Radamisto (HWV 12a/12b) ist eine Oper (Opera seria) in drei Akten von Georg Friedrich Händel, die in einer ersten Fassung (HWV 12a) am 27. April 1720 im King’s Theatre am Haymarket in London uraufgeführt wurde. Eine stark revidierte zweite Fassung (HWV 12b), die ausnahmsweise als gleichwertig gilt, erlebte ihre Premiere am 28. Dezember 1720 am selben Ort.

Das Hauptthema der Oper ist die Macht der ehelichen Liebe und Treue, und schließlich Großmut und Vergebung, die zur Läuterung eines Tyrannen und seiner ehebrecherischen Begierden führen.

Entstehung Erste Fassung (HWV 12a) Radamisto war Händels erste Oper für die 1719 gegründete Royal Academy of Music,Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 172 ein privatwirtschaftliches Opernunternehmen, welches unter der Schirmherrschaft Georgs I. stand und von ihm auch subventioniert wurde. Händel selber hatte am 14. Mai 1719 vom Vorstand den Auftrag erhalten, sich auf dem Kontinent nach guten Sängern umzusehen,Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 300–301 konnte aber in Dresden für die sehr kurze erste Spielzeit zunächst nur Margherita Durastanti anwerben, mit der er bereits in Italien zusammengearbeitet hatte (u. a. in Agrippina, 1710);Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 86–88. in Ermangelung eines primo uomo übernahm sie im Frühling 1720 in Radamisto die männliche Titelrolle. Das übrige Ensemble, einschließlich Caterina Galerati und der Sopran-Kastrat Benedetto Baldassari, bestand zunächst aus Sängern, die bereits vorort in England waren. Laut einer Anekdote soll Baldassari beim Vorstand der Academy dagegen protestiert haben, dass er, der bis dahin nie Rollen „unterhalb eines Herrschers oder wenigstens eines Prinzen von Geblüt“ verkörpert habe, in Radamisto als Fraarte nur einen einfachen „Garde-Hauptmann und Kuppler“ („a Captain of the guards and a Pimp“) darstellen sollte („...that he had never acted any thing, in any other Opera, below the Character of a Sovereign; or, at least, a Prince of the Blood; and that now he was appointed to be a Captain of the Guard, and a Pimp...“).Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 978-3-7618-0717-0, S. 87. Daher wurde das Libretto in dem Punkt geändert und die Figur des Fraarte in einen unglücklich verliebten Bruder von Tiridate umgewandelt.Anthony Hicks: Booklettext zur CD-Einspielung: Handel: Radamisto, Virgin Classics / EMI 5456732 (2003/2005), S. 33 Der Vorfall wurde in der Literatur oft als lächerlich ausgelegt, ist jedoch im Rangsystem der Opera seria verständlich.Francisca Paula Vanherle: Benedetto Baldassari (Benedetti), in: Castrati: The History of an Extraordinary Vocal Phenomenon and a Case Study of Handel’s Opera Roles for Castrati written for the First Royal Academy of Music (1720–1728) (Dissertation), University of Texas, Austin, Dezember 2002, S. 121–127, hier: 126 f

Beginn und Ende von Händels Komposition sind nicht bekannt, da die letzten Seiten des Autographs, die wahrscheinlich eine Datierung enthielten, verloren sind.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 345. Es wurde verschiedentlich vermutet, dass Händels Radamisto ursprünglich für die Eröffnung der Saison geplant war, diese begann jedoch am 2. April 1720 mit Giovanni Portas Numitore.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 90.Silke Leopold: Händel. Die Opern. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009, ISBN 978-3-7618-1991-3, S. 14.

In der Uraufführung am 27. April 1720 sangen: Radamisto – Margherita Durastanti (Sopran) Zenobia – Anastasia Robinson (Alt) Polissena – Ann Turner Robinson (Sopran) Fraarte – Benedetto Baldassari, genannt „Benedetto“ (Sopran-Kastrat) Tigrane – Caterina Galerati (Sopran) Tiridate – Alexander Gordon (Tenor) Farasmane – John Lagarde (Bass)Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 978-3-7618-0717-0, S. 88.

Die Oper war ein großer Erfolg und kam auf insgesamt 10 Vorstellungen; in der letzten Aufführung am 22. Juni übernahm Margherita de l’Épine, die früher u. a. in Händels Rinaldo und Teseo gesungen hatte, den Part der Polissena, da Ann Turner-Robinson erkrankt war.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 345–346. In der Premiere waren sowohl König George als auch der Thronfolger anwesend, die sich nur vier Tage zuvor nach jahrelangem Streit offiziell versöhnt hatten.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 345, Fußnote 40. Mary Countess Cowper, eine Hofdame der Princess of Wales, notierte knapp in ihrem Tagebuch:

Glaubt man Händels erstem Biografen John Mainwaring, so gab es einen extremen Publikumsandrang und ein regelrechtes Chaos:

Zweite Fassung (HWV 12b) mini|hochkant|Francesco Bernardi genannt Senesino Stich von Elisha Kirkall (ca. 1682-1742) nach Joseph Goupy (1689–1769) In der folgenden Spielzeit, vom 28. Dezember 1720 bis März 1721, stand Radamisto am King’s Theatre in einer neuen Fassung (HWV 12b) wiederum auf dem Spielplan und erlebte sieben Aufführungen. Anlass für eine umfangreiche Revision der Partitur war ein stark verändertes Ensemble, da inzwischen der berühmte Alt-Kastrat Senesino (eigentlich Francesco Bernardi) sowie drei weitere Sänger aus Italien eingetroffen waren.Ellen T. Harris u. a.: The librettos of Handel's operas : a collection of seventy-one librettos documenting Handel's operatic career, volume iii, Garland, New York 1989, S. xi Die Titelrolle wurde jetzt von Senesino gesungen; es war die erste von zahlreichen Hauptrollen, die Händel bis 1733 für ihn schuf.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 346. Die drei britischen Sänger wurden alle ersetzt – selbst Anastasia Robinson, die später bis 1724 wieder fest zum Ensemble gehören würde. In der Neufassung sang die folgende Besetzung: Radamisto – Francesco Bernardi, genannt „Senesino“ (Alt-Kastrat) Zenobia – Margherita Durastanti (Sopran) Polissena – Maria Maddalena Salvai (Sopran) Fraarte – Caterina Galerati (Sopran) Tigrane – Matteo Berselli (Sopran-Kastrat) Tiridate – Giuseppe Maria Boschi (Bass) Farasmane – John Lagarde (Bass)

Vom ursprünglichen Ensemble wirkten nur drei Sänger mit, von denen aber nur einer seine Rolle behielt (Lagarde als Farasmane). Da sich die Stimmlagen von drei wichtigen Partien (Radamisto, Zenobia, Tiridate) änderten, waren zahlreiche Transpositionen und andere Änderungen notwendig. Außerdem wurde der Part des Tigrane für den secondo uomo Berselli vergrößert, Fraarte aber verkleinert: Letzterer war nun, wie in Lallis Vorgängerlibretto, wieder ein Hauptmann, und sein Liebesinteresse an Zenobia wurde gestrichen.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 343. Händel überarbeitete sowohl die Rezitative als auch die bestehenden ArienBernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 173. und komponierte außerdem zwölf neue Stücke: zehn Arien, ein Duett und ein Quartett,Eine genaue Besprechung der Änderungen für jeden Part findet sich in: Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 341–344. die sich teils im Anhang zum Autograph, teils im Handexemplar („Direktionspartitur“) von 1720/21 befinden. Sie wurden als Arie aggiunte di Radamisto (zehn Arien und ein Duett) veröffentlicht und später der von Richard Meares und Johann Christoph Schmidt sen. gedruckten Ariensammlung beigefügt.

Weitere Wiederaufnahmen Eine Wiederaufnahme für vier Vorstellungen gab es zwischen dem 25. November und dem 6. Dezember 1721. Darüber ist wenig bekannt, außer dass die Partie des Fraarte ganz gestrichen wurde. Benedetto Baldassari sang nun den Tigrane. Da die Durastanti nach Italien gereist war, übernahm wahrscheinlich Anastasia Robinson ihre ursprüngliche Partie der Zenobia, die dann allerdings wieder eine Alt-Partie gewesen wäre (?).Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 346.

Eine letzte Wiederaufnahme der Oper kam zu Beginn des Jahres 1728 heraus, mit der folgenden Besetzung: Radamisto – Francesco Bernardi, genannt „Senesino“ (Alt-Kastrat) Zenobia – Faustina Bordoni (Sopran) Polissena – Francesca Cuzzoni (Sopran) Tigrane – Antonio Baldi (Alt-Kastrat) Tiridate – Giuseppe Maria Boschi (Bass) Farasmane – Giovanni Battista Palmerini (Bass)

Es ist nicht bekannt, wie viele Vorstellungen es gab. Auch hierfür nahm Händel zahlreiche Änderungen vor, besonders für die beiden Primadonnen Faustina Bordoni und Francesca Cuzzoni. Jede erhielt insgesamt acht Arien. Das Quartett, beide Duette und die einzige Arie Farasmanes wurden gestrichen. Tigrane, nun eine Altpartie für Antonio Baldi, verlor zwei seiner Arien; die anderen wurden eine Quinte bzw. Sexte nach unten transponiert. Die Rolle des Fraarte kehrte nicht zurück. Dazu gab es weitere Transpositionen, Änderungen in der Instrumentation und in der Zuordnung der Arien. Das Ergebnis der Überarbeitung ist laut Dean und Knapp wenig überzeugend, besonders was die Glaubwürdigkeit der beiden Frauenfiguren angeht.„He wrecked the opera in the process. … The consistency of both characters was destroyed“. Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 347 und 348.

Aufführungsgeschichte Im Hamburger Theater am Gänsemarkt brachte Händels ehemaliger Jugendfreund und Rivale Johann Mattheson eine eigene Fassung von Händels Radamisto unter dem Titel Zenobia oder Das Muster rechtschaffener Ehelichen Liebe heraus. Sie füllte zwischen dem 28. Januar 1722 und Januar 1736 dreißig Opernabende. Dabei handelte es sich jedoch um eine Mischung verschiedener Versionen, und die Stimmlagen der Kastraten und Hosenrollen wurden (typischerweise) eine Oktave tiefer von Bariton bzw. Tenören gesungen.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 348.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 172–173.

Die erste moderne Inszenierung in einer deutschen Textfassung von Josef Wenz fand am 22. Juni 1927 während der Göttinger Händel-Festspiele unter der musikalischen Leitung von Rudolf Schulz-Dornburg statt; auch hierbei wirkten wie damals üblich zahlreiche tiefe Männerstimmen mit.