mini|20px Dienstflagge der Seestreitkräfte (Flagge und Gösch der Kriegsschiffe) mini|20px Bundesdienstflagge (Flagge aller Bundesdienststellen und der Hilfsschiffe der Marine)
Bundesmarine war bis zur Wiedervereinigung 1990 die inoffizielle Bezeichnung für die Seestreitkräfte der Bundesrepublik Deutschland. Bis 1995 organisierte sich die Marine als gesamtdeutsche Teilstreitkraft der Bundeswehr neu und firmierte anschließend unter dem Namen Deutsche Marine. Diese Bezeichnungen wurden und werden auch auf den entsprechenden Mützenbändern verwendet.
Während der deutschen Teilung bestand in Westdeutschland der politische Wille einer klaren Abgrenzung zur Volksmarine der DDR, sodass der Begriff „Bundesmarine“, auch um eine Unterscheidung im internationalen Vergleich wie etwa innerhalb der NATO zu erlangen, verwendet wurde.Deutsche Marine – Pressemeldung: „Bundesmarine“ oder „Deutsche Marine“? – Wie heißt die kleinste Teilstreitkraft der Bundeswehr richtig? Presseportal.de, Presse- und Informationszentrum Marine, 30. April 2009; abgerufen am 3. März 2015.
Geschichtlich wurde der Begriff Bundesmarine fälschlicherweise auch für die Reichsflotte von 1848 verwandt. Die Marine des Norddeutschen Bundes hieß hingegen anfangs tatsächlich Norddeutsche Bundesmarine. Im Folgenden wird unter Bundesmarine die Marine der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1956 und 1990 verstanden.
Geschichte
Deutsche Seeverbände nach 1945
Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges wurde Deutschland entmilitarisiert. Unter alliiertem Oberkommando sind noch einige Kleinverbände der ehemaligen Kriegsmarine zum Minenräumen vor den deutschen Küsten verwendet worden. Der größte von ihnen war der bis 1947 bestehende Deutsche Minenräumdienst (German Minesweeping Administration, GMSA). Kleinere Verbände mit Zoll-, Polizei- und Minenräumaufgaben bestanden bis 1956 fort und bildeten einen personellen und materiellen Grundstock für die Bundesmarine. Die zuvor unter britischer Führung stehende so genannte Schnellbootgruppe Klose konnte als Kern einer neuen Schnellbootwaffe übernommen werden.
Vorüberlegungen für die Bundesmarine Konzeptionelle Vorarbeiten für eine neue Marine waren bereits zwischen 1949 und 1952 in dem für die US-Marine arbeitenden Naval Historical Team (NHT) geleistet worden. Bereits kurz nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 ließ Bundeskanzler Adenauer geheime Überlegungen zur Aufstellung von Streitkräften anstellen, die hinsichtlich der Marine mit denen des NHT übereinstimmten. Sie wurden in der Himmeroder Denkschrift festgehalten und später noch einmal im NHT ergänzt. Bei einem Personalumfang von 15.000 bis 20.000 Mann sollte die neue Marine vor allem über kleinere Fahrzeuge wie Minensuchboote, Schnellboote, Geleitboote und große Torpedoboote verfügen. Außerdem waren 24 kleine U-Boote und leichte Marinefliegerkräfte vorgesehen. Davon abweichend sahen die Planungen für den deutschen Marineanteil im Rahmen der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) erheblich kleinere Kräfte und Fahrzeuge vor. Es waren nur etwa 11.500 aktive Soldaten und 12.000 Reservisten geplant. Größte Einheiten sollten Geleitboote sein, U-Boote und Kampfflugzeuge waren nicht vorgesehen. Von deutscher Seite wurden diese Kräfte als nicht ausreichend bewertet.
Nachdem die EVG 1954 gescheitert war, begannen im Rahmen der Beitrittsverhandlungen mit der NATO Gespräche über die Gestalt der Marine. Das Oberste NATO-Kommando in Europa SHAPE legte in einem Schreiben vom 6. Juli 1955 (so genannter Schuyler-Brief des Chefs des Stabes SHAPE, des US-Generalleutnants Schuyler) die Aufgaben der Marine fest und gab einen unverbindlichen Hinweis zum militärisch für notwendig gehaltenen Umfang. Danach sollte die deutsche Marine dazu beitragen, feindlichen Seestreitkräften den Durchbruch in die Nordsee durch die Ostseezugänge oder den Nord-Ostsee-Kanal zu verwehren, zum höchstmöglichen Maße die sowjetischen Seeverbindungen in der Ostsee unterbinden, an der alliierten Verteidigung der deutschen Ostseeküste und der dänischen Inseln teilnehmen, beitragen zur Aufrechterhaltung der alliierten Seeverbindungen in den deutschen Küstengewässern und den angrenzenden Seegebieten. Dafür wurden unter anderem 18 kleine Zerstörer, 10 Geleitboote, 54 Minensucher, 40 Schnellboote, 12 U-Boote und 58 Marineflugzeuge für erforderlich gehalten.Karl-Adolf Zenker: Aus der Vorgeschichte der Bundesmarine. In: Deutsches Marine Institut, Deutsche Marine-Akademie (Hrsg.): Die deutsche Marine. Historisches Selbstverständnis und Standortbestimmung. (= Schriftenreihe. Band 4). Herford / Bonn 1983, ISBN 3-8132-0157-0, S. 91 ff.
Aufbauphase Am 12. November 1955 wurde die Bundeswehr als neue Streitkräfteorganisation der Bundesrepublik Deutschland gegründet, die sich nicht an die Traditionen ehemaliger deutscher Streitkräfte anlehnte. Die Aufstellung der Teilstreitkraft Marine war deshalb ein Neuanfang, obwohl wie in anderen Teilen der Bundeswehr eine größere Zahl ehemaliger Angehöriger der Wehrmacht eingestellt wurde.Siehe dazu Jörg Duppler: Kontinuität und Diskontinuität im Selbstverständnis der Marine. In: Marineforum, 4-1996, S. 2 ff.
Die Aufstellung der Bundesmarine begann am 2. Januar 1956 mit einer Marinelehrkompanie deren Ausbildung vorwiegend durch Vorgesetzte der ehemals unter amerikanischer Aufsicht stehenden Labor Service Unit (LSU) geleistet wurde. Die britische und die amerikanische Marine leisteten umfangreiche Ausstattungs- und Ausbildungshilfe. Am 1. März 1956 wurde Vizeadmiral Friedrich Ruge zum Leiter der Abteilung VII – Marine im Bundesministerium der Verteidigung ernannt. Er führte ab 1. Juni 1957 die Bezeichnung Inspekteur der Marine.
Am 1. April 1956 wurde in Kiel unter Führung des Korvettenkapitäns Hans-Helmut Klose das Schnellbootlehrgeschwader aufgestellt. Am 2. Mai 1956 nahm das Kommando der Flottenbasis in Wilhelmshaven-Sengwarden den Dienst auf, am 15. Juni 1956 folgte das Kommando Seestreitkräfte unter kommissarischer Führung von Kapitän zur See Max-Eckart Wolff. Am 16. Mai 1956 wurde das 1. Schnelle Minensuchgeschwader mit zwölf Booten in Wilhelmshaven in Dienst gestellt und am 1. Juni 1956 das 2. Hochseeminensuchgeschwader mit 6 Booten in Bremerhaven.
Bereits am 1. April 1957 konnten zwei Minensuchgeschwader als erste Kräfte der Bundeswehr der NATO unterstellt werden. Zur Bundesmarine gehörten im Herbst 1957: 20 Minenräumboote der Capella-Klasse (u. a. Capella, Castor, Jupiter, Mars, Merkur, Orion, Pollux, Regulus, Rigel, Saturn, Sirius, Spica) 2 Schnellboote des Typs 38 6 Schnellboote der Silbermöwe-Klasse (Eismöwe, Raubmöwe, Silbermöwe, Sturmmöwe, Wildschwan, Seeschwalbe) 6 Minensuchboote der Seehund-Klasse (Seeschlange, Seelöwe, Seeigel, Seehund, Seestern, Seepferd) 2 U-Boote der Klasse 240 (früher Klasse XXIII) (U Hai und U Hecht) 2 Begleitschiffe (Eider und Trave) 8 Schulboote (Nordwind, Falke, FM 1, FM 2, FM 3, UW 1, UW 2 und UW 3)
Am 17. Januar 1958 wurde der erste von den USA geliehene Zerstörer Anthony als Zerstörer 1 übernommen.
Später verlangsamte sich der Aufbau, und die Struktur der Marine wurde mehrfach verändert. Die 1974 eingenommene Gliederung hatte im Wesentlichen bis ins Jahr 1990 Bestand.
Über den personellen Aufbau der neuen Bundesmarine gab es erhebliche Auseinandersetzungen. Verschiedene Zirkel ehemaliger Offiziere der Kriegsmarine der Wehrmacht versuchten ihren Einfluss geltend zu machen. Auf Druck des Bundestags wurde im August 1955 ein aus Parteivertretern und Conrad Patzig als einzigem Offizier gebildetes Komitee eingesetzt, das alle Bewerber um Dienstposten oberhalb eines Kapitäns zur See auf ihr Bekenntnis zur Demokratie prüfen sollte. Bis Ende 1957 wurden 600 Bewerbungen um Funktionen bei Bundesmarine und Seegrenzschutz bearbeitet. Mehr als 85 Prozent der Bewerbungen wurden befürwortet.Douglas Carl Peifer: Establishing The Bundesmarine: The Convergence Of Central Planning And Pre-Existing Maritime Organizations, 1950–1956. In: James S. Corum: Rearming Germany. Brill, Leiden 2011, ISBN 978-90-04-20317-4. S. 137–139.
Konzeption und Aufgaben der Marine
Das erste Jahrzehnt mini|Boote des 5. Schnellbootgeschwaders im Stützpunkt Neustadt in Holstein etwa 1960
Die Bundesmarine war anders als ihre Vorgängermarinen von Anfang an als Bündnismarine nach den Vorgaben der NATO konzipiert und in diese integriert. Gleichwohl gab es zunächst noch eigene konzeptionelle Vorstellungen aus der ersten Hälfte der 1950er Jahre, die nicht mit den künftigen Verbündeten abgestimmt waren. Zwei wesentliche Faktoren hatten diese Überlegungen beeinflusst: Einerseits stellten die starken Landstreitkräfte des Ostblocks bzw. Warschauer Pakts hinter dem sogenannten Eisernen Vorhang eine Bedrohung für die Bundesrepublik dar. Andererseits beherrschten die NATO-Staaten als große Seemächte die Weltmeere. Insofern war die Landfront die Hauptsorge bei allen deutschen Verteidigungsplanungen. Deshalb zielten die ersten Überlegungen der Marine darauf ab, dass eine Landung überlegener alliierter amphibischer Kräfte im Rücken des Gegners, also etwa an der Ostseeküste der DDR, die Landfront entlasten sollte. Da den großen Seemächten nicht genügend spezielle Mittel zur Sicherung der Ostseezugänge und andere Aufgaben im Küstenvorfeld zur Verfügung standen, sollte die deutsche Marine derartige Aufgaben übernehmen, um die geplante alliierte Landung vorzubereiten und abzusichern. Das erste Beschaffungsprogramm der Marine trug dem Rechnung. Artilleriezerstörer, Schnellboote und Minensuchboote, Landungsschiffe und Sicherungstruppen wurden zur Vorbereitung einer amphibischen Operation bereitgestellt.
Die Neuorientierung mini|Deutsche Seeleute bringen anlässlich der Unterstellung unter die Standing Naval Force Atlantic das NATO-Symbol auf der Fregatte Braunschweig an (1972)
Bereits Anfang der 1960er Jahre stellte sich heraus, dass diese Planung unrealistisch war. Weder ließen die militärischen Kräfteverhältnisse in Europa eine solche Operation zu, noch hatten die Verbündeten die entsprechenden Absichten. Es wurde vielmehr deutlich, dass es in der Ostsee vorrangig darum gehen musste, eine sowjetische Landung gegen die deutschen und dänischen Küsten abzuwehren, die dazu hätte dienen sollen, die Ostseeausgänge für die sowjetische Marine zu öffnen.
Nach den neuen Planungen oblagen der Bundesmarine im Wesentlichen folgende Aufgaben: In der Ostsee sollte sie zusammen mit der dänischen Marine Landungen abwehren und die Ostseeausgänge für sowjetische Kriegsschiffe sperren. Wenn möglich sollte die Ostsee für den gesamten gegnerischen Seeverkehr gesperrt werden, um die Verstärkung und Versorgung der Landstreitkräfte auf diesem Wege zu unterbinden. In der Nordsee sollte die Bundesmarine einen Beitrag zur Sicherung der eigenen Seewege leisten, damit im Krieg alliierte Verstärkungen sicher in deutsche, dänische und niederländische Häfen transportiert werden konnten.
Nach und nach erhielt die Marine in den 1970er und 1980er Jahren neues Material, das für diese Aufgaben ausgelegt war. Dazu gehörten unter anderem 40 moderne Flugkörper-Schnellboote, 24 U-Boote, sehr moderne Minensysteme, 112 Jagdbomber TORNADO und acht Fregatten mit Hubschraubern. Mit den Kräften in der Ostsee, die etwa zwei Drittel der Marine ausmachten, und zusammen mit der – sehr viel kleineren – dänischen Marine gelang es, ein System der Verteidigung in der Tiefe aufzubauen, das einen gegnerischen Landungsverband auf dem Weg durch die ganze Ostsee kontinuierlich hätte bekämpfen können.
Entsprechend ihrer Aufgabenstellung hatte das Operationsgebiet der Bundesmarine zunächst nur Nord- und Ostsee umfasst, wobei die Linie Dover–Calais im Westen und der 60. Breitenparallel im Norden die Grenze für Einsatzplanungen, jedoch nicht für Ausbildungsreisen bildeten. Diese nationale Einsatzbeschränkung wurde im Juni 1980 aufgehoben. Als Einsatzgebiet galt nunmehr der gesamte so genannte Nordflankenraum der NATO.