Nouadhibou (), ehemals Port-Étienne, ist die zweitgrößte Stadt, der größte Hafen und das wirtschaftliche Zentrum Mauretaniens sowie die Hauptstadt der Verwaltungsregion Dakhlet Nouadhibou. Die Lage auf einer Halbinsel an der westafrikanischen Atlantikküste war ideal für den Bau eines Industriehafens Anfang der 1960er Jahre, über den seither das per Eisenbahn aus dem Abbaugebiet um Zouérate hertransportierte Eisenerz verschifft wird. Ein weiterer Wirtschaftszweig ist die Fischerei. Der Schiffsfriedhof von Nouadhibou ist das Symbol einer fehlgeleiteten staatlichen Wirtschaftspolitik.

Lage Nouadhibou liegt nahe der Grenze Mauretaniens zur Westsahara auf der geschützten Ostseite in der Mitte der wenige Kilometer breiten Landzunge Ras Nouadhibou. Diese ragt etwa 40 Kilometer nach Süden ins Meer und begrenzt die gleichnamige Bucht, Dakhlet Nouadhibou, die früher Baie du Lévrier hieß. Die in ihrem oberen Bereich sehr flache Bucht könnte einst eine Salzsenke (sebkha) mit einem Brackwassersee gewesen sein, von denen es in der Westsahara einige gibt und deren geologische Entstehung nicht eindeutig geklärt ist.Mercer, S. 24 Die Landesgrenze zur Westsahara folgt einem kolonialzeitlichen Teilungsplan und verläuft längs durch die Halbinsel bis zu ihrer Südspitze, wobei Mauretanien den östlichen Anteil erhalten hat und zum Gebiet der Westsahara der schmale unbesiedelte Wüstenstreifen an der Westküste gehört.

Der Stadtbereich erstreckt sich über etwa 15 Kilometer entlang der Küste von seinem Nordende bis zum südlichen Stadtteil Cansado. Weitere drei Kilometer südlich beginnt der Eisenerz-Verladehafen Port Minéralier, an dem die Bahnlinie von Zouérat endet. Etwas nördlich von Cansado zweigt eine fünf Kilometer lange Straße an die Westküste zu den Ruinen von La Gouira ab, einem ehemaligen spanischen Handelsort. Gelblich-weiße Kalkklippen fallen an der Westküste steil zum Sandstrand hinab. Die Südspitze der Halbinsel wurde als Nationalpark deklariert, dort sind außer mauretanischen Soldaten und einem Leuchtturm noch einige der seltenen Mittelmeer-Mönchsrobben anzutreffen.

Bevölkerung Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit lagen die Einwohnerzahlen aller mauretanischen Städte im vierstelligen Bereich, 1963 betrug die Zahl für Nouadhibou etwa 6.500.Walter Reichhold: Islamische Republik Mauretanien. Kurt Schröder, Bonn 1964, S. 18 Nach der Volkszählung von 1988 hatte die Stadt 59.198 Einwohner. Die Bevölkerungszahl der Stadtgemeinde hat in den Jahren von 2000 bis 2023 von 72.337 auf 173.525 Einwohner zugenommen.Citypopulation: Mauretanien: Gemeindegliederung Der Hauptort selbst hat ebenfalls 173.525 Einwohner (2023) und ist die mit Abstand zweitgrößte urbane Siedlung des Landes.ANSA: Localités habitées en Mauritanie (RGPH 2023) Viele Bewohner sind Einwanderer aus Senegal, Guinea oder anderen westafrikanischen Staaten.

Transport Anfang 2005 war der 470 Kilometer lange Nordteil der Nationalstraße N2 von der Landeshauptstadt Nouakchott bis Nouadhibou als Asphaltstraße hergerichtet. Bis dahin war die Fahrt dorthin zeitaufwendig und nur mit Allradfahrzeugen entlang der Küste möglich. Seitdem ist die westafrikanische Küstenstraße zwischen Marokko und Senegal durchgehend asphaltiert und das letzte Teilstück des Kairo-Dakar-Highways geschlossen. Nach Norden sind es auf dieser Verbindung 60 Kilometer bis zur Grenze (bei der Siedlung Guerguarat) und weitere 400 Kilometer durch nahezu unbesiedelte Stein- und Sandwüste bis zur ersten westsaharanischen Stadt ad-Dakhla. Ins Landesinnere gibt es keine Straße.

Mehrere Busgesellschaften bieten von ihren jeweiligen Büros tägliche Fahrten nach Nouakchott an. Nach ad-Dakhla gibt es keine durchgehenden öffentlichen Verkehrsmittel.

Die zentrale Region Adrar ist nur mit der Eisenerzbahn Richtung Zouérat direkt erreichbar. Von der Bahnstation Choum gibt es auf der N1 eine Straßenverbindung nach Atar.

Vom Flughafen Nouadhibou bestehen regelmäßige Flugverbindungen nach Nouakchott und unregelmäßige zum Flughafen Gran Canaria. World Aero Data

Geschichte Ende des 19. Jahrhunderts begannen spanische, französische und britische Handelsgesellschaften Siedlungen an unbesiedelten westsaharanischen Küstenabschnitten anzulegen, um mit den nomadisch lebenden Sahrauis und Bidhan ins Geschäft zu kommen. Nach den Verträgen, die eine spanische Delegation mit dem Emir von Adrar abschloss, konnte der spanische Botschafter 1884 das Gebiet zwischen La Gouira und Kap Bojador im Norden zum Protektorat erklären. Zu dieser Zeit hatten Spanier die drei Siedlungen La Gouira, Villa Cisneros (das heutige Ad-Dakhla) und Villa Bens (das heutige Tarfaya an der marokkanischen Südgrenze) gegründet. Erst nach 1900 begannen Franzosen, die bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts das Gebiet des Senegal unter ihre Kontrolle gebracht hatten, nach Mauretanien vorzudringen. Dies geschah zunächst friedlich, ab 1905 verstärkt militärisch. Port-Étienne wurde in wirtschaftlicher Konkurrenz zu La Gouira 1906 als Fischereihafen gegründet und von Ernest Roume, 1902–1907 Generalgouverneur von Französisch-Westafrika, zu Ehren des Kolonialministers Eugène Étienne (1844–1921) benannt. Neben Port-Étienne waren Fort Gouraud (heute F’dérik) und Fort Trinquet (heute Bir Moghrein) weitere französische Ortsgründungen direkt an der Grenze zum spanischen Nachbarterritorium.

1908 eroberte die französische Armee die Stadt Atar im Kampf gegen Verbündete von Scheich Mā al-ʿAinin, dem wichtigsten Anführer des antikolonialen Befreiungskampfes. Die Hauptstadt des verehrten Mannes war Smara im Norden der spanischen Westsahara. Als 1913 ein französischer Trupp die von ihren Einwohnern kurz zuvor verlassene Stadt einnahm und die dortige Moschee und Bibliothek zerbombte, wurde das von den Sahrauis als Akt des Vandalismus aufgefasst. Der Widerstand einzelner Stämme, organisiert von Nachkommen Mā al-ʿAinins, hatte in den folgenden Jahren die Form von Raubüberfällen (ghazzis) und konzentrierte sich auf den Nordosten Mauretaniens. Am 26. März 1924 galt einer der Überfälle Port Étienne.Hodges, S. 62

mini|Fischereihafen Port Artisanal Sahrauis betrieben bis zum 19. Jahrhundert nur bescheidenen eigenen Fischfang ohne Boote im Flachwasser, sie standen aber seit langem in Kontakt mit Fischern von den Kanarischen Inseln, von denen sie Fische eintauschten und ihnen dafür erlaubten, an Land ihre Boote zu warten und die Netze zu flicken. Deshalb ließen sich Sahrauis bereitwillig an den spanischen Niederlassungen und nach der Gründung von Port Étienne auch dort als Fischer und in der Fischverarbeitung anstellen. Industrialisiert wurden der Fischfang in Port Étienne 1921 durch die Gründung der Soc. Industrielle de la Grande Pêche.Mercer, S. 175

Kamen in Villa Cisneros weniger Karawanen mit Handelswaren als erwartet an, so ging deren Zahl durch den neuen französischen Handelsposten weiter zurück. Um 1920 waren die drei spanischen Küstensiedlungen noch immer recht klein, beispielsweise zählte ein Arzt 1926 in Villa Cisneros 20 Häuser und 28 Zelte, auch ins Landesinnere waren die Spanier bis dahin nicht vorgedrungen. Dagegen hatten die Franzosen etliche Militär- und Verwaltungsstationen innerhalb Mauretaniens gegründet, und Port Étienne überragte La Gouira an Größe und Wirtschaftsleistung bereits deutlich.Pazzanita, S. 52 1925 richtete die französische Co. Générale Aéropostale in Kap Juby (an der Südgrenze Marokkos), Villa Cisneros und Port-Étienne Flugplätze ein als Stützpunkte auf der Postflugstrecke Toulouse – Dakar (literarisch verarbeitet durch Antoine de Saint-Exupéry in Wind, Sand und Sterne).

Vor allem aus Mangel an geeignetem Bauholz besaßen die einheimischen Fischer (Imraguen) nie hochseetüchtige Schiffe. Um ihnen zu ermöglichen, eigene Fischerboote zu erwerben, gründeten die Franzosen 1951 die Soc. Indigène de Prévoyance de la Baie du Lévrier, die Geld verlieh, das innerhalb von zwei Jahren in Form des gefangenen Ertrags zurückerstattet werden konnte. Kanarische Fischer übernahmen die Ausbildung. 1970 scharten sich um die Fischfabrik von La Gouira wenige Dutzend Häuser, in denen 500 bis 750 Einwohner lebten, während die Bevölkerungszahl von Nouadhibou mit 11.000 angegeben wurde.Mercer, S. 208

1960 wurde Mauretanien unabhängig, Westsahara blieb weiterhin spanisch. Eine Vereinbarung vom Februar 1964 erlaubte spanischen Fischkuttern den Fischfang in mauretanischen Gewässern, im Gegenzug investierten die Spanier in ein gemeinschaftliches Fischverarbeitungsunternehmen, Société des Industries Mauritaniennes de Pêche (IMAPEC) in Nouadhibou, das 1972 fertiggestellt war. Der Betrieb war ausgelegt, um 9000 Tonnen Fisch jährlich als Konserven, Trockenfisch, Salzfisch oder tiefgefroren zu verarbeiten, einschließlich 2000 Tonnen, die von kanarischen Fischern gefangen wurden.Virginia McLean Thompson: The Western Saharans: The Background to Conflict. Barnes & Noble, 1980, S. 85

mini|Flüssiggasanlage: Hier werden die Gasflaschen der gesamten Stadt gefüllt, die in den Haushalten zum Kochen gebraucht werden. Südlich des kleinen Fischereihafens aus der französischen Kolonialzeit wurde Anfang der 1970er Jahre mit internationalen Hilfsgeldern eine neue Hafenanlage gebaut, die 1983 mit einem Kredit der Weltbank von 8 Millionen US-Dollar weiter ausgebaut wurde. Ein anderes Hilfsprogramm ermöglichte 1987 eine Hafenerweiterung für die Güterverladung mit einem Warenumschlag von 500.000 Tonnen pro Jahr. Weitere technische Verbesserungen wurden nur unzureichend umgesetzt, so zum Beispiel der Bau einer Ölpipeline zur einzigen Erdölraffinerie Mauretaniens nördlich angrenzend an den Port Minéralier, die Société Mauritanienne d'Industrie de Raffinage, im Besitz und betrieben von der algerischen Nafta. Die Verarbeitungskapazität betrug 20.000 Barrel importiertes Rohöl pro TagBernadette Michalski: The Mineral Industry of Mauritania. (PDF; 17 kB) und sollte die mauretanische Fischereiflotte mit Treibstoff versorgen. Seit 2000 ist die Produktion jedoch eingestellt. Im Juni 2002 begann der Bau eines neuen Kais für den Fischereihafen mit projektierten Kosten von 1,4 Millionen US-Dollar. Eine neue Kühlhalle und eine Lagerhalle sollen den Hafen auf den technischen Standard der Kanarischen Inseln anheben.Pazzanita, S. 367

Während des Westsaharakonflikts ab 1976 war die Situation in der Stadt angespannt, da man mit einem Überfall der Frente Polisario rechnete. Zum Schutz der Stadt erlaubte der damalige Präsident Moktar Ould Daddah die Stationierung marokkanischer Truppen in der Nähe. Bis sich Mauretanien 1979 aus der Westsahara und damit aus dem Konflikt zurückzog, war die Stadt nicht angegriffen worden. Nach der Friedensvereinbarung zwischen Mauretanien und der Polisario im Juni 1979 in Algier fürchtete der neue Militärmachthaber Mohamed Khouna Ould Haidalla einen marokkanischen Angriff. Daher wurden die marokkanischen Truppen um Nouadibhou durch französische Fallschirmjäger ersetzt.Pazzanita, S. 368

Die Vorgeschichte des Eisenerzverladehafens geht auf die Gründung des multinationalen Konsortiums Mines de Fer de Mauritanie (MINERFA) im Jahr 1952 zurück, das den Abbau der Eisenerzvorkommen bei Fort Gouraud (F’dérik) in die Wege leiten sollte. Um 1960 wurde in Nouadhibou der Verladehafen Port Minéralier angelegt. 1963 begannen der Abbau und der Abtransport per Bahn aus der Region F’dérik/Zouérate. Der Erzabbau sorgte in den 1960er Jahren für 85 Prozent der gesamten Exporteinnahmen des Landes.Hodges, S. 101 Die Güterzüge verkehren mit bis zu 220 Waggons mit jeweils 84 Tonnen Eisenerz, das im Hafen auf Schiffe mit einer Tragfähigkeit von maximal 150.000 dwt umgeladen wird. 1974 wurde das Konsortium unter dem Namen Société Nationale Industrielle et Minière (SNIM) nationalisiert. In den 1990er Jahren ließ SNIM die Verarbeitungsanlagen am Hafen erweitern; 2005 begann der Bau eines zweiten Kais für Schiffe bis 180.000 dwt. Die Verarbeitungskapazität beträgt 12 Millionen Tonnen pro Jahr.SNIM Open Pit Iron Ore Mining, Mauritania. mining-technology.com