Das Internat Kristinehov war ein 1934 gegründetes Landschulheim im südschwedischen Västraby. Das Internat war eine Einrichtung für jüdische Kinder und Jugendliche aus Deutschland, denen hier die Chance geboten werden sollte, ihre in Deutschland nicht mehr mögliche Schulausbildung fortzusetzen und zu beenden. Im Laufe ihres Bestehens gewann die Vorbereitung auf eine Auswanderung nach Palästina zunehmend an Bedeutung. Kristinehov gehört zu den erstmals von Hildegard Feidel-Mertz erforschten zwanzig Schulen im Exil.
Die Ursachen der Schulgründung Die Hintergründe und Notwendigkeiten, die zu dieser Schulgründung im Ausland führten, beschreibt Hans Friedenthal, ab 1936 geschäftsführender Vorsitzender der Zionistischen Vereinigung für Deutschland:
Zwei dieser Pädagogen, die sich für die in Deutschland ausgegrenzten jüdischen Kinder und Jugendlichen einsetzten, waren das Ehepaar Ludwig und Charlotte (Yaʿel) Posener. Sie gründeten 1934 das Internat Kristinehov in Südschweden.
Die Gründer des Internats Kristinehov Ludwig Posener (* 20. Februar 1902 in Berlin – † August 1978 in Zürich, begraben in Jerusalem), ist der Sohn von Moritz Moses Posener und dessen Ehefrau Gertrud, einer geborenen Oppenheim. Sein Bruder ist der Architekt und Architekturhistoriker Julius Posener. Beide stammen aus einem großbürgerlichen Elternhaus und verlebten ihre Jugend in einer Villa in Berlin-Lichterfelde. Aus Julius Poseners Erinnerungen „wird deutlich, dass die Familie Oppenheim-Posener in Lichterfelde isoliert war und nur untereinander verkehrte. Ihre schönen Landhäuser waren wie Burgen. In der Schule ließ man ihre Kinder ihr Jüdischsein schmerzlich spüren. Der Vater Posener verlangte von seinen Söhnen ausdrücklich, jede antisemitische Beleidigung tätlich abzuwehren. Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, suchten die Poseners mit den übrigen Lichterfelder Familien an patriotischen Taten zu wetteifern.“Monika Richarz: Biographie und Remigration. S. 339. Nach dem Ersten Weltkrieg, an dem der älteste der drei Posener-Brüder, Karl, noch als Freiwilliger teilgenommen hatte, lockerte sich offenbar innerhalb der Familie die deutsch-nationale Gesinnung, und insbesondere Ludwig Posener begeisterte sich für den Zionismus und „war angesichts antisemitischer Erfahrungen dem zionistischen Wanderbund Blau-Weiß beigetreten, was zu schweren Konflikten mit dem Vater Posener führte, der seine Erziehung gescheitert und sein eigenes Deutschtum durch den Zionismus gefährdet sah.“Monika Richarz: Biographie und Remigration. S. 339. Ludwigs Bruder Julius beschreibt diese Konflikte eindrucksvoll in seinem Buch: Julius Posener: Heimliche Erinnerungen. In Deutschland 1904 bis 1933. Siedler, München 2004, ISBN 3-88680-764-9, S. 114–122.
Ludwig Posener studierte Mathematik und Physik in Berlin und wurde promoviert. 1930 heiratete er Charlotte Neumann (* 16. April 1910 in Berlin – † 1990). Deren Eltern waren der 1876 in Meiningen geborene Rechtsanwalt Heinrich Neumann und seine 1884 in Prag geborene Frau Lilly (geborene Spiro). Die beiden gingen 1941 in Prag aus Angst vor der Deportation in den Freitod.Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. S. 572–573. Zusätzlich: Lebensdaten von Charlotte Yaʿel Posener. .
Charlotte Posener hatte ebenfalls in Berlin studiert und wurde 1933 zum Dr. phil. promoviert. 1934 emigrierte das Ehepaar nach Schweden und gründete das Internat Kristinehov. Sie leiteten es allerdings nur bis 1937, da sich ihnen, zusammen mit ihren beiden Kindern Yochanan Peres (* 1931) und Ruth Ottolenghi (* 1935), 1938 die Möglichkeit zur Ausreise nach Palästina bot. Ludwig Posener, der seinem Namen den Zusatz Nachman hinzugefügt hatte, wurde in Palästina zunächst Direktor der höheren Schule in Rechovot und später Professor an der Universität von Tel Aviv. Charlotte Posener, die ihrem Namen Yaʿel hinzufügte, arbeitete 1938–1939 als Oberschullehrerin in Jerusalem und von 1940 bis 1952 als Inspektorin für die Jugend-Alíyah. 1952 wurde sie vom israelischen Außenministerium in das Büro des Ministerpräsidenten delegiert, wo sie bis 1964 arbeitete. Von 1964 bis 1973 war sie verantwortlich für das Bauwesen, wurde 1973 stellvertretende Direktorin und 1976 Direktorin der Abteilung Schulverwaltung im Ministerium für Erziehung und Kultur. 1977 ging sie in den Ruhestand und übernahm den Vorsitz im Verwaltungsrat der Organisation für die Entwicklung israelischer Gemeindezentren.Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. S. 572–573.
Zwischen Landerziehungsheim und „Rückschulung“
Gründungsvoraussetzungen Die politischen Randbedingungen in Schweden, unter denen die Schulgründung stattfand, skizziert Pontus Rudberg:
Kristinehov war beides: ein Landschulheim und eine Hachschara-Stätte, wie Edith Friedenthal bereits Anfang 1936 berichtete: „An das Internat angeschlossen ist eine Gruppe von Praktikanten und Praktikantinnen, die Hachscharah auf dem Gute und im Hause machen, das Leben der Schule bereichern und den Schülern ein Vorbild sind.“Edith Friedenthal: Das Landschulheim Västraby (siehe Weblinks) Wenn Feidel-Mertz schreibt, das Internat Kristinehov habe „von vornherein die ‚Transmigration‘, das heißt die Durchreise und gezielt die Einwanderung nach Palästina im Sinn“ gehabtHildegard Feidel-Mertz (Hrsg.): Schulen im Exil. S. 104–107, dann trifft das vermutlich stärker auf die Hachschara-Teilnehmer zu, als auf die normalen Internatsschüler. So relativiert Feidel-Mertz auch ihre auf Kristinehov bezogene Transmigrations-These nur wenige Sätze nach dem vorhergehenden Zitat. Unter Verweis auf nicht näher dokumentierte Schülereinschätzungen schreibt sie nämlich: „Nach dem Urteil ehemaliger Schüler, die bis 1941 die Schule besuchten, soll Kristinehov vor der Kristallnacht eher ein reguläres Landerziehungsheim gewesen und erst danach bewußt auf die Einwanderung nach Palästina ausgerichtet worden sein.“
Die Ära Posener Kristinehov wurde für das Internat von den schwedischen Behörden eine eigene – von der der Transmigrations-Gruppe unabhängige – Aufenthaltsquote zugeteilt, die es erlaubte, 60 Schülerinnen und Schüler in Kristinehov zu unterrichten. Über diese Quote erhielten die Poseners die Erlaubnis für die Eröffnung eines Internats „für Kinder zwischen 12 und 16 Jahren. Die Kinder wurden sowohl in den theoretischen als auch in den manuellen Fächern unterrichtet, in der Regel für 2-3 Jahre, mit einer Obergrenze von drei Jahren. Nach Beendigung ihrer Ausbildung wurde von den Kindern erwartet, dass sie nach Palästina oder in andere Länder auswandern.“Pontus Rudberg: The Swedish Jews and the victims of Nazi terror, 1933–1945. S. 114.
Die Schule eröffnete offiziell am 1. Mai 1934 mit 24 Schülern und 10 Lehrern. „Das Internat – ein schloßartiges Herrenhaus, umgeben vom großen Park und Wäldern – blickt auf den landschaftlich reizvoll gelegenen Ringsee, liegt neben einem der größten Güter Südschwedens, weit entfernt von der Großstadt.“ Die Finanzierung sollte durch die Eltern und durch eine einmalige Unterstützung für die Ausstattung der Schule seitens eines „Relief Committee“ in Stockholm erfolgen. Dieses Finanzierungskonzept war jedoch bald hinfällig: „Da die deutschen Behörden den Geldtransfer aus Deutschland nur wenige Monate später stoppten, war die Schule zunehmend auf Subventionen der Jüdischen Gemeinden Schwedens angewiesen.“Pontus Rudberg: The Swedish Jews and the victims of Nazi terror, 1933–1945. S. 115. Das hat aber nicht davon abgehalten, besonders bedürftige Schülerinnen und Schüler zu unterstützen. 1936 etwa genehmigte das Stockholmer „Relief Committee“ ausdrücklich die Unterstützung für 5 Kinder, um deren Aufenthalt in Kristinehov zu sichern. „Die Kinder wurden von den Poseners selbst ausgewählt, aber sie mussten aus armen Familien kommen, d. h. sie waren Kinder, deren Eltern nicht in der Lage waren, ihren Aufenthalt in der Schule zu bezahlen.“Pontus Rudberg: The Swedish Jews and the victims of Nazi terror, 1933–1945. S. 150.
Für das Ehepaar Posener galt es von vornherein, den in Deutschland vom Schulbesuch ausgeschlossenen Kindern eine neue schulische Perspektive zu geben. „Die Kinder erhielten Unterricht in den allgemeinbildenden Fächern, aber auch in Hebräisch und Handwerk. […] Die Initiative des Poseners zielte darauf ab, Kindern, die aus dem deutschen Schulsystem ausgeschlossen waren, die Möglichkeit zu geben, ihre Ausbildung im Ausland fortzusetzen.“Pontus Rudberg: The Swedish Jews and the victims of Nazi terror, 1933–1945. S. 114. „Eine Ausbildung im Ausland“ fortzusetzen, bedeutete zum damaligen Zeitpunkt noch nicht automatisch eine Fokussierung auf Palästina, da für viele deutsche Juden häufig die USA oder England die bevorzugten Emigrationsländer waren. Andererseits waren die Poseners auch Zionisten, wie ihr Freund Hans Friedenthal bestätigteHans Friedenthal: Erinnerung an Ludwig Posener (Brief), in: Hildegard Feidel-Mertz: Pädagogik im Exil nach 1933. S. 166. Von daher ist es nicht verwunderlich, das die hebräische Sprache und handwerkliche Fähigkeiten wichtige Bestandteile des schulischen Alltags waren. Auch Edith FriedenthalSie war vermutlich die Ehefrau von Hans Friedenthal; die beiden Kinder des Ehepaares besuchten das Internat Kristinhov. Hildegard Feidel-Mertz: Pädagogik im Exil nach 1933. S. 166. schrieb bereits davon, dass die Kinder in Kristinehov ein Leben „in bewußter Vorbereitung für den zukünftigen palästinensischen Alltag führen“ würden und betonte in ihrem Artikel vor allem die Zelebrierung der jüdischen Feste und den rituell geführten Haushalt.
Feidel-Mertz attestierte der Schule ein Arbeiten nach reformpädagogischen Grundsätzen,Hildegard Feidel-Mertz: Pädagogik im Exil nach 1933. S. 165. und auf eine freie und offene Atmosphäre verweisen auch Hans Friedenthals Erinnerung an Kristinehov:
1937 beteiligt sich Kristinehov an einer Ferienaktion für jüdische Kinder aus Deutschland, die auf eine Initiative der Reichsvertretung der Deutschen Juden zurückging. Etwa 100 Kinder konnten dank schwedischer Hilfskomitees ihre Ferien in Schweden verbringen, 60 davon in Kristinehov.Pontus Rudberg: The Swedish Jews and the victims of Nazi terror, 1933–1945. S. 146.
Hinwendung zur Jugendalija