mini|Amerigo Vespucci rahmenlos|zentriert|klasse=notpageimage skin-invert-image|hochkant=0.8|Signatur von Amerigo Vespucci als „Piloto Mayor“ Amerigo Vespucci [] (in kastilischen Dokumenten auch Américo Vespucio, * 9. März 1454; andere Quellen: 1451 in Florenz, Republik Florenz; † 22. Februar 1512 in Sevilla, Königreich SpanienNorbert Ankenbauer, „Das ich mochte meer newer dyng erfaren“. Die Versprachlichung des Neuen in den Paesi novamente retrovati (Vicenza, 1507) und in ihrer deutschen Übersetzung (Nürnberg, 1508), 2010, S. 106.) war ein italienischer Kaufmann, Seefahrer, Navigator und Entdecker, der weite Teile der Ostküste Südamerikas erforschte und als erster erkannte, dass es sich dabei nicht um Asien, sondern um einen neuen, in Europa bis dahin völlig unbekannten Kontinent handelte. Wegen dieser grundlegend neuen Erkenntnis, die durch seinen Reisebericht Mundus Novus (dt.: Neue Welt) rasche Verbreitung fand, benannte der deutsche Kartograf Martin Waldseemüller 1507 den Doppelkontinent Amerika nach ihm.
Person Amerigo Vespucci wurde als dritter Sohn des Notars Ser Nastagio Vespucci (1426–1482) und dessen Ehefrau Lisabetta geborene Mini (1435–1498) am 18. März 1454 getauft.Karl Schlebusch: Giorgio Antonio Vespucci, 1434–1514. Maestro canonico domenicano. Nerbini, Florenz 2017, ISBN 978-88-6434-130-9, S. 134, gibt 1451 an. Der Biograph Felipe Fernández-Armesto gibt als wahrscheinliches Geburtsjahr 1454 an: Felipe Fernández-Armesto: Amerigo. The man who gave his name to America. Random House, New York 2007, ISBN 978-0-8129-7298-6, S. 14. Sein Großvater war der Notar Amerigo Vespucci (1394–1472).Ingrid Schwamborn: Amerigo Vespuccis Soderini-Brief. Frank & Timme, Berlin 2021, ISBN 978-3-7329-0693-2, S. 20, 236. Amerigo Vespucci jr. wuchs in der Republik Florenz auf und erhielt dort zwischen 1470 und 1476 Literatur- und Lateinunterricht.Germán Arciniegas: América, 500 años de un nombre. Vida y época de Amerigo Vespucci. Villegas Editores, Bogotá 2002, S. 55–74. Seine Mitschüler waren unter anderen Piero Soderini (1452–1522), der spätere Statthalter () von Florenz, und Lorenzo di Pierfrancesco de’ Medici (1463–1503), denen er später historisch wichtige Briefe zusandte. Ein erhaltener Brief Vespuccis an seine Eltern vom 18. Oktober 1476 aus Mugello berichtete über eine sich dort ausbreitende Epidemie. Im Jahre 1482 trat Vespucci in das Bankhaus der Medici ein. Seit dem 10. März 1492 weilte er in deren Bankfiliale in Sevilla,Germán Arciniegas: América, 500 años de un nombre. Vida y época de Amerigo Vespucci. Villegas Editores, Bogotá 2002, S. 205–230. wo er mit Christoph Kolumbus und Giannotto Berardi eine Finanzierungsgesellschaft für die von Kolumbus geplante erste Atlantiküberquerung gründete.Ingrid Schwamborn: Amerigo Vespuccis Soderini-Brief. Frank & Timme, Berlin 2021, S. 236. Nach dem Tod Berardis übernahm er 1495 die Leitung der Filiale. Seit jener Zeit kam Vespucci mit Entdeckungsreisen in Berührung. Im März 1493 reiste er nach Lissabon, wo er König Johannes II. Bericht erstattete.
Entdeckungsreisen Mangels Logbüchern oder wegen darin enthaltener ungenauer Angaben werden Amerigo Vespuccis Entdeckungsreisen von Historikern vor allem aus zwei Primärquellen verifiziert, dem als Brief an Medici vom 18. Juli 1500 verfassten Reisebericht Mundus Novus (; von „Albericus Vespucius“), wonach die Neue Welt ein Kontinent () sei, sowie dem Soderini-Brief vom 4. Juni 1504 (übergeben an Gaspar de Lemos, der sich auf der Rückreise nach Lissabon befand):Ingrid Schwamborn: Amerigo Vespuccis Soderini-Brief. Frank & Timme, Berlin 2021, S. 237.
Erste Reise 10. Mai 1497 (Cádiz) – 15. Oktober 1498 (Cadiz): Vespucci reiste für die Krone von Kastilien im Auftrag der Katholischen Könige Isabella und Ferdinand II. „zu den indischen Inseln“ unter Kapitän Alonso de Hojeda mit vier Karavellen. Hojeda berichtete, dass er unter anderem Juan de la Cosa und „Morigo Vespuche“ ausgewählt hatte. Das Festland () wurde erstmals Mitte August 1497 betreten, Vespucci nannte die Bewohner „Personen“ () und nicht „indios“.Ingrid Schwamborn: Amerigo Vespuccis Soderini-Brief. Frank & Timme, Berlin 2021, S. 234. Zweite Reise 16. Mai 1499 (Cadiz) – 8. September 1500 (Cadiz): Erneut reiste er für Kastilien im Auftrag des Königspaares unter Kapitän Hojeda mit diesmal drei Schiffen, die zur Amazonas-Mündung und zurück nach Venezuela (Halbinsel Paria) segelten. Am 23. August 1500 segelte die Flotte in der Maracaibo-See bis zum nördlichsten Punkt Südamerikas, Punta Gallinas;Royal Geographical Society (Hrsg.), The Geographical Journal, Band 118, 1952, S. 336 danach landeten sie noch auf „Hispaniola“ (Haiti) und den Bahamas, bevor sie die Rückreise antraten. Von den Bahamas nahmen sie 232 Lucayans als Sklaven mit.Carl Ortwin Sauer, The Early Spanish Main, 1966, S. 112 Diese Reise wird im Soderini-Brief nicht erwähnt.Ingrid Schwamborn: Amerigo Vespuccis Soderini-Brief. Frank & Timme, Berlin 2021, S. 20. Dritte Reise 10. Mai 1501 (Lissabon) – 7. September 1502 (Lissabon): Diesmal reiste Vespucci im Auftrag von Portugals König Manuel I. unter Kapitän Gonçalo Coelho mit drei Schiffen, von denen Gaspar de Lemos und Vespucci die kleineren steuerten. Die Abfahrt erfolgte am 4. Juni 1501, Zwischenhalt gab es in Besechicce/Dakar, ab 15. Februar 1502 übernahm Vespucci das Kommando Richtung Südost (), zwei Schiffe kehrten zurück nach Lissabon.Ingrid Schwamborn: Amerigo Vespuccis Soderini-Brief. Frank & Timme, Berlin 2021, S. 235. Von dieser Fahrt berichtete er im berühmten Mundus Novus. Den Reisebericht lieferte Vespucci im Brief an Piero di Lorenzo de’ MediciBrief vom September 1502, auch „Bartolozzi-Brief“ genannt, der jedoch wegen der Rivalität zwischen Vespucci und Coelho mit Vorsicht zu genießen ist. Der sich stets gut in Szene setzende Vespucci kritisierte seinen bescheidenen Kapitän als „…eingebildet und starrköpfig, ..nur weil er der Anführer von sechs Schiffen war“.Ingrid Schwamborn: Amerigo Vespuccis Soderini-Brief. Frank & Timme, Berlin 2021, S. 113, Fußnote 67. Vierte Reise 10. Mai 1503 Kapverden – 18. Juni 1504 Lissabon:Ingrid Schwamborn: Amerigo Vespuccis Soderini-Brief. Frank & Timme, Berlin 2021, S. 210, 236. Wieder im Auftrag Manuels I. Kapitän Coelho hatte die Oberaufsicht über sechs Schiffe, Vespucci war einer der sechs Kapitäne. Die Flotte erlitt einen Schiffbruch durch Coelhos Flaggschiff bei Fernando de Noronha. Coelho floh mit drei Schiffen und kehrte angeblich erst Jahre später zurück, Vespucci wartete zwei Monate in der Allerheiligenbucht, baute danach in Cabo Frio innerhalb von fünf Monaten ein Fort und kehrte mit zwei Schiffen am 18. Juni 1504 zurück.
Während seiner Reisen erforschte er einen erheblichen Teil der Ostküste Südamerikas. Den jeweiligen Orten gab er Namen, zum Beispiel Venezuela (, weil die einheimische Bevölkerung an dieser Stelle Pfahlbauten errichtet hatte), das er 1499 mit dem Kapitän Alonso de Hojeda unter kastilischer Flagge entdeckte. Die Benennung von Rio de Janeiro () am 1. Januar 1502 wird jedoch André Gonçalves zugeschrieben.Manfred Pawlak Verlag (Hrsg.), Meilensteine der Entdeckungen, 1983, S. 120.
Weiteres Leben Vespucci zeichnete offenbar eigene Weltkarten, von denen keine erhalten geblieben ist. Das Schicksal der Karten, die Vespucci im Jahr 1501 von seiner dritten Entdeckungsreise aus nach Italien sandte, ist unbekannt. Erhalten geblieben ist lediglich ein Brief des Entdeckers, den er am 18. Juli 1500 an seinen Arbeitgeber Lorenzo de’ Medici schrieb. Diesem legte er zwei – heute verschollene – Karten bei, für die er eigens eine neue Projektion entwickelt hatte.Universität Rostock/Nadja Podbregar vom 20. Juli 2020, Weltkarte von Amerigo Vespucci entdeckt Im September 1504 erschienen in Florenz die „Lettera di Amerigo Vespucci delle isole nuovamente trovate in quattro suoi viaggi“, wonach er vier Reisen unternommen hatte.Amerigo Vespucci/Robert Wallisch, Der Mundus Novus Des Amerigo Vespucci, 2002, S. 129. Auch 1505 zeichnete er offenbar eine weitere Weltkarte.
Im August 1506 kehrte er von Sevilla nach Portugal zurück.Bartolomé de las Casas, The Letters of Amerigo Vespucci and Other Documents Illustrative of His Career, 2011, o. S. Am 22. März 1508 wurde er im Namen der kastilischen Königin Johanna zum Piloto Mayor ernannt. Der Piloto Mayor war der Beamte, der in der Casa de Contratación die Piloten prüfte, die als Navigatoren auf den Reisen nach Amerika eingesetzt werden sollten, und ihnen einen Brief ausstellte, der sie als solche akkreditierte. Unter seiner Leitung wurde der Padrón Real herausgegeben, eine Musterkarte der Welt, die ständig mit neuen Informationen aktualisiert wurde. Im selben Jahr heiratete er die aus Sevilla stammende Kaufmannstochter Maria Cerezo.
Vespucci verstarb 1512 in Sevilla und wurde dort begraben (zum Familiengrab in Florenz siehe unten). Das genaue Todesdatum 22. Februar 1512 stammt aus den Nachforschungen des Martín Fernández de Navarrete über Vespuccis Testament.Martín Fernández de Navarrete, Vespúcio, 1935, S. 143–147. Ein königliches Dekret vom 22. Mai 1512 sicherte der Witwe eine jährliche Pension von 10000 Maravedí zu.Frederick A. Ober: Amerigo Vespucci. Harper & Brothers, New York 1907, S. 122.
Als erster Europäer verlieh er seiner Überzeugung Ausdruck, dass die Neue Welt ein eigener Kontinent sei. Die zahlreichen Ausgaben seiner Schriften, vor allem seiner Beschreibung der zweiten Reise, die unter dem Titel Mundus Novus herauskam, trugen wesentlich zur Verbreitung der Wahrheit über Ausmaß und Bedeutung der Entdeckung Amerikas bei: Nicht einige Inseln habe man entdeckt, sondern, wie er immer wieder betonte, eine völlig neue Welt, einen neuen Kontinent.
Umstrittene Briefe mini|Darstellung Vespuccis bei Waldseemüller Vespuccis Rolle wurde vielfach diskutiert, vor allem wegen zweier Briefe, deren Authentizität in Zweifel gezogen wurde:
Der lateinische Bericht Mundus Novus () wurde wohl erstmals 1502/03 in Florenz und Paris gedruckt, die erste datierte Ausgabe erschien 1504 bei Johann Otmar in Augsburg; zur dort geschilderten Reise sind die Abschriften zweier italienischer Briefe Vespuccis vom 4. Juni 1501 und von 1502 im Codice Vaglienti erhalten. Vespuccis Notizen besagten, dass man bei seiner dritten Reise (unter Coelho) am 15. Februar 1502 entlang der Küste bis 32° sBr. an der Mündung des Rio de la Plata vorgedrungen sei, was jedoch von Historikern überwiegend bezweifelt wird.Oscar Peschel, Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen, 1858, S. 340 Der sonst detailfreudige Vespucci erwähnte die Entdeckung dieser eindrucksvollen Bucht in seinen Schriften mit keinem Wort.
Der sogenannte Soderini-Brief erschien erstmals auf Italienisch zwischen 1504 und 1506 in Florenz, bekannt wurde aber vor allem die lateinische Übersetzung mit dem Titel Quatuor Americi Vesputii Navigationes (), die in Martin Waldseemüllers Cosmographiae Introductio von 1507 eingegangen ist. Auch hierzu findet sich eine Abschrift des Briefs von Vespucci vom 10. September 1504 an Pier Soderini im bereits erwähnten Codice Vaglienti.Norbert Ankenbauer, „Das ich mochte meer newer dyng erfaren“. Die Versprachlichung des Neuen in den Paesi novamente retrovati (Vicenza, 1507) und in ihrer deutschen Übersetzung (Nürnberg, 1508), 2010, S. 107–108
Zu Lebzeiten Vespuccis wurden seine Briefe nicht angezweifelt, im Gegenteil: Sie waren ein Bestandteil der Karten von Martin Waldseemüller und Matthias Ringmann. Seefahrer, die nach den Kartenbestimmungen von Waldseemüller und folglich nach Angaben von Vespucci fuhren, kamen an den richtigen Orten an. Vespuccis Mundus Novus galt im Gegensatz zu den Kolumbus-Briefen des ausgehenden 15. Jahrhunderts als Werk der wissenschaftlichen Geographie und wurde im 16. Jahrhundert in 37 verschiedenen Sprachen gedruckt.