mini|Das Langobardenreich in Italien um 600 Die Langobarden (, ,Strabo erwähnt Lankosargen (altgriechisch ), wohl ein anderer Ausdruck für die Langobarden. auch Winniler) gehörten, wie man lange annahm, als ethnische Gruppe der Stammesgruppe der Sueben an und waren eng mit den Semnonen verwandt. Demnach waren sie ein elbgermanischer Stamm, der ursprünglich an der unteren Elbe siedelte und dann migrierte.
Diese traditionelle Sicht wird heute aber eher selten vertreten. Stefano Gasparri fasste 2017 die Forschungsergebnisse der letzten Jahrzehnte so zusammen, dass die Langobarden wie andere als gentes bezeichnete Gruppen zur Zeit der Völkerwanderung vielmehr eine politisch-militärische Ansammlung darstellten, die sich an den Rändern bzw. zum Teil innerhalb des Römischen Reiches bildeten, dessen Grenzen überaus durchlässig waren, und die unter einem erfolgreichen militärischen Anführer standen. (Stefano Gasparri: Desiderio, Rom 2017, Einleitung). Sie dienten sich den Römern an (Föderaten) oder versuchten aus deren Reich auf andere Weise Prestige oder materiellen Gewinn zu schlagen. Somit war Verwandtschaft nur einer der Gründe, die diese Verbände immer wieder neu entstehen ließen. Sie gaben sich im Nachhinein eine Herkunfts- und Abstammungslegende.
Im 5. Jahrhundert tauchten Langobarden unter einem dieser Anführer namens Wacho in römischen Aufzeichnungen auf. Sie erschienen bald an der Donau in Pannonien. Ab 568 eroberten sie unter König Alboin große Teile Italiens, wobei sie große andere Verbände begleiteten, wie etwa Sachsen, und errichteten das Langobardenreich. Diesem zwischenzeitlich christianisierten Reich – zunächst arianisch, dann katholisch – setzte das fränkische Heer unter Führung König Karls I. mit der Eroberung der Hauptstadt Pavia im Jahr 774 ein Ende. Der Süden Italiens verblieb allerdings unter langobardischer Herrschaft. Auf die Hauptsiedlungsgebiete im Norden geht die Bezeichnung der Lombardei zurück. Dort war, vor allem gegen Ende des Langobardenreichs, die Unterscheidung zwischen Romanen und Langobarden immer weniger ausgeprägt, so dass am Ende fast alle Bewohner des Reiches Langobarden hießen.
Als ebenso unhaltbar wie die Annahme einer rein verwandtschaftlichen Grundlage des Zusammenhalts und der Zusammensetzung der Langobarden („Völkerwanderung“) erwies sich die vor allem in Italien lange verbreitete Vorstellung, die Kette „barbarischer Invasionen“ hätte gleichsam nur eine Unterbrechung der kulturellen Entwicklung zwischen dem Ende des Römerreiches und dem Hochmittelalter bedeutet.
Name Woher der Name der Langobarden stammt, ist unklar. Die „Langobardi“, die Strabon um die Zeitenwende in seiner Geographie 7,1,3 erwähnt, werden als Ersterwähnung betrachtet.Langobarden. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 18, S. 50. Der langobardische Chronist Paulus Diaconus berichtet Ende des 8. Jahrhunderts von einer alten Sage (siehe Historia Langobardorum). Demnach hießen die Langobarden einstmals Winniler. Diese wurden von den Vandalen bedroht, und beide Völker rüsteten zum Kampfe. Die Vandalen beteten zu Wodan, und er sagte ihnen, dass jene den Sieg erringen würden, die er frühmorgens als erste erspähe. Gambara, die Mutter der winnilischen Herzöge Ibor und Agio, riet aber, zur Göttin Frea, der Frau Wodans, zu beten. Frea gab die Anweisung, dass sich die Frauen der Winniler frühmorgens im Osten aufstellen und ihre langen Haare wie Bärte vor das Gesicht binden sollten. Tatsächlich stand Frea zeitig auf und wendete das Bett Wodans nach Osten, und als er erwachte, sah er die Winnilerinnen und fragte erstaunt: „Wer sind diese Langbärte?“ Da entgegnete Frea: „Du hast ihnen den Namen gegeben, nun gib ihnen den Sieg!“ So siegten die Winniler über die Vandalen, und seither nennen sie sich Langobarden.
In der Forschung ist die Herleitung des Namens umstritten, zumal die Schilderung des Paulus Diaconus topische Elemente enthält, und weil lange Barttracht kein besonderes Kennzeichen nur der Langobarden war. Dennoch wird auch in der neueren Forschung die Herleitung Langobarden von Langbärte aus philologischen Gründen für wahrscheinlich gehalten, wobei von einer ursprünglichen Fremdbezeichnung ausgegangen wird. Eine in der Forschung erwogene alternative Bezeichnung nach einer stammestypischen Streitaxt wird hingegen als problematischer angesehen.Langobarden. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 18, S. 50f.; Robert Nedoma: Altgermanische Anthroponyme. In: Dieter Geuenich, Wolfgang Haubrichs, Jörg Jarnut (Hrsg.): Person und Name. Methodische Probleme bei der Erstellung eines Personennamenbuchs des Frühmittelalters (= Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 32). Berlin/New York 2002, S. 117 f.
Geschichte mini|hochkant=1.8|Wanderung der Langobarden (blau) zwischen dem 4. und dem 8. Jahrhundert n. Chr. nach der traditionellen, heute umstrittenen Interpretation Die Frühgeschichte der Langobarden ist aufgrund zeitbedingter Vorstellungen von geschlossenen, wandernden Völkern vielfach missdeutet worden. Nach heutigen Vorstellungen handelt es sich eher um politisch-militärische Verbände, die sich zusammenfanden, und die über die Dauer der Zeit eine Zusammengehörigkeit entwickelten, bald eine übergreifende Sprache, die von einem zahlenmäßig dominierenden Kernverband ausging. Daher war sowohl das Hereinnehmen anderer Verbände als auch die Wiederabspaltung, wenn man anderen Zielen zu folgen gedachte, vergleichsweise unproblematisch. Dies gilt vor allem für die eigentliche Wanderungszeit und die Generation danach. Dass Gruppen des Namens Langobarden an der unteren Elbe im späten 1. Jahrhundert v. Chr.Wilfried Menghin: Die Langobarden. Archäologie und Geschichte, Theiss, Stuttgart 1985, S. 15–17. mit den ab dem 5. Jahrhundert weiter südlich genannten, ab 568 nach Italien wandernden Gruppen in Zusammenhang stehen – gar genetischem –, ist daher umstritten, konnte durch genetische Untersuchungen jüngerer Zeit jedoch für die Gruppen zwischen Ungarn und Italien immerhin nachgewiesen werden.Vgl. den Abschnitt Genetik. Siehe dazu: Stefania Vai: A genetic perspective on Longobard-Era migrations, in: European Journal of Human Genetics 27 (2019) 647–656; Niall O’Sullivan: Ancient genome-wide analyses infer kinship structure in an Early Medieval Alemannic graveyard, in: Science Advances 4 (2018); Carlos Eduardo G. Amorim: Understanding 6th-century barbarian social organization and migration through paleogenomics. Nature Communications 9 (2018) 3547.
Als Langobarden bezeichnete Gruppen wurden von Strabon und Tacitus für das Jahr 3 v. Chr. als Teil des Marbod-Bundes erwähnt.Strabo 7, 1, 3; Velleius 2, 108, 2; 2, 109, 2f.; Tacitus, Annalen 2, 45, 1. Während eines Feldzuges des Tiberius zur Elbe im Jahre 5 n. Chr., der im Zuge des immensum bellum stattfand, werden Langobarden erneut erwähnt: Der Geschichtsschreiber Velleius Paterculus schrieb „Die Macht der Langobarden wurde gebrochen, eines Stammes, der noch wilder als die germanische Wildheit ist.“Velleius 2, 106; 2, 109, 1f. Strabon erwähnt, dass die eigentlich auf dem linken Elbufer siedelnden Langobarden auf das rechte Elbufer übersiedelten.Strabon, Geographika 7, 1, 3.
Dies scheint auch durch den Abbruch der Belegung von lokalen Friedhöfen unterstützt (vgl. Wahlitzer Gruppe). Durch den anschließenden Rückzug der Römer an den Rhein verschwanden die Langobarden für die nächsten ca. 150 Jahre aus der Historie, vielleicht weil sie als Militärverband keine Funktion mehr hatten, die in Zusammenhang mit Rom stand. Die Archäologie zeigt eine als elbgermanisch bezeichnete Fundgruppe beiderseits der unteren und mittleren Elbe und in Böhmen. Langobarden drangen 166 n. Chr. zu Beginn der Markomannenkriege als Teil eines Plünderungszuges ins Römerreich ein.
Nach den Markomannenkriegen verlagerte sich nach archäologischen Erkenntnissen der Siedlungsschwerpunkt von Mecklenburg in die westelbische Altmark. Archäologisch als Elbgermanen zu identifizierende Bevölkerungsgruppen besetzten ab 250/260Die Langobarden. Das Ende der Völkerwanderung, S. 57 f. das Gebiet an der mittleren Donau im heutigen Niederösterreich, in dem vorher die Rugier gesiedelt hatten; unter ihrem König Godeoc siedelten auch die Langobarden 489 am linken Donauufer zwischen Linz und Wien.Karin Priester: Geschichte der Langobarden. Gesellschaft – Kultur – Alltagsleben. Theiss, Stuttgart 2004, S. 23. mini|Grabbeigaben aus dem westungarischen Binnenkastell Keszthely-Fenékpuszta Um 490 zog eine Gruppe, die die Quellen als Langobarden bezeichnen, nach Mähren und zu Beginn des 6. Jahrhunderts nach Pannonien, genauer auf das Tullnerfeld. Im Jahr 510 vernichteten sie unter ihrem Führer Tato dort endgültig das von Rudolf regierte Herulerreich.
Unter dem nachfolgenden König Wacho zogen die Langobarden nach Pannonien (Pannonia inferior) weiter; unter Audoin erfolgte 546/47 die Ansiedlung auch in der Pannonia Secunda und somit in ganz Westungarn und im Gebiet des heutigen Burgenlandes. Diese Ansiedlung wurde von dem oströmischen Kaiser Justinian I. unterstützt, da er von den Langobarden annahm, dass sie die östlich der Donau lebenden Gepiden in Schach halten und zudem einen Sicherheitsgürtel gegen die Ostgoten in Italien bzw. die Franken im ehemaligen Gallien bilden würden. Die Langobarden unternahmen aber auch Plünderungszüge nach Dalmatien und Illyrien und stießen dabei bis zum byzantinischen Epidamnus vor.Karin Priester, 2004, S. 28.
Es ist aber unsicher, ob ein Bevölkerungsverband der Langobarden in der Zeit zwischen der in antiken Quellen überlieferten Siedlungsphase an der unteren Elbe und dem Auftauchen an der mittleren Donau wirklich existiert hat. Möglicherweise wurde erst an der Donau eine sich stetig neu mischende Bevölkerungsgruppe in Auseinandersetzungen mit den Herulern neu formiert. So erscheint in den Quellen eine große Gruppe von Sachsen, die sich den Langobarden angeschlossen hat. Nach dieser Deutung nahm sie einen alten, bekannten und ruhmträchtigen Namen an. Kaiser Justinian überließ den Langobarden laut Prokop „die pannonischen Festungen und die norische Polis“.Walter Pohl: Die Langobarden zwischen Elbe und Italien. In: Die Langobarden. Das Ende der Völkerwanderung. Katalog zur Ausstellung im Rheinischen LandesMuseum Bonn 22.8.2008–11.1.2009. Primus, Darmstadt 2008, S. 23–33, hier: S. 26. Nachdem sie bereits während Justinians Perserzug Hilfstruppen gestellt hatten, begleiteten viele langobardische Krieger im Jahr 552 den oströmischen Heerführer Narses nach Italien, um gegen die Ostgoten zu kämpfen; sie wurden aber aufgrund ihrer Disziplinlosigkeit bald entlassen.
mini|hochkant=0.3|links|Langobardisches Schwert (Spatha, Reproduktion) im Museum von Bergamo