Ottone, Re di GermaniaSiehe Titelblatt u. a. im Originallibretto, in: Ellen T. Harris u. a.: The librettos of Handel's operas: a collection of seventy-one librettos documenting Handel's operatic career, volume iii, Garland, New York 1989, S. 261 und 270 oder kurz Ottone (englisch: Otho; HWV 15) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel. Sie wurde am 12. Januar 1723 im King’s Theatre am Haymarket in London uraufgeführt.
Im Mittelpunkt des Stoffes steht der spätere Kaiser Otto II., der als Zeichen einer Verständigung zwischen Westreich und Byzanz im Jahr 972 die byzantinische Prinzessin Theophanu heiratete.
Entstehung mini|Francesca Cuzzoni Karikatur von Marco Ricci Ottone war Händels neue Oper für die vierte Saison der Royal Academy of Music. Das Sujet kannte er bereits seit 1719, als er auf der Suche nach guten Sängern für die neu gegründete Royal Academy of Music Deutschland und Italien bereiste und in Dresden Antonio Lottis Hochzeitsoper Teofane zur Vermählung von Kurprinz Friedrich August II. mit Erzherzogin Maria Josepha von Österreich miterlebt hatte.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 420. Zum Dresdner Ensemble gehörten seine alte Bekannte Margherita Durastanti, der Altkastrat Senesino und der Bass Giuseppe Maria Boschi,Auch: Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 201. die Händel alle drei ab 1720 für London engagiert hatte (die Durastanti ab der ersten Spielzeit, die anderen beiden erst ab der zweiten).Ellen T. Harris u. a.: The librettos of Handel's operas: a collection of seventy-one librettos documenting Handel's operatic career, volume iii, Garland, New York 1989, S. x-xiChristopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar, S. 86–88
Die Entstehung des Ottone war relativ komplex und verlief in mehreren Etappen. Händel begann mit der Komposition offenbar im Sommer 1722 und beendete sie laut Datierung im Autograph am 10. August 1722 (à Londres | August st | 1722).Friedrich Chrysander: G. F. Händel. Zweiter Band. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1860, S. 88. Bis zur Uraufführung fünf Monate später wurden jedoch zahlreiche Änderungen vorgenommen.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 432–435. So wurden beispielsweise zwei Arien der Matilda („Ah! tu non sai“ und „Nel suo sangue“) auf Wunsch Anastasia Robinsons geändert, weil diese sich nicht in der Lage sah, Wut und Leidenschaft so auszudrücken, „wie der Komponist es beabsichtigt hat, und so müssten sie folglich ihre Schönheit verlieren“.„[…] those songs that require fury and passion to express them, can never be performed by me acording (sic) to the intention of the Composer, and consequently must loose their Beauty.“ Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 435.handelhendrix.org
Ottone war außerdem als Debüt der berühmten Sopranistin Francesca Cuzzoni vorgesehen, von der es bereits Ende Oktober in einer Ankündigung des London Journal hieß, sie habe:
Am selben Tag, dem 27. Oktober 1722, wurde die Spielzeit mit Wiederaufnahmen von Muzio Scevola (mit Musik von Bononcini, Amadei und Händel) begonnen und später mit Wiederaufführungen von Floridante fortgesetzt.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 107 und 108
Cuzzoni traf erst Ende Dezember 1722 in London einEditionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 109 und geriet laut einer berühmten Anekdote von John Mainwaring sofort mit Händel aneinander, weil sie ihre erste Arie in Ottone, „Falsa immagine“, nicht habe singen wollen. Nachdem Händel gedroht hatte sie aus dem Fenster zu werfen,„Having one day some words with CUZZONI on her refusing to sing ‘Falsa imagine’ in OTTONE; … With this he took her up by the waist, and, if she made any more words, swore that he would fling her out of the window.“ John Mainwaring: Memoirs of the life of the late George Frederic Handel. R. and J. Dodsley, London 1760, S. 111 f.„Händel gerieth eines Tages mit der Cuzzoni in Wortstreit, weil sie die Arie, ‚Falsa imagine‘, in der Oper Ottone, nicht singen wollte. … Darauf fassete er sie mitten um den Leib, und schwur, er wollte sie aus dem Fenster werfen, wenn sie weitere Worte machen würde.“ Johann Mattheson: Georg Friderich Händels Lebensbeschreibung nebst einem Verzeichnisse … Hamburg 1761. Reprint, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, S. 84. lenkte sie jedoch (wie zu erwarten) ein, und laut Charles Burney soll ausgerechnet diese Arie „ihren Ruhm als ausdrucksstarke und ergreifende Sängerin begründet“ haben (“fixed her reputation as an expressive and pathetic singer”).Charles Burney: A General History of Music: from the Earliest Ages to the Present Period. Vol. 4, London 1789. Originalgetreuer Nachdruck: Cambridge University Press 2010, ISBN 978-1-108-01642-1, S. 287.
Die Uraufführung des Ottone fand am 12. Januar 1723 in der folgenden Besetzung statt: Ottone – Francesco Bernardi, genannt „Senesino“ (Altkastrat) Teofane – Francesca Cuzzoni (Sopran) Gismonda – Margherita Durastanti (Sopran) Matilda – Anastasia Robinson (Alt) Adelberto – Gaetano Berenstadt (Altkastrat) Emireno – Giuseppe Maria Boschi (Bass)
Die Oper war ein großer Erfolg. Bis zum Ende der Saison kam sie auf vierzehn Vorstellungen,Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 112 darunter auch ein Benefizabend für die Cuzzoni am 26. März 1723, für den Händel vier neue Arien schrieb (drei davon für Cuzzoni).Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 438.
Deren Stimme und Gesang riefen beim „sehr zahlreichen“ Publikum spontane „Überraschung und Bewunderung“ hervor („…the Surprize and Admiration of the Audience, which was very numerous“, laut Daily Journal vom 14. Januar).Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 436. Auch laut dem Opera Register wurde sie „extrem bewundert“ („was extreemly admired“), während die Durastanti, Senesino und Anastasia Robinson auch „sehr gefielen“ („…pleased much“).Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 113 Einen weiteren Eindruck von der Furore, den die neue primadonna und die Oper machten, gibt der Bericht von Friedrich Ernst von Fabrice, Kammerherr des Prince of Wales:
Wenige Tage später waren die Preise sogar auf vier Guineen gestiegen.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 436.
Wiederaufnahmen In der folgenden Saison, zwischen dem 11. Dezember und dem 1. Januar 1724, wurde die Oper sechsmal wiederaufgeführt,Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar, S. 358 wahrscheinlich in der erweiterten Version vom 26. März (Cuzzonis Benefiz).Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 438.
Weitere Wiederaufnahmen der Oper gab es 1726 (neun Vorstellungen), 1727 (zwei) und 1733 (vier). Dafür nahm Händel beträchtliche Änderungen vor, u. a. wurden 1726 die Stimmlagen von Gismonda (nun Anna Dotti, Alt) und Matilda (Livia Costantini, Sopran) vertauscht, wodurch Transpositionen und Streichungen nötig wurden. Die beiden Aufführungen vom April 1727 dienten vermutlich als „Lückenbüßer“, weil Faustina Bordoni die Masern hatte; wenn es stimmt, dass auch die Cuzzoni krank war, ist die Besetzung der Teofane nicht klar. Auch 1733 waren verschiedene Änderungen und Transpositionen nötig, vor allem wegen der beiden neuen Kastraten Giovanni Carestini (Mezzosopran) als Ottone und Carlo Scalzi (Sopran) als Adelberto.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 438–441.Auch: Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 201–203.
Insgesamt erlebte Ottone 35 Vorstellungen unter Leitung des Komponisten und wurde darin nur übertroffen durch die 53 Aufführungen des Rinaldo und die 39 des Giulio Cesare in Egitto.
Weitere Aufführungsgeschichte 18. Jahrhundert Laut Mitteilungen in Read’s Weekly Journal und dem französischen Mercure vom April 1723 sollte Ottone angeblich im folgenden Juli als Gastspiel an der Pariser Oper gespielt werden. Das überrascht insofern, als die italienische Oper und der dazu gehörende Gesang von Kastraten in Frankreich keineswegs allgemein geschätzt wurden. Aus den angekündigten Aufführungen wurde auch nichts, aber im Sommer 1724 reisten Händels Sänger tatsächlich nach Paris und gaben im Hause des Finanziers und Kunstpatrons Pierre Crozat konzertante Aufführungen von Ottone und Giulio Cesare (fast ohne Rezitative).Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 437, 501.
Schon im August 1723, sowie im Februar 1725, wurde die Oper in Braunschweig unter Leitung von Georg Caspar Schürmann gegeben. Rezitative wurden dafür stark gekürzt und beide Male wurden offenbar einige von Händels Arien gegen entsprechende Stücke aus Lottis Teofane ersetzt.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 442–443 An der Hamburger Oper am Gänsemarkt gab es im Mai 1726 vier Aufführungen einer Oper mit dem Titel Otto unter der Leitung von Georg Philipp Telemann; weitere zwei Aufführungen folgten 1727 und 1729. Dabei handelte es sich in Wirklichkeit um ein Pasticcio mit italienischen Arien von Händel, Telemann, Leonardo Vinci und Fortunato Chelleri. Die deutschen Texte der ebenfalls von Telemann vertonten Rezitative schrieb Johann Georg Glauche. Die beiden Kastratenpartien wurden eine Oktave tiefer von Bässen gesungen und außerdem ein Tenorpart des (von Händel und Haym gestrichenen) Isauro hinzugefügt.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 443–444
Im Dezember 1734 brachte die „Opera of the Nobility“ („Adelsoper“) – Händels berühmt-berüchtigte Konkurrenz in London – eine eigene Version von Händels Ottone heraus, mit fünf oder sechs Vorstellungen. Es war die einzige Händel-Oper, in der jemals der berühmte Kastrat Farinelli auftrat, und zwar in der Rolle des Adelberto. Er sang dabei jedoch nicht die Originalmusik, sondern zwei Arien aus Händels Riccardo Primo, zwei aus Lotario, eine aus Partenope, sowie zwei weitere Arien unbekannter Herkunft (vermutlich jüngerer Komponisten und im modernen neapolitanischen Stil). Francesca Cuzzoni und Senesino sangen noch einmal ihre alten Rollen.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 441.Auch: Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978/Kassel 2008, S. 201
20. und 21. Jahrhundert