahre erinnert. „Erkenne die Gefahr – und das in jedem Bereich, ob in der Gesundheit oder innerhalb der Gesellschaft. Öffnen wir die Augen und blicken wir der Gefahr ins Gesicht – nur so können wir rechtzeitig handeln – für unsere Gesellschaft, für unsere Gesundheit, für unsere Zukunft!“, so Gery Keszler. Die Moderation hatten der Sänger Conchita Wurst und ORF-Moderatorin Verena Scheitz.

Daran schloss auch der 25. Jubiläums-Life Ball 2018 an, der unter dem Motto „The Sound of Music“ (nach dem Musical über die Trapp-Familie) unter anderem an die Emigration und Verfolgung von Menschen im NS-Regime erinnerte. Moderiert wurde er von Sänger Conchita Wurst (als Maria von Trapp) gemeinsam mit dem Direktor des Theaters in der Josefstadt, Herbert Föttinger (als Georg von Trapp), die als Höhepunkt sogar heirateten.