Das Gleichnis von den musizierenden Kindern oder von den spielenden Kindern ist ein Gleichnis Jesu, das in den Evangelien nach Matthäus und Lukas überliefert ist. Es handelt von Kindern, die fröhlich Flöte spielen. Jedoch tanzt niemand dazu. Spielen sie Klagemusik, erwidert niemand den Klagegestus. Es wird erzählt, dass die Kinder darüber klagen; dies wiederum beschreibt „diese Generation“ bzw. die Pharisäer. Es wird sodann auf das Auftreten Johannes’ des Täufers hingewiesen, dessen asketischer Lebenswandel als abstoßend empfunden wurde. Jesus sei aufgetreten, aß und trank mit allen, wurde aber auch verachtet. Die Weisheit bekommt allerdings Recht, zumal von ihren Kindern.
Übersetzung
Es folgt der Text der Perikope im Vergleich der Parallelstellen.
16 Mit wem soll ich diese Generation vergleichen? 31 Mit wem soll ich also die Menschen dieser Generation vergleichen? Wem sind sie ähnlich? Sie gleicht Kindern, die auf dem Marktplatz sitzen und anderen Kindern zurufen: 32 Sie sind wie Kinder, die auf dem Marktplatz sitzen und einander zurufen: 17 Wir haben für euch auf der Flöte (Hochzeitslieder) gespielt, und ihr habt nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen und ihr habt euch nicht an die Brust geschlagen. Wir haben für euch auf der Flöte (Hochzeitslieder) gespielt und ihr habt nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen und ihr habt nicht geweint. 18 Johannes ist gekommen, er isst nicht und trinkt nicht und sie sagen: Er ist von einem Dämon besessen. 33 Johannes der Täufer ist gekommen, er isst kein Brot und trinkt keinen Wein und ihr sagt: Er ist von einem Dämon besessen. 19 Der Menschensohn ist gekommen, er isst und trinkt; darauf sagen sie: Dieser Fresser und Säufer, dieser Freund der Zöllner und Sünder! 34 Der Menschensohn ist gekommen, er isst und trinkt; darauf sagt ihr: Dieser Fresser und Säufer, dieser Freund der Zöllner und Sünder! Und doch hat die Weisheit durch die Taten, die sie bewirkt hat, recht bekommen. 35 Und doch hat die Weisheit durch alle ihre Kinder Recht bekommen.
Ausgrenzung, Kontext, Gattung und Struktur Schon die Eingangsfrage zeigt, dass ein Vergleich (bzw. je nach Definition eine Parabel oder Gleichnis) folgt. Formal ist der vorliegende Textausschnitt dreiteilig: Gleichnis mit Einleitungsfrage und Szenenbeschreibung – Anwendung auf Johannes den Täufer und Jesus – abschließendes Weisheitswort.
Lukas schildert die Perikope im 7. Kapitel, welches Zeichen und Worte Jesu umfasst. Ihr voran geht die Frage der Johannesjünger, ob Jesus der sei, „der kommen soll“ (V. 20), und die ihnen durch Wundererzählungen beantwortet wird. Unmittelbar voran steht Jesu Urteil über den Täufer, der „mehr als ein Prophet“ (V. 26) sei; durch seine Predigt und seinen Ruf zur Taufe scheiden sich die umkehrwilligen Teile des Volkes, wozu „sogar Zöllner“ gehörten (vgl. V. 29), von den „Pharisäern und Gesetzeslehrern“ mit ihrer Ablehnung (vgl. V. 30). Im Anschluss an das Gleichnis steht die Begegnung Jesu mit der Sünderin im Haus des Pharisäers (V. 23-50).
Das Gleichnis findet sich mit großer Ähnlichkeit in der Formulierung auch bei Matthäus (11,16-19), hat aber sonst keine Parallelstellen. Der Kontext der Matthäus-Parallele unterscheidet sich teilweise. Die Diskussion mit den Johannesjüngern und Jesu Urteil über den Täufer sind sehr ähnlich, doch die vorausgehende Überleitung fehlt (statt des Vergleichs mit den umgekehrten Sündern spricht Jesus hier von Elija und Gewalt am Himmelreich, Mt 11,12-15). Matthäus lässt der betrachteten Stelle Unheilsankündigungen über Chorazin und Betsaida folgen (V. 20-24).
Aufgrund der eher losen Verknüpfung mit dem Kontext kann davon ausgegangen werden, dass das Gleichnis allein im Umlauf war, wahrscheinlich zunächst ohne die Verknüpfung mit Johannes dem Täufer und Jesus.Vgl. Siegfried Schulz: Q. Die Spruchquelle der Evangelisten. Zürich 1972, S. 380f. Paul Hoffmann: Studien zur Frühgeschichte der Jesus-Bewegung. (Stuttgarter biblische Aufsatzbände, Neues Testament 17) Stuttgart 1994, S. 180. Zur Verknüpfung des Gleichnisses und der „Anwendung“ in der Logienquelle vgl. Dieter Zeller: Die Bildlogik des Gleichnisses Mt 11,16f. / Lk 7,31f. In: Zeitschrift für die Neutestamentliche Wissenschaft 68 (1977), S. 252–257, hier S. 44f.
Einzelversanalyse
Folgt man der Zwei-Quellen-Theorie, ist der Stoff der Logienquelle Q zuzuordnen. Da die Matthäusversion nur geringfügig von der des Lukas abweicht, lässt sich der Q-Text relativ gut rekonstruieren.
Die Einleitungsfrage Die Einleitungsfrage ist bei Lukas pleonastisch („Mit wem soll ich also die Menschen dieses Geschlechtes vergleichen und wem gleichen sie?“), Mt 11,16 hat nur „Mit wem soll ich also dieses Geschlecht vergleichen?“. Matthäus verwendet eine andere Partikel (δὲ) als Lukas (οὖν; beide „also“); beides sind redaktionelle, d. h. nicht in Q enthaltene Anschlüsse an das Vorhergehende.Vgl. Harry T. Fleddermann: Q. A Reconstruction and Commentary. (Biblical tools and studies 1) Leuven 2005, S. 303. Da sich sehr ähnliche Doppelfragen auch in , und finden, wird mehrheitlich davon ausgegangen, dass Q die Doppelfrage enthielt und Matthäus den zweiten Teil strich; Lukas hingegen habe „die Menschen (dieses Geschlechts)“ ergänzt.Vgl. Adolf Jülicher: Die Gleichnisreden Jesu. Erster und zweiter Teil. 2. Unveränderter Abdruck, Tübingen 1910, Bd. 2, S. 24. Harry T. Fleddermann: Q. A Reconstruction and Commentary. (Biblical tools and studies 1) Leuven 2005, S. 304. Peter Müller: Vom misslingenden Spiel (Von den spielenden Kindern) – Q 7,31-35. In: Ruben Zimmermann (Hg.): Kompendium der Gleichnisse Jesu. Gütersloh 2007, S. 100–110, hier S. 107.
Der Ausdruck „Geschlecht“/„Generation“ (γενεά) meint zunächst zeitlich die aktuelle Zuhörerschaft bzw. die Zeitgenossen und ist motivgeschichtlich ein Topos und „bedeutet im Kontext von Q die letzte ‚Generation‘, hat abwertenden Klang und ist eindeutig auf Israel bezogen.“Siegfried Schulz: Q. Die Spruchquelle der Evangelisten. Zürich 1972. Der Ausdruck dient in der Septuaginta auch zur Übersetzung der „störrischen“ Exodus-Generation. Vgl. Büchsel: Art. γενεά in Gerhard Kittel: Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament. Stuttgart, Bd. 1 , Bd. 2 , unveränderter Nachdruck 1957. Bd. I, Sp. 116.
Das Gleichnis von den Kindern Konsequenterweise unterscheidet sich das folgende Hauptverb grammatikalisch: Matthäus fährt mit dem Singular fort (bezogen auf „diese Generation“), Lukas muss den Plural verwenden („die Menschen dieser Generation“). Matthäus schreibt mit einer leicht veränderten Partizipstellung allgemeiner und spricht von „den Märkten“ im Plural (bei Lukas im Singular); vgl. Agora. Die Ursprünglichkeit von „Markt“/„Märkten“ lässt sich kaum sicher entscheiden.Peter Müller: Vom misslingenden Spiel (Von den spielenden Kindern) – Q 7,31-35. In: Ruben Zimmermann (Hg.): Kompendium der Gleichnisse Jesu. Gütersloh 2007, S. 100–110, hier S. 108 hält den Singular für ursprünglich, die Critical Edition of Q sieht ihn als sekundär an.
Ein für die Auslegung gewichtiger Unterschied zwischen Mt und Lk betrifft das Rufen der Kinder: bei Lukas rufen die Kinder ἀλλήλοις „einander“, was impliziert, dass „diese Generation“ wie eine Gruppe sei, innerhalb derer das Zurufen misslingt; Matthäus vergleicht „diese Generation“ mit Kindern, die τοῖς ἑτέροις „den anderen“ zurufen, wobei die „Anderen“ auf den Ruf nicht eingehen. Müller und die Critical Edition of Q halten die matthäische Version aus stilistischen Gründen für ursprünglich.Vgl. Müller: Vom misslingenden Spiel 107. Anders Jülicher: Gleichnisreden Jesu II, 26 mit einer Erklärung der Variante. Für die anschließende Form von „und sie sagen“ liegen verschiedene Varianten vor.
Die „Klagerede“ der Kinder ist als antithetischer Parallelismus gehalten, wonach die gegensätzlichen Aktionen der Kinder – Freuden- und Trauermusik – jeweils keinen Anklang finden. In den syrischen Übersetzungen reimen sich „ihr habt geklagt“ und „ihr habt geweint“.Vgl. Joachim Jeremias: Die Gleichnisse Jesu. 11. Auflage, Göttingen 1998, S. 160 Anm. 1. Jülicher: Gleichnisreden Jesu II, 27.
Das Gesagte ist bei Matthäus und Lukas identisch bis auf das letzte Verb: bei Matthäus eine Form von κόπτω „abschlagen“, hier medial „sich (vor Trauer) an die Brust schlagen; klagen; heftig trauern; beweinen“, bei Lukas eine Form von κλαίω „beweinen; trauern (allgemein)“. Beides sind Trauerbezeugungen, die in Lk 8,52 auch zusammen genannt werden. Die matthäische Version wird mehrheitlich für ursprünglich gehalten.Für die Ursprünglichkeit der „anschaulicheren“ Formulierung des Mt: Müller: Vom misslingenden Spiel 107 (wegen größerer Anschaulichkeit nach orientalischer Sitte, die Lukas evtl. für ein griechisches Publikum vereinfacht); Schulz: Spruchquelle 379 (Lk bevorzugt κλαίω allgemein: 10 Mal in seinem Evangelium, dagegen Mt nur 2 Mal, Mk 4 Mal); Fleddermann: Q 304 (da Lukas das Verb auch in 8,52 und 23,27 verwendet, hätte er es auch einfach ersetzen können). – Für die Ursprünglichkeit der schlichteren und allgemeineren Formulierung des Lk: die Critical Edition of Q.
Johannes und Jesus Der Übergang von der Frage zur Antwort („Wem gleicht diese Generation? Sie gleicht …“) ist im griechischen Lukas-Text eine Reduplicatio (… εἰσὶν ὅμοιοι; – ὅμοιοί εἰσιν …). Die anschließende Deutung, V. 33 und 34, charakterisiert den Täufer bzw. Jesus in einem antithetischen Parallelismus, jeweils gefolgt von der verurteilenden Meinung „dieser Generation“ bzw. der „Pharisäer und Schriftgelehrten“.
Das zweimalige „gekommen ist“ steht bei Lukas im Perfekt und bei Matthäus im Aorist – ebenso in Lk 5,32 || Mt 9,13 –, nur bei Lukas findet sich beim Namen Johannes der Zusatz „der Täufer“. Müller zufolge ist in beiden Fällen Lukas sekundär: „Das Perfekt unterstreicht die lk Tendenz zum Rückblick auf das Gekommensein Jesu und des Täufers, und bei Johannes ist die Zufügung der Täuferbezeichnung eher wahrscheinlich als deren Streichung.“Müller: Vom misslingenden Spiel 107. Ebenso Fleddermann: Q 304. Die Critical Edition of Q bei „der Täufer“ ebenso; Tempus von „kommen“ unentschieden. Ferner unterscheidet sich die zweimalige Anrede (Lk 7,33f.: „und ihr sagt“; Mt 11,18f.: „und sie sagen“).
Bei der Charakterisierung des Täufers unterscheiden sich die Partikel für „weder – noch“ sowohl zwischen Mt und Lk als auch bei verschiedenen Textzeugen; eine Rekonstruktion ist hier kaum möglich. Etwas gewichtiger ist der Unterschied, dass „Brot“ und „Wein“ nur bei Lukas genannt werden (Mt 11,18: „weder essend, noch trinkend“), was ursprünglich sein könnte.„Eine frühzeitige Weglassung von ἄρτον und οἶνον ist jedenfalls schwerer zu erklären als ihre, wenn auch, was bei solch einer Glosse nicht auffällt, nur den Lc treffende Einfügung.“ Jülicher: Gleichnisreden II, 28. Anders Schulz: Spruchquelle 380: „verdeutlichende Zusätze und möglicherweise mit Rücksicht auf Lk 1,15 gesetzt.“ Ein Zusammenhang der Nennung mit der in der altkirchlichen Christologie diskutierten Frage, ob Jesus tatsächlich essen und verdauen musste, also wahrer Mensch sei, ist wenig wahrscheinlich; vgl. Müller: Vom misslingenden Spiel 108f.
Im Vorwurf gegenüber Jesu, er sei ein „Fresser und Weinsäufer“, klingt Jeremias‘ zufolge an, wonach ein störrischer und unbelehrbarer Sohn, der „ein Verschwender und Trinker“ ist, zu steinigen sei.Vgl. Joachim Jeremias: Die Gleichnisse Jesu. 11. Auflage, Göttingen 1998, S. 160.
Der (zugeschriebene) Menschensohn-Titel steht hier klar für das (vergangene) Wirken des irdisch-historischen Jesus, hatte aber motivgeschichtlich ursprünglich apokalyptischen Bezug, weswegen Schulz das Gleichnis der jüngeren, d. h. hellenistisch-judenchristlichen Traditionsschicht innerhalb von Q zuordnet.Vgl. Schulz: Spruchquelle 318f.