Alessandro (HWV 21) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel. Die Uraufführung fand am 5. Mai 1726 im King’s Theatre am Haymarket in London statt. Es war die erste von fünf Opern Händels, in denen neben Francesca Cuzzoni auch Faustina Bordoni als zweite prima donna mitwirkte.
Im Mittelpunkt der Oper stehen Liebesverwicklungen um Alexander den Großen, seine spätere Frau Roxane und die unhistorische Figur der Lisaura. Die Tatsache, dass im Libretto zwei Prinzessinnen um denselben Mann rivalisieren und am Ende eine „verlieren“ muss, wird oft mit dem Streit in Zusammenhang gebracht, der in der Folge in Publikum und Presse um die beiden Primadonnen ausbrach und der in der nächsten Spielzeit dramatische Formen annahm. Auch das dabei zum geflügelten Wort gewordene, bis heute bekannte ironische Epitheton von den „Rival Queens“ wurde teils durch die Opernhandlung und teils durch Nathaniel Lees gleichnamiges Theaterstück The Rival Queens (1677) angeregt.Suzana Ograjenšek: The Rival Queens. In: Annette Landgraf, David Vickers: The Cambridge Handel Encyclopedia. Cambridge University Press 2009, ISBN 978-0-521-88192-0, S. 544 f.
Entstehung Die beiden italienischen Sängerinnen Francesca Cuzzoni und Faustina Bordoni hatten einige Jahre (1718–19 und 1721) in Venedig gemeinsam auf der Bühne gestanden und dort offenbar einige englische Adlige auf deren Grand Tour so sehr beeindruckt, dass man sie beide auch für die Royal Academy of Music engagieren wollte. Während die Cuzzoni bereits 1723 als prima donna nach London gekommen war, unterschrieb die Bordoni erst im Sommer 1725 einen VertragEditionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 142. und wurde auch sogleich von englischen Zeitungen angekündigt.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 135. Die genaue Höhe ihrer Gage ist nicht bekannt, aber es soll eine „astronomische Summe“ zwischen 1500 und 2500 Pfund gewesen sein;Ivana Rentsch: Alessandro (HWV 21), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 166 andere Quellen meinen, sie habe genau wie die Cuzzoni und der primo uomo Senesino 2000 Pfund im Jahr erhalten. Laut Hogwood musste die Opernakademie am 18. März 1726 von den Mitgliedern eine „Notumlage“ in Höhe von 5 % erheben,Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 1992, S. 101. wahrscheinlich wegen der zusätzlichen finanziellen Belastungen durch die Gage der Bordoni.
Diese hatte jedoch 1725–1726 zuerst noch ein Engagement im kaiserlichen Wien zu absolvieren, bevor sie im März 1726 nach London kommen konnte.Christine Wunnicke: Die Nachtigall des Zaren – Das Leben des Kastraten Filippo Balatri, Allitera Verlag, München 2010, S. 140–141Wolfgang Hochstein & Saskia Woyke: Faustina Bordoni, in: MGG online, 2000/2016 (vollständiger Abruf nur mit Abonnement; abgerufen am 17. Januar 2026)Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 24 In der Literatur wird manchmal unterstellt, sie habe sich verspätet und Händel habe nur deshalb in allergrößter Eile seine vorhergehende Oper Publio Cornelio Scipione, sozusagen als „Lückenbüßer“, geschrieben.Manuela Jahrmärker: Publio Cornelio Scipione (HWV 20), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 162 Tatsache ist, dass Händel den Alessandro zumindest bereits in Arbeit gehabt haben muss, da er eine Sinfonia daraus (aus dem zweiten Akt) in den Scipione übertrug.
Es ist nicht bekannt, wann Händel mit der Komposition des Alessandro begann,Dean glaubte, er habe bereits im Herbst 1725 damit begonnen, das scheint jedoch nur eine Vermutung zu sein, ein entsprechendes Datum im Autograph existiert nicht. Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 23 f aber die Fertigstellung ist am Ende des Autographs notiert: „Fine dell Opera | 11 d’aprile 1726.“
Die Premiere fand am 5. Mai im King’s Theatre am Haymarket statt, mit der folgenden Besetzung: Alessandro – Francesco Bernardi, genannt „Senesino“ (Altkastrat) Rossane – Faustina Bordoni (Sopran) Lisaura – Francesca Cuzzoni (Sopran) Tassile – Antonio Baldi (Altkastrat) Clito – Giuseppe Maria Boschi (Bass) Cleone – Anna Vicenza Dotti (Alt) Leonato – Luigi Antinori (Tenor)
Die Oper – und die zweite prima donna – machte regelrecht Furore, laut Lady Sarah Cowper war der Andrang so groß, dass kaum Karten für die Vorstellungen zu bekommen waren. Innerhalb eines Monats bis zum 7. Juni wurde Alessandro an dreizehn Abenden gegeben; eine weitere, letzte Vorstellung am 11. Juni wurde wegen einer „Indisposition“ Senesinos abgesagt.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 143.Dean gibt, wahrscheinlich irrtümlich, den 14. Juni an. Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 24
Jahre später berichtete Horace Walpole von einer Aufführung des Alessandro, in der Senesino:
Wiederaufnahmen Die Oper wurde von Händel in der folgenden Spielzeit am 26. Dezember 1727 für eine Folge von mindestens vier Aufführungen wiederaufgenommen; ob es mehr waren, ist nicht bekannt, weil die einzige Zeitung, die Opernaufführungen in dieser Zeit annoncierte, der Daily Courant, für mehrere Wochen nicht erschien.
Noch einmal gab es sechs Vorstellungen in der sogenannten „zweiten Opernakademie“ ab dem 25. November 1732. Hierfür nahm Händel zahlreiche Änderungen und Kürzungen vor: u. a. wurden die Partien des Leonato und des Cleone, mehrere Arien, sowie etwa 250 Rezitativzeilen gestrichen. Drei Arien wurden um einen Ton nach oben transponiert, für Anna Maria Strada als Rossane („Lusinghe più care“, Nr. 6) und für Francesca Bertolli als Tassile. Die Partie der Lisaura übernahm Celeste Gismondi.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 24–25
Am Londoner King’s Theatre gab es unter der Leitung von Giovanni Battista Lampugnani zwei weitere „Wiederaufnahmen“, diesmal unter dem Titel Roxana; or, Alexander in India., mit sechzehn Aufführungen vom 15. November 1743 bis März 1744 und insgesamt zwölf Vorstellungen vom 24. Februar 1747 bis März 1748. Händel hatte damit nur indirekt zu tun, indem er (zumindest 1743) seine Direktionspartitur zur Verfügung stellte. Für beide Produktionen wurde die Oper stark verändert, 1743–44 blieben nur zehn von 27 Original-Arien (und Ariosi) erhalten, mindestens vier weitere Arien stammten aus anderen Händel-Werken (Siroe, Admeto, Samson), andere möglicherweise von Lampugnani (und anderen?) – es handelte sich also im Grunde um eine Art Pasticcio. Die Version von 1747 war etwas näher am Original, enthielt aber ebenfalls Arien aus anderen Werken Händels (Serse, Arianna, Giustino).Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 26–27
Händels Nachbarin und Verehrerin Mary Delany, besuchte am 18. November 1743 eine dieser Vorstellungen, aber mit gemischten Gefühlen:
Weitere Aufführungsgeschichte Bereits im November 1726 gelangte die Oper zweimal unter dem Titel Der hochmüthige Alexander an der Hamburger Oper am Gänsemarkt zur Aufführung. Die Arien wurden hier wie üblich auf Italienisch und die Rezitative auf Deutsch gesungen. Offenbar verwendete Christoph Gottlieb Wend beim Einrichten der Partitur die Rezitative aus Steffanis 1690er Hannoveraner Oper, die Gottlieb Fiedler 1695 ins Deutsche übertragen hatte. Er fügte Ballette und eine Arie aus Scipione ein, strich jedoch drei Arien aus der Alessandro-Partitur, vielleicht, weil sie ihm nicht zu Steffanis Rezitativen zu passen schienen. Die musikalische Leitung dieser Aufführungen hatte Georg Philipp Telemann.
Vermutlich unter der Leitung von Carl Heinrich Graun wurde eine Fassung als Der Hochmüthige Alexander am 17. August 1728 auch in Braunschweig aufgeführt. Die Einrichtung hatte wohl Georg Caspar Schürmann besorgt und dabei die Rivalität der beiden weiblichen Hauptfiguren aus der Oper eliminiert. Einige Arien entfielen, dafür nahm Schürmann drei aus Mauros ursprünglichem Libretto, welche Händel nicht vertont hatte, mit eigenen Sätzen und andere Arien Händels hinein. Die Anzahl der Aufführungen ist nicht überliefert. Der Amateur-Lautenist Johann Friedrich Armand von Uffenbach berichtet in seinem Reisetagebuch, zwei Aufführungen besucht zu haben.Johann Friedrich Armand von Uffenbach: Tagbuch einer Spazierfahrth durch die Hessische in die Braunschweig-Lüneburgischen Lande. Max Arnim (Hrsg.), Göttingen 1928, S. 36 ff.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 25–26
Alessandro wurde zu Händels Lebzeiten mehr als fünfzigmal aufgeführt, öfter als etliche seiner anerkannten Meisterwerke, ist aber seitdem nur selten zu Gehör gebracht worden. Die erste moderne Bühnenaufführung gab es am 8. März 1959Manfred Rätzer: Händels Opern auf internationalen Bühnen. In: Händels Opern (2 Bände), Hrsg. Arnold Jacobshagen, Panja Mücke, ISBN 978-3-89007-686-7, Laaber-Verlag, Laaber 2009, S. 425. in der Dresdner Staatsoper in einer deutschen Textfassung von Jürgen Beythien und Eberhard Sprink und unter der musikalischen Leitung von Rudolf Neuhaus. Die erste Darbietung des Stückes in historischer Aufführungspraxis war eine konzertante Aufführung am 5. Februar 1984 in der Alten Oper in Frankfurt am Main mit La Petite Bande unter Leitung von Sigiswald Kuijken.
Libretto Vorlage für das Libretto von Paolo Antonio Rolli war Ortensio Mauros La superbia d’Alessandro („Der hochmütige Alexander“), das von Agostino Steffani vertont und 1690 am Hannoveraner Hof aufgeführt wurde. Händel und Rolli verwendeten auch die zweite, überarbeitete Fassung, die unter dem Namen Il zelo di Leonato 1691 in Hannover auf die Bühne kam. Sie hatten Zugang zu Steffanis Autograph, das eine Kombination beider Versionen war, und offenbar durch Georg I. nach London gekommen war.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 12Ivana Rentsch: Alessandro (HWV 21), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 167–168 mini|Faustina Bordoni mini|links|Francesca Cuzzoni