mini|Sihem Bensedrine (2012) Sihem Bensedrine (; * 28. Oktober 1950 in La Marsa, Tunesien) ist eine tunesische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin. Sie arbeitete bei verschiedenen Tageszeitungen in Tunesien und war Chefredakteurin der von ihr mitgegründeten und unter dem Präsidenten Zine el-Abidine Ben Ali verbotenen Onlinezeitung „Kalima“. Unter Ben Ali wurde sie mehrfach inhaftiert.

Von 2014 bis 2018 war Bensedrine Präsidentin der Kommission für Wahrheit und Würde (Instance Vérité et Dignité), die Menschenrechtsverbrechen der Diktaturen von 1955 bis 2013 dokumentieren und eine rechtliche Aufarbeitung ermöglichen sollte. 2026 wurde sie unter Präsident Kais Saied erstinstanzlich zu 25 Jahren Haft verurteilt.

Leben und Wirken Bensedrine setzte sich schon während ihres Philosophie-Studiums in Frankreich für die Etablierung von Meinungsfreiheit und Demokratie in ihrem Heimatland ein. Ab 1979 war sie in der tunesischen Liga für Menschenrechte aktiv, die später verboten wurde. Ab 1980 arbeitete sie als Journalistin und Redakteurin für verschiedene Tageszeitungen.Ibn-Ruschd-Fund: , abgerufen am 19. Februar 2012. Seit 1980 ist sie Mitglied der Vereinigung tunesischer Journalisten (französisch: L’Association des journalistes tunisiens).

1985 war sie Mitbegründerin der feministischen Zeitschrift Nissa. Mit der zunehmenden Zensur in Tunesien und Repressionen gegen kritische Journalisten wurde sie in den 1990er Jahren zur Gegnerin des Präsidenten Ben Ali und berichtete über Korruption und Folter. 1999 gründete sie die Zeitschrift Kalima und versuchte, ein unabhängiges Zeitungsprojekt zu etablieren. Die Zeitschrift bekam jedoch keine Lizenz der Regierung, konnte nicht gedruckt werden und wurde verboten. Das Projekt wurde später als Online-Journal weitergeführt. Sie war auch an Verlagsgründungen beteiligt, die jedoch von staatlicher Repression betroffen waren und wieder geschlossen werden mussten.

Durch die kritische Berichterstattung war Bensedrine Diffamierungskampagnen in den staatlichen Printmedien ausgesetzt und wurde mehrmals inhaftiert. Sie warf der tunesischen Regierung Folter vor. Im Jahr 2004 wurde sie unter Beteiligung privater Medien in einer Hetzkampagne öffentlich diffamiert und unglaubwürdig gemacht.Reporter ohne Grenzen Artikel vom 7. Juli 2005, update 20. Januar 2016: 2009 musste sie vorübergehend ins Exil gehen. Sie erhielt ein Stipendium der „Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte“.

Neben ihrer journalistischen Arbeit engagierte sich Bensedrine weiter für Menschenrechte, so gründete sie mit anderen den Nationalen Rat für Freiheit in Tunesien (Conseil national pour les libertés en Tunisie), der von 1999 bis zum 28. Februar 2011 verboten war. Unter anderem bei der „Tunesischen Vereinigung Demokratischer Frauen“ engagierte sie sich für Frauenrechte.

Nach der Tunesischen Revolution ging sie Anfang 2011 zurück nach Tunesien. Von 2014 bis 2018 war Bensedrine Präsidentin der Kommission für Wahrheit und Würde (Instance Vérité et Dignité). Die Kommission dokumentierte die Menschenrechtsverbrechen der Diktaturen von 1955 bis 2013.Hans-Christian Rößler: Zurück in die Diktatur. Einst war Tunesien ein demokratisches Hoffnungsland. Jetzt schlägt das Regime zurück. Die frühe frühere Vorsitzende der Wahrheitskommission soll bis zu ihrem Lebensende ins Gefängnis. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26. Juli 2026, S. 7 (online). Er hätte eine rechtliche Aufarbeitung ermöglichen sollen.

Laut einer Anklage aus dem Jahr 2021 soll Bensedrine im Abschlussbericht der Wahrheitskommission den Vorwurf der Korruption gegen die „Banque franco-tunisienne“ erhoben haben, weil sie dafür bestochen worden sei. Im März 2023 wurde ein Ausreiseverbot über sie verhängt. Im Juni 2026 wurde Bensedrine von einem erstinstanzlichen Gericht zu 25 Jahren Haft verurteilt.Tunesische Aktivistin Sihem Bensedrine zu 25 Jahren Haft verurteilt, zeit.de, 26. Juni 2026, abgerufen am 29. Juli 2026. Sie kündigte an, Berufung einzulegen.Tunisia: 25-year-prison term for prominent human rights defender Sihem Bensedrine an outrageous injustice, Amnesty International, 26. Juni 2026, abgerufen am 29. Juli 2026.

Privates Sihem Bensedrine ist mit dem Radiomacher und Menschenrechtsaktivisten Omar Mestiri verheiratet und Mutter dreier Kinder. Mestiri und Bensedrine leiteten den unabhängigen Sender Radio KalimaReiner Wandler: Radio Kalima in Tunesien: Die Stimme der Revolution. In: TAZ, 5. März 2011..

Ehrungen 2002: Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit 2004: International Press Freedom Award der Journalistenorganisation Canadian Journalists for Free Expression 2005: einer von fünf Novib (Oxfam Niederlande) / PEN Awardshttps://web.archive.org/web/20160303173917/http://www.krachtvancultuur.nl/en/current/2005/december/novib_pen_award.html 2006: Freedom of Expression Award der Organisation Index on Censorship, Sparte Journalismus (Hugo Young Award For Journalism)Index on Censorship Award Winners 2006. Abgerufen am 7. Oktober 2013 (englisch). 2008: Preis der dänischen Friedensstiftung „Fredsfonden“ für ihr Eintreten für Menschenrechte und Demokratie in der arabischen Welt 2009: Freedom to Publish Prize der Internationalen Verleger-Union, abgerufen am 29. August 2019. 2010: Concordia-Preis 2011: Ibn-Rushd-Preis 2012: Alison Des Forges Award von Human Rights Watchhttps://www.hrw.org/news/2012/08/13/sihem-bensedrine-tunisia

Schriften Besiegte Befreite. Eine arabische Journalistin erlebt den besetzten Irak. Aus dem Französischen von Ursel Schäfer. Kunstmann, München 2004, ISBN 3-88897-362-7. mit Omar Mestiri: Despoten vor Europas Haustür. Warum der Sicherheitswahn den Extremismus schürt. Aus dem Französischen von Ursel Schäfer. Kunstmann, München 2005, ISBN 3-88897-397-X. (Eine Analyse der politischen Situation der nordafrikanischen Staaten Libyen, Tunesien, Algerien und Marokko)

Weblinks

Ibn-Ruschd-Fund: Lebenslauf Bensedrines Sihem Bensedrine: Social Unrest in Tunisia. „We have a Right to Work, You Robbers!“, Qantara, 17. Januar 2011.

The Final Comprehensive Report. Executive Summary. In: Truth & Dignity Commission, Mai 2019 (PDF; engl.; Archiv).

Einzelnachweise

Kategorie:Menschenrechtsaktivist (Tunesien) Kategorie:Chefredakteur Kategorie:Journalist (Tunesien) Kategorie:Concordia-Preisträger Kategorie:Tunesier Kategorie:Geboren 1950 Kategorie:Frau