Als Jugendkultur werden die kulturellen Aktivitäten, Ausdrucks- und Verhaltensformen von Jugendlichen innerhalb einer gemeinsamen Kulturszene bezeichnet. Der Begriff wurde von Gustav Wyneken (1875–1964) geprägt.Gustav Wyneken: Schule und Jugendkultur. 2. Auflage. Diederichs, Jena 1914, .Vgl. auch * Hinrich Jantzen: Jugendkultur und Jugendbewegung. Studie zur Stellung und Bedeutung Gustav Wynekens innerhalb der Jugendbewegung. 1963; 2. Auflage 1969. Der Kern einer Jugendkultur ist die Etablierung einer eigenen Subkultur innerhalb einer bestehenden Kultur der Erwachsenen, da diese den Heranwachsenden keine sie befriedigenden Ausdrucksmöglichkeiten für ihr als neu empfundenes Lebensgefühl anbietet.

Nähere Bestimmung Eine Jugendsubkultur im weitesten Sinne gibt es in jeder neuen Generation (vgl. dazu Jugendsoziologie), aber nicht jedes Mal wird die Gesamtkultur stilistisch stark von ihr beeinflusst. Aufgrund der Komplexität der Vorgänge innerhalb einer Jugendbewegung und ihrer Interaktion mit bestehenden gesellschaftlichen, politischen, aber auch ästhetischen Elementen der Erwachsenenkultur, werden die Bedeutung und der Einfluss der Jugendkultur auf eine Gesellschaft oft kontrovers diskutiert.

Die Inhalte einer Jugendkultur stehen meistens dem Mainstream der Erwachsenenwelt oder konkret der Elterngeneration und auch angepasster Peers entgegen oder ironisieren diese.

Ursachen und Wesen Ausgangspunkt für eine Jugendkultur war meist eine Innovation im Bereich von Musik, Moden und Attitüden, mit welchen kleinere Gruppierungen von Jugendlichen zunächst ein innovatives Verhalten entwickelten, Nachahmer fanden, dann alternative Handlungsweisen ausbildeten und eigene Werte aufstellten, im Extremfall eine eigene Weltanschauung entwickelten und aktiv weitervermittelten. Die Akzeptanz innerhalb der jeweiligen Generation entschied darüber, ob diese Subkultur zu einer richtigen Jugendkultur expandierte, nur als Subkultur bestehen blieb bzw. in Vergessenheit geriet.

Wegen der rasend schnellen Verbreitung und Ausdifferenzierung von Stilen seit den 1990er-Jahren ist der Prozess der Entstehung von Jugendkulturen nicht mehr mit diesem zyklischen Modell von Entstehung, Ausbreitung, Manipulation und Ende eines Stils zu analysieren; Kommerz und Subversion, Authentizität und Plagiat koexistieren vielmehr fast von Anfang an.Birgit Richard: Manipulation? Strategien des Hyperkonsums? Die Techno- und House-Szene. In: Pierangelo Maset (Hrsg.): Pädagogische und psychologische Aspekte der Medienästhetik: Beiträge vom Kongreß der DGfE 1998 „Medien Generation“. Berlin 2013, S. 115. Das Zusammenspiel von Film, Musik, Mode, Merchandising und Politik hat sich im Hip-Hop perfektioniert.Wilfried Ferchhoff: Jugend und Jugendkulturen im 21. Jahrhundert: Lebensformen und Lebensstile. Berlin 2007, S. 202 ff.

Verschiedene Jugendliche zeigen – je nach psychischer Disposition und sozialem Niveau – eine unterschiedlich stark ausgeprägte Affinität zu ihrer Jugendkultur. Sie identifizieren sich mit einer bestimmten Jugendkultur über Gruppensymbole. Diese artikulieren sich in Jugendsprache, bestimmten, teilweise hochdifferenzierten, Moderichtungen in Hinsicht auf Musikstil oder Kleidung, Schmuck, Tätowierungen, eventuell im Konsum bestimmter Rauschmittel. Zumeist haben diese Symbole Kultcharakter.

Die mit der Identifikation mit einer Jugendkultur verbundenen Vorgänge sind nur von Fall zu Fall zu erfassen und allgemein und umfassend nicht erklärbar. Zum einen liegen oft simple psychologische Motivationen, wie die Steigerung der eigenen Attraktivität zum Zweck der beginnenden Partnersuche oder die Lösung vom Elternhaus, die Demonstration des „Erwachsenseins“, vor. Zum anderen wirkt der Wunsch nach Teilnahme an kreativer Gestaltung der Gesellschaft, durchaus auch auf der Basis in der Kindheit vermittelter, auch ideologisierter Werte. Auch Sex- und Gewaltphantasien spielen eine große Rolle. Oft sucht man Ursachen für die Entstehung einer Jugendkultur auch in einer Orientierungsphase der Jugendlichen, in der bestehende Werte neu überprüft und beurteilt werden. Dieses scheint Jugendlichen innerhalb einer Gruppe leichter zu fallen, da hier gruppendynamische Effekte wirken.

Kommerzialisierung Die Geschichte der Jugendkulturen der Nachkriegszeit begann mit der Entstehung jugendspezifischer kommerzieller Strukturen, d. h. mit der Entdeckung entsprechender Zielgruppen (zuerst Teenager) und jugendspezifischer Produkte. Seither ist jede Jugendkultur durch eine bestimmte Form der Teilnahme an der Warenkultur gekennzeichnet. Jugendkulturen sind also Konsumgemeinschaften, die sich durch Fetischisierung bestimmter Waren, d. h. durch einen Selektionsvorgang im Konsumakt und anschließende symbolische Transformation der Ware symbolisch stilisieren. Auch Konsumverzicht und Subversion sind noch an dieses Muster gebunden.Birgit Richard: Manipulation? Strategien des Hyperkonsums? Die Techno- und House-Szene. In: Pierangelo Maset (Hrsg.): Pädagogische und psychologische Aspekte der Medienästhetik: Beiträge vom Kongreß der DGfE 1998 „Medien Generation“. Berlin 2013, S. 115.

Oft werden die äußeren Merkmale einer solchen Kultur nach kurzer Zeit von einer breiten Masse aufgenommen, und kreative Aspekte bleiben auf der Strecke. Immer schneller saugen die interessierten Industrien entstehende Jugendkulturen auf und nehmen ihnen so Inhalt und Authentizität. Dies geht bis zu Versuchen, durch Fernsehen und Werbung „Kulte“ zu kreieren, ohne dass zuvor eine Jugendbewegung existierte, und trägt wohl auch zu einem allgemeinen kulturellen Unbehagen sowie Bezugsverlusten innerhalb jüngster Generationen bei. Der „Kult“ dauert nur einen Moment und authentische Jugendkulturen entstehen nur noch sehr schwer.

Junge und Junggebliebene Durch die Entstehung der Popkultur in den 1950er Jahren entstand das Phänomen, dass immer mehr Menschen, die der Adoleszenz längst entwachsen sind, „jugendkulturellen“ Phänomenen verhaftet bleiben und sie weiter als Teil ihres Lebensstils und ihrer Identität begreifen. So finden sich z. B. im Publikum der Rolling Stones Menschen fortgeschrittenen Alters, die dem Kulturgenuss des Rock heute noch Begeisterung abgewinnen. Es gibt aber auch kommerziell nicht erfolgreiche Bands (beispielsweise im Punkbereich), deren Motivation weniger im Profit liegt als im Ausdruck einer Gefühlsstruktur, die nicht dem der breiten Masse entspricht. Erwachsene, die ihrer Jugendkultur treu bleiben, spielen oft eine wichtige Rolle, da sie über Ressourcen und Organisation zur Verbreitung verfügen, die Jugendlichen fehlen, und weil sie Verständnisbrücken bauen können.

Dem gegenüber steht die „Verkindlichung“. Hierunter ist zu verstehen, dass Elemente der Jugendkultur derart populär werden, dass sie infolge der Kommerzialisierung, also vermittelt über Erwachsene, auch Einzug in das Leben von Kindern halten. Hierbei wird die Jugendkultur natürlich meist banalisiert, karikiert und auf kindgerechte Versatzstücke reduziert. Beispiele sind der „Schlumpfentechno“ der 1990er Jahre oder Kleidung für Kinder, die eine verniedlichte Version der Hip-Hop-Mode darstellt, und diese aus dem gesellschaftlichen Rahmen heraushebt, in dem diese Bewegung ursprünglich stand.

Jugendkulturen vor 1945 Eine materialreiche, international vergleichende Geschichte der Jugendkultur hat der britische Sachbuchautor und Populärmusikhistoriker Jon Savage 2007 mit dem seit 2008 auch auf Deutsch vorliegenden wegbereitenden Fachbuch TeenAge: die Erfindung der Jugend (1875–1945) vorgelegt. Weitere Beispiele sind:

In schriftlichen Quellen aus dem mittelalterlichen Byzantinischen Reich finden sich gerade im städtischen Bereich schon Belege für männliche jugendliche Subkulturen. „Mit besonders modischen Accessoires wie etwa langen Haaren oder bestimmten Farben, die sie einer politischen Partei zuordneten, grenzten sich Gruppen von Jugendlichen sowohl vom Status als Kind als auch von den Erwachsenen ab.“ In Paris bildete sich 1795, nach dem Ende der Schreckensherrschaft (dem Grande Terreur), im weiteren Verlauf der Französischen Revolution unter dem Directoire (deutsch: Direktorium), für einige Jahre eine demonstrativ unpolitische, Moden erfindende und Vergnügungen suchende Jugendkultur des wohlhabenden Bürgertums heraus, die als Jeunesse dorée („vergoldete Jugend“) bezeichnet wird, viel üble Nachrede der Älteren erfuhr und nach dem Sturz des Direktoriums durch Napoleon Bonaparte auslief. Die Studentenverbindungen können als eine bekannte und frühe Form einer Jugendkultur in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verstanden werden (Burschenschaften, Sängerschaften, im Vormärz dann die Turnerschaften). Ihre Ursprünge reichten bis in das Mittelalter zurück und verbreiteten sich im gesamten europäischen Kulturareal. Während der Jahre nach dem Wiener Kongress von 1814/15 standen viele dieser Vereinigungen in Opposition zur reaktionären Politik der Restauration. Im damaligen deutschen Sprachraum forderten sie demokratische Freiheitsrechte und die nationale Einigung der Fürstentümer des Deutschen Bundes in einem deutschen Nationalstaat. Die entsprechende Bewegung, die vor allem von den Ideen des Liberalismus und des nach der französischen Revolution in ganz Europa aufblühenden Nationalismus beeinflusst war, mündete in die bürgerlich-liberale Märzrevolution von 1848/49. Die Jugendbewegung ab 1900 ist ein Beispiel einer Jugendkultur des 20. Jahrhunderts, wesentlich bezogen auf den deutschsprachigen Raum. Zu ihr zählten beispielsweise der Wandervogel und die Bündische Jugend. Die Swingjugend (Jazz) war in der Zeit des Nationalsozialismus eine zunächst kulturelle Opposition in Teilen der Jugend. Stärker politisch motiviert waren die Edelweißpiraten, die in der Tradition der bündischen Jugend standen, und die sich während der Zeit des Nationalsozialismus gegen die Uniformität der Hitlerjugend wandten. Die kleinen Gruppen der Edelweißpiraten waren insbesondere im Kölner Raum aktiv und führten auch konkrete Widerstandsaktionen gegen das NS-Regime durch, die bis hin zu Sabotage reichten, wofür einige von ihnen trotz ihres jungen Alters hingerichtet wurden.

Jugendkulturen nach 1945 Rock ’n’ Roll und die Beatnik-Bewegung der 1950er Die Mods der frühen 1960er

Hippies mini|Hippies

Die Hippiebewegung entstand in den 1960er Jahren in den USA. Hauptsächlich Studenten, die aus guten Familien der Mittel- und Oberschicht stammten, fühlten sich der Hippiebewegung zugehörig. Hippies hatten häufig auffällige, farbenfrohe Kleidung, lange Haare und trugen Sandalen (sogenannte Jesuslatschen). Viele von ihnen behängten sich mit Schmuck. Ihr Lebensstil orientierte sich an dem der Hipster. Typisch für Hippies war der Konsum von Marihuana, STP und LSD. Außerdem liebten sie Mutter Natur und setzten sich auch für diese ein. Sie besaßen viele Symbole, z. B. das Peace-Zeichen gegen Krieg und die Gitarre, mit der sie ihr Gemeinschaftsgefühl ausdrückten. Ein weiteres Merkmal ist der Hippiebus (häufig ein besonders farbenfroh bemalter Volkswagen T1). Ihr Ziel bestand darin, menschlichere Lebensweisen zu finden, gegen den Vietnamkrieg zu demonstrieren und die Natur zu schützen. Sie setzten sich für die freie Liebe, den Frieden und die Legalisierung von Drogen ein. Ihre Vorbilder waren Christus, Buddha, Franz von Assisi und Mahatma Gandhi. Viele von ihnen waren Anhänger von fernöstlichen Religionen. Man sah sie meist in großen Gruppen. Die Gesellschaft sah sie als faule, schmutzige und drogenkonsumierende Vaganten an. Die Flowerpower entstand durch die Hippiebewegung. Berühmte Lieder zu ihrer Bewegung waren unter anderem: „San Francisco (Be Sure to Wear Flowers in Your Hair)“ (von Scott McKenzie) und „All you need is love“ (von den Beatles). Kinofilme wie Easy Rider und Zusammen! drückten ihr Lebensgefühl aus. Die Bewegung beeinflusste in den 1980er Jahren das Entstehen von Freefestivals und Freetekkno in Großbritannien, New Age und auch die Crustpunkszene.

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