mini|Marina Abramović bei einer Performance im New Yorker Museum of Modern Art 2010, bei welcher sie während der Öffnungszeiten des Museums insgesamt 721 Stunden auf einem Stuhl saß und schwieg. Als Performance Art (im deutschen Sprachraum auch kurz Performance) wird eine situationsbezogene, handlungsbetonte und vergängliche künstlerische Darbietung eines Künstlers bzw. einer Künstlergruppe bezeichnet. Die Kunstform hinterfragt die Trennbarkeit von Künstler und Werk sowie die Warenform traditioneller Kunstwerke. So überwindet sie die Auffassung, dass nur dauerhafte, werthaltige, beliebig handhabbare und verkäufliche Objekte (etwa Gemälde und Skulpturen) als Kunst zu betrachten seien.

Der Begriff wurde in den 1970er Jahren populär, obwohl es Performance Art schon mindestens seit den 1910er Jahren gibt. Direkte Vorläufer der Performance Art in den 1950er und 1960er Jahren im deutschsprachigen Raum waren bspw. die Wiener Aktionisten und die Neo-Dadaisten. (Diese beschrieben ihre Auftritte und Aktivitäten als Live Art, Action Art, Intervention oder auch Manoeuvre.) Performances können noch heute anderen Strömungen, Kunstrichtungen, Bewegungen und Kunsttheorien zugeordnet sein, wie Body-Art, Happening und Fluxus. Es gibt zudem große Überschneidungen mit der Konzept- und der Aktionskunst, bspw. der politischen Kunst von Gruppen wie Pussy Riot oder dem Zentrum für politische Schönheit.

mini|Eva & Adele 2007 in Mailand Performance Art kann auch bedeuten, dass die Künstler monatelang ein Kunstwerk durchführen, wie bspw. Tehching Hsieh und Linda Montano, oder sich gar für den Rest ihres Lebens vollständig in ein Kunstwerk verwandeln, wie Eva & Adele. Die Abgrenzung zur Kunstfigur bzw. zum „Bühnencharakter“ ist dabei nicht klar definiert. So werden bspw. auch die beiden Frontleute der Band Die Antwoord, die ihre Alter Egos seit ihrem Bekanntwerden in der Öffentlichkeit konsequent „gespielt“ und nie wieder abgelegt haben, als Performance-Künstler bezeichnet.

Begriff mini|Jeder Mensch ein Künstler – Auf dem Weg zur Freiheitsgestalt des sozialen Organismus.Joseph Beuys, Vortrag 1978 in Achberg

In den 1960er Jahren wurde, zunächst in den USA, der Begriff „Performance Art“ zu einer Sammelbezeichnung für künstlerisches Geschehen, das den üblichen Kontext der „Performing Arts“ (Darstellenden Künste) und der „Visual Arts“ (Bildenden Künste) sprengte: Happenings, „Live Events“, Fluxuskonzerte, Straßenaktionen und Demonstrationen als öffentliches künstlerisches Ereignis.

Beeinflusst durch Antonin Artaud, Dada, die Situationistische Internationale und Konzeptkunst wurde „Performance Art“ um 1970 in den USA von Künstlern wie Allan Kaprow verstärkt als Antithese zu Theater formuliert und zunehmend als konzeptuell eigenständige Kunstform verstanden. In der „Performance Art“ dieses Typs sollte ein künstlerisches Ereignis nie in der gleichen Weise wiederholt werden und nie eine Struktur wie ein Stück aus der Darstellenden Kunst haben. Im Deutschen wird die so definierte Kunstform häufig mit der Kurzform „Performance“ oder „Kunstperformance“, bezeichnet. Im englischen Sprachraum ist die Verwendung der Kurzform nicht möglich, da das Wort hier nur die allgemeine Bedeutung der „Vorstellung“ hat.

Theoretiker und Künstler unterscheiden Performances, die sich aus Konzepten der Bildenden Kunst entwickelt haben, von Formen, die aus den Darstellenden Künsten kommen, wie etwa die Theaterperformance, Musikperformance oder Literaturperformance.Marvin Carlson: Performance. S. 103,2–105,1. Auch eine Theaterperformance ist aber nicht wie ein Drama und eine Theateraufführung vorstrukturiert. Der künstlerische Prozess wird in ihr, in Form einer unmittelbaren Handlung und Präsenz, zum Werk selbst. Der Körper des Künstlers oder (seltener) die Körper der vom Künstler beauftragten ausführenden Performer zum künstlerischen Medium. Es wird keine theatralische Rolle gespielt, sondern das Präsentierte im Augenblick des Geschehens wahrhaftig durchlebt. In den Darstellenden Künsten dagegen (die seit den letzten Jahrzehnten allerdings zunehmend von Performance-Konzepten beeinflusst werden, vice versa) tritt der Mime hinter der Rolle zurück, die er in einem Stück spielt, so wie im klassischen Ballett der Tänzer hinter der Figur zurücktritt, die er in einer Choreografie tanzt.

„Performance“ ist ein interpretativer Begriff, wie beispielsweise „Demokratie“. Widerspruch und Meinungsverschiedenheit sind darin bereits enthalten, eine allgemeinverbindliche Definition ist in diesem Sinne unmöglich. Die Widersprüchlichkeit rivalisierender Deutungen und Bedeutungen ist ihr wesentlicher Bestandteil.Marvin Carlson: Performance. S. 1, 2.

Beschreibung mini|180px|Performance Art vor dem rumänischen Pavillon bei der Biennale von Venedig 2013 „Performative Arbeit“ in der Kunst, aber auch in anderen Kulturbereichen wie Spiel oder Sport, ist auf die Präsentation des verwertbaren Selbst vor anderen ausgerichtet, wobei die Präsenz des Anderen sowohl als Instrument wie auch als Objekt in Erscheinung tritt.Isabell Lorey: Performative Arbeit und die öffentliche Bühne der Virtuosität. In: Kunst und Arbeit. (Hrsg. Anja Lemke und Alexander Weinstock); Verlag Wilhelm Fink, Paderborn 2014, ISBN 978-3-7705-5715-8, S. 251 ff. Häufig ist Performance ortsgebunden, kann jedoch überall, zu jeder Zeit und ohne zeitliche Begrenzung stattfinden. Dabei kommen vier Grundelemente ins Spiel: Zeit, Raum, der Körper des Performers und eine Beziehung zwischen dem Künstler und den Zuschauern. Es gibt zwar Performances, deren Ablauf oder Konzept einer präzisen Dramaturgie folgen, die soziologische und philosophische Kontingenz der Entwicklung im Ablauf einer Performance ist jedoch ein wesentliches Element. Nicht selten sind Performances offene künstlerische Versuchsanordnungen ohne Ablaufkonzept.

Manche Zuschauer glauben, Elemente Darstellender Kunst, des Zirkus, des Entertainments oder experimenteller Musik in einer Performance zu erkennen, obwohl die Inspiration aus dem audiovisuellen Kontext der Bildenden Kunst, aus einer Beziehung zu Propaganda und Agitation (Dada und Neoismus) oder aus performance-eigenen Konzepten kam. Andere Performances sind tatsächlich Darstellende Kunst oder Musik, beispielsweise die Musikperformances in Tradition von John Cage. Die kunsthistorisch treffende Interpretation einer bedeutenden Performance kann daher ebenso komplex sein wie die Interpretation großer Werke in anderen Kunstsparten.

Da eine Performance, wenn sie einmaliger Ausdruck einer künstlerischen Lebenssituation war, als gespielte Rolle wiederholt, eine Art Fälschung werden könnte, legen viele bekannte Performer und Performance-Gruppen Wert auf die mediale Dokumentation und Rezeption ihrer Performances im Kunstbetrieb. Dokumentationen in Videotechnik oder Performances direkt als Videokunst oder Film sowie Performance-Fotografie, werden in Ausstellungen gezeigt und auf dem Kunstmarkt gehandelt, manchmal ironisch oder provokativ als Reliquie oder Souvenir. Ebenso wird Performance meist durch angekündigte Veranstaltungen, Beschreibungen und Kritiken in den Kunstbetrieb eingebettet.

In der digitalisierten Mediengesellschaft stellen Performer wie Marina Abramović die Frage, ob Performance als ephemere Kunst stärker auf Wiederholbarkeit ausgerichtet werden müsse, damit seit Beginn der Kunstform in Performances kodiertes kulturelles Wissen nicht verloren geht und nicht verfälscht und missbraucht werden kann.

Ursprünge Performance in der bildenden Kunst und Performance in der darstellenden Kunst sind unterschiedliche Konzepte, die sich in einem produktiven Spannungsverhältnis befinden.Marvin Carlson: Performance. S. 105,2ff. Die Konzepte von Performance als bildender Kunst und von Performance in den darstellenden Künsten haben in diesen Kunstgattungen ihre jeweils eigene Entwicklung und Geschichte.

Im europäischen Kunstkontext nehmen Bewegungen der künstlerischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts wie Futurismus und Dadaismus Elemente von Performance vorweg. Vorläufer von Performance in den 1950er Jahren sind unter künstlerischen Arbeiten im Neo-Dada oder bei Gutai, einer japanischen Kunstrichtung, zu finden.

Wie Elisabeth Jappe in „Performance, Ritual, Prozess“ schreibt, ist Performance einerseits Prozesskunst, die sich aus Action Painting und Happening entwickelte. Andererseits steht die Kunstform in Beziehung zum Ritual als einem grundlegenden Element menschlicher Kultur. Die künstlerische Auseinandersetzung mit Ritualen schamanistischer Art, aber auch mit Ritualen europäisch oder anders geprägter Gesellschaften, ist untrennbar mit der Entstehung der Kunstform verbunden. Während Rituale jedoch durch möglichst unveränderte Wiederholung gekennzeichnet sind, war eines der prozessorientierten Elemente von Performance, dass sie nie wieder so ausgeführt werden sollte wie zuvor.

1960er Jahre

In den 1960er Jahren entstehen aus einer kritischen Haltung gegenüber der Verwertung von Kunst im Kunstbetrieb und in der Gesellschaft vermehrt performanceartige Formen künstlerischer Arbeit, meist jedoch als Teil von Happenings, Musiktheater und Fluxusstücken. Unter dem Einfluss der 68er-Bewegung wurden einige Happenings und performance-ähnliche Aktionen politisch demonstrativ gestaltet. Vor den 1970er Jahren hatte der Begriff Performance künstlerisch jedoch nur im Englischen in der darstellenden Kunst eine Bedeutung.

Als Vorläufer und Wegbereiter von Performance als eigener Richtung bildender Kunst (oder in „Visual Art“) können genannt werden: Simone Forti, Yves Klein, Yoko Ono, Allan Kaprow, Lil Picard, Carolee Schneemann, Joseph Beuys, Bazon Brock, Wolf Vostell, Nam June Paik, Piero Manzoni, Valie Export, Yayoi Kusama, Al HansenAndreas Beitin, Eckhart Gillen (Hrsg.): Flashes of the Future. Die Kunst der 68er oder Die Macht der Ohnmächtigen. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2018, ISBN 978-3-8389-7172-8. sowie für Langzeitperformances bspw. Tehching Hsieh und Linda Montano.

Simone Fortis Stück Huddle (1961) wurde später als das bahnbrechende Stück für die Entwicklung der Performance angesehen.Lisa Anderson Mann: „Simone Forti“, in: International Dictionary of Modern Dance. Edited by Taryn Benbow-Pfalzgraf. St. James, Detroit 1998, S. 285–289. Im April 1961 präsentierte sie Huddle als Teil ihres Programms An Evening of Dance Constructions in Yoko Onos Loft in Manhattan.Yvonne Rainer: „Über Simone Forti“, in: Simone Forti. Mit dem Körper denken, herausgegeben von Sabine Breitwieser für das Museum der Moderne. Hirmer Verlag, München 2014, S. 70–72. Huddle entziehe sich noch immer einer vorschnellen Interpretation. Sie seien in einer Metaphern-freien Zone aufgetreten, weil Forti keine Bilder vorgegeben habe. Sie habe damit eine völlig neue Haltung in die Welt des Tanzes gebracht, erinnert sich Steve Paxton 2014: „Es war für Betrachter ein Schock, eine Bedeutung vorenthalten zu bekommen, mit der sie die Erfahrung eines solchen künstlerischen Projekts hätten einordnen können.“Steve Paxton: „Simone Forti betritt die Welt des Tanzes“, in: Simone Forti. Mit dem Körper denken. herausgegeben von Sabine Breitwieser für das Museum der Moderne. Hirmer Verlag, München 2014, S. 59–61. Als sie 1960 mit den Dance Constructions anfing, habe sie diese Stücke noch nicht so genannt, schreibt Forti 2011. Sie entsprangen dem Bedürfnis, das eigene körperliche Unbehagen zu nutzen, um „etwas so Einfaches und Grundlegendes wie die Anziehungskraft zwischen der Masse meines Körpers und der Erde zu spüren, oder weil ich den Wunsch hatte, zu drücken, zu ziehen und zu klettern.“Simone Forti: „Die Dance Constructions“ (2011), in: Simone Forti. Mit dem Körper denken. herausgegeben von Sabine Breitwieser für das Museum der Moderne Salzburg. Hirmer Verlag, München 2014, S. 80.

Yoko Onos Concept-Art-Stück Wall piece for orchestra aus dem Jahr 1962, in dem sie begleitet von einem konventionellen Orchester kontinuierlich ihren Kopf auf den Bühnenboden schlug, würde heute als Performance gelten.