Lotario (HWV 26) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel. Das Libretto ist eine Bearbeitung von Antonio Salvis Adelaide. Die Uraufführung war am 2. Dezember 1729 im King’s Theatre am Haymarket in London.
Entstehung Lotario war die erste Oper, die Händel für die sogenannte zweite Opernakademie, die „Second“ oder „New Academy“, komponierte. Die erste Academy war im Vorjahr aufgrund finanzieller Verluste beendet worden und die italienischen Sänger, darunter die hochbezahlten Stars Senesino, Francesca Cuzzoni und Faustina Bordoni, in ihre Heimat zurückgekehrt. Nachdem man eine zweite Academy gegründet hatte, deren musikalische Leitung diesmal Händel allein übertragen worden war, hatte dieser auf einer Italienreise ein Ensemble aus neuen Sängern zusammengestellt. Darunter befanden sich der berühmte Altkastrat Antonio Maria Bernacchi als primo uomo, sowie die zu dieser Zeit noch nicht sehr bekannte Anna Maria Strada, die bis 1737 Händels prima donna blieb und für die er einige seiner bedeutendsten Frauenporträts komponieren würde (u. a. Alcina 1735).Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar, 1992 S. 107–113
Es ist nicht bekannt, wann Händel mit der Komposition des Lotario begann, sein Autograph trägt nur das Datum der Fertigstellung: „Fine dell’ Opera | G.F. Handel. Novembr 16. 1729“. Die Oper wurde zur Eröffnung der Spielzeit am 2. Dezember 1729 im King’s Theatre uraufgeführt, mit der folgenden Besetzung: Adelaide – Anna Maria Strada del Pó (Sopran) Lotario – Antonio Maria Bernacchi (Altkastrat) Berengario – Annibale Pio Fabri, genannt „Balino“ (Tenor) Matilde – Antonia Margherita Merighi (Alt) Idelberto – Francesca Bertolli (Alt) Clodomiro – Johann Gottfried Riemschneider (Bass)
Die Oper erlebte insgesamt zehn Vorstellungen bis zum 13. Februar 1730,Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 175.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar, 1992 S. 360 das waren immerhin drei mehr als die folgende PartenopeEditionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 178. und doppelt so viele wie zwei Jahre später Ezio.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 206. Lotario war also keineswegs Händels größter Misserfolg und fiel keineswegs „so gründlich durch, dass er umgehend vom Spielplan abgesetzt … wurde“, wie z. B. Dorfmüller schrieb.Ingo Dorfmüller: Handel. Lotario. DHM 88697959592, bmg ariola 2004, S. 20 f.
Der Librettist Paolo Antonio Rolli, zu dieser Zeit eine Art persönlicher Feind Händels, behauptete allerdings, dass die Oper „allgemein für schlecht befunden wurde“ („…è universalmente stimata pessima“). Viel Interesse zogen natürlich die neuen Sänger auf sich, und von diesen gefielen laut Rolli vor allem die Strada und der Tenor Pio Fabri, während Bernacchi in der Premiere noch nicht gut aufgenommen wurde, sondern erst ab der zweiten Vorstellung, nachdem er „seinen Stil geändert“ habe („Bernacchi non piacque la prima sera, ma cangiò metodo la seconda, e piacque…“), und dann auch nicht so gut wie Senesino; die Merighi wurde allgemein für ihre perfekte Schauspielkunst bewundert.In einem Brief an Giuseppe Riva vom 11. Dezember 1729. Siehe: Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 176.
Von Mrs. Pendarves, Händels Nachbarin und Bewunderin, sind ausnahmsweise widersprüchliche Äußerungen über Lotario erhalten: Am 6. Dezember schrieb sie an ihre Schwester Ann Granville, nie in ihrem Leben habe ihr eine Oper so wenig gefallen („…I never was so little pleased with one in my life“) – sie hielt allerdings selber für möglich, dass daran ihre schlechte Seelenverfassung schuld war, da sie zuvor schlechte Nachrichten über eine befreundete Person erhalten hatte. Am 20. Dezember hatte sie ihre Meinung aber offensichtlich geändert und auch eine Erklärung für die anscheinend negative Meinung des übrigen Publikums:
In Wirklichkeit wurde Lotario jedoch noch viermal gegeben. Danach brachte Händel die Oper allerdings nie wieder auf die Bühne (anders als die zunächst noch erfolglosere Partenope), verwendete aber später insgesamt acht Arien und drei Instrumentalsätze daraus als Einlagen für Wiederaufnahmen anderer Opern und in seinem Pasticcio Oreste (1734).Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 147.
Aufführungsgeschichte Erst am 3. September 1975 kam es im Kenton Theatre in Henley on Thames zu einer wiederum zunächst folgenlosen Neuproduktion in englischer Sprache (Textfassung: Alan Kitching) mit den Raglan Players unter Leitung von Nicholas Kraemer.
Seit 1999 gab es ein paar Produktionen, u. a. die erste vollständige Aufführung in Originalsprache und historischer Aufführungspraxis am 12. November 2005 im Teatro Arriaga in Bilbao, mit Il complesso barocco unter Leitung von Alan Curtis. Davon erschien auch ein beträchtlich gekürzter Mitschnitt auf CD.Es wurden Rezitative gekürzt und bei mehreren Dacapo-Arien der B-Teil und das Dacapo gestrichen. Siehe: Alan Curtis: Handel. Lotario. Aus dem Englischen von Clive Williams. DHM 88697959592, bmg ariola 2004, S. 18 ff.
Am 19. Mai 2017 gab es dann eine viel beachtete Aufführung des gesamten Werkes auf den Göttinger Händel-Festspielen unter der Leitung von Laurence Cummings. Dabei wurden von der Regie allerdings einige sinnentstellende Änderungen an der Handlung vorgenommen, insbesondere der edle, selbstlos liebende Idelberto zu einem seelisch gestörten Schwächling umfunktioniert, der fast die ganze Zeit im Nachthemd herumläuft.Youtube-Video: Handel 1729 Lotario HWV 26, von: Felices Cantus Händel, 6. April 2022 (Abgerufen am 3. November 2025)
Libretto Die Vorlage zu Händels Oper basiert auf Antonio Salvis Libretto Adelaide, das zum ersten Mal 1722 von Pietro Torri vertont und als Hochzeitsoper mit allegorischem Prolog für Karl Albrecht von Bayern und Maria Amalia in München uraufgeführt worden war. Salvis Text wiederum war eine Bearbeitung einer Giovanni Andrea Moniglia zugeschriebenen Komödie (Florenz, 1689). Salvis Libretto wurde in der Folge (ohne Prolog) unter anderem von Nicola Porpora und Giuseppe Maria Orlandini vertont. Händels Text ist eine Überarbeitung von Orlandinis Version, die im Februar 1729 in Venedig mit Faustina Bordoni und Senesino, also mit Händels ehemaligen Stars, aufgeführt wurde und die er wahrscheinlich vorort erlebt hat.
Es wird vermutet, dass die Textvorlage von Giacomo Rossi für Händel bearbeitet wurde.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 140 (auch Fußnoten 7 und 9).Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 330. Dabei wurden die Rezitative um fast die Hälfte gekürzt, wobei eine Figur – Adelaides Onkel Everardo – ganz gestrichen und die Figur des Ottone in den Titelhelden Lotario umbenannt wurde (siehe unten: Historischer Hintergrund). Von der Vorlage wurden außerdem 19 von 27 Arientexten übernommen,Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 140–141.Schmusch spricht (mit Bezugnahme auf M. Pacholke) von übernommenen „21 Arien- und Ensembletexten“, wobei die Diskrepanz von 19 (Dean) zu 21 (Schmusch) wahrscheinlich auf zwei Ensembletexte zurückzuführen ist. Rainer Schmusch: Lotario (HWV 26), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 207 zum Teil mit kleineren Änderungen. Neun Nummern wurden neu geschrieben,Rainer Schmusch: Lotario (HWV 26), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 207 darunter Schlussduett und -chor. Die Figur der bösartigen Matilde erhielt größeres Gewicht durch drei zusätzliche Solo-Nummern.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006; Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 141.
Handlung Historischer Hintergrund mini|Adelheid von Burgund und Otto I. Skulpturen im Meißner Dom, ca. 1250–1260 Die Handlung basiert zwar auf historischen Gegebenheiten, die Änderung einiger Namen im Libretto könnte jedoch für eine gewisse Verwirrung sorgen. Im Mittelpunkt der Oper steht eigentlich Adelheid von Burgund (ital.: Adelaide di Borgogna, 931–999), die zuerst als Gemahlin und Witwe von Lotario II. Königin von Italien und später, nach ihrer zweiten Heirat mit Otto I., Kaiserin des römisch-deutschen Reiches war. Bevor es so weit kommen konnte, wurde sie jedoch zunächst von Berengario d’Ivrea und seiner Gemahlin Willa von Tuscien gefangengesetzt, da diese sie aus Machtgier mit ihrem Sohn Adelberto verheiraten wollten. Adelheid konnte jedoch fliehen und suchte Schutz bei Otto I., den sie später heiratete.
Bei Händel wurde jedoch die Figur des Ottone (Otto I.) in „Lotario“ umbenannt, womit aber wohlgemerkt nicht Adelaides erster Gemahl gemeint sein kann. Die Änderung wurde wahrscheinlich vorgenommen, weil Händel bereits eine erfolgreiche Oper Ottone (1723) über die Figur Ottos II. – also des Sohnes von Adelheid und Otto I. – komponiert hatte und Verwechslungen eigentlich vermeiden wollte.Silke Leopold: Händel. Die Opern. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009, ISBN 978-3-7618-1991-3, S. 252.Fakten zu historischen Personen und Umbenennung wesentlich kürzer auch in: Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978 (Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008), S. 330. Es kommt hinzu, dass (schon in Salvis/Orlandinis Adelaide, 1729) die historische Willa von Tuscien als „Matilde“ fungiert, was wiederum zu Verwechslungsmöglichkeiten mit der ostfränkischen Königin Mathilde, der Mutter Ottos I. führen könnte; und der historische Adelberto heißt bei Händel (wie zuvor bei Orlandini) „Idelberto“.Zu den Namen bei Orlandini 1729 siehe: Die Figuren der Matilde (= Willa) und des Idelberto (= Adelberto) in Lotario sind identisch mit Gismonda und Adelberto in Händels Ottone.
Erster Akt Ein Garten
Berengario besingt die Last des Herrschens und seiner eigenen Machtgier, als sein Sohn Idelberto kommt und beklagt, dass die von ihm geliebte Adelaide seine Liebe nicht erwidern könne, da Berengario ihr den Gatten und das Reich nahm. Als Clodomiro erscheint und berichtet, dass der deutsche König Lotario mit seinen Truppen im Anmarsch ist, um Adelaide zu Hilfe zu kommen, befielt Berengario Adelaides Stadt Pavia mit Gewalt einzunehmen. Matilde kommt und weist ihn darauf hin, dass sie die Wachen Pavias bereits bestochen habe, so dass ihre Truppen in der kommenden Nacht durch die offenen Tore in die Stadt eindringen können. Als Idelberto um Erbarmen für Adelaide fleht, schickt Berengario einen Boten zu ihr, der ihr Frieden anbieten solle, falls sie Idelberto heirate, ansonsten werde es ihr als seiner Gefangenen schlecht ergehen. Der entsetzte Idelberto teilt seiner Mutter Matilde seine Sorgen um Adelaide mit, doch diese ist noch erbarmungloser, rät ihm aber zu Adelaide zu gehen und durch ein Liebesgeständnis zur Heirat zu überreden. Idelberto ist entschlossen die von ihm Angebetete zu retten.
Ein Thronsaal