mini|hochkant=1.3|Isis-Tempel von Philae mini|Grundriss der Insel Philae (Mitte des 19. Jahrhunderts)

Als Tempel von Philae (auch Hut-chenti, Haus des Anfangs) bezeichnet man einen Tempelkomplex in Oberägypten, etwa acht Kilometer südlich von Assuan. Die Tempelanlagen stehen auf der Insel Agilkia, nachdem sie 1977 bis 1980 am eigentlichen Standort, der heute überfluteten Insel Philae, abgebaut und etwa 600 Meter nordwestlich auf dem höheren Gelände von Agilkia neu errichtet wurden.

Das Hauptgebäude der Tempelanlagen ist der Tempel der Göttin Isis. Er steht am Westufer etwa in der Mitte der Insel. Um ihn herum befinden sich weitere kleinere Bauwerke, wie der Kiosk des Nektanebos I., der Trajan-Kiosk, der kleine Tempel der Hathor, der Tempel des Harendotes, der Kiosk des Psammetich II., die Hadrian-Bastion, der Tempel des Imhotep, die Kapelle des Mandulis und der Tempel des Arensnuphis-Dedun. Die hieroglyphischen Reliefs der Tempelanlage werden durch das Projekt Edition der Tempelinschriften von Philae der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien (Institut OREA) bearbeitet und publiziert.Edition der Tempelinschriften von Philae. der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien (Institut OREA)

Geschichte Aufstieg in spätpharaonischer und hellenistischer Zeit

Eine Datierung der ursprünglichen Tempelgründung ist nicht möglich. Die ältesten erhaltenen Belege stammen aus der Regierungszeit von Nektanebos I. (379 bis 360 v. Chr.), der zu Ehren von Hathor einen Tempel erbaute. Dazu gehörte ein von Nektanebos dekorierter Kiosk (Pavillon), der vermutlich einem weiteren größeren Bau angegliedert war. Letztgenannter ist zwischenzeitlich nicht mehr erhalten. Der Kiosk wurde bereits in der Antike von seinem ursprünglichen Standort entfernt.

In den Jahrzehnten und Jahrhunderten nach seiner Begründung wurde der Tempel von Philae ein religiöses Zentrum Südägyptens und verdrängte diesbezüglich die Tempelanlage von Elephantine.Stefan Pfeiffer: Griechische und lateinische Inschriften zum Ptolemäerreich und zur römischen Provinz Aegyptus (= Einführungen und Quellentexte zur Ägyptologie. Band 9). Lit, Berlin / Münster 2015, ISBN 978-3-643-13096-9, S. 53. Als Perle des Nils wurde der Tempel der Isis auf der Insel Philae gerühmt.Erik Hornung: Tal der Könige. Die Ruhestätte der Pharaonen. Artemis & Winkler, Zürich / München 1982, ISBN 3-7608-0519-1, S. 10. Von den zahlreichen Besuchern aus ganz Ägypten künden unter anderem die Graffiti, die an den Wänden des Tempelkomplexes angebracht wurden, darunter auch Weihinschriften für die Gottheiten (sogenannte proskynemata).Ian Rutherford: Island of the Extremity: Space, Language, and Power in the Pilgrimage Traditions of Philae. In: David Frankfurter (Hrsg.): Pilgrimage and Holy Space in Late Antique Egypt. Brill, Leiden / Boston 1998, S. 229–256. Darunter befindet sich auch ein lateinisches Graffito, das drei römische Besucher am Ostturm des ersten Pylons anbrachten und mit einer Datumsangabe versahen, die dem 26. August 116 v. Chr. entspricht. Bei diesem Text handelt es sich um die älteste lateinische Inschrift Ägyptens.Stefan Pfeiffer: Griechische und lateinische Inschriften zum Ptolemäerreich und zur römischen Provinz Aegyptus (= Einführungen und Quellentexte zur Ägyptologie. Band 9). Lit, Berlin / Münster 2015, ISBN 978-3-643-13096-9, S. 154–156.

Spätantike mini|Tempel von Philae (1838)

Der Aufstieg des Christentums im 4. Jahrhundert n. Chr. brachte die Kultpraxis auf Philae nur kurz zum Erliegen. Selbst nach der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion durch Kaiser Theodosius I. (391) blieb der Isiskult auf der Insel aktiv. Erst 535/537 ließ Kaiser Justinian den Tempel gewaltsam schließen und in ein christliches Gotteshaus umfunktionierten, obwohl die Blemmyer noch immer an der Verehrung des Heiligtums festhielten. Der rückwärtige Bereich des Säulenraumes wurde um 553 dem Heiligen Stephanus als Kirche geweiht, wobei einige der antiken Reliefs im Tempel zerstört wurden.

Moderne Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts setzte der Stausee des alten Assuan-Staudamms die Tempelbauten von Philae für mehrere Monate im Jahr unter Wasser. Im Zusammenhang mit der Rettungsaktion für Nubiens Denkmäler plante man schließlich ab 1972 den Umzug der Tempelanlagen von Philae auf höher gelegenes Gelände. Als Umzugsort wurde die nordwestliche Nachbarinsel Agilkia ausersehen. Man gestaltete sie unter der Berücksichtigung der Topografie von Philae um, zersägte die wichtigsten Bauten in 37.363 zwischen 2 und 25 Tonnen schwere Blöcke und baute die Anlagen originalgetreu wieder auf. Die Arbeiten dauerten von 1977 bis 1980. Die Bauten von Philae stehen seit 1979 auf der Liste der UNESCO-Weltkulturerbestätten.

Mythologische Verbindungen Das Nutbuch Im Nutbuch wird die Göttin Nephthys mit dem Nordhimmel verbunden, was zunächst seltsam erscheint, da diese Himmelsregion sonst mit Nut assoziiert wird. Offensichtlich liegt hier eine Ausdeutung statt einer Beschreibung vor. Grundlage ist das Motiv von zwei Himmelsgöttinnen, die auch im Tempel von Philae auf den Darstellungen zu sehen sind. Das Kopfende, das erwartungsgemäß im Westen liegen sollte, erscheint hier auch in nördlicher Ausrichtung. Hintergrund ist die Bezugnahme auf den Sternenhimmel, wo der Südhimmel hinter der „Gottesmutter des Re“ und der Nordhimmel vor ihr liegt. Nephthys tritt dabei am Bug und Isis am Heck der Sonnenbarke auf. Die räumliche Aufteilung folgt dabei dem altbekannten Himmelsrichtungsmuster, das Westen und Norden als Ort der abwesenden Sonne versteht.

Mythologisch entspricht der Nordhimmel auch der Entstehungsregion des Re, wobei Nephthys und Isis eine Doppelfunktion als Amme und Mutter einnehmen und deshalb in ihrer Funktion mit Nut verschmelzen können. Zudem liegt eine deutliche Verbindung zum Osirismythos vor, wo Nephthys und Isis gemeinsam Horus als Mutter und Amme aufziehen. Im Nutbuch erscheint Re als Horus. Re nimmt kurz vor seinem Aufgang die Erscheinungsform des Falken an. Sein Aufenthaltsort befindet sich zu diesem Zeitpunkt noch weit entfernt hinter Punt. Damit schlüpft Re in die Rolle von Horus im Horizont. Dass Re tatsächlich als Horus verstanden wird, zeigt die spätere Nennung von Osiris als „seinen Vater“. Namentlich wird Re deshalb in den ersten 15 Zeilen des Nutbuches nicht erwähnt und taucht nur in den Formen „dieser Gott“ oder „Majestät dieses Gottes“ auf. In der göttlichen Genealogie treten die Gottheiten Nut und Geb wiederum als Großeltern des Hor-pa-chered auf, Kindgott in den beiden Göttertriaden auf Philae. Der kindliche Horus wird bezüglich des Nutbuches in diesem Zusammenhang auch als kindlicher Nachfolger des alternden Re verstanden.

Der Osirismythos mini|Blick vom Tempeltor für das Abaton (Osirisgrab) von Bigeh auf den Isis-Tempel von Philae 1838

Der Legende nach ist Philae der Platz, an dem Isis das Herz ihres Mannes Osiris fand, nachdem – gemäß dem Osirismythos – sein Bruder Seth ihn umgebracht, zerstückelt und die Körperteile im ganzen Land versteckt hatte. Letztlich fanden Isis und ihre Schwester Nephthys alle verstreuten Teile des Osiris und setzten seinen Leichnam wieder zusammen. Doch Osiris wollte nicht mehr im Diesseits bleiben und entschied sich fürs Jenseits. Sozusagen im göttlichen Austausch wurde Isis schwanger und brachte den Gott Horus zur Welt. Die Reliefs im Inneren des Mammisi (Geburtshaus) schildern die Geburt der Gottheit Horus, das Kind und seine Kindheit in den Deltasümpfen.

Der Tempel wurde unter den Ptolemäern erbaut, aber auch die römischen Herrscher bauten noch an dem so weit entfernten Heiligtum. Isis, die im Gebiet um den Katarakt als Herrin der Überschwemmung verehrt wurde, war im gesamten Römischen Imperium als Göttin der Fruchtbarkeit, der Liebe und der Erlösung beliebt. Philae war eines der Hauptheiligtümer dieser Zeit; der Tempelbetrieb wurde erst in der ausgehenden Spätantike auf kaiserlichen Befehl eingestellt.

Mythos vom Sonnenauge Nicht nur die Muttergöttin Isis oder der Nil wurden auf Philae als Lebensspender verehrt, sondern ebenso die Sonne. Als Tochter des Re erschien Tefnut als Hathor im Göttermythos „Die Heimkehr der Göttin“ auch als Sonnenauge. Die Doppelseitigkeit ihres Wesens kommt auf einer Inschrift in Philae zum Ausdruck: „Als Sachmet ist sie zornig, als Bastet fröhlich“. Sachmet, Bastet, Sopdet, Hathor und Isis sind in Tefnut vereint. Als Sonnenauge hatte sich die Göttin während des Winters tief in den Süden nach Nubien zurückgezogen, weshalb sie auch den Beinamen die nubische Katze trug:

Als Sonnenauge verspürte sie offenbar wenig Neigung, nach Ägypten zurückzukehren. Re sandte ihr den Götterboten Thot nach, dem es gelang, die Abtrünnige zur Rückkehr zu bewegen. In Ägypten angekommen, feierte das ganze Land im Rahmen des Hathor-Festes und des Bastet-Festes mit der Göttin ihre glückliche Heimkehr:

Tempelanlagen Kiosk des Nektanebos I. mini|Kiosk des Nektanebos I. Der Pavillon oder Kiosk des Nektanebos I. wurde in dessen Regierungszeit von 379 bis 360 v. Chr. errichtet. Die an der Südwestecke der Insel Agilkia wiedererrichteten Gebäudereste stellen den ältesten heute aufrecht stehenden Bau des Tempelkomplexes dar. Der rechteckige Portikus mit 14 Kompositsäulen aus einer Verbindung von glockenförmigen Papyrus- und Sistrum-Kapitellen mit Darstellungen des Kopfes der Göttin Hathor war wohl Teil eines von Nektanebos entwickelten Gesamtkonzepts für die Inselbebauung.

mini|links|Obelisk vor Kingston Lacy Durch Ptolemaios VIII. wurde das Gebäude im 2. Jahrhundert v. Chr. zusätzlich mit zwei Obelisken versehen, von denen einer, der sogenannte Obelisk von Philae, noch erhalten ist. Neben seiner Beschriftung in traditionellen Hieroglyphen trägt die Basis des Obelisken eine weitere Inschrift in altgriechischer Sprache. Der Vergleich dieser beiden Texte war eine wichtige Vorstufe zur Entzifferung der Hieroglyphenschrift durch Jean-François Champollion. Heute steht das Monument vor dem Herrenhaus Kingston Lacy in Dorset. Die griechische Inschrift datiert in die Jahre zwischen 124 und 117 v. Chr. und enthält ein Gesuch der ägyptischen Priester von Philae und die Bewilligung seitens Ptolemaios VIII. sowie der Königinnen Kleopatra II. und Kleopatra III.Stefan Pfeiffer: Griechische und lateinische Inschriften zum Ptolemäerreich und zur römischen Provinz Aegyptus (= Einführungen und Quellentexte zur Ägyptologie. Band 9). Lit, Berlin / Münster 2015, ISBN 978-3-643-13096-9, S. 149–154.

mini|Nektanebos I. vor Isis und Hor-pa-chered Auf einer der Schrankenwände des Kiosks befindet sich ein Relief des Kindgottes Hor-pa-chered. Das Relief stellt den ältesten und einzigen Beleg für Hor-pa-chered in einem Tempel aus der Zeit vor den Ptolemäern dar. Auf dem Relief ist Nektanebos I. zu sehen, wie er der thronenden Isis und ihrem hinter ihr stehenden Kind Hor-pa-chered ein Speiseopfer darbringt.Sandra Sandri: Har-Pa-Chered (Harpokrates). Die Genese eines ägyptischen Götterkindes (= Orientalia Lovaniensia analecta. Band 151). Peeters, Leuven 2006, ISBN 90-429-1761-X, S. 54–55 (Online-Vorschau). Hor-pa-chered ist ikonografisch als nackter Kindgott mit Doppelkrone und Jugendlocke abgebildet; in der linken Hand ein Anch-Zeichen haltend, die rechte Hand befindet sich am Mund.Sandra Sandri: Har-Pa-Chered (Harpokrates). Leuven 2006, S. 242.

Bauten am Dromos Als Dromos wird der beidseitig von Säulengängen flankierte Platz vor dem ersten Pylonen des Isis-Tempels bezeichnet. Die östliche Kolonnade blieb mit 16 Säulen unvollendet. Auf der Westseite bilden 32 mit Opferszenen geschmückte Säulen vor einer mit ebensolchen Reliefs verzierten Wand die Grenze des Tempelkomplexes zum die Insel umgebenden Wasser. Die Pflanzen nachempfundenen Formen der Säulenkapitelle unterscheiden sich jeweils von denen der anderen Säulen.