Die Augusteischen Germanenkriege waren eine Reihe von militärischen Auseinandersetzungen zwischen 12 v. Chr. und 16 n. Chr., in denen das Römische Reich unter Augustus (31 v. Chr. bis 14 n. Chr.) – letztlich vergeblich – versuchte, die germanischen Stämme zwischen Rhein und Elbe unter seine Herrschaft zu bringen. Wesentliche Ereignisse waren die Drususfeldzüge (12 bis 8 v. Chr.), das immensum bellum („gewaltiger Krieg“, 1 bis 5 n. Chr.), die vernichtende römische Niederlage in der Varusschlacht (9 n. Chr.) sowie die anschließenden Rückeroberungsversuche durch Tiberius und Germanicus; als Höhe- und Endpunkt der Kriege gelten die Germanicus-Feldzüge (14 bis 16 n. Chr.). Den Augusteischen Germanenkriegen vorangegangen war die Eroberung Galliens durch Caesar, die zu einer Konfrontation mit expandierenden und räuberischen germanischen Stammesgruppen geführt hatte.
mini|Germanien zur Zeitenwende (Th. Mommsen 1921) Gegner der Römer waren verschiedene germanische Stammeskoalitionen. Die Römer fanden auf den germanischen Kriegsschauplätzen topographische und klimatische Bedingungen vor, die die Entfaltung der überlegenen römischen Militärmacht erschwerten und den zahlenmäßig in der Regel unterlegenen germanischen Truppen entscheidende Vorteile verschafften.
Seit dem Jahr 9 lag das Zentrum des germanischen Widerstandes bei den von Arminius geführten Cheruskern. Nach schweren römischen Verlusten stellte der widerstrebende Germanicus auf energische Weisung des neuen Kaisers Tiberius (14 bis 37 n. Chr.) die Offensiven ein. Die Legionen zogen sich dauerhaft auf die Rheinlinie zurück. Deshalb galt Arminius dem römischen Geschichtsschreiber Publius Cornelius Tacitus als „Befreier Germaniens“ (liberator Germaniae).Tacitus, Annales 2,88,2.
Quellenlage Die Hauptquellen zu den augusteischen Germanenkriegen verfassten Cassius Dio, Velleius Paterculus (für die Zeit des immensum bellum) und Tacitus (für die Zeit ab 9 n. Chr.).
Die Historia Romana (Römische Geschichte, ) des Dio (* um 163 n. Chr.; † nach 229) ist die Hauptquelle zu den Drusus-Feldzügen sowie zur Varusschlacht. Das auf Griechisch verfasste Werk entstand zu Beginn des 3. Jahrhunderts und gilt als zuverlässig und auf zeitnahen Quellen basierend. Archäologische Funde wie die rechtsrheinisch gelegene römische Stadt Lahnau-Waldgirmes bestätigen den hohen Quellenwert der Schriften des Dio.
Velleius Paterculus nahm als Offizier unter Tiberius am immensum bellum teil. Er verfasste seine Historia Romana (Römische Geschichte) rund zwei Jahrzehnte nach den Geschehnissen. Das Werk ist von großer Verehrung für den Feldherren und späteren Kaiser Tiberius geprägt und deshalb mitunter verzerrt. Die Varusschlacht streift Velleius lediglich, weil er diese in einem anderen Buch, das jedoch nicht mehr angefertigt wurde, behandeln wollte.
mini|Tacitus, Annales Anfang des 12. Buchs in der Handschrift Florenz, Biblioteca Medicea Laurenziana, Plut. 68,2 fol. 6v (1. Hälfte des 11. Jahrhunderts) Tacitus (* um 58 n. Chr.; † um 120) widmete sich ausführlich den Feldzügen des Germanicus und hinterließ in den ersten beiden Bänden seiner Annales („Jahrbücher“) eine der eingehendsten Beschreibungen antiker Kriegszüge überhaupt. Er gilt allgemein als gut informierter und gewissenhafter Geschichtsschreiber, der auch Senatsakten und andere offizielle Quellen auswertete. Dennoch bereitet die Deutung der Militäroperationen Schwierigkeiten. Tacitus lieferte nicht alle Informationen, die zum Verständnis des Kriegsverlaufs notwendig sind, und setzt beim Leser eine weitgehende Kenntnis der Zusammenhänge voraus. Überdies verhindert die enorme literarische Verdichtung oft eine volle Sicherheit im Verständnis der Texte.
Tacitus und Dio werteten heute verlorene Geschichtswerke als Quellen aus. Vermutlich nutzten sie die 20 Bücher umfassende Schrift Bella Germaniae (Germanenkriege) des Schriftstellers Plinius des Älteren, der Mitte des 1. Jahrhunderts als Offizier in Germanien gedient hatte. Auch die Libri belli Germanici („Bücher des germanischen Krieges“) des Zeitzeugen Aufidius Bassus dürften eingeflossen sein.
Weitere antike Autoren liefern knappe Informationen zu den augusteischen Germanenkriegen. Zu nennen sind die Geographika des Strabon und die Kaiser-Biographien des Sueton, insbesondere diejenigen zu Augustus, Tiberius und Claudius. Vom Geschichtswerk Ab urbe condita des Zeitzeugen Titus Livius sind für den Zeitraum der Germanenkriege nur knappe Inhaltsangaben, die periochae, erhalten.Livius, periochae 139–142. Umstritten ist der Quellenwert des zu Beginn des 2. Jahrhunderts schreibenden Florus.
Wichtige archäologisch-epigraphische Zeugnisse sind der in Vetera, dem heutigen Xanten, gefundene Grabstein für den „im Krieg des Varus“ (bello Variano) ums Leben gekommenen römischen Zenturio Marcus Caelius („Caeliusstein“) sowie die Tabula Siarensis aus Spanien, eine Gedenktafel aus Bronze, die im Jahr 19 n. Chr. zu Ehren des in diesem Jahr verstorbenen Germanicus angefertigt wurde und eine Aufzählung seiner Verdienste enthält.
Verlauf Vorgeschichte In der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. prallten in Gallien römische und germanische Machtansprüche aufeinander. Zwischen 58 und 53 v. Chr. besiegte und vertrieb Gaius Iulius Caesar die nach Gallien vorgedrungenen Sueben, Usipeter und Tenkterer und führte seine Legionen zweimal über den Rhein. Germanische Einfälle und römische Vergeltungsaktionen sind für die Jahre 30 bis 20 v. Chr. überliefert. Im Jahr 16 v. Chr. unternahmen Sugambrer, Usipeter und Tenkterer einen Plünderungszug nach Gallien, besiegten die V. Legion (V Alaudae oder V Gallica) des Marcus Lollius und erbeuteten den Legionsadler. Diese clades Lolliana („Lollius-Niederlage“) gab den Anstoß für eine Neuorientierung der römischen Germanienstrategie: Am Rhein entstanden nun Kastelle, die wichtigsten in Xanten (Vetera) und Mainz (Mogontiacum). Die Stützpunkte lagen strategisch günstig und erlaubten ein offensives Vorgehen gegen die rechtsrheinischen Stämme.Dieter Timpe: Römische Geostrategie im Germanien der Okkupationszeit. In: Johann-Sebastian Kühlborn u. a. (Hrsg.): Rom auf dem Weg nach Germanien. Geostrategie, Vormarschstraßen und Logistik. Internationales Kolloquium in Delbrück-Anreppen vom 4.–6.11.2004 (= Bodenaltertümer Westfalens. Band 45). Mainz 2008, S. 199–236, hier S. 208. Bis 12 v. Chr. waren insgesamt fünfEinige Forscher nennen sechs Legionen, zum Beispiel Gustav Adolf Lehmann: Hedemünden und der althistorische Hintergrund. Die Ära der Drusus-Feldzüge. In: Klaus Grote, Ders. (Hrsg.): Römerlager Hedemünden. Der augusteische Stützpunkt, seine Außenanlagen, seine Funde und Befunde (= Veröffentlichungen der archäologischen Sammlungen des Landesmuseums Hannover. Band 53). Dresden 2012, 280–299, hier S. 282. Legionen aus Spanien und Gallien eingetroffen. Als in diesem Jahr erneut Sugambrer, Usipeter und Tenkterer den Rhein überschritten, bereitete ihnen Drusus eine empfindliche Niederlage.
Drusus-Feldzüge 12 bis 8 v. Chr.
Im Spätsommer 12 v. Chr. überschritt Drusus den Niederrhein. Dieses Datum markierte den Beginn der augusteischen Germanenkriege. Die Legionen verwüsteten das Gebiet der Usipeter und Sugambrer. Anschließend stieß die classis Germanica (Rheinflotte) durch die fossa Drusiana („Drusus-Kanal“) und den Flevosee (das heutige IJsselmeer) in die Nordsee vor. In den folgenden Jahren führte Drusus die Legionen wiederholt gegen Usipeter, Tenkterer und Sugambrer, ab dem Jahr 10 v. Chr. auch gegen die Chatten, Sueben, Markomannen und Cherusker. Die Weser wurde 11 v. Chr. erreicht. Im selben Jahr entgingen die Legionen bei dem nicht lokalisierbaren Ort Arbalo durch Glück einer militärischen Katastrophe (Schlacht bei Arbalo).
mini|320px|Ein Barbar übergibt Augustus ein Kind als Geisel. Die Darstellung zielt möglicherweise auf die Unterwerfung der Sugambrer 8 v. Chr. ab.Reinhard Wolters: „Tam diu Germania vincitur“. Römische Germanensiege und Germanensieg-Propaganda bis zum Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. (= Kleine Hefte der Münzsammlung an der Ruhr-Universität Bochum. Nr. 10/11). Bochum 1989, S. 33. Im Jahr 9 v. Chr. erreichte Drusus die Elbe. Dort bewegte der römischen Überlieferung zufolge eine „Frau von übermenschlicher Größe“ den Feldherren mit folgenden Worten zur Umkehr: „Wohin willst du eigentlich noch ziehen, unersättlicher Drusus? Es ist dir nicht vom Schicksal bestimmt, dies alles hier zu sehen. Ziehe von dannen! Denn das Ende deiner Taten und deines Lebens ist schon nahe.“Cassius Dio, Historia Romana 55,1,3. Übersetzung nach Hans-Werner Goetz, Karl-Wilhelm Welwei: Altes Germanien. Auszüge aus den antiken Quellen über die Germanen und ihre Beziehungen zum römischen Reich, Teil 2 (= Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Band 1a). Darmstadt 1995, S. 23. Auf dem Rückweg starb Drusus „an einem Knochenbruch, als sein Pferd auf seinen Unterschenkel fiel, dreißig Tage nach diesem Unfall“, wie Livius berichtet.Livius, Periochae 142. Übersetzung Hans-Werner Goetz, Karl-Wilhelm Welwei: Altes Germanien. Auszüge aus den antiken Quellen über die Germanen und ihre Beziehungen zum römischen Reich, Teil 2 (= Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Band 1a). Darmstadt 1995, S. 35. Posthum verlieh Augustus dem Drusus den erblichen Beinamen „Germanicus“.
Die Übernahme des Kommandos durch Drusus’ Bruder Tiberius, Schwieger- und Stiefsohn des Augustus, brachte eine strategische Neuorientierung mit sich. Die riskanten, teilweise rücksichtslosen militärischen Kampagnen des Drusus wichen politischen und diplomatischen Maßnahmen. Wohl im Frühjahr 8 v. Chr. gelang die Ausschaltung der romfeindlichen sugambrischen Führungsschicht. Rund 40.000 SugambrerSueton, divus Tiberius 9,2. wurden daraufhin am linken Rheinufer angesiedelt und somit unter römische Kontrolle gebracht. Die Markomannen und Quaden verließen unter der Führung des Marbod ihre Siedlungsgebiete um den Main und zogen sich nach Böhmen zurück.
Die Bilanz des fast fünfjährigen Ringens war aus römischer Sicht positiv: Die Gefahr germanischer Einfälle in Gallien war gebannt, die Streitkräfte der Stämme dezimiert und der militärische Aktionsradius der Legionen bis zur Elbe ausgedehnt. Die Umsiedlung der Sugambrer hatte den hartnäckigsten und mächtigsten Gegner in Rheinnähe ausgeschaltet und der Abzug der Markomannen und Quaden den Druck der suebischen Stämme beendet.Dieter Timpe: Geschichte. In: Heinrich Beck u. a. (Hrsg.): Germanen, Germania, germanische Altertumskunde (= RGA, Studienausgabe „Die Germanen“). Berlin 1998, S. 2–65, hier S. 37.
Immensum bellum 1 bis 5 n. Chr.
alternativtext=Büste Tiberius Claudius Nero|mini|Tiberius Claudius Nero, der spätere Kaiser Tiberius Zu den Jahren unmittelbar nach den Drususfeldzügen liegen kaum Nachrichten vor. Ab 3 v. Chr. sind römische Ordnungs- und Infrastrukturmaßnahmen durch den römischen Statthalter Lucius Domitius Ahenobarbus überliefert. Nach der Ablösung des Domitius durch Marcus Vinicius im Jahr 1 n. Chr. brach das von Velleius so benannte immensum bellumVelleius Paterculus, Historia Romana 2,104,2. („gewaltiger Krieg“) aus. Die militärischen Maßnahmen des erfahrenen Feldherren Vinicius liegen im Dunkeln. Velleius berichtet lediglich, er habe den Krieg „in manchen Gegenden glücklich geführt, in anderen hingehalten“.Velleius Paterculus, Historia Romana 2,104,2. Übersetzung nach Hans-Werner Goetz, Karl-Wilhelm Welwei: Altes Germanien. Auszüge aus den antiken Quellen über die Germanen und ihre Beziehungen zum römischen Reich, Teil 2. Darmstadt 1995, S. 39.