mini|Zeitzeugin des 20. Jahrhunderts: Elisabeth Pletscher, 1995 Elisabeth Pletscher (* 12. Oktober 1908 in Trogen; † 11. August 2003 in Heiden) zeichnete sich durch ihr grosses Engagement im sozialen Bereich, Kultur und Politik aus, insbesondere in der Frauenbewegung. So setzte sie sich unter anderem für die Professionalisierung des Laborantinnen-Berufs ein, war massgeblich an der Gründung eines Mädchenkonvikts und der Einführung des Frauenstimmrechtes 1989 im Kanton Appenzell Ausserrhoden beteiligt.

Leben Elisabeth Pletscher stellte ihr Leben stets in den Dienst der Allgemeinheit und wurde von Zeitgenossen als prägende Persönlichkeit erlebt, die authentisch und engagiert für Gerechtigkeit eintrat. Durch ihre Zielstrebigkeit und Zivilcourage wurde sie für etliche Menschen zu einem Vorbild, insbesondere als ausserrhodische Vorkämpferin der Frauenbewegung. Die Beweggründe für ihr lebenslanges Engagement entstanden schon in ihrer frühesten Kindheit: Elisabeth Pletscher wuchs in bescheidenen finanziellen Verhältnissen in einem Frauenhaushalt auf und wurde in den ersten zwei Jahrzehnten ihres Lebens oft Zeugin von Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Sie lebte bescheiden, verbrachte ihre berufliche Laufbahn am Universitätsspital Zürich als Cheflaborantin und die zweite Lebenshälfte in ihrer Heimat Trogen. Dabei wurde sie auch historische Zeitzeugin des 20. Jahrhunderts und machte die Bekanntschaft etlicher Persönlichkeiten. Robert Nef, Patenkind von Elisabeth Pletscher, bemerkte rückblickend: «Eigentlich hat sich Elisabeth Pletscher erst in ihren letzten Lebensjahren ihrem eigenen Leben widmen können – vorher war sie eingespannt in ihren Beruf und hat an ihrem Arbeitsplatz, im Verband, in ihrer Familie, immer für andere gesorgt.»Hanspeter Strebel, Kathrin Barbara Zatti: Es gibt Dinge, die brauchen Zeit – Elisabeth Pletscher, Zeitzeugin des 20. Jahrhunderts. Appenzeller Verlag, Herisau 2005, ISBN 3-85882-410-0, S. 153.

Kindheit mini|Elisabeth Pletschers Geburts- und späteres Wohnhaus: Vordorf 48a in Trogen (heute Altstätterstrasse 8) Elisabeth Pletschers Mutter Susanne Kern stammte der Zellweger-Dynastie ab: Sie war die Ururenkelin von Landammann Jacob Zellweger-Zuberbühler (1770–1821), welcher am Dorfplatz Trogen das heutige Rathaus als sein Geschäfts- und Wohnhaus bauen liess. 1907 heiratete Susanne den Französisch- und Italienischlehrer Theodor Pletscher, der damals an der Kantonsschule Trogen unterrichtete. Am 12. Oktober 1908 wurde Elisabeth im Vordorf 48a geboren, 1911 kam ihre Schwester Madeleine zu Welt. 1913 starb Theodor Pletscher an Perniziöser Anämie. Die nun vaterlosen Kinder hätten einen Vormund bekommen sollen; Susanne Kern allerdings sorgte dafür, dass sie selbst, auch juristisch, für ihre Kinder verantwortlich blieb. Die 37-jährige Witwe war jetzt gezwungen, den Lebensunterhalt (neben der spärlichen Witwenrente) alleine für ihre zwei Kinder zu verdienen, was durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges und der damit verbundenen Rationierung zusätzlich erschwert wurde. So kam es, dass sie eine Pension für Kantonsschüler eröffnete, da die Kapazität des Konvikts der Kantonsschule beschränkt war. Zu dieser Zeit waren die meisten Schüler gezwungen, während der Schulzeit in Trogen zu wohnen, da die öffentlichen Verkehrsmittel das Pendeln noch nicht erlaubten; lediglich die Trogenerbahn verband seit 1903 St. Gallen mit Trogen. Deshalb gründeten etliche Familien eine Pension, um sich in wirtschaftlich schwierigen Zeiten einen Zusatzverdienst zu sichern.Elisabeth Pletscher: Trogen, das Schuldorf in den zwanziger Jahren. In: KVT-Mitteilungen Nr. 74, Eigenverlag, Trogen 1995, S. 71–73. In der Unterkunft, welche die allein erziehende Mutter Susanne Kern führte, lebte bis 1915 auch der junge Carl Seelig, mit dem Elisabeth Freundschaft schloss. Im selben Jahr kam sie in die Primarschule, wo sie unter anderem (wie auch später an der Kantonsschule) Zeichenunterricht bei Otto Schmid hatte. Bereits in dieser Zeit machte die junge Schülerin ihre ersten Erfahrungen mit humanitärer Hilfe: «Das Rote Kreuz hatte während des Krieges deutsche Soldaten in französischer Kriegsgefangenschaft aus humanitären und gesundheitlichen Gründen in die Schweiz gebracht. Die Höhe von 900 Meter über Meer, wie in Trogen, erachtete man als besonders gesund. […] Als ein Zug mit diesen Männern am Bahnhof einfuhr, standen wir Schulkinder dort bereit, mit den ersten Schlüsselblümchen, die in diesem Frühling blühten. Mit unseren schönsten Schöössli [Schürzen] standen wir da, während unsere Mütter, das heisst die Frauen der ‹Trogner Gesellschaft›, die Gefangenen betreut haben.»Hanspeter Strebel, Kathrin Barbara Zatti: Es gibt Dinge, die brauchen Zeit – Elisabeth Pletscher, Zeitzeugin des 20. Jahrhunderts. Appenzeller Verlag, Herisau 2005, ISBN 3-85882-410-0, S. 61.

Kantonsschule Trogen mini|Die Kantonsschule Trogen zur Zeit von Elisabeth Pletscher: Knaben­konvikt (links) und «Altes Schulhaus» Nach der Primarschule besuchte Elisabeth Pletscher 1921 als zweite Appenzeller Schülerin die Kantonsschule Trogen (KST). Sie selbst war und blieb mehrfach mit der KST verbunden: Elisabeths Ururgrossvater mütterlicherseits war der Bruder von Johann Caspar Zellweger, der 1821 die «Lehr- und Erziehungsanstalt für die Söhne der gebildeten Stände» gegründet hatte. 1842 schloss Elisabeths Grossvater Michael Kern dort die Matura ab. Ihr Vater Theodor war als Sprachlehrer von 1905 bis 1911 an der KST tätig. Die Mutter führte ein Pensionat für Kantonsschüler. Jahrzehnte später unterrichtete ihre Schwester Madeleine an der Schule Englisch, Spanisch und Deutsch für Fremdsprachige. Elisabeth Pletscher trat dem Netzwerk der ehemaligen Schüler der KST, dem Kantonsschulverein Trogen (KVT), nach der Matura bei, war von 1934 an dreissig Jahre im Vorstand und von 1964 bis 1972 Präsidentin des Vereins. 1968 stand sie erneut im Dienst der Schule, als sie das Mädchenkonvikt gründete, 1971 beim 150-Jahr-Jubiläum der KST mithalf und Mitte der 1970er-Jahre in der Bau- und Betriebskommission des neuen Knabenkonvikts war.

Als Elisabeth Pletscher ins Gymnasium trat, feierte dieses eben sein hundertjähriges Bestehen und wurde seit 1904 von Ernst Wildi geleitet. Zu den Lektionen des Rektors erzählte Elisabeth Pletscher: «An der Kantonsschule beschäftigte man sich intensiv mit dem Zeitgeschehen. Rektor Wildi, er war Offizier, baute Zeitgeschichte in den Unterricht ein: Jeweils die letzte Stunde am Samstag war für den Staatsbürgerlichen Unterricht mit Diskussionen und Vorträgen reserviert. Diese speziellen Stunden waren besonders wertvoll, zumal man weder Radio noch Fernseher kannte.»Elisabeth Pletscher: Verarbeitung 1. Weltkrieg und Zeitgeschichte. In: Sonderausgabe des Sodbrennens zur Arche-Einweihung. Eigenverlag, Trogen 1995, S. 10. Wildi war auch massgeblich an der Reorganisation der Schule kurz nach seinem Amtsantritt beteiligt. Eine der wesentlichsten Erneuerung dabei war, dass offiziell auch Mädchen zugelassen wurden. Die ersten Schülerinnen wurden allerdings bereits 1895 an der KST unterrichtet; der Vorstoss, auch Mädchen aufzunehmen, kam damals von Rektor August Meier, der diesbezüglich an die Kantonsschulkommission schrieb: «Für das gegenwärtige Jahr möchte ich Ihnen eine Frage vorlegen, welche mit der Zeit für unsere Schule Wichtigkeit bekommen möchte. Mehr und mehr sucht man den Töchtern neue Gebiete zu eröffnen und dies ist vielerorts auch auf dem Gebiet der Wissenschaft geschehen. Die Erörterung der Frage, ob auch unsere Schule den Mädchen den Weg zum Studium öffnen soll. […] Auf die ausgesprochene Idee führte mich mein Töchterlein ‹Adeline›, die das 1. Jahr die Mädchenrealschule besucht, sich als fähig erweist und sehr wahrscheinlich studieren möchte.» August Meier: Brief an die Kantonsschulkommission vom 11. Juni 1895. Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden, D.027. 65 Jahre später erinnerte sich Adeline Meier zurück: «Im Herbst 1895 war es dann so weit, dass Elise Frei von Rehetobel mit mir in die Gymnasialabteilung der 2. Klasse eintreten durfte. [...] Im Frühjahr 1896 gesellte sich als dritte im Bunde Sophie A. Lutz aus dem Pfarrhaus in Speicher zu uns. [...] Das für uns Mädchen so wichtige Ereignis des Einrittes in die Kantonsschule in Trogen warf keine hohen Wellen, denn Herr Direktor Dr. Wiget erwähnte es mit keinem Worte im Jahresbericht für 1895/96.»Adeline Meier: Die ersten Kantonsschülerinnen. In: KVT-Mitteilungen Nr. 40, Eigenverlag, Trogen 1961, S. 26/27. 1907 enthielt der Artikel 1 der reorganisierten Kantonsschule dann die Bestimmung: «Soweit es die Verhältnisse zulassen, sollen auch Mädchen Aufnahme finden.» Viele Jahre später notierte Elisabeth Pletscher im Bezug auf die Rolle der Schülerinnen zurück: «Wir wenigen Mädchen in der Kantonsschule genossen Seltenheitswert, kamen uns sehr emanzipiert vor und wollten selbstverständlich alles den Buben gleichtun.»Elisabeth Pletscher: Rückblick auf selbsterlebte «Emanzipation der Frau». In: KVT-Mitteilungen, Nr. 52, Eigenverlag, Trogen 1973, S. 42.

mini|Lehrerschaft der KST mit Rektor Wildi