Der BDH Bundesverband Rehabilitation e. V. ist ein gemeinnütziger Sozialverband und Klinikträger. Ursprünglich waren es Kriegsversehrte, die sich im BDH zusammenschlossen, dem Bund deutscher hirnverletzter Krieger e. V. Aus der Vereinigung Kriegsversehrter entwickelte sich ein Sozialverband und eine Organisation von Menschen mit Behinderungen. Sozialpolitisch ist der BDH heute vor allem in den Handlungsfeldern Rehabilitation, Selbsthilfe, Teilhabe und in der Beratung und Vertretung von Menschen in besonderen sozialen und gesundheitlichen Lebenssituationen aktiv. Aus den Sanatorien des Verbandes für hirnverletzte Kriegsteilnehmer wurden Fachkliniken für neurologische Rehabilitation, deren Träger und Alleingesellschafter der BDH ist und die sich in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend in den Schwerkrankenbereich hinein entwickelt haben.

Anfänge und Gründung mini|Der Aufruf „Wir rufen Sie zur Hilfe“ von 1917 begründete die Sonderfürsorge für Kriegshirnverletzte Die Wurzeln des BDH liegen in dem Aufruf zur Fürsorge für hirnverletzte Krieger „Wir rufen Sie zu Hilfe!“ vom 10. Februar 1917, den ein Ehrenausschuss unterzeichnet hatte, zu dem die Spitzen des deutschen Militärs gehörten: Paul von Hindenburg, Erich Ludendorff, Herrmann von Stein, Henning von Holtzendorff und Eduard von Capelle. Dieser Aufruf spiegelt den Stand der Kriegsopferfürsorge 1917 wider und nimmt in seinem Aufbau bereits wichtige identitätsstiftende Motive der späteren Hirnverletztenorganisation vorweg. Bereits hier werden die Hirnverletzten als besondere Gruppe gesehen, deren Verletzung sie von allen anderen Kriegsopfern abhebt.

In München waren schon im Jahr 1914 für die Bereiche der drei bayerischen Armeekorps Sonderlazarette eingerichtet worden, darunter das Sonderlazarett „L“ in der Ridlerschule für „psychisch und organisch Nervenkranke“, in die in wachsender Zahl auch Kopfschuss- und Splitterverletzte eingewiesen wurden, deren chirurgische Behandlung abgeschlossen war. 1916 waren die Kopfschussverletzten von den anderen Kranken getrennt und in der Station B I zusammengefasst worden. Diese „Kopfschussstation“ wurde vom damaligen Stabsarzt und späteren Chefarzt des Hirnverletztenheimes München Max Isserlin geleitet, die Station B II von Walther Spielmeyer, die Station B III von Eugen von Malaise. Dieses Sonderlazarett war zunächst als Zentrale für die Hirnverletzten des Bezirks des 1. Bayerischen Armeekorps, also vor allem für Südbayern, gedacht. Keimzelle der Gründung einer selbstständigen Hirnverletztenorganisation war die Station B I des Reservelazaretts „L“ in der Ridlerschule. Auf dieser Station übernahmen einzelne Patienten in Selbstverwaltung Fürsorgeaufgaben für andere Kriegsversehrte. Im August 1919 verlegte das Bayerische Kriegsministerium das Reservelazarett „L“ als Lazarett für alle bayerischen Hirnverletzten in das Gebäude der alten Frauenklinik, des Reisingerianums in der Sonnenstraße. Die Landesdienststelle für das ärztliche Versorgungswesen in Bayern erklärte dieses Lazarett mit Erlass vom 3. Dezember 1919 zum Fachlazarett für Hirnverletzte für ganz Bayern. Die Verwaltung des Lazaretts konnte auch dort überwiegend von hirnverletzten Patienten des Lazaretts erledigt werden. In dem sich fortlaufend vergrößernden Lazarettbetrieb mit neuen ärztlichen pädagogischen und psychologischen Mitarbeitern war die selbstorganisierte Arbeitstherapie der Hirnverletzten für den Lazarettbetrieb, aber auch für die Patienten selbst hilfreich. Um sicherzustellen, dass die Gemeinschaft der Hirnverletzten auch nach der Entlassung aus dem Lazarett fortbestand und ihre Interessen weiter vertreten würden, lag es nahe, sich dem sozialdemokratisch orientierten Reichsbund anzuschließen, der sich zur größten Kriegsopferorganisation Deutschlands entwickeln sollte. Der Reichsbund-Vorsitzende Schwarzenberg hielt im Dezember 1919 einen Vortrag vor den Hirnverletzten des Reisingerianums über die Kriegsopferversorgung und das Militärversorgungsgesetz. Einigkeit bestand zwischen den Hirnverletzten und dem Reichsbund darüber, dass die gegenwärtige Kriegsopferversorgung unzureichend sei, Uneinigkeit in der Frage, ob den Hirnverletzten eine „Sonderbetreuung“ zu gewähren sei. Diese hatte der Bund erblindeter Krieger innerhalb des Reichsbundes schon erreicht. Franz Schwaiger wurde als Delegierter zur Delegiertentagung des Reichsbundes vom 5. Januar 1920 entsandt, auf dem ein Schwerbeschädigtenausschuss gewählt wurde. In diesen Ausschuss wurden ein Blinder und je ein Ober-, Unterarm- und Beinamputierter gewählt, den Hirnverletzten gelang es aber nicht, Sitz und Stimme zu erhalten. Zwei Tage später wurde auf einer Sitzung der Hirnverletzten ein Ausschuss zur Ausarbeitung einer Satzung eines „Vereins deutscher hirnverletzter Krieger in Bayern“ gebildet. Eugen von Malaise half und unterstützte diesen Plan. Die Gründungsversammlung fand am 18. Februar 1920 statt; am 16. März 1920 wurde der „Verein deutscher hirnverletzter Krieger in Bayern, Sitz München“ ins Vereinsregister beim Amtsgericht München, Band 17/33, eingetragen.Thomas Urbach: Einhundert Jahre BDH Bundesverband Rehabilitation: Die Geschichte des BDH. BDH Bundesverband Rehabilitation, Bonn 2020, S. 43–64

Erstes Hirnverletztenheim Deutschlands in München mini|Vorderansicht des Münchner Hirnverletztenheims in der Tristanstraße, um 1928 mini|Küche des Hirnverletztenheims in der Tristanstraße, um 1928 Nach dem Ersten Weltkrieg setzte sich in vielen Behörden die Ansicht durch, dass die Hirnverletztenbetreuung durch die entsprechenden Behandlungen in den Sonderlazaretten, die Umschulungen und die vermutete Ausheilung an ihr Ende gekommen sei und ihr Ziel erreicht habe. In der Folge wurden alle Hirnverletztenstationen und Sonderlazarette aufgelöst – außer in Frankfurt und München. Als das Reisingerianum 1922 an die Oberpostdirektion verkauft wurde, wurde das Reservelazarett „L“ als Hirnverletztenstation kurzfristig ins Schwabinger Krankenhaus verlegt. Der Verein erwarb – auch mit Hilfe von Spenden – die in unmittelbarer Nähe gelegene Villa am Parzivalplatz 2, um dem Ziel eines eigenen Heims mit Werkstätten näher zu kommen. Um die Schwabinger Hirnverletztenstation zu entlasten, wurde die Villa mit 30 Patienten belegt. Die Villa selbst wurde dem zwischenzeitlich gegründeten „Verein zur Fürsorge für Schwerstkriegsbeschädigte“ überlassen. Das Reichsarbeitsministerium hatte ab 1922 auch die Auflösung des Münchner Sonderlazaretts ins Auge gefasst.

Eugen von Malaise wandte sich unter Vermittlung des Hauses Wittelsbach an den New Yorker Industriellen August Heckscher. Dieser stattete eine entsprechende Stiftung mit einem Vermögen von 100.000 US-Dollar aus.Fouquet, Annette, Martinius, Joest. Heckscher-Klinik München. In: Michael von Cranach und Hans-Ludwig Siemen: Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945. 2012, 379 Der „Bund deutscher hirnverletzter Krieger“ und der von Max Isserlin gegründete „Verein zur Fürsorge Schwerkriegsbeschädigter“ bildeten eine Interessengemeinschaft unter Wahrung der vermögensrechtlichen Selbstständigkeit. Da durch die Heckscher-Stiftung ein guter Grundstock vorhanden war, beteiligte sich auch das Reichsarbeitsministerium an der Finanzierung des ersten Hirnverletztenheimes Deutschlands in München-Schwabing, das 1925 in der Tristanstraße 20 eröffnet wurde und über zunächst 30 Betten verfügte.

Zusätzlich gab es im zweiten Stock eine Abteilung für chronisch Kranke mit 40 Betten mit dem Verein für Schwerkriegsbeschädigte als Träger. Beide Abteilungen wurden jedoch wirtschaftlich und personell als Einheit geführt. Chefarzt des Hauses wurde Max Isserlin. Hinzu kam 1928 das Eckgebäude Leopoldstraße 153, an dessen Rückfront ein Werkstättenbau mit der ersten arbeitstherapeutischen Einrichtung für Hirnverletzte in Deutschland errichtet wurde. In diesem Werkstättenhaus befand sich eine Bastflechterei und Schreinerei, eine Buchbinderei und eine kleine Spielzeugmanufaktur. Die eigentliche Rehabilitation vieler Hirnverletzter war zu diesem Zeitpunkt schon abgeschlossen. Die Werkstätten waren ab diesem Zeitpunkt weniger Lehrwerkstätten, sondern dienten der Beschäftigung einer größeren Anzahl von Schwerversehrten, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nicht mehr untergebracht werden konnten und hier Arbeit und ein Auskommen fanden. 1930 kam, von der Reichsbahn zur Verfügung gestellt, noch eine Schmierpolsternäherei hinzu.

Im Hirnverletztenheim selbst waren viele der Patienten aber noch erheblich pflegebedürftig. Hier bedeutete es eine große Erleichterung als die St.-Josefs-Kongregation Ursberg sich bereitfand, die pflegerische Betreuung durch ihre Schwestern zu leisten. Das Heim wurde weiter aufgebaut, ein Erweiterungsbau erhöhte die Zahl der Betten auf über 100, eine großangelegte Bäder- und Bestrahlungsanlage kam hinzu. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs waren beide – sowohl das Hirnverletztenheim als auch die Jugendpsychiatrie – voll belegt.Thomas Urbach: Einhundert Jahre BDH Bundesverband Rehabilitation: Die Geschichte des BDH. BDH Bundesverband Rehabilitation, Bonn 2020, S. 53–56

Entwicklung bis 1933 mini|Bundesarchiv_Bild_146-1972-062-01,_Berlin,_bettelnder_Kriegsinvalide alternativtext=Bund Hirnverletzter Emblem|mini|Emblem des Bundes Hirnverletzter nach dem Ersten Weltkrieg. Es wurde auch als Anstecker an der Kleidung getragen. Neben seinen Anstrengungen, eine effektive und zeitgemäße Heilbehandlung zu erwirken, beriet der „Verein deutscher hirnverletzter Krieger in Bayern“ seine Mitglieder auch in sozialrechtlichen Angelegenheiten. Die versorgungsrechtliche Situation vieler Kriegsopfer in der Weimarer Republik war desolat. Seit 1923 versuchte der Verein zudem systematische Informationen über die Lebensverhältnisse Betroffener zu erlangen und versandte dazu Fragebögen. 1926 konnte sich der „Verein deutscher Hirnverletzter Krieger“ über München hinaus ausdehnen und weitere Ortsgruppen in Augsburg und Regensburg gründen. In Bayern, wo der Verein entstand, war die Situation der Fürsorge etwas anders gelagert als im Rest des Deutschen Reichs, wo die Hauptfürsorgestellen in der Verantwortung standen. In München hatte die Regierung Eisner 1918 das Ministerium für Soziale Fürsorge gebildet, das für den Arbeitsmarkt, die Sozialversicherung und das Wohnungswesens zuständig war. 1919 wurde dem im Wittelsbacherpalais ansässigen Ministerium auch die Kriegsgeschädigten- und Kriegshinterbliebenenfürsorge übertragen. Von Beginn an gab es Forderungen, dieses „Revolutionsministerium“ wieder aufzulösen, was durch die Regierung Held im Rahmen der Verwaltungsvereinfachung am 30. Juli 1928 auch geschah. Dagegen wehrte sich der „Verein deutscher hirnverletzter Krieger“. Er kritisierte auch Pläne, die Kriegsversehrten-Fürsorge im gesamten Reich von den Hauptfürsorgestellen, dessen Beamte sehr gut mit den Kriegsopferverbänden kooperierten, auf die allgemeine Sozialfürsorge zu übertragen. Die Gründung 1920 in München war die früheste, aber dem Beispiel Bayerns folgten auch Hirnverletzte in anderen Ländern des deutschen Reiches.