Marseille ( [marˈsejɔ]/[marˈsijɔ]; ) ist eine französische Großstadt mit Einwohnern () und die zweitgrößte Stadt Frankreichs. Sie ist die Hauptstadt des Départements Bouches-du-Rhône und der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur. Marseille wurde in der Antike von Griechen gegründet und ist die älteste Stadt Frankreichs; ihre Einwohner nennen sich Marseillais []. Am Mittelmeer ist Marseille die wichtigste französische und eine bedeutende europäische Hafenstadt. Zudem ist Marseille eine wichtige französische Kulturmetropole. Mit der Universität Aix-Marseille beherbergt Marseille die größte Universität Frankreichs. 2013 war Marseille gemeinsam mit der slowakischen Stadt Košice Kulturhauptstadt Europas.
Neben Aix-en-Provence ist Marseille eine der beiden Kernstädte der Métropole d’Aix-Marseille-Provence mit rund 1,9 Millionen Einwohnern. Die Metropolregion zählt nach der Definition von Eurostat rund 3,05 Millionen Einwohner (2015).
Geographie alt=Bootssteg in einer Bucht des Calanque Nationalparks|mini|Port de Sormiou Marseille liegt zwischen 0 und ( am offiziellen Zentrum Noailles) hoch. Das 240 Quadratkilometer umfassende Stadtgebiet (mehr als doppelt so groß wie Paris) umfasst neben dem bebauten Gebiet auch weite Naturflächen, vor allem Gebirge. Die Stadt wird im Westen begrenzt durch das Mittelmeer, im Norden durch die Gebirge Chaîne de l’Estaque und Chaîne de l’Etoile (mit dem Gipfel des l’Etoile als höchstem Punkt der Stadt), im Osten vom Garlaban-Massiv, im Südosten vom Saint-Cyr-Massiv und im Süden, dem Massif des Calanques wiederum am Mittelmeer.
Durch die Lage herrscht in Marseille ein mediterranes Klima, das sehr sonnenreich und regenarm ist. Grund dafür sind auch die oft starken Winde, vor allem der Mistral, weshalb das Klima trotz der südlichen Lage manchmal rau sein kann.
Geschichte Legende der Stadtgründung mini|Marseille im Jahr 1575 Der antiken Legende nach entstand die Stadt, als griechische Seefahrer aus Phokaia die Mittelmeerküste erkundeten. Sie landeten demnach an dem Tag an der Küste des heutigen Marseille, als ein keltischer König namens Nann einen Gatten für seine Tochter Gyptis suchte. Gyptis sollte unter allen versammelten jungen Männern demjenigen einen Kelch reichen, den sie zu heiraten wünschte. Überraschenderweise war es Protis, der Anführer der Neuankömmlinge, dem sie das Gefäß übergab. Die beiden heirateten, und Griechen und Kelten gründeten gemeinsam die Siedlung Massalia.Marseille – von der Liebe gegründet. Planet Wissen; abgerufen am 8. November 2013.Fragmente von Aristoteles’ verlorener „Verfassung von Massalia“ sowie Justins „Trogi Pompei epitoma“, die beide über diese Gründung berichten, widersprechen diese Legende nicht.
Antiker griechischer Handelsstützpunkt
Griechische Seehändler aus Phokaia in Kleinasien besuchten im 7. Jahrhundert v. Chr. regelmäßig die Südküste Frankreichs nahe der Mündung der Rhone, um mit den ligurischen Stämmen Handel zu treiben. Vor allem Zinn, als Bestandteil der Bronze, war bei den Griechen begehrt. Im Gegenzug fanden feine Töpferwaren und Schmuck den Weg in die Häuser der lokalen Fürsten. An der schroffen und felsigen Küste waren geschützte Landeplätze rar; so steuerte man den natürlichen Hafen des heutigen Marseille an, wo die Galeeren vor Wind und Wellen geschützt waren.
Um 620 bis 600 v. Chr. gründeten Griechen dank einer Landschenkung der ligurischen Fürsten an diesem Hafen eine dauerhaft bewohnte Siedlung (Apoikie) und nannten sie Massalia (), das heutige Marseille.
Griechische Polis und römische Stadt mini|hochkant|Historische Karte von Marseille, Jahr 1890 mini|Drachme aus Massalia, Kopf der Artemis, nach 200 v. Chr. geprägt mini|Rückseite der Drachme, Löwe und Schrift
Die Polis wuchs bald zu einer der reichsten und größten griechischen Apoikien im westlichen Mittelmeer heran, die mit der Anbindung an die natürliche Handelsstraße der Rhone kulturellen Einfluss bis weit in das Hinterland hatte.Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Band 4; Jazzybee Verlag, 2012 (). Ein Beleg für diesen Einfluss ist die Verwendung der griechischen Buchstaben bei den Helvetiern zur Zeit Caesars. Auch in einigen südfranzösischen Dialekten könnte sich nach Ansicht mancher Forscher ein griechischer Einfluss erhalten haben.Hermann Bengtson: Griechische Geschichte von den Anfängen bis in die römische Kaiserzeit. C.H.Beck, München 1977; ().
Um das Jahr 545 v. Chr. kamen laut Herodot erneut Zuwanderer aus Phokaia in die Stadt. Sie waren geflohen, nachdem Harpagos, Feldherr des Königs Kyros II. von Persien, Phokaia erobert hatte.Herodot 1, 163, 1–1, 165, 4, Solin. 2, 77; Livius 5, 34, 7–8. Málaga, Korsika und Nizza wurden ebenfalls von Griechen aus Phokaia besiedelt, die eine Apoikie nach der anderen gründeten. Mit der Zeit wurde Massalia so groß und bedeutend, dass es selbst Siedler ausschickte, um Handelsposten und Städte im Westen bis hin nach Spanien zu gründen. Der spätantike Autor Stephanos von Byzanz erwähnt mehrere von Massalia gegründete Städte oder Siedlungen im Umland,G. Barruol: Les peuples pre-romains du sud-est de la Gaule: étude de géographie historique. RAN Suppl. 1, Paris 1969, S. 224, Nr. 1. die sonst nicht bezeugt sind: Alonis () Azania () Kyrene (), möglicherweise La Couronne bei Martigues Sekoanos (), vermutlich ein Fluss, möglicherweise Arc oder Touloubre.G. Barruol: Les peuples pre-romains du sud-est de la Gaule: étude de géographie historique. RAN Suppl. 1, Paris 1969, S. 199.
Der Expansion der Phokaier und Massalioten wurde durch eine Koalition aus Etruskern und Karthagern in der Seeschlacht bei Alalia ein Ende gesetzt. Dennoch blieb Massalia jahrhundertelang eine regional bedeutende Seemacht, und es gab immer wieder Konflikte mit den Gallien beherrschenden keltischen Stämmen. Die Stadt war bekannt dafür, dass ihre Verfassung über mehrere Generationen hinweg als eine Oligarchie organisiert war, an deren Spitze ein Rat der Sechshundert stand, und es selten zu Staseis kam.Strabon, 4,1,5.
125 v. Chr. bat Massalia die Truppen der Römischen Republik um Hilfe gegen die Angriffe gallischer Stämme (Ligurer, Allobroger, Salluvier, Arverner und Vokontier). Im Laufe der Kriegshandlungen wurde das gesamte Gebiet des südlichen Galliens von den Römern als Provinz Gallia transalpina annektiert. Die Stadt selbst jedoch blieb zunächst ein Verbündeter Roms und konnte ihre Unabhängigkeit als civitas libera et foederata noch einige Jahrzehnte bewahren. In den Jahren des Bürgerkrieges zwischen Julius Caesar und Gnaeus Pompeius wollte sich Massalia neutral verhalten, doch dies wurde von Caesar nicht geduldet. Im Jahr 49 v. Chr. wurde die Stadt daher schließlich nach sechsmonatiger Belagerung erobert, verlor ihre Freiheit und wurde bald darauf in die Provinz Gallia transalpina integriert.Hermann Bengtson: Römische Geschichte – Republik und Kaiserzeit bis 284 n. Chr., 8. Auflage, C. H. Beck, München 2001, ISBN 3-406-02505-6, S. 192f. (). So blieb sie bis zum Ende des Römischen Reiches dessen Bestandteil, verlor aber nur langsam ihren griechischen Charakter. Noch in der frühen Kaiserzeit kamen laut Strabon viele Römer in die Stadt, um griechische Bildung zu erwerben.
Im Jahr 314 ist der erste bekannte Bischof von Massilia Oresius im Dokument zum Konzil von Arelate erwähnt. Anfang des 5. Jahrhunderts n. Chr. wurde am Südufer des Alten Hafens das Kloster Saint-Victor gegründet, das von 750 bis 960 die Residenz der Bischöfe von Marseille sein sollte. 481 fiel die Stadt an die Westgoten, 508 an die Ostgoten, 536 an die Franken.
Mittelalter und Frühe Neuzeit 879 fiel der Ort an Niederburgund. Nachdem die Sarazenen sie zerstört hatten, wurde die Stadt im 10. Jahrhundert wiederaufgebaut und den Vicomtes de Marseille unterstellt. Zwischen 1216 und 1218 wurde Marseille zur selbstständigen Republik. Als aber darauf Karl von Anjou, der Bruder von König Ludwig IX. von Frankreich, Graf von Provence wurde, unterwarf er sich Marseille. Es gilt als gesichert, dass der Schwarze Tod im 14. Jahrhundert über Marseille nach Westeuropa eingeschleppt wurde. – Presseveröffentlichung der Universität Mainz vom 8. November 2010; abgerufen am 9. November 2013. 1423 ließ Alfons V. von Aragón die Stadt erobern und verwüsten. René Graf von Provence baute sie wieder auf und nach dem Tod seines Nachfolgers, des Grafen Karl von Maine, wurde sie 1481 der Krone Frankreichs einverleibt. Sie verteidigte sich 1524 gegen den Connétable Karl von Bourbon und 1536 gegen Kaiser Karl V. Während der Hugenottenkriege stand sie auf der Seite der katholischen Liga und gehörte dabei zu den hartnäckigsten unter allen französischen Städten. 1575 erfolgte die Übergabe an Heinrich III., welche die Einwohner noch lange Zeit jährlich durch eine Prozession feierten. Ludwig XIV. entzog der Stadt 1660 ihre Freiheiten; Marseille war seitdem eine gewöhnliche See- und Handelsstadt. Im 17. Jahrhundert durften muslimische Galeeren-Gefangene einen kleinen muslimischen Friedhof einrichten. 1748 wurde ihnen dieses Recht wieder genommen.
Trotz strenger Sicherheitsvorkehrungen wurde 1720 durch ein Schiff die Pest eingeschleppt. Bis Frühling 1721 starben hier beim letzten großen Ausbruch 35.000 Menschen. Die Pariser Regierung schickte Truppen, um die Stadt abzuriegeln. Südlich des Mont Ventoux wurde eine 27 Kilometer lange bewachte Mauer gebaut. Dennoch starben im Languedoc und in der Provence rund 85.000 Menschen.Carsten Jasner: Als die Pest nach Marseille segelte. In: Mare, Nr. 128, Juni/Juli 2023, S. 102 ff. Im Zusammenhang mit dieser schweren Epidemie wurde vom König den Stadträten eine militärische Kommandantur, eine „Pest-Polizei“, zur Seite gestellt, um der Lage Herr zu werden. Die Stadt hatte damit eine doppelte Führung. Das Stadtgebiet wurde in verschiedene Bereiche eingeteilt, um die Überwachung zu gewährleisten und das Risiko der Ansteckung zu verringern.Fleur Beauvieux: Épidémie, pouvoir municipal et transformation de l’espace urbain : la peste de 1720–1722 à Marseille. (französisch/englisch); S. 29–50.
Die Bevölkerung von Marseille war seit jeher stolz und unabhängig und im ganzen Land dafür bekannt, sich gerne gegen die Obrigkeit und den König aufzulehnen. So schickte die Stadt im Jahr 1792 500 freiwillige Kämpfer, um die neue Regierung während der Französischen Revolution zu unterstützen. Das von den Kämpfern aus Marseille in den Straßen von Paris gesungene Lied wurde als die Marseillaise bekannt. Am 14. Juli 1795 wurde die Marseillaise zur französischen Nationalhymne erklärt.
Neuzeit mini|Obligation der Stadt Marseille vom 20. Juli 1894, Blankette mini|Notre-Dame de la Garde
Im März 1669 dekretierte der Minister Jean-Baptiste Colbert die Errichtung eines Freihafens am Vorbild Livornos, worauf sich in den 1670er Jahren einige italienische Juden und persische Armenier niederließen. Der Abneigung der alteingesessenen Händler und des Bischofs verunmöglichte das Vorhaben. 1682 wurden die Juden vertrieben. Um 1770–1790 wurde ein Fünftel des Hafenumschlags mit Kolonisten auf Saint-Domingue und anderen Karibikinseln abgewickelt. 1825 eröffnete die italienisch-katholische Kirche. Im 19. Jahrhundert wuchs Marseille zum bedeutendsten Hafen Frankreichs, vor allem wegen der französischen Kolonialisierung in Afrika und Indochina. Die Entwicklung und Bedeutung des Hafens verstärkte sich mit dem Beginn der Industrialisierung und der Eröffnung des Suezkanals 1869.
Am 23. März 1871 nahm die Menge mit Hilfe der Stadtpolizei (den gardes civiques) die Präfektur ein. Am Vorbild von Paris kam es zur Errichtung einer Kommune, angeführt von Gaston Crémieux, welche eine lokale politische Autonomie und Dezentralisierung forderte, aber bereits am 5. April desselben Jahres gestürzt wurde, als Truppen von General Henri Espivent de La Villesboisnet in Marseille einmarschierten und unter dem Schlachtruf „Es lebe Jesus, es lebe das Heilige Herz!“ 150 Menschen töteten. Von den Regierungstruppen starben 30 Menschen.