Faramondo (HWV 39) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel. Das Libretto ist eine stark überarbeitete und gekürzte Version von Apostolo Zenos gleichnamigem Werk (Venedig, 1698). Die Oper wurde am 3. Januar 1738 im King’s Theatre am Haymarket uraufgeführt.
Entstehung Faramondo war Händels erste Oper nach dem Scheitern der dritten Opernakademie (und auch der konkurrierenden Adelsoper) im Jahre 1737, die bei dem Komponisten eine schwere gesundheitliche Krise ausgelöst hatte.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel, aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Metzler Verlag, Stuttgart, 1992, S. 166 ff. Wenige Wochen nach seiner Rückkehr von einer Erholungskur, die er in Aachen verbracht hatte, einigte sich Händel mit dem Impresario John James Heidegger über die Komposition und Aufführung zweier neuer Opern und eines Pasticcios für die nächste Spielzeit am Haymarket Theatre. Für den Komponisten war es sicher ein Anreiz, dass es Heidegger gelungen war, dafür den berühmten jungen Kastraten Caffarelli aus Italien zu engagieren.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel, aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Metzler Verlag, Stuttgart, 1992, S. 174–175.
mini|Karikatur Caffarellis Pier Leone Ghezzi Händel begann mit der Komposition des Faramondo am 15. November 1737, musste die Arbeit allerdings wegen des Todes der Königin Caroline am 20. November unterbrechen, um für die Trauerfeierlichkeiten das berühmte Funeral Anthem The Ways of Zion do Mourn (HWV 264) zu schreiben. Es wurde am 17. Dezember aufgeführt.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel, aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Metzler Verlag, Stuttgart, 1992, S. 176.
Während das Theater wegen Staatstrauer sechs Wochen geschlossen blieb, arbeitete Händel weiter an seiner neuen Oper. In der Partitur liest man die Vermerke: „Fine dell Atto 1. Montag den 28 Novembr 1737“ – „Fine dell’ Atto 2do | Den 4 Decembr 1737. | Sontags Abends üm 10 Uhr.“ Am Heiligen Abend 1737, eine Woche nach dem Begräbnis der Königin, beendete er Faramondo: „Fine dell’ Opera | G.F. Handel. London Decembr 24. 1737.“
Darauf, dass Händel weiterhin in ärztlicher Behandlung war, scheint ein weiterer Vermerk unter der Arie Vanne, che piú ti miro (Nr. 6) zu deuten: „Mr Duval, Arzt in der Poland Street.“.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel, aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Metzler Verlag, Stuttgart, 1992, S. 177.Friedrich Chrysander: G. F. Händel, Zweiter Band, Breitkopf & Härtel, Leipzig 1860, S. 447 f.
Nach der Probe am 3. Januar, kurz vor der Premiere, schrieb der junge Lord Wentworth (noch keine sechzehn Jahre alt) in froher Erwartung an seinen Vater:
Mit der „new person“ war wahrscheinlich Caffarelli gemeint und nicht – wie Hogwood vermutete – die Sopranistin Élisabeth Duparc, genannt „La Francesina“, die bereits seit 1736 zum Ensemble der Opera of Nobility gehört hatte und eine von Händels Lieblingssängerinnen wurde.Winton Dean (rev. by Cheryll Duncan & Rachel Allen): Duparc, Elisabetta [‘Francesina’], in: Grove music online, 2001/2021.
Uraufführung Die Premiere von Faramondo fand direkt nach Ende der Staatstrauer, am 3. Januar 1738, statt, mit der folgenden Besetzung: Faramondo – Gaetano Majorano, genannt „Caffarelli“ (Soprankastrat) Clotilde – Élisabeth Duparc, genannt „La Francesina“ (Sopran) Gustavo – Antonio Montagnana (Bass) Rosimonda – Maria Antonia Marchesini, genannt „La Lucchesina“ (Alt) Adolfo – Margherita Chimenti, genannt „La Droghierina“ (Sopran) Gernando – Antonia Margherita Merighi (Alt) Teobaldo – Antonio Lottini (Bass) Childerico – William Savage (Knabensopran)
Die Presse berichtete:
Der Truppe gehörte auch der Knabe William Savage an, für den Händel schon Sopran-Rollen in Alcina (Oberto) und Giustino (Fortuna) geschrieben hatte. Seine Partie ist im Diskantschlüssel notiert, außer im Schlusschor, wo er die Tenorstimme zu singen hatte.
Händels Faramondo konnte jedoch nicht mit dem Erfolg einer lustigen Opernburleske namens The Dragon of Wantley von John Frederick Lampe und Henry Carey konkurrieren, die zu der Zeit gerade Furore im Covent Garden Theatre machte,Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel, aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Metzler Verlag, Stuttgart, 1992, S. 174 und 177. und brachte es nur auf sieben Aufführungen im Januar und eine Wiederaufnahme am 16. Mai, für die Händel möglicherweise die Partien des Teobaldo und Childerico strich.Ivana Rentsch: Faramondo (HWV 39), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 321. Lord Wentworth berichtete seinem Vater:
Nach Meinung von Charles Burney warf dieser Misserfolg jedoch
Aufführungsgeschichte Weder Händel selbst noch seine ihm treuen Spielstätten in Deutschland, Hamburg und Braunschweig, haben Faramondo später wieder auf die Bühne gebracht. In der Neuzeit musste das Werk vergleichsweise lange auf seine Wiederentdeckung warten. Erst am 5. März 1976 wurde es bei den Händel-Festspielen in Halle in einer deutschen Textfassung von Waltraut Lewin und unter der musikalischen Leitung von Thomas Sanderling aufgeführt, aber danach weiterhin selten gespielt.
Eine erste Wiederaufführung der Oper in Originalsprache und in historischer Aufführungspraxis dürfte im Zusammenhang mit der CD-Aufnahme von 1996 mit dem US-amerikanischen Brewer Chamber Orchestra unter der Leitung von Rudolph Palmer und mit D’Anna Fortunato, Julianne Baird und Jennifer Lane in den Hauptrollen stattgefunden haben.Vox Classics 7536 (1996): D’Anna Fortunato (Faramondo), Julianne Baird (Clotilde), Peter Castaldi (Gustavo), Jennifer Lane (Rosimonda), Mary Ellen Callahan (Adolfo), Drew Minter (Gernando), Mark Singer (Teobaldo), Lorie Gratis (Childerico), Brewer Chamber Orchestra, Dir.: Rudolph Palmer. In konzertanter Form wurde Faramondo außerdem am 1. Oktober 2008, im Rahmen des Festivals Settimane Musicali di Ascona und einer weiteren CD-Produktion, im schweizerischen Ascona mit dem Orchester I Barocchisti unter der Leitung von Diego Fasolis dargeboten.
Libretto Händels Libretto basiert auf Apostolo Zenos Dramma per musica Faramondo, das am 27. Dezember 1698 mit Musik von Carlo Francesco Pollarolo in Venedig erstmals aufgeführt worden war.Silke Leopold: Händel. Die Opern., Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009, ISBN 978-3-7618-1991-3, S. 237 ff.
Zeno hatte auch in Faramondo den für die Oper des siebzehnten Jahrhunderts charakteristischen komischen und magischen Elementen abgeschworen und behandelt die Geschichte ernst, wie politische und militärische Geschichte, verwoben mit den üblichen Verwicklungen der Liebe und menschlichen Intrigen. Im Jahre 1719 vertonte Nicola Porpora das Libretto für Neapel, ein Jahr später dann Francesco Gasparini für das Teatro Alibert in Rom. Für Gasparinis Fassung hatte das Libretto eine starke Änderung erfahren. Händel verwendete nicht Zenos Original, sondern Gasparinis Version, was man auch an musikalischen Anregungen in Händels Partitur erkennen kann. Der Textverfasser für Händels Version der Oper hat eine zweite nennenswerte Veränderung des Ursprungslibrettos vorgenommen und dies auf etwa die Hälfte gekürzt. Allerdings ist sein Name bis heute nicht bekannt, wenn es nicht Händel selbst war. Wie üblich, wurden für London die Rezitative drastisch zusammengestrichen: waren es bei Zeno 1699 Zeilen, bei Gasparini 1240, so blieben in Händels Partitur 540 übrig: Was den üblichen Effekt hat, dass dramaturgische Zusammenhänge und Handlungsmotivationen der Protagonisten oft nicht mehr zu erkennen sind. Es fällt auf, dass es an diesem Umstand keine zeitgenössische Kritik gibt. Für die Uraufführung gab es ein von John Chrichley 1737 gedrucktes Textheft in italienischer und englischer Sprache.Albert Scheibler: Sämtliche 53 Bühnenwerke des Georg Friedrich Händel, Opern-Führer. Edition Köln, Lohmar/Rheinland 1995, ISBN 3-928010-05-0, S. 279 ff.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-268-3, S. 404 f.
Handlung mini|Pharamond, der sagenhafte „erste König der Franzosen“. Druck von Nicolas de Larmessin, 1690 Historisch-literarischer Hintergrund Die Geschichte der Oper ist frei erfunden, daher lässt sich laut Dean weder Ort noch Zeit genau bestimmen, und auch „nicht wie üblich zwischen historischen Fakten und Fiktion“ unterscheiden.„...No date or place is specified. The libretto does not draw the usual distinction between historical fact and fiction, no doubt because the history is bogus.“Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 401 Der Titelheld ist identisch mit dem sagenhaften König Faramund (frz. Pharamond), der im Liber Historiae Francorum (8. Jahrhundert) genannt wird und lange als erster König der Merowinger (und damit auch der Franzosen) galt (siehe auch: Falsche Merowinger).
Die Vorgeschichte der Opernhandlung wird ausführlich im Argomento des Librettos erzählt:
Erster Akt An einem Altar in einem Zypressenhain schwört Gustavo, der König der Cimbern, ewige Rache gegen Faramondo, der in der Schlacht Gustavos Sohn Sveno tötete. Dabei verspricht Gustavo jedem, der ihm den Kopf Faramondos bringe, die Hand seiner Tochter Rosimonda und den Thron der Cimbern. Gustavos Sohn Adolfo und die Cimbern stimmen in den heiligen Racheschwur ein. Gustavo verlangt, gegen Adolfos Bitten, auch den Tod von Faramondos Schwester Clotilde. Doch als diese als Gefangene von General Teobaldo vorgeführt wird, ist Gustavo von ihrem Anblick hingerissen und beschließt, sie zu verschonen.
Adolfo, der Clotilde liebt, verspricht ihr ihren Bruder Faramondo zu schützen, obwohl er seinem Vater zuvor das Gegenteil geschworen hatte.
Inzwischen ist Rosimonda, die Tochter Gustavos und Schwester Adolfos, ebenfalls in Gefangenschaft ihrer Feinde geraten. Im Königlichen Palast kommt es zu einer Konfrontation zwischen ihr und Faramondo. Obwohl die beiden sich gegenseitig voneinander angezogen fühlen, zeigt Rosimonda sich stolz und unversöhnlich und bezichtigt ihn des Mordes an ihrem Bruder Sveno. Faramondo bereut seine Tat und bietet ihr seinen eigenen Tod an. Doch sie lehnt ab.
Gernando, König der Schwaben, dankt Faramondo dafür, dass er nicht nur sein Leben und sein Reich rettete, sondern auch Rosimonda als seine Braut gewonnen hat. Faramondo gibt nun allerdings zu, dass er sich selbst in sie verliebt hat und dass sie nun Rivalen seien. Daraufhin beschließt Gernando Faramondos Tod und hofft, dadurch auch Rosimondas Liebe zu gewinnen.
Nachdem Faramondo Gustavos Palast erobert hat, vergibt er Gernando – der inzwischen offensichtlich tatsächlich versuchte, Faramondo umzubringen und von dessen Tod überzeugt war – und lässt Rosimonda frei. Um seinen Mord an ihrem Bruder zu sühnen, bietet er ihr nochmals seinen eigenen Tod an. Sie bleibt verwirrt und verzweifelt zurück.
Im Lager der Cimbern erklärt Gustavo Clotilde seine Liebe und droht ihr sogar, doch sie weist ihn zurück, da sie Adolfo liebe. Da kommt Teobaldo und berichtet, dass Faramondo allein und unbewaffnet vor der Stadtmauer erschienen sei. Gustavo gibt Befehl, ihn gefangen zu nehmen und frohlockt bei der Vorstellung von dessen Tod.
Die entsetzte Clotilde bittet Adolfo, ihren Bruder zu retten. Als Gustavo sein Schwert gegen Faramondo erhebt, wird er zu beider Erstaunen von Adolfo daran gehindert. Da erscheinen Faramondos Soldaten und Gustavo ist umzingelt. Faramondo bietet Gustavo großzügig sein Reich und Rosimondas Freiheit an, doch dieser lehnt ab und verbannt Adolfo wegen seiner Treulosigkeit. Faramondo entlässt seine Soldaten und verbietet im Falle seines Todes jedes weitere Blutvergießen. Er plant, allein zu Rosimonda zu gehen.
Zweiter Akt