The Killing of a Sacred Deer (engl. für „Die Tötung eines heiligen Hirsches“) ist ein Thriller von Yorgos Lanthimos, der am 22. Mai 2017 im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele von Cannes seine Weltpremiere feierte und im internationalen Wettbewerb um die Goldene Palme konkurrierte. Der Film wurde von den Geschichten um Iphigenia aus der griechischen Mythologie inspiriert.
Handlung Der angesehene Herzchirurg Steven Murphy führt mit Anna, die als Augenärztin eine Praxis leitet, der pubertierenden Tochter Kim und dem jüngeren Sohn Bob ein erfülltes Familienleben.
Seit einiger Zeit trifft sich Steven öfter mit dem 16-jährigen Martin, einem Teenager aus eher einfachen Verhältnissen, dessen Vater vor zwei Jahren bei einer von Steven durchgeführten Herzoperation gestorben ist. Steven hat Mitleid mit dem Jungen und auch Schuldgefühle, da er seinerzeit Alkoholiker war und bei der Operation unter Alkoholeinfluss stand. Martin sucht in Steven einen Ersatzvater. Steven geht darauf ein Stück weit ein, macht Martin Geschenke und lädt ihn irgendwann zum Essen zu seiner Familie ein. Dort beginnen Martin und Kim sich einander zuzuneigen.
In der Folge bedrängt Martin Steven immer penetranter. Er sucht ihn bei der Arbeit auf und ist öfter bei den Murphys zu Besuch. Als Martin Steven zu einem Gegenbesuch einlädt, versucht er Steven mit seiner Mutter zu verkuppeln, die auch reges Interesse zeigt. Steven verlässt fluchtartig das Haus und versucht, den Kontakt mit Martin zu reduzieren. Martin reagiert zornig.
Bald darauf leidet Stevens Sohn Bob plötzlich an einer Querschnittslähmung, für die sich keine medizinische Ursache finden lässt. In der Cafeteria des Krankenhauses, in dem Bob liegt, droht Martin Steven damit, dass seine Frau und seine beiden Kinder sterben werden, alle nach demselben Muster – erst Lähmung, dann Nahrungsverweigerung, dann Augenbluten und kurz danach der Tod – wenn Steven als Sühne dafür, dass er seinen Vater ermordet habe, nicht eines seiner Familienmitglieder töte. Steven lässt Martin hinauswerfen, muss aber entsetzt feststellen, dass sich Martins Fluch weiter erfüllt. Bald ist auch Kim gelähmt und beide verweigern jede Nahrung. Zudem wird offenbar, dass Martin das Leiden nach seinem Willen aussetzen kann.
Da ihnen medizinisch nicht geholfen werden kann, werden Kim und Bob bei künstlicher Ernährung nach Hause verlegt, wo Martin weiterhin zu Besuch vorbeischaut. In seiner Verzweiflung setzt Steven Martin in seinem Keller fest und versucht ihn unter Gewaltanwendung und massiven Todesdrohungen gefügig zu machen, aber Martin ist zum Äußersten entschlossen. Kim, aus der Schule mit dem Iphigenie-Stoff vertraut, bietet sich ihren Eltern als Opfer an. Erst als bei Bob das Augenbluten einsetzt, sieht sich Steven gezwungen, auf Martins Forderung einzugehen. Er fesselt seine Frau und seine Kinder auf Möbelstücke, stellt sich mit einem Gewehr in die Mitte, zieht sich eine Strickmütze über die Augen, beginnt sich um sich selbst zu drehen und schießt blindlings. Erst nach mehreren Versuchen trifft er – Bob stirbt.
In der Schlussszene sitzen Steven, Anna und Kim gesund in einem Restaurant. Als Martin eintritt, an ihnen vorbeigeht und sich an die Theke setzt, verlassen die drei das Lokal.
Produktion Bedeutung des Filmtitels mini|hochkant=1.2|Weil Agamemnon einen heiligen Hirsch getötet hatte, musste er seine Tochter Iphigenia opfern. Im Bild eine von Heinrich Schliemann entdeckte Maske, die er dem mythischen Agamemnon zuordnete Der Titel des Films nimmt Bezug auf den Beginn der Mythenbildung um Iphigenia. Ihr Vater Agamemnon wurde von Artemis bestraft, weil er in ihrem heiligen Hain einen Hirsch getötet hatte. Daraufhin verhinderte sie zu Beginn des Trojanischen Krieges die Weiterfahrt der Griechenflotte unter Agamemnons Kommando nach Troja und hob die Windstille erst auf, als dieser seine eigene Tochter der Göttin zur Sühne opferte. Im Film wird erwähnt, dass Steven Murphys Tochter eine Klassenarbeit über den Mythos von Iphigenie geschrieben hat.Andreas Kilb: Alles ist anders, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Dezember 2017 (Seite 1).
Stab und Filmgenre Der Film wurde von Film4 und New Sparta Films gemeinsam mit Hanway Films finanziert. Die Regie übernahm Yorgos Lanthimos, der gemeinsam mit Efthymis Filippou auch das Drehbuch zum Film schrieb. Lanthimos greift in seinem Film in Tradition des Iphigenie- oder Abraham-Mythos auf ein archaisches Sujet der abendländischen Kultur zurück, das er allerdings in die heutige Zeit transponiert und nicht als mitleidsloses Drama inszeniert, sondern durch pechschwarzen Humor abfedert, der durchgängig das gesamte Werk durchzieht.Filmfestspiele Cannes: 'Killing a Sacred Deer' als wuchtige Parabel In: Tiroler Tageszeitung Online, 22. Mai 2017. Wie im Mythos um Iphigenie muss in seinem Film jemand, der etwas nimmt wie Agamemnon den geliebten Hirschen von Artemis, etwas Wertvolles zurückerstatten, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Dominik Kamalzadeh von Der Standard erklärt in seiner Kritik zum Film, Lanthimos und sein langjähriger Drehbuchautor griffen, um ein Drama um Schuld und Verdrängung zu erzählen, auf die Figur des Eindringlings zurück.Dominik Kamalzadeh: Haneke-Premiere in Cannes: Das absehbare Ende In: Der Standard, 22. Mai 2017.
Zum Genre des Films sagt Jenny Jecke von moviepilot.de, aufs wesentliche heruntergekocht, besitze dieser den Plot eines Horrorfilms, in dem ein rationaler Mann mit dem wissenschaftlich Unerklärlichen konfrontiert wird.Jenny Jecke: Ein Tag mit Nicole Kidman und dem bisher besten Film in Cannes In: moviepilot.de, 23. Mai 2017. Auch Carsten Baumgardt von Filmstarts spricht von einem eigentlich sehr simplen Horror-Plot, und der Handlung, aber auch der Inszenierung gebe Lanthimos einen kleinen verfremdenden Dreh ins Surreale: „Er verliert dabei nie den Wirklichkeitsbezug, aber er federt die archaische Grausamkeit der an Euripides’ Tragödie Iphigenie in Aulis angelehnten Prämisse – ein Vater muss eines seiner Kinder opfern, um ein noch schlimmeres Unheil zu verhindern – etwas ab.“ Der Film steigere sich schließlich in eine Art alttestamentliche Raserei, statt in eine kathartische Läuterung, wie sie die antike Tragödie vorsieht, so Baumgardt.Carsten Baumgardt: The Killing of a Sacred Deer In: filmstarts.de. Abgerufen am 30. Mai 2017. Andreas Kilb von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erklärt, zu den Spielregeln im Horrorfilm gehöre, dass die Opfer erst allmählich erkennen, wer ihnen ans Leben will, und dass der Täter übernatürliche oder wenigstens außergewöhnliche Kräfte hat. Von beidem könne im Film keine Rede sein, so Kilb weiter: „Alle Handelnden sind von Anfang an im Bild. Und die Gewalt, die sich ereignet, hat keine sichtbare Ursache, sie kommt aus dem Nichts. Alles, was wir erfahren, ist, dass das Unheil immer weiter voranschreiten wird, solange der Chirurg keine Sühne für den Tod seines Patienten geleistet hat.“Andreas Kilb: Alles ist anders, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Dezember 2017 (Seite 2). Für Daniel Kothenschulte von der Frankfurter Rundschau ist The Killing of a Sacred Deer ein rabenschwarzer Thriller mit biblischen Motiven, wobei er die Figur des zunehmend bösartigen Martin mit der von Damien aus dem Gruselklassiker Das Omen vergleicht.Daniel Kothenschulte: Der Eindruck des Falschen bei Haneke In: Frankfurter Rundschau, 23. Mai 2017.
Besetzung und Synchronisation Die Hauptrolle des Chirurgen Steven Murphy wurde mit Colin Farrell besetzt, die Rolle seiner Frau Anna mit Nicole Kidman. Die Nachwuchsdarsteller Sunny Suljic und Raffey Cassidy spielen ihre Kinder Bob und Kim. Die Rolle des 16-jährigen Martin wurde mit Barry Keoghan besetzt. Im August 2016 stieß Alicia Silverstone zur Besetzung. Sie spielt im Film Martins Mutter.
In der deutschen Synchronisation leiht Markus Pfeiffer dem Chirurgen Steven Murphy seine Stimme und Petra Barthel seiner Frau Anna Murphy.
Dreharbeiten und Filmmusik Die Dreharbeiten haben am 22. August 2016 in Cincinnati begonnen. Dort fanden sie unter anderem im Christ Hospital und in der Gegend um den Hyde Park statt. Zur Kameraarbeit zu Beginn des Films sagt Dominik Kamalzadeh von Der Standard, die klinische Einstellung auf das menschliche Herz werde so lange im Blick behalten, dass man sich an Luis Buñuels berühmten Schnitt durchs Auge in seinem Film Ein andalusischer Hund erinnere. Carsten Baumgardt von Filmstarts erklärt, was ebenfalls befremdlich wirke, seien insbesondere einige Bildkompositionen und Einstellungsgrößen. So stehe die Kamera gerade in den Totalen oft weiter vom Geschehen weg, als man es gewohnt sei, was mitunter den Effekt erzeuge, dass es sich anfühlt, als würde man keine Menschen aus Fleisch und Blut, sondern Spielfiguren in einem Puppenhaus zuschauen oder aber Forschungssubjekten in einer Versuchsanordnung.Carsten Baumgardt: The Killing of a Sacred Deer In: filmstarts.de. Abgerufen am 30. Mai 2017. Andreas Kilb von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung meint, manchmal habe man bei Lanthimos das Gefühl, dass es schon genügt, hinzuschauen, damit etwas Schreckliches passiert, und die perspektivischen Tricks des Kameramanns Thimios Bakatakis verstärkten dieses Unbehagen: „Die Flure im Krankenhaus öffnen sich bei ihm wie klaffende Wunden. Die dämmrigen Räume im Haus des Chirurgen wirken wie Grabkammern. Die Außenwelt der anonymen amerikanischen Großstadt, in der der Film gedreht wurde (es ist Cincinnati), scheint wie unter einem Pesthauch erstarrt.“ Auch Thomas Assheuer von Zeit Online bemerkt den mit kalter Präzision fotografierten auffälligen Abstand zum Geschehen, und die durch das Weitwinkelobjektiv aufgerissene Totale schaffe eine skeptische Distanz, wobei die schrille, nachgerade impertinent eingesetzte Musik wie der warnende Chor der attischen Tragödie klinge.Thomas Assheuer: 'The Killing of a Sacred Deer': Im heiligen Hain von Amerika In: Die Zeit, 53/2017.
In der Auswahl der Filmmusik findet sich ein Querschnitt der abendländischen Musik, so von Johann Sebastian Bach, Franz Schubert, Sofia Gubaidulina und György Ligeti. Peter Debruge von Variety sagt über die im Film eingesetzten Musikstücke, diese seien Allegorien eines extremen Unbehagens und meisterhaft orchestriert, in der Art, wie bei einem klassischen Kubrick-Film.Peter Debruge: Cannes Film Review: 'The Killing of a Sacred Deer' In: Variety, 22. Mai 2017. Jenny Jecke von moviepilot.de erklärt, Lanthimos lasse, was sein Markenzeichen sei, das emotional komödiantisch unterkühlte Geschehen von erdrückenden Opern-Arien und dissonanten Streichern begleiten.
Veröffentlichung und Verwertung