Dschaber al-Bakr (, amtliche Schreibweise auch Jaber AlbakrDer Schattenkampf. In: Der Spiegel, Heft 42/2016, Online-Ausgabe vom 14. Oktober 2016.; * 10. Januar 1994 in Saʿsaʿ; † 12. Oktober 2016 in Leipzig) war ein syrischer Staatsbürger, der im Verdacht stand, ein Mitglied der Terrormiliz Islamischer Staat zu sein und einen Terroranschlag auf den Flughafen Tegel geplant zu haben.

Leben Dschaber al-Bakr stammte aus Saʿsaʿ im Südwesten von Syrien, unweit der Golanhöhen. Nach Aussagen eines Bruders studierte er in der nahegelegenen syrischen Hauptstadt Damaskus Mechatronik. Wegen Kritik am syrischen Präsidenten Baschar al-Assad sei er vorübergehend festgenommen worden. Mit Geld, das er seinem Vater, einem wohlhabenden Bauunternehmer, gestohlen habe – umgerechnet etwa 24.000 Euro – sei er nach Nordafrika geflohen und von dort habe er mit einem Boot nach Italien übergesetzt.

mini|hochkant=1.1|In diesem Mietshaus in der Eilenburger Bergstraße bewohnte al-Bakr eine Wohnung im Erdgeschoss, Fotostrecke auf lvz.de (abgerufen am 1. November 2018) Am 18. Februar 2015 griffen deutsche Polizeibeamte al-Bakr in Rosenheim auf; am nachfolgenden Tag wurde er in der Erstaufnahmestelle in München registriert und weiter zur Erstaufnahme nach Chemnitz verwiesen, wo er einen Asylantrag stellte. Er wurde dem Landkreis Nordsachsen zugewiesen und zog am 10. März nach Eilenburg,Erstmals spricht Familie des mutmaßlichen Terroristen Jaber Albakr, MDR, 12. Oktober 2016 zunächst in eine Vier-Mann-WG der Diakonie. Später bezog er eine eigene Wohnung, in die er – nach Aussage eines Sozialarbeiters – viel investierte. , MDR Sachsen, 13. Oktober 2016. Am 9. Juni wurde er als Flüchtling anerkannt und erhielt – wie bei syrischen Kriegsflüchtlingen üblich – eine auf drei Jahre befristete Aufenthaltserlaubnis.

Laut verschiedener Medienberichte soll al-Bakr sich zweimal im Herbst 2015 (einmal ab Oktober 2015) und/oder von Frühjahr bis Sommer 2016 in der Türkei aufgehalten haben.Florian Flade, Annelie Naumann: Die mysteriöse Türkei-Reise des Dschaber al-Bakr, welt.de, 12. Oktober 2016 Einen ehemaligen Mitbewohner in Eilenburg habe er aus der syrischen Stadt Idlib angerufen. Zuletzt lebte er in einer Wohnung im Chemnitzer Stadtteil Kappel, die der 33-jährige Syrer Khalil A., ebenfalls anerkannter Flüchtling, angemietet hatte,Syrer Jaber al-Bakr: Der Bombenbauer von Chemnitz, Spiegel Online, 10. Oktober 2016. war aber weiter in Eilenburg gemeldet.Christoph Sydow: Festnahme von Jaber Albakr: Wachsame Geheimdienste, mutige Syrer, zögerliche Polizei, Spiegel Online, 11. Oktober 2016.Weilte Terrorverdächtiger Monate in der Türkei?, SAT.1 / DPA, 12. Oktober 2015.

Hinweise auf einen islamistisch-terroristischen Hintergrund Nach Aussage von al-Bakrs Bruder sei dieser 2015 „immer häufiger“ zum Freitagsgebet nach Berlin gefahren. Ein oder mehrere Imame hätten ihn dort dazu gedrängt, in Syrien zu kämpfen. Im September sei er dann über Istanbul nach ar-Raqqa in Syrien gereist, um sich dem „Islamischen Staat“ (IS) anzuschließen. Dort habe er sich mehrere Monate lang aufgehalten und sei anschließend nach Idlib weitergereist.Anna Reimann, Christoph Reuter: Wie Jaber Albakr zum Fanatiker wurde, Spiegel Online, 17. Oktober 2016. Im Januar 2016 schrieb al-Bakr auf Facebook, er werde in den „Dschihad“ ziehen.

Im August 2016 erstattete der Besitzer eines Leipziger Hotels Anzeige, nachdem al-Bakr dort die Kücheneinrichtung mit Brand- und Ätzspuren beschädigt hatte. Die Polizei wertete dies nur als Sachbeschädigung.Sachsens Polizei erkannte Sprengstoffexperimente nicht, Spiegel Online, 21. Oktober 2016.

Der deutsche Verfassungsschutz erhielt nach Angaben seines Präsidenten Hans-Georg Maaßen Anfang September einen nachrichtendienstlichen Hinweis, dass der IS einen Anschlag auf die Verkehrsinfrastruktur in Deutschland plane.Terrorverdächtiger Al-Bakr in Untersuchungshaft, tagesschau.de, 10. Oktober 2016. Nach Informationen der Welt am Sonntag kam der Hinweis von einem US-Dienst, der Telefonate al-Bakrs mit einem Kontaktmann des IS in Syrien abgehört hatte. Es sei unter anderem über die Herstellung von Sprengstoff und mögliche Anschlagsziele gesprochen worden; al-Bakr habe „zwei Kilo sind fertig“ und ein „großer Berliner Flughafen“ sei „besser als Züge“ gesagt. In der zweiten Septemberhälfte soll er einen Flughafen in Berlin ausgekundschaftet haben, was erst bei späteren Ermittlungen entdeckt wurde.Al-Bakr spähte Flughafen in Berlin aus, tagesschau.de, 14. Oktober 2016. Darüber hinaus soll er auch Infrastruktur in Leipzig als Ziel in Betracht gezogen haben.

Nachdem al-Bakr – laut Bundesanwaltschaft – zumindest seit Anfang Oktober 2016 im Internet nach Anleitungen zur Herstellung von Sprengstoffvorrichtungen und Ausrüstungsgegenständen „für den ‚Dschihad‘“ gesucht hatte,Terrorverdächtiger Al-Bakr hatte IS-Kontakt. In: tagesschau.de (10. Oktober 2016). sei er am 6. Oktober als Verdächtiger identifiziert worden. Am nächsten Tag konnte der Verfassungsschutz ihn lokalisieren, informierte die sächsische Polizei und begann, al-Bakr rund um die Uhr zu überwachen.Interview mit Hans-Georg Maaßen im ZDF-Morgenmagazin, 11. Oktober 2016. Zivilpolizisten übernahmen die Überwachung des Hauses in Chemnitz-Kappel und wurden von Anwohnern erkannt. Nachdem der Verdächtige beim Kauf von Heißkleber beobachtet worden war, begann die Polizei mit der Belagerung des Wohnkomplexes, um der möglichen Fertigstellung eines Sprengsatzes zuvorzukommen.

Festnahme Am 8. Oktober 2016 gegen 7 Uhr morgens verließ ein Mann – möglicherweise al-Bakr – fluchtartig das observierte Haus. Die Polizei gab einen Warnschuss ab und versuchte, den Mann zu Fuß zu verfolgen, was laut Behördenangaben an der schweren Schutzausrüstung der Beamten scheiterte. Auf eine Stürmung des Hauses hatte die Polizei verzichtet, weil sie fürchtete, dass der Verdächtige bei einem Zugriff einen Sprengsatz zünden könnte. In der Wohnung fand sie etwa 500 Gramm des Explosivstoffs Triacetontriperoxid, rund 800Möbiliert mit Küche. In: Der Spiegel, Heft 43/2016, Seite 50. oder 1000 Gramm weitere Chemikalien zur Herstellung dieses Stoffs sowie Bauteile, die zur Herstellung eines Sprengkörpers geeignet waren.Georg Mascolo: Das Leben und Sterben des Dschaber al-Bakr in Sachsen, Süddeutsche Zeitung, 13. Oktober 2016.Florian Flade: US-Geheimdienst hörte Telefonate von al-Bakr ab, WeltN24, 14. Oktober 2016.Ältere Quellen sprachen irrtümlich[Laut Aussage eines Pressesprechers der Polizei im Spiegel TV Magazin, ausgestrahlt am 16. Oktober 2016 um 22:50 auf RTL, waren es „mehrere hundert Gramm“.] von 1,5 Kilogramm Sprengstoff.Was wir über Jaber al-Bakr wissen, Zeit Online, 10. Oktober 2016.„Aus meiner Sicht war es fünf vor Zwölf“, WeltN24, 11. Oktober 2016.

Die Polizei warnte die Bevölkerung vor dem flüchtigen Terrorverdächtigen und leitete eine bundesweite Öffentlichkeitsfahndung mit Fotos ein,Polizei warnt Bevölkerung vor flüchtigem Terrorverdächtigen, FAZ.net, 8. Oktober 2016, abgerufen am 16. Oktober 2016.Terrorverdächtiger „schlurft“, Spiegel Online, 12. Oktober 2016 die der Verfassungsschutz während der Observation aufgenommen hatte.Spiegel TV Magazin, ausgestrahlt auf RTL am 16. Oktober 2016 ab 22:50 Uhr. An den Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld wurden die Sicherheitsvorkehrungen erhöht.Fahndung nach verdächtigem Syrer: Berliner Polizei verschärft Kontrollen, n-tv, 8. Oktober 2016. Der Mieter der Chemnitzer Wohnung, Khalil A., wurde als möglicher Komplize wegen Verdachts auf „Beihilfe zur Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat“ festgenommen. Spiegel Online berichtete am 20. August 2017, dass Khalil A. mangels Tatverdacht wieder auf freiem Fuß ist.

mini|hochkant=1.2|Hauptbahnhof Leipzig (2014) Während der laufenden Großfahndung, die auch eine besondere Überwachung von Bahnhöfen einschloss, begab sich al-Bakr noch am selben Tag nach Leipzig. Dort suchte er vom Hauptbahnhof aus nach einer Unterkunft. Er wurde an einen im Leipziger Stadtteil Paunsdorf wohnhaften syrischen Flüchtling verwiesen, der nach eigenen Angaben gegen 18 Uhr einen Anruf von al-Bakr (unter falschem Namen) erhielt und ihn bei sich aufnahm. Al-Bakr übernachtete dort und ließ sich am nächsten Tag – dem 9. Oktober – von seinem Gastgeber den Kopf rasieren.Annelie Naumann: Wie es zum Polizeizugriff um 0.42 Uhr kam, WeltN24, 11. Oktober 2016.

Zum weiteren Verlauf dieses Tages gibt es sich widersprechende Medienberichte. WeltN24 berief sich dabei auf Aussagen eines nicht näher benannten Bekannten des Gastgebers, der Spiegel auf Aussagen des Gastgebers und zwei seiner Landsleute, die am weiteren Geschehen beteiligt waren. Demnach erkannte entweder der Gastgeber oder ein syrischer Bekannter den Gesuchten anhand eines Fahndungsfotos im Internet, möglicherweise erst nachdem die Polizei den Fahndungsaufruf gegen 21:00 Uhr auf Arabisch veröffentlicht hatte. Eine oder zwei der beteiligten Personen suchten das Polizeirevier Leipzig-Südwest auf, konnten sich dort jedoch wegen sprachlicher Hürden nicht verständlich machen. Zwei Personen überwältigten und fesselten al-Bakr, der sich schlafen gelegt hatte, und einer fotografierte den Gefesselten mit seinem Mobiltelefon. Das oder die Fotos wurden entweder elektronisch an den oder die bereits bei der Polizei vorstellig gewordenen Landsleute übermittelt oder persönlich dorthin gebracht. Daraufhin verstanden die Beamten die Situation. Polizeibeamte fanden den Gesuchten gefesselt in der Wohnung vor und nahmen ihn fest, noch bevor das gerufene SEK eintraf.

Nach seiner Festnahme wurde al-Bakr zwei Stunden lang vernommen,Gudula Geuther: Suizid des Terrorverdächtigen al-Bakr:Generalbundesanwalt gerät in die Kritik, Deutschlandfunk, 17. Oktober 2016. nach Dresden gebracht und dort einem Haftrichter vorgeführt. , mdr.de, 13. Oktober 2016. Al-Bakr und sein Anwalt gaben zu verstehen, dass der Beschuldigte keine weiteren Aussagen machen werde.Sächsische Fehleinschätzungen, Süddeutsche Zeitung, 14. Oktober 2016. Nach Angaben des CDU-Politikers Wolfgang Bosbach war Al-Bakr jedoch sehr wohl bereit, weitere Aussagen zu treffen. Insgesamt waren 700 Beamte verschiedener Sicherheitsbehörden an Fahndung und Festnahme beteiligt. Neben der Polizei aus Sachsen waren Einheiten aus Bayern, Brandenburg, Berlin und Thüringen im Einsatz, zudem Vertreter anderer Ermittlungsbehörden wie des Bundeskriminalamts und der Landes-Verfassungsschutzämter.

Tod Dschaber al-Bakr saß nach seiner Festnahme am 10. Oktober 2016 in der Justizvollzugsanstalt Leipzig in Untersuchungshaft. Die Haftrichterin in Dresden hatte laut Medienberichten bei der Überstellung an die JVA Leipzig in einem Formular angekreuzt, dass al-Bakr suizidgefährdet sei; außerdem hatte sie ihn als Fremdgefährder eingestuft. Während der Haft befand sich al-Bakr im Durst- und Hungerstreik. Nach Aussagen des Leiters der JVA seien die Verantwortlichen dort von einer Suizidgefahr ausgegangen, die jedoch nicht „akut und klar erkennbar“ gewesen sei; entsprechend seien Kontrollen im Abstand von 15 Minuten angeordnet worden. Wegen der möglichen Fremdgefährdung sei al-Bakr entgegen der üblichen Praxis bei Suizidgefahr in Einzelhaft genommen worden, in einer Zelle mit einem Zwischengitter am Eingang, das zum Schutz des Personals dient.Selbstmord von Jaber al-Bakr: Stellungnahme der zuständigen sächsischen Behörden. phoenix-Aufzeichnung auf YouTube, 13. Oktober 2016, 11:00 Uhr; Minuten 5-16. Auf die Unterbringung in einen BgH (besonders gesicherter Haftraum) habe man verzichtet, weil diese nur bei akuter Suizidgefahr erlaubt sei.