mini|Martin Heidegger (1960) mini|Personalbogen (1935)
Diese Doxographie (auch: Quellenrepertorium) zur Seite Martin Heidegger und der Nationalsozialismus ist eine Ergänzung des genannten Lemmas. Sie ist strikt nach Themen – Schlagworten – aufgebaut, mit internen Links verbunden, die nur von der Hauptseite auf diese Seite gehen (mit Ausnahme des einen Links hier im Intro).
Das inzwischen beachtlich angewachsene Material der Zitate der Sekundärliteratur, das zu einer enzyklopädisch ausgewogenen Darstellung des Themas Heidegger und der Nationalsozialismus erforderlich ist, wird hier durch eine Auswahl abgebildet, die dem Überblick der Hauptseite ein größeres Spektrum an Forschermeinungen hinzufügt. Es werden potentiell Quellen des Zeitraumes von 1916 bis zur Gegenwart dokumentiert.Die ersten einschlägigen Quellen betreffen Zitate aus Briefen des Jahres 1916 an seine spätere Ehefrau Elfride. Der rein dokumentarische Charakter schließt jede Formulierung aus, die über kurze deskriptive Hinweise zu jedem Schlagwort hinausgeht.
Nach jedem Schlagwort werden die Namen der Forscher aufgelistet, von Zitaten („Snippet View“, ca. 1–10 Zeilen) gefolgt. Die Reihenfolge der Listung der Schlagworte und der Namen ist alphabetisch. Um die Proportionalität zu wahren, sind maximal ca. zehn repräsentative Zitate zu jedem Thema zulässig.
Die Schlagworte sind reine Suchbegriffe zu den Themen der Debatte und implizieren keine Wertung. So wird beispielsweise mit dem Schlagwort „Antisemitismus“ ein solcher im Fall von Martin Heidegger weder behauptet noch bestritten.
Schlagwortkatalog Antisemitismus mini|hochkant|Der wandernde Ewige Jude, farbiger Holzschnitt von Gustave Doré, 1852, Reproduktion in einer Ausstellung in Yad Vashem, 2007 Vor 1933
1. Toni Cassirer: Mein Leben mit Ernst Cassirer, S. 157, anlässlich des Treffens in Davos, 1929, über Heidegger:
„Auch seine Neigung zum Antisemitismus war uns nicht fremd.“
Das Urteil ist umstritten, da es von 1948 stammt und vor Davos nur Ernst Cassirer, nicht aber Toni schon Heidegger kannte. Beda Allemann spricht vom „Bild, das das Ehepaar Cassirer sich schon vor der persönlichen Begegnung im Jahre 1929 von Heidegger machte.“Heidegger und die Politik. In: Otto Pöggeler (Hrsg.): Heidegger: Perspektiven zur Deutung seines Werks. Beltz Athenäum, Königstein/Taunus 1994, S. 247 Massimo Ferrari: „Nicht weniger bezeichnend ist auch das Zeugnis der Ehefrau Cassirers (…): eine Abneigung, die sich aus antisemitischen Ressentiments speiste und aufgrund derer, kommentierte Toni Cassirer bitter, seine künftige Rolle als 'erster nationalsozialistischer Rektor' nicht mehr erstaunen konnte.“Ernst Cassirer. Stationen einer philosophischen Biographie, S. 251 Wolfgang Müller Funk, mit dem Verweis auf die Textstelle von T. Cassirer: Heideggers „Hinwendung zum Nationalsozialismus“ habe „sich freilich schon in seinem Antisemitismus“ angekündigt.Theorien des Fremden. Eine Einführung, S. 101, m Anm. 3. Peter Gordon: „Gleichermaßen waren Heideggers persönliche Gefühle zu Cassirer nicht unverdächtig: In ihren Erinnerungen von 1948 beschreibt Toni Cassirer die von ihr und Ernst geteilte Auffassung der Tage, die der Davoser Konferenz vorausgingen: (folgen Zitate 1 u. 2 von T. Cassirer)“, 2. ist das o. a. („Nor were Heidegger’s personal feelings towards Cassirer above suspicion: In her 1948 memoirs, Toni Cassirer described her and Ernst’s shared apprehension in the days preceding the Davos conference: (Zitat 1 u. 2)“. Zusatz: “…this rather casual reference to his personal prejudices should not appear at all surprising.”Continental Divide. Harvard University Press, 2011, S. 264. Hugo Ott: Toni Cassirer habe Heideggers Neigung „gespürt“.Martin Heidegger und sein ambivalentes Verhältnis zum Judentum, Trumah 8, 1999, 29–41, S. 29. Maria Robaszkiewicz: „Heideggers Antisemitismus erwähnt auch die Frau von Ernst Cassirer, Toni, vgl. T. Cassirer, Mein Leben mit Ernst Cassirer, Meiner, Hamburg 2003, S. 187.“Übungen im politischen Denken, Frauen in Philosophie und Wissenschaft. Women Philosophers and Scientists, „Plurality inherent in every human being“: Arendts Begriff des politischen Denkens. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2017, S. 91, Anm. 21. Ernst Vollrath, 1990: „Im gesamten veröffentlichten Werk von Heidegger findet sich nicht die geringste Spur von Antisemitismus. Toni Cassirer konnte sich allerdings die ungehobelte Radikalität, mit der Heidegger sich bei den Davoser Hochschultagen 1929 von der akademischen Vornehmheit Ernst Cassirers absetzte, später nur durch Heideggers Antisemitismus erklären. Auch Edmund Husserl glaubte, die Entfremdung Heideggers von ihm und seinem Denken mit einem ‚in den letzten Jahren … immer stärker zum Ausdruck kommenden Antisemitismus‘ in Verbindung bringen zu können. Das ist als Beleg zu wenig, zumal intellektuelle Auseinander- und Absetzungen bei der gesellschaftlichen Unsicherheit Heideggers leicht in Taktlosigkeit ausarteten. Dagegen spricht die große Zahl seiner jüdischen Schüler“.Martin Heidegger, Die Politik und das Politische. In: Göttingische Gelehrte Anzeigen 242 (1990), S. 225.
2. Karl Jaspers, der mit einer jüdischen Frau verheiratet war, in seinem Gutachten vom Dezember 1945: Heidegger sei „1933 wenigstens in gewissen Zusammenhängen Antisemit geworden“. Bis dahin sei es anders gewesen: „Er hat in dieser Frage nicht nur Zurückhaltung geübt. Das schließt nicht aus, daß ihm, wie ich annehmen muß, in anderen Fällen der Antisemitismus gegen sein Gewissen und seinen Geschmack ging“.Karl Jaspers: Philosophische Autobiographie. München 1977, S. 101. Auch habe Heidegger „auf heikle Fragen“ nichts oder „ungenau“ geantwortet, so Jaspers.Walter Biemel, Hans Saner (Hrsg.): Martin Heidegger, Karl Jaspers: Briefwechsel 1920–1963. Frankfurt am Main 1992, S. 270.
Zur Frage des Antisemitismus, Einschätzungen vor 2014 Hugo Ott: „Eines dürfte sicher sein: wenn Heidegger einem Antisemitismus huldigte, dann sicher nicht auf der Basis der primitiven rassenbiologischen Ideologie von Hitlers Mein Kampf oder Rosenbergs Weltanschauung oder Streichers Eskapaden. Dafür war Heidegger zu kultiviert.Hugo Ott: Martin Heidegger. Unterwegs zu seiner Biographie. Frankfurt am Main 1988, S. 180. Bernd Martin: Antisemitische Äußerungen oder Bekenntnisse zur deutschen Rasse seien von Heidegger „ganz im Gegensatz zu den meisten seiner Rektoren-Kollegen“ zumindest in der Öffentlichkeit nicht gefallen.Bernd Martin: Universität im Umbruch: Das Rektorat Heidegger 1933/34. In: Eckhard John, Bernd Martin, Marc Mück, Hugo Ott (Hrsg.): Die Freiburger Universität in der Zeit des Nationalsozialismus. Freiburg 1991, 9–24, 16; vgl. Hellmut Flashar: Biographische Momente in schwerer Zeit. In: Spectra Narr Francke Attempto, 2004, S. 307–328, hier: S. 315. Die Stellungnahme von Hans Jonas, einst Schüler von Heidegger: „Viele dieser jungen Heidegger-Adoranten, die von weither kamen, darunter einige aus Königsberg, waren – und das kann, obwohl ich keine Erklärung dafür habe, kein purer Zufall gewesen sein – junge Juden. Diese Affinität war aber wohl eher einseitig. Ich weiß nicht, ob es Heidegger so ganz behaglich war, dass gerade junge Juden zu ihm strömten, aber er war an sich ganz und gar apolitisch.“ (Hans Jonas: Erinnerungen. Nach Gesprächen mit Rachel Salamander. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2003, S. 108–109) Für Rüdiger Safranski – bis zur Publikation der „Schwarzen Hefte“ – war Heidegger kein Antisemit im NS-Sinne: „Er war es nicht im Sinne des ideologischen Wahnsystems der Nationalsozialisten. Denn auffällig ist, daß sich weder in den Vorlesungen und den philosophischen Schriften noch in den politischen Reden und Pamphleten antisemitische, rassistische Bemerkungen finden.“Rüdiger Safranski: Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit, München, Wien 1994, S. 297. Philippe Lacoue-Labarthe im Jahr 1990: „Heidegger hat den Nazismus überschätzt, und möglicherweise unter Gewinn und Verlust verzeichnet, was bereits vor 33 sich ankündigte, und wogegen er gleichwohl Widerstand bewies: den Antisemitismus, die Ideologie (‚Politische Wissenschaft‘), die Gewalttätigkeit.“Philippe Lacoue-Labarthe: Die Fiktion des Politischen. Heidegger, die Kunst und die Politik. Edition Patricia Schwarz, Stuttgart 1990, S. 42–43.
Zur Frage des Antisemitismus, Zitate seit 2014 (Publikation der Schwarzen Hefte) Christian Geulen: „Das eigentliche Merkmal dieses heideggerschen Antisemitismus liegt nicht so sehr in den Inhalten dieser Aussagen. Auch wenn sie sich zum Teil wörtlich in den Hetzreden der NS-Größen wiederfinden lassen (…). Das Fatale dieses rassistischen Antisemitismus“ ist „die Abstrahierung des Judentums zu einem bloßen Gegenprinzip, zum Gespenst einer bloßen Gegenrasse“.Christian Geulen: Gewollt willenlos. Heideggers Schwarze Hefte als historisches Dokument. In: Marion Heinz, Sidonie Kellerer (Hrsg.): Schwarze Hefte. Eine philosophisch-politische Debatte. Berlin 2016, S. 275–287, hier: S. 285 m. Verw. auf Eric Voegelin: Rasse und Staat. Berlin 1933. Lutz Hachmeister kommt zu dem Schluss, dass Heidegger „sicher auf eine gewisse Weise Antisemit“ war, fügt jedoch hinzu: „aber man muss sagen, wie 70 Prozent seiner Professorenkollegen zu der Zeit, seiner bürgerlichen Professorenkollegen. Dieses Thema der Überfüllung von intellektuellen Berufen mit Juden war ein starkes Thema unter deutschen Konservativen und völkisch eingestellten Professoren, Gelehrten, und da war er nicht alleine“; Lutz Hachmeister im Deutschlandradio, 12. März 2014L. Hachmeister, Deutschlandradio, „Als harten Antisemiten würde ich ihn nicht bezeichnen“. Jaehoon Lee: „Wer ist das Dasein? Die Schwarzen Hefte sind das Zeugnis dafür, dass diese Frage keine philosophische, sondern eine politische und judenfeindliche Frage ist.“Jaehoon Lee: Die Einheit von Heideggers Denken und die Metaphysik in den Schwarzen Heften. In: Marion Heinz, Sidonie Kellerer (Hrsg.): Schwarze Hefte. Eine philosophisch-politische Debatte. Berlin 2016, S. 144–155, hier: S. 154. Dieter Thomä: „Bis zur Veröffentlichung der Schwarzen Hefte gab es aber kaum Belege dafür, dass Heidegger in seinen philosophischen – und auch politischen – Texten die antisemitische Karte zieht; von einigen suspekten Stellen wird später noch die Rede sein. Erst in diesen Heften wird der Antisemitismus zum innersten Bestandteil philosophischer Überlegungen. (…) Heidegger legt in den Schwarzen Heften seine Maske ab.“Dieter Thomä: Wie antisemitisch ist Heidegger? In: Marion Heinz, Sidonie Kellerer (Hrsg.): Schwarze Hefte. Eine philosophisch-politische Debatte. Berlin 2016, S. 211–233, hier: S. 214. Gaëtan Pégny: „die Schwarzen Hefte verdeutlichen, wenn es denn noch sein muss, den allgemeinen Antisemitismus des heideggerschen 'Denkens’ und seine architektonische Rolle.“Gaëtan Pégny: Heideggers Selbstauslegung in den Schwarzen Heften. In: Marion Heinz, Sidonie Kellerer (Hrsg.): Schwarze Hefte. Eine philosophisch-politische Debatte. Berlin 2016, S. 326–346, hier: S. 433
Biologismus