Gustav Medon (* 27. März 1823 in Berlin; † 3. September 1905 in Berlin) war ein Tänzer und TanzlehrerVictor Herrero Mediavilla: Deutscher biographischer Index = German biographical index, Teil: 5., München 2004, S. 3752 Spalte 3: Medon (Ende 19. Jh.) Tänzer, Tanzlehrer; ISBN 3-598-34176-8 in Berlin.Robert Gruber: Schopenhauers Geliebte in Berlin. Urkundliches mit 4 Bildern und mit Nachbildungen von Urkunden; DNB-Portal
Herkunft Der Sohn der Chor- und Opernsängerin sowie Theaterschauspielerin, Caroline Medon, wurde auf die Vornamen Carl Ludwig Gustav im Beisein seiner Mutter und drei Paten in der St. Petri-Kirche zu Berlin am 6. April 1823 getauft. Die Taufpaten waren die Hebamme Marie Jäneke (Frau Jenchen) und das Ehepaar Wornitz,Herr Wornitz war laut Arthur Hübscher ein so genannter "vereideter Lohnlakai", wie Hüscher in seiner Untersuchung Schopenhausers Berliner Geliebte. Unbekannte Briefe. erwähnt. In: 55. Schopenhauer-Jahrbuch für das Jahr 1974, S. 39–52, hier S. 41 bei dem die alleinstehende Kindesmutter in der Brüderstraße 19 damals wohnte. Im Register von 1823 der St. Petri-Kirche wurde zur Taufe von Carl Ludwig Gustav als Zuname noch „Medau“ eingetragen.Robert Gruber: Schopenhauers Geliebte in Berlin, Tafel 12 Als Kindesvater wurde später ein Geheimsekretär beziehungsweise ein ausländischer Diplomat,David Edgar Cartwright: Schopenhauer. A Biography, S. 404: “Carl Ludwig Gustav Medon, whose father was described simply as a foreign diplomat …”. Cambridge University Press, 2010, ISBN 978-0-521-82598-6 namens Louis Medon, vermutet. Den Namen Medon als Familiennamen durfte der spätere Königliche Tänzer und Tanzlehrer amtlicherseits erst im Alter von 36 Jahren führen. Auf Grund seines von ihm gestellten Gesuchs wurde am 22. Februar 1859 eine königliche Kabinettsorder erlassen, die es dem „Königlichen Tänzer“ gestattete, „den Namen Medon fernerhin“ zu führen.Robert Gruber: Schopenhauers Geliebte in Berlin. S. 21: Allerhöchste Kabinettsorder vom 22. Februar 1859
Medons Mutter, Caroline, geborene Richter, hatte, vor der Geburt von Carl Ludwig Gustav ein Verhältnis mit dem Philosophen Arthur Schopenhauer. Schopenhauer lehnte den Sohn „Carl“, wie er ihn nannte, ab, weil Carl Ludwig Gustav erst zehn Monate nach Schopenhauers Abreise 1823 aus Berlin nach Italien zur Welt gekommen war und er damit naturgemäß nicht der Kindesvater sein konnte. In seinem Testament bedachte Schopenhauer seine frühere Freundin mit einem Vermächtnis (Legat)Karlheinz Muscheler: Die Schopenhauer-Marquet-Prozesse und das preußische Recht. Tübingen 1996, ISBN 978-3-16-146546-8, S. 8 ff. in Höhe von 5000 Talern, das mit der Auflage verbunden wurde, dass es ihrem Sohn nicht zugutekommen dürfte.David Edgar Cartwright: Schopenhauer. A Biography, S. 404. Verlag: Cambridge University Press 2010; ISBN 978-0-521-82598-6 Nachdem der Erbfall mit dem Tod Schopenhauers 1860 eingetreten war, erledigte der im 40. Lebensjahr stehende Medon den Schriftverkehr zur Auszahlung des Legats an seine inzwischen über 60-jährige Mutter. Er sandte am 14. Oktober 1862 an den Universalerben „Volksdank für Preußens Krieger“, zu Händen des Verwaltungsrates für diesen preußischen Unterstützungsfonds, Boetticher, die von seiner Mutter erbetene notariell beglaubigte Empfangsbescheinigung zur Weiterleitung an den „Präsidenten der Oberrechnungskammer zu Potsdam“.Robert Gruber: Schopenhauers Geliebte in Berlin. S. 39 f.
Figurant und Königlicher Tänzer Bevor Medon zum Königlichen Tänzer ernannt wurde, arbeitete er am Königlichen Ballett als „Figurant“, was soviel bedeutete wie Nebentänzer zu sein. Die Berufsangabe „Figurant“ machte Medon als Zusatz zu seiner Unterschrift in Briefen, z. B. in einem Brief vom 27. Juni 1848 an den preußischen Ober-Kammerherrn und Minister Fürst zu Sayn-Wittgenstein.Robert Gruber: Schopenhauers Geliebte in Berlin, Tafel 10: Faksimile des Briefes, datiert vom 27. Juni 1848 und unterschrieben mit „Gustav Medon Figurant des Königl. Ballets“. Im Handbuch über den Königlich Preußischen Hof und Staat für das Jahr 1848 wird Medon namentlich unter den Figuranten aufgeführt.Erschienen im Verlag Decker in Berlin. Gedruckt in der Deckerschen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei. Abschnitt 8: "Königliche Schauspiele", (28–32) S. 32; Königlich Preußischer Staatskalender 1848.
Medon hatte in Paris seine Tanzausbildung vervollkommnet. Für seinen Aufenthalt in Frankreichs Hauptstadt erhielt er von März bis Juli 1846 Urlaub und beantragte zugleich die Fortzahlung seines Gehalts mit der Begründung, dass seine finanziellen „Mittel sehr beschränkt sind“Robert Gruber: Schopenhauers Geliebte in Berlin, S. 33 und er für den Unterhalt seiner Mutter voll sorgen müsse und er wünschte vom preußischen Staat für sie Unterstützung. Mit seiner Mutter, die sich als Witwe des „Geheimen Secretärs“ Medau/Medon in den zeitgenössischen Berliner Adressbüchern eintragen ließ, lebte Medon jahrelang zusammen, auch später noch, als er am 27. März 1859 in der Berliner Sophien-Kirche die junge Witwe Marie Lubow, geborene Siegel (* 1831; † 1900), geheiratet hatte.
Porträt Medons Der Autor von „Schopenhauers Geliebte in Berlin“, der Wiener promovierte Rechtsanwalt Robert Gruber, hatte für sein 1934 im Wiener Verlag der Österreichischen Druck- und Verlagsgesellschaft mbH erschienenen Buch von Medons Enkeln Gustav Heinrich, Wilhelm und Elisabeth Unterlagen und Bildnisse sowohl von deren Urgroßmutter als auch von ihrem Großvater zur Veröffentlichung erhalten.Robert Gruber: Schopenhauers Geliebte in Berlin. Vorwort, S. 5 f. Eine Abbildung aus der Zeit um 1847Bild zwischen S. 36 und 37 zeigt den Tänzer als drahtigen jungen Mann mit Schnurrbart in aufrechter und lockerer Körperhaltung: Seine linke Hand steckt lässig in der Hosentasche des zweireihigen dunkelfarbigen Anzugs. Um seinen betuchten Hals trägt Medon eine breite Krawatte, die im Ausschnitt seiner hellen, mit Stickereien verzierten Weste endet. Eine Interimspange in den Farben Schwarz-Weiß des preußischen Ordensbandes ist auf dem Revers der weit geöffneten Anzugsjacke angesteckt. Dass Medon Inhaber von Auszeichnungen war, ist in Berliner Adressbüchern des 19. Jahrhunderts angegeben, zum Beispiel im Adressbuch für das Jahr 1867. Medon wird erstmals im Jahre 1874 als Ritter des Kronenordens 4ter Klasse mit rotem Kreuz im weißen Felde im „Deutschen Bühnen-Almanach“ bei der Zusammensetzung des königlichen Balletts in Berlin genannt.Deutscher Bühnen-Almanach. Hrsg. A. Entsch / A.Heinrich’s (Souffleur) Nachfolger, Berlin 1874, S. 17 Der Ballett-Tänzer trug als Haartracht eine Künstlerfrisur und dabei einen Scheitel links. Das nach rechts gekämmte, größtenteils glatt gebürstete Haar bedeckte mit einer Locke ein Ohr vollständig, während vom linken Ohr nur das Läppchen deutlich sichtbar blieb. Von seiner Mutter hatte Medon die großen blauen, lebhaften Augen und den üppigen Mund geerbt.Robert Gruber: Schopenhauers Geliebte in Berlin, Abschnitt: Unsere Bilder, S. 42
Nebenverdienst Zur Aufbesserung seines Einkommens übernahm Medon nebenberufliche Aufgaben, die mit seiner hauptberuflichen Tätigkeit als Tänzer im Einklang standen. So leitete er „das Arrangement der Tänze und Pantomimen“ am Königsstädter Theater in Berlin. In der 1872 durch Kaiserin Augusta „zur Erziehung und Beschulung verwaister Adels-, Offiziers-, Pfarrers- und Beamtentöchter“ in Charlottenburg gegründeten Stiftung gab Medon für die Stifts-Mädchen ebenfalls nebenbei Tanzunterricht.Auskunft von seinem Enkel in 3. Generation, Gustav Friedrich Medon, eingeholt am 11. Oktober 2016.
Zu den Tanzschülern Medons gehörte der spätere Begründer eines Berliner Tanz-Instituts Gustav Apitsch (* 1846; † 1896). Dieser hatte bis 1863 eine Tanzausbildung genossen. Ihm stellte Medon 1866 in seiner Eigenschaft als Königlicher Tänzer und Lehrer am Kadetten-Korps ein „Attest“ aus, in welchem es heißt: „Ich habe mich von seinem Fähigkeiten überzeugt und bescheinige dem Herrn Gustav Apitsch, der Wahrheit gemäß, dass sich derselbe als Tanzlehrer und zum Tanz-Arrangement qualifiziert.“. Apitsch unterzog sich bei Medon einer „Prüfung als Tanzlehrer“ und beging am 10. März 1888 sein 25-jähriges Jubiläum als „Tanzmeister.“Attest mit preußischem Steuersiegel „Ein Sechstel Thaler 5 Gr.“, datiert „Berlin, den 13ten September 1866“ und unterschrieben mit „G. Medon, Königlicher Tänzer u. Lehrer am Königl. Cadetten-Corps“. - Privatsammlung Schudi 45
Tanzlehrer am preußischen Kadettenkorps Als Tanzlehrer am preußischen Kadettenkorps arbeitete Medon stundenweise ab 1866. Sein Vorgänger war Benjamin Louis Sergeois (* 11. Oktober 1810; † 13. April 1866), der in einem zeitgenössischen Berliner Adressbuch als Königlicher Tänzer und Tanzlehrer beim Kadetten-Corps aufgeführt wird und aus einer Hugenottenfamilie stammte.Richard Béringuier (Hrsg.): Die Stammbäume der Mitglieder der Französischen Colonie in Berlin. Verein für die Geschichte Berlins. Photomechanischer Nachdruck der Ausgabe Berlin 1885-87, S. 122; ISBN 978-3-89433-162-7 Im Berliner Adressbuch für 1867 wurde unter „Medon, G.“ die Berufsangabe „Kgl. Tänzer“ hinzugefügt. Auch nach der Umsiedlung des Berliner Kadettencorps von Berlin nach Lichterfelde 1878Bildtext zum „Cadettenhaus zu Berlin“ (Neue Friedrichstraße 13, 1951 umbenannt in Littenstraße). In: Hans-Werner Klünner, Helmut Börsch-Supan: Berlin Archiv, Band 2; Lieferung B 03022, Archiv Verlag (Braunschweig), ohne Jahr (1977 ff.). in die Preußische Hauptkadettenanstalt gab Medon für die Offizierszöglinge weiterhin Tanzunterricht und wurde namentlich unter den Zivil-Lehrern als Tanzlehrer genannt. Medon wohnte mit seiner Familie seit seiner Heirat am Berliner Monbijouplatz 2, im Hause des Schwiegervaters, dem Königlichen Hofbrunnenbaumeister Wilhelm Siegel. Im 62. Lebensjahr trat Medon mit Wirkung vom 1. April 1884 als Tänzer in den Ruhestand und bezeichnete sich von nun an „Königlicher Tänzer außer Dienst (a. D.)“. Medon war jedoch weiterhin als Tanzlehrer tätig und wurde als „Lehrer am Kadetten-Korps“, im Berliner Adressbuch für 1892 mit dieser Bezeichnung aufgeführt. Sein Nachfolger als ziviler Lehrer an der Haupt-Kadettenanstalt zu Groß-Lichterfelde wurde der Königliche Tänzer und Tanzlehrer Hermann Wege.
Mitglied der „Ressource zur Unterhaltung“ in Berlin Medon gehörte einer 1784 gegründeten geselligen Vereinigung in Berlin an, die sich ab 1802 „Ressource zur Unterhaltung (RzU)“ nannte. Ihr langjähriger ehemaliger Vorsteher Theodor Toepffer erwähnte in der von ihm verfassten Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der „Ressource zur Unterhaltung“, dass Medon, „königlicher Tanzlehrer“, „Mitglied dieser Vereinigung“ sei und würdigte dessen Verdienste und sein Engagement beispielsweise bei der Durchführung von Tanzstunden für die Kinder der Ressource-Mitglieder.Gedenkblatt zur Feier des 100jährigen Stiftungsfestes der Ressource zur Unterhaltung am 10. Oktober 1884 den Mitgliedern der Gesellschaft gewidmet … S. 29 u. 57 Druck: Buchdruckerei von Gustav Schade (Otto Francke) in Berlin N. Medon gab als Achtzehnjähriger Tanzunterricht für Kinder zunächst in den angemieteten Räumen im Haus des Weinhändlers Güssfeldt in der Poststraße, als die jährlich gewählten, ehrenamtlichen Vorsteher der Ressource vor allem aus Kaufleuten bestanden, darunter aus dem Kaufmann Lubow. Toepffer betonte weiter Medons „vorzügliche Leistungen bei Bällen, Tanzvergnügungen aller Art“ und bei der Aufführung von Quadrillen. Nachfolger Medons in seinem Einsatz als Tanzlehrer für die „Ressource-Kinder“, bei der Aufführung von Quadrillen zu den Maskenfesten und bei Bällen sowie Tanzvergnügungen aller Art wurde der „Königliche Solotänzer Berthold Zorn“ (* 1861; † 1920)Maschinenschriftliches Manuskript eines Vortrags über die Geschichte der RzU zum 170-jährigen Stiftungsfest (1954) von Dr. Gustav Heinrich Medon (1888–1972) im Besitz seines Sohnes Gustav Friedrich Medon.