mini|Austen Henry LayardZeichnung 1848 von George Frederik Watts (1817–1904) mini|Austen Henry Layard, 1883 Sir Austen Henry Layard (* 5. März 1817 in Paris; † 5. Juli 1894 in London) war einer der führenden britischen Archäologen des 19. Jahrhunderts. Er wurde berühmt durch seine Ausgrabungen in Ninive und Nimrud in Assyrien. Im Laufe seines Lebens zeichnete er sich außerdem als Diplomat, Politiker, Kunstkenner und Schriftsteller aus.

Familie Layard (sprich: „le-ard“) wurde am 5. März 1817 als ältestes von vier Kindern des Peter John Layard (Sohn eines Dekans in Bristol) und Marianne Austen (Tochter von Nathaniel Austen, Bankier aus Ramsgate), die 1814 in England geheiratet hatten, in einem Pariser Hotel geboren. Seine Vorfahren waren Hugenotten, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes nach England geflüchtet waren. Mit 51 Jahren heiratete Layard am 9. März 1869 Mary Enid Evelyn Guest (* 1. Juli 1843; † 1. November 1912), die Tochter von Sir John Guest und Lady Charlotte Guest, einer Cousine und langjährigen Freundin Layards. browningguide.org Das Paar hatte keine Kinder. Sir Henry und Lady Layard wurden auf dem Friedhof von Canford Parish Church beigesetzt, neben Canford Manor in Dorset, das der Familie Guest gehörte (heute eine Schule).

Kindheit und Jugend Layards Vater hatte für den Civil Service in Ceylon gearbeitet. Da er an Asthma litt, reiste die Familie auf der Suche nach günstigen klimatischen Verhältnissen quer durch Europa. 1821 verließen Layards Eltern England und zogen nach Pisa, anschließend nach Florenz. Bereits in früher Kindheit machte ihn sein Vater mit Literatur und Kunst vertraut. 1825 ging es nach Moulins, wo der achtjährige Henry eine französische Schule besuchte. Danach lebten sie in Genf, dann wieder in Florenz, so dass Layard inzwischen fließend Französisch und Italienisch sprach. 1829 wurde er nach London geschickt, wo er unter Aufsicht seines Onkels und seiner Tante, Benjamin und Sara Austen, lebte, bis er in einem Internat in Richmond untergebracht wurde, das er 1833 verließ. Januar 1834 wurde er Schreiber bei seinem Onkel in dessen Notarsbüro. Dem Onkel zuliebe änderte er seinen Namen Henry Austen zu Austen Henry, er ließ sich jedoch zeit seines Lebens mit Henry anreden. 1834 starb sein Vater, der inzwischen nach England zurückgekehrt war, in Aylesbury.

Sonntags lernte Layard im Haus seines Onkels am Montague Square interessante Leute kennen, zum Beispiel den jungen Benjamin Disraeli und Charles Fellows, der 1832 durch Griechenland gereist war. 1835 begleitete Layard den Maler und Schriftsteller William Brockedon (1787–1854)William Brockedon: Illustrations of the passes of the Alps: by which Italy communicates with France, Switzerland, and Germany. London 1836. auf einer Reise in die Alpen, auf der sie die Bekanntschaft von Graf Camillo Benso di Cavour und dessen Familie machten.Sir Austen Henry Layard. Brockedons Portrait von Layard.

Layard unternahm mit 20 Jahren und wenig Geld seine erste Reise: 1837 nach Norditalien, wo er Silvio Pellico und anderen bedeutenden Leuten begegnete. Auf einer weiteren ausgedehnten Reise 1838 nach Skandinavien und St. Petersburg lernte er in Kopenhagen Christian Jürgensen Thomsen (1785–1865), den Gründer des Dänischen Nationalmuseums, kennen. Thomsen hatte ein Dreiperiodensystem zur Einteilung der vorgeschichtlichen Zeit in Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit entwickelt und führte Layard durch die von ihm neu aufgestellte Sammlung.

1839 machte Layard seine Abschlussprüfung als Anwalt und erkannte, dass er mit seiner liberalen Gesinnung und politischen Einstellung (er sympathisierte mit den polnischen und italienischen Freiheitskämpfern) wohl keine Aussicht hatte, bei seinem konservativen Onkel Teilhaber zu werden. Auch machte ihm der Anwaltsberuf keine Freude. Er war deprimiert und wollte England verlassen.

Erste Reise in den Orient (1839–1841) Über seinen Onkel Charles Layard lernte er Edward Mitford kennen, der nach Ceylon reisen wollte, um eine Kaffeeplantage aufzubauen. Da Mitford Angst vor dem Meer hatte, beschloss er, auf dem Landweg durch Europa, Zentralasien und Indien zu reisen und suchte einen Gefährten. Mitford schlug Layard vor, ihn auf dieser Reise zu begleiten und dieser sah darin die Erfüllung seines Kindheitstraums. Die Veröffentlichungen von John Malcolm,John Malcolm: Sketches of Persia, from the journals of a traveller in the East. John Murray, London 1827. der als Gesandter der East India Company in Persien gewesen war, und des Claudius James Rich, der 1811 den großen Erdhügel von Kuyunjik (Kuyundschik) untersuchte,Claudius James Rich: Narrative of a residence in Koordistan: and on the site of ancient Nineveh; with journal of a voyage down the Tigris to Bagdad and an account of a visit to Shirauz and Persepolis. Duncan, London 1836. hatte er gelesen. Um die Reise vorzubereiten, suchten sie den Rat der Royal Geographical Society. Dabei fiel ihm auch eine Broschüre von Major Henry Creswicke Rawlinson in die Hände, den er später in Bagdad kennenlernen sollte. Charles Fellows, der 1838 in Lykien die antike Hauptstadt Xanthos (heute Günük, südwestliche Türkei) entdeckt hatte, und dessen Aufsehen erregende Funde im Britischen Museum einen Platz erhielten, gab ihnen wertvolle Ratschläge. Von einem Kapitän lernte er den Umgang mit dem Sextanten und von einem Arzt die Behandlung von Wunden, den Umgang mit einer Lanzette, die Symptome von Krankheiten zu erkennen. Dies konnte zwar nur im Schnelldurchgang geschehen, sollte ihm aber auf seinen Reisen von Nutzen sein.

Sie kamen überein, so preiswert wie möglich zu reisen, und der einzige Luxus (so Layard) war ein „Levigne-Bett“, das sie vor Insekten schützen sollte. Ausgerüstet mit Pistolen, einem Taschensextanten und Kompassen, sowie einem Vorschuss von 200 £ von dem Verleger Smith, Elder & Co. auf spätere Reiseberichte, traten sie am 10. Juli 1839 ihre Reise an. Layard hatte außerdem bei einer Bank 300 £ hinterlegt, um auch im Ausland über Geldmittel zu verfügen.Sir A. Henry Layard, William Napier Bruce (Hrsg.): Autobiography and letters from his childhood until his appointment as H. M. ambassador at Madrid. in 2 Bänden, 1858, S. 105–107. mini|Layards 1. Reise Juli 1839–August 1841 Sie besaßen einige Empfehlungsschreiben und waren guten Mutes aufgrund ihrer Vorbereitungen. Sie reisten durch die Niederlande und Deutschland. In München begegneten sie zwei Engländern, mit denen sie sich eine Kutsche über den Brenner bis Venedig teilten. Von dort ging es mit dem Schiff nach Triest und weiter durch Dalmatien. In Fiume erhielten sie weitere Schreiben für Montenegro und die Einreise auf türkisches Gebiet. Ende September waren sie in Scutari (Shkodra) und ersuchten den dortigen Pascha um die Erlaubnis, ihre Pferde an Poststationen versorgen zu können. Dieser gab ihnen auch diverse Empfehlungsschreiben für die Durchreise nach Konstantinopel. Jetzt waren sie im Orient. Über Tirana und Monastir ritten sie nach Bulgarien. In Begleitung eines Tataren ging es nach Adrianopel, und sie erreichten endlich Konstantinopel am 13. September. Hier erlitt Layard eine Fieberattacke und wurde von einem armenischen Arzt behandelt. Dieser zeigte ihm auch, wie er sich selbst zur Ader lassen kann. Lord Carnarvon besuchte ihn an seinem Krankenlager und Mr. Longworth, der Korrespondent der Morning Post in Konstantinopel, pflegte ihn hingebungsvoll, so dass daraus eine lebenslange Freundschaft entstand. Am 4. Oktober war Layard wieder genesen, und sie kauften sich drei Pferde für ihre Weiterreise. Ihr Gepäck reduzierten sie auf Satteltaschen – aber von ihrem „Bett“ trennten sie sich nie. Außerdem heuerten sie einen Griechen an, der Französisch, Türkisch und Arabisch sprach und ihnen als Koch und Helfer diente. Mitford und der Grieche nahmen den Landweg, während Layard ein Boot bestieg, um sich noch etwas zu erholen. Sie trafen sich in Mudanya wieder. Sie hatten über den Generalkonsul von der Hohen Pforte einen Ferman für das Reisen für Ausländer auf türkischem Territorium erhalten. Alle drei trugen den türkischen Fez und europäische Kleidung, so dass sie von den Türken für Amtsträger aus Konstantinopel angesehen wurden. Über Konya und Karaman überquerten sie mit einem Führer den Taurus und erreichten Tarsus. Da sie viele historische Stätten passiert hatten, bedauerten beide, dass sie weder historische noch archäologische Kenntnisse besaßen. Sie schliefen in Herbergen, bei Dörflern oder unter freiem Himmel. Am 13. November verließen sie Tarsus in Richtung Adana nach Antiochia in Syrien. Über Konsulatsbeamte erfuhren sie überall Unterstützung für ihre Weiterreise. Am 28. November verließen sie Antiochia nach Aleppo, wo sie Gäste von Mr. Charles Barker waren und Layard erneut eine Fieberattacke erlitt. Im Winter teilten sie den Stall der Wärme wegen mit ihren Pferden. Inzwischen waren ihre Pferde durchgeritten, und sie mussten auf drei Mulis nach Tripoli reiten.

mini|Die großen Hügel von Kujundschik gegenüber von Mosul Im Januar 1840 erreichten sie Jerusalem, wo sie sich trennten. Layard besuchte die Ruinen von Petra, Ammon und Gerash. Er wurde von Beduinen überfallen. Sie trafen sich in Aleppo wieder und reisten gemeinsam nach Mosul, wo sie am 10. April 1840 ankamen und gute zwei Wochen blieben. Hier trafen sie den französischen Entdecker Charles Texier, der sich auf der Heimreise befand, nachdem er zahlreiche Zeichnungen und Pläne von Persepolis und Pasargadae angefertigt hatte. Layard schreibt: „Wir besuchten die großen Ruinen auf der Ostseite des Flusses, die allgemein als die Überreste von Niniveh angesehen wurden. Wir ritten auch in die Wüste und erkundeten die Hügel von Kalah Sherghat, eine riesige Ruinenstätte am Tigris, etwa 50 Meilen unter dem Zusammenfluss mit dem Zab. Wir rasteten in dem kleinen Dorf Hammum Ali, das umgeben war von den Überresten einer alten Stadt. Von dem Gipfel eines künstlichen Haufens sahen wir herab auf eine breite Ebene, die uns durch einen Fluss teilte. Eine Linie von hoch aufragenden Hügeln erhob sich im Osten und einer in Pyramiden-Form erhob sich hoch über den Rest. Dahinter konnte man schwach den Zab-Fluss ausmachen, der die Ortsbestimmung erleichterte. Dies war die Pyramide, die Xenophon beschrieben hatte. Durch den Winterregen waren die Hügel grün und nach sorgfältiger Suche kamen einige Keramik-Fragmente und beschriebene Steine in den Schutthaufen, die sich um den großen Hügel angehäuft hatten, zum Vorschein. Jedoch fanden wir keine Anzeichen von „seltsamen Figuren aus schwarzem Stein“, die es laut den Arabern dort geben sollte. Zu der Zeit unseres Besuches war das Land von den Beduinen verlassen und wurde nur gelegentlich von ein paar Plünderern der Schammar- oder Aneyza-Zelte heimgesucht.“Austen Henry Layard: A Popular Account of Discoveries at Nineveh. J. C. Derby, New York 1854, Kapitel 1.

Der britische Vize-Konsul, ein einheimischer Christ (Chaldäer), Christian Rassam, lud die beiden zu einer Reise zu den Ruinen von Hatra ein. Schließlich mieteten sie ein Boot, um die Fahrt nach Bagdad anzutreten. Jetzt passierten sie die Hügel von Nimrud von der Wasserseite, und Layard erinnert sich: „Meine Neugierde war geweckt und seit dieser Zeit formte sich in mir der Wunsch, diese einzigartigen Überreste gründlich zu untersuchen, wann immer ich dazu in der Lage sein sollte.“ In Bagdad blieben sie einige Monate, um die bedeutenden Ruinenstädte in der Umgebung zu besichtigen – und dabei besonders die Überreste von Babylon.