Feministische Theorien der Internationalen Beziehungen bezeichnen eine Strömung innerhalb der Internationalen Beziehungen (IB), die spezifisch feministische Perspektiven auf Phänomene der Internationalen Politik richtet. In feministischer IB-Theorie werden zum einen die realen Auswirkungen internationaler Politik auf Frauen, zum anderen die Relevanz von bestehenden Geschlechterverhältnissen und Ungleichheitsstrukturen in den Blick genommen, mit dem Anspruch, Theorie und Praxis der IB feministisch zu reformulieren.

Feministische IB-Theorie hat sich vor diesem Hintergrund mit verschiedenen theoretischen Paradigmen der Internationalen Beziehungen, wie etwa mit dem Realismus und Neorealismus, der Internationalen Politischen Ökonomie, dem Konstruktivismus und Poststrukturalismus auseinandergesetzt. Zudem bezieht sich feministische IB-Theorie auf die Konzeptualisierung typischer Begrifflichkeiten der Internationalen Beziehungen und befasst sich beispielsweise mit gängigen Vorstellungen von Akteur und Akteurshandeln oder dem Sicherheitsbegriff. Auf empirischer Ebene fragt feministische IB-Theorie danach, inwieweit in anderen IB-Theorien bestimmte empirische Gegenstände aufgrund einer implizit oder explizit heteronormativen, maskulinistischen Sichtweise systematisch vernachlässigt werden. Epistemologisch fließen Erkenntnisse aus der feministischen Wissenschaftskritik – etwa aus Arbeiten von Sandra HardingThe Science Question in Feminism, 1986 (deutsch: Feministische Wissenschaftstheorie. Zum Verhältnis von Wissenschaft und sozialem Geschlecht), Argument Verlag 1990. oder Donna HarawaySituated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspectives. In: Feminist Studies. 1988, S. 575–599. – ein. Methodologisch fragt feministische IB-Theorie, inwieweit Methoden der Internationalen Beziehungen zum Ausschluss feministischer Sichtweisen geführt haben, etwa hinsichtlich der Erstellung von Interview-Samples, in der Fragetechnik oder durch Auswertungspraxen. Disziplinspezifisch schließlich beschäftigen sich feministische Autorinnen mit Phänomenen der Diskriminierung von Frauen im Wissenschaftsbetrieb, zumal die IB eine durch männliche Dominanz besonders stark geprägte Subdisziplin der Politikwissenschaft darstellt.R. B. J. Walker: Gender and Critique in the Theory of International Relations. In: V. Spike Peterson (Hrsg.): Gendered States. Feminist (Re)Visions of International Relations Theory. Boulder/London 1992, S. 179.Anna M. Agathangelou, L. H. M. Ling: The House of IR: From Family Power Politics to the Poisies of Worldism. In: International Studies Review. Vol. 6, No. 4, 2004, 21-49.

Im historischen Verlauf zeigen sich, ähnlich wie in anderen IB-Theorien, bestimmte 'Konjunkturen', die in diesem Fall eng mit der Theoriebildung in den feministischen Studien verknüpft sind. Arbeiten, die v. a. auf die empirische Ausblendung einer Frauenperspektive hinwiesen, bildeten in den 1980er Jahren den Auftakt für feministische Theoriebildung in den IB. Die epistemologische Auseinandersetzung mit den Grundannahmen des Realismus und Neorealismus – sichtbar insbesondere in der Kontroverse Morgenthau-Tickner – stellt einen weiteren zentralen Baustein dar. Seitdem – speziell im Verlauf der Dritten Debatte' – hat sich das Feld stark ausdifferenziert und wurde insbesondere durch konstruktivistische, poststrukturalistische und z. T. postkoloniale Arbeiten bereichert. Wichtige Vertreterinnen sind Cynthia Enloe, J. Ann Tickner, Christine Sylvester; innerhalb der deutschsprachigen Internationalen Beziehungen Uta Ruppert.

Frühe feministische Perspektiven auf die IB Den frühen Vertreterinnen feministischer IB ging es in erster Linie darum, Frauensperspektiven auf Internationale Politik sichtbar zu machen und die empirische Ausblendung solcher Perspektiven zu überwinden. Ein zentrales Werk dieser Phase ist "Bananas, Beaches and Bases" (1990)Cynthia Enloe: Bananas, Beaches and Bases Making Feminist Sense of International Politics. University of California Press, 1990. von Cynthia Enloe. Enloe untersucht darin, welche Rolle(n) Frauen in der Internationalen Politik spielen – sei es als Sexarbeiterinnen auf Militärbasen oder als Gattinnen von Diplomaten – und wie diese Rollen zur Stabilisierung von Herrschaftsverhältnissen beitragen. Feministische Kritik am Realismus/Neorealismus setzte sich mit den Grundannahmen und zentralen Begriffen realistischer bzw. neorealistischer IB-Theorie auseinander. So analysierte Ann Tickner für den Realismus Morgenthau'scher Prägung, inwieweit die dort entwickelten Kategorien und Grundannahmen, allen voran diejenige, dass realistische IB-Theorie wissenschaftlich objektiv und neutral sei, und dass Akteure miteinander im Wettstreit stünden, zu einem male bias in der eingenommenen analytischen Perspektive auf das internationale System führe. Tickner stellt fest, dass in den Grundannahmen des rationalen Akteurs und des konkurrenzorientierten Akteursverhaltens eine Rationalität festgeschrieben wird, die andere Lebenswelten ausklammert, und die ein Verständnis von Konkurrenz, Kampf, Streit, Tugend und Ehre transportiert, welches tendenziell männlich konnotiert ist. Im Sprechen über die 'menschliche Natur' reproduziere Morgenthau damit letztendlich eine 'männliche Natur'; somit sei sein Akteursbegriff nicht neutral, sondern reduktionistisch. Mit Bezug auf Hannah Arendt reformuliert Tickner Organisationsprinzipien Internationaler Beziehungen auf Basis von Kooperation. Letztendlich schreibt sie feministischen Perspektiven damit wesentliches Potential zu, um eine epistemologisch reichhaltigere Theoriebildung auf den Weg zu bringen.J. Ann Tickner: Hans Morgenthau’s Principles of Political Realism: A Feminist Reformulation. In: Millennium. Journal of International Studies. vol. 17, 1988, S. 3, 429–440, 438.

Liberal-feministische Perspektiven Liberal-feministische Perspektiven folgen in ihrem Erkenntnisinteresse den frühen feministischen Arbeiten, indem sie v. a. auf die gleichwertige Repräsentation der Kategorie Geschlecht/Gender in Empirie und Theorie der IB abzielen. Entsprechend befassen sich Vertreterinnen dieser Strömung z. B. aus institutionalistischer oder regimetheoretischer Sicht damit, welche Rolle Frauen als Akteurinnen in internationalen Organisationen oder inter/transnationalen Politikprozessen haben, wie sie internationale Politik beeinflussen und gestalten, welche Diskriminierungspraxen bestehen und wie sich diese beseitigen lassen. Empirische Forschung untersucht also beispielsweise das UN-System, die UN-Dekade der Frau, einzelne Politikfelder der IB oder Rolle und Erfolge von internationalen Frauen-NGOs wie etwa WEDO.Women’s Environment and Development Organization Auf einer stärker kategorialen Ebene fragen liberal-feministische Perspektiven danach, wie sich klassische Begriffe der IB inklusiver formulieren lassen, so beispielsweise angesichts des Sicherheitsbegriffes, der als bloße 'Abwesenheit von physischer Bedrohung' verstanden, aber auch positiv formuliert unter dem Stichwort der 'menschlichen Sicherheit' bspw. auch die Möglichkeit zu arbeiten, Kinder zu erziehen, sich frei zu bewegen oder vor sexualisierter Gewalt geschützt zu sein, einschließt.Heinrich-Böll-Stiftung: Frieden, Sicherheit, Geschlechterverhältnisse, feministische Positionen und Perspektiven zur Frauen- und Geschlechterpolitik. Band 6, Berlin 2011, S. 9–62.

Dritte Debatte und poststrukturalistische Perspektiven Die 'Dritte Debatte' der IB spielte sich zwischen Vertretern positivistischer bzw. post-positivistischer IB-Theorien ab und hat zentral zur Theoriebildung der konstruktivistischen und poststrukturalistischen (bzw. radikalkonstruktivistischen) Ansätze beigetragen. Feministische IB-Theorie hat sich hier ebenfalls positioniert und Arbeiten aus dem Bereich dekonstruktivistischer feministischer Philosophie für die IB fruchtbar gemacht.

Institutionalisierung und Rezeption Im Rahmen der International Studies Association befasst sich der Women’s Caucus mit der Repräsentation von Frauen in den IB. Die deutschsprachige Zeitschrift 'Femina Politica' befasst sich mit feministischen politikwissenschaftlichen Perspektiven; dabei ist auch die Subdisziplin der IB einbezogen. In der angloamerikanischen Forschungslandschaft beschäftigt sich das International Feminist Journal of Politics mit feministischer IB.

Kritik Innerhalb der IB sahen und sehen sich feministische Ansätze verschiedenen Kritikpunkten ausgesetzt. Eine 'sympathische' Kritikrichtung besteht darin, feministische Perspektiven nur als übergangsweise notwendige Intervention zu betrachten, die sich aber aufgrund ihres Erfolges bereits selbst obsolet gemacht habe. Eine andere Kritikrichtung zweifelt aufgrund der Positivismuskritik feministischer Ansätze deren Wissenschaftlichkeit insgesamt an.R. O. Keohane: Beyond dichotomy: Conversations between international relations and feminist theory. In: International Studies Quarterly. 42(1), 1998, S. 193–197; Francis Fukuyama: Women and the evolution of world politics. In: Foreign Affairs. 77(5), 1998, S. 24–40, (OCLC 79357925) Aus postkolonial-feministischer Perspektive wird die Kritik geäußert, dass feministische Internationale Beziehungen stark vom westlichen, liberal-individualistischen Feminismus bzw. von queerfeministischen und dekonstruktivistischen Perspektiven geprägt seien. Der Blick auf die 'Dritte-Welt-Frau'Chandra Talpade Mohanty: Under Western Eyes: Feminist Scholarship and Colonial Discourses. In: Boundary. 2. 12:3-13:1, 1984, S. 333–358; Chandra Talpade Mohanty: "Under Western Eyes" Revisited: Feminist Solidarity through Anticapitalist Struggles. In: Signs. Journal of Women in Culture and Society. 28 (2), 2003, S. 499–535. doi:10.1086/342914. sei, so Chandra Talpade Mohanty, gekennzeichnet durch eine Viktimisierung und (stereotype) Essentialisierung, woraus Perspektiven betroffener Frauen nicht nur nicht nachvollziehbar, sondern vielmehr verschleiert werden.„Der ethnozentrische Universalismus konkretisiere sich vor allem in der Verwendung von Analysekategorien, die westliche Feministinnen aus ihren persönlichen und kollektiv reflektierten Unterdrückungserfahrungen ableiteten. Geschlechterverhältnisse würden auf dieser Grundlage als Ausdruck einer weltweit herrschenden männlichen Dominanz und eines monolithischen Patriarchats analysiert. Damit einher gehe die Annahme der weltweiten Unterdrückung von Frauen, die ein kontextunabhängiges und daher problematisches Verständnis von Frauen als homogener sozialer Gruppe zu Grunde legt. Frauen im Süden mit ihren komplexen Lebensbedingungen würden auf diese Weise kolonisiert. Durch diesen Prozess der diskursiven Homogenisierung und Systematisierung werde Macht ausgeübt (vgl. ebd. 54). Um diese Machtwirkungen zu vermeiden, sind nach Mohanty kontextspezifische Analysen nötig, die sich von mehreren Analyserastern gleichzeitig leiten lassen und in anderen Kontexten entwickelte Kategorien nicht verallgemeinernd übertragen. Vor diesem Hintergrund kritisiert Mohanty das Modell der global sisterhood, das von einer kulturübergreifenden Korrelation von Erfahrungen und daraus abgeleiteten Interessen, Perspektiven und politischen Zielen von Frauen ausgeht. Sie hält dieses Modell für eine problematische Reduktion; die Erfahrungen von Frauen seien durch mehr Komponenten als nur durch Weiblichkeit geprägt und durch das Zusammenspiel verschiedener Einflüsse und Zugehörigkeiten oft unkontinuierlich und fragmentiert (vgl. Mohanty 1992: 88). Auf Grund dieser Fragmentierungen betrachtet sie die Ableitung feministischer Ziele allein aus weiblichen Unterdrückungserfahrungen als unzureichend für die Schaffung eines globalen feministisches Projekts, das sich überdies nicht auf anti-patriarchale Kämpfe beschränken könne.“ (Ina Kerner: Empowerment durch Geschlechterplanung? Postkoloniale Kritik am Genderansatz. In: (PDF; 2,0 MB), 2004, S. 10).

Literatur Feministische IB-Theorie in Einführungswerken der IB