Die Antikensammlung der Universität Heidelberg (früher Antikenmuseum und Abguss-Sammlung der Universität Heidelberg) ist eine Einrichtung der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Sie vereint die Sammlung antiker Kleinkunst sowie die Abguss-Sammlung des Instituts für Klassische Archäologie und Byzantinische Archäologie (bis 2004: Archäologisches Institut; danach bis 2019 Institut für Klassische Archäologie). Insgesamt umfasst sie knapp 9.000 Originale verschiedener Gattungen (Keramik, Terrakotta, Metall- und Steinobjekte), rund 1.200 großformatige Abgüsse antiker Statuen, Reliefs, Büsten und Porträts sowie etwa 14.400 Kleinabgüsse (vor allem Gemmen und Münzen). Sie erfüllt damit die Funktionen einer Lehrsammlung für das Studium der Klassischen Archäologie, einer Forschungssammlung für Archäologen und Kunsthistoriker sowie eines Antikenmuseums für die Öffentlichkeit.
Geschichte der Sammlungen Vorgeschichte und Gründung der Lehrsammlung Als Friedrich Creuzer zu Beginn des 19. Jahrhunderts erstmals archäologische Lehrveranstaltungen an der Universität Heidelberg anbot, existierte noch keine archäologische Sammlung. Zu Creuzers 30-jährigem Professorenjubiläum stifteten seine Freunde und Verehrer der Universität 1834 eine kleine Sammlung antiker Kleinkunst, vor allem Gipsabgüsse von Münzen und Gemmen. Creuzer gab dieses sogenannte „Antiquarium Creuzerianum“ in die Obhut der Universitätsbibliothek, wo es 1835 in einem Schrank untergebracht wurde. Das Antiquarium Creuzerianum bildete so den Grundstock der archäologischen Sammlungen, zusammen mit dem sogenannten „Lapidarium“, einem kleinen Bestand lokaler römischer Architekturfragmente, Inschriftensteine und Kleinfunde aus den Beständen der kurpfälzischen Sammlungen.
Als eigentliches Gründungsjahr der Antikensammlung kann das Jahr 1848 gelten. Damals erreichte Creuzers Nachfolger Karl Zell (Professor in Heidelberg 1847–1855), dass das Antiquarium einen eigenen Raum in der Universitätsbibliothek erhielt. Außerdem übernahm er persönlich die Verwaltung der Bestände, wofür zuvor der Oberbibliothekar zuständig gewesen war. 1852 wurde die Sammlung auf ein zweites Zimmer ausgedehnt, nachdem Zell sie – auch durch Ankäufe – stark erweitert hatte. Unter anderem erwarb er in den Jahren seiner Lehrtätigkeit eine Sammlung von Gemmenabgüssen aus dem Nachlass von Joseph Anselm Feuerbach.
Ausbau der Sammlung unter Stark und von Duhn (1855–1920) Zells Nachfolger Karl Bernhard Stark (Professor in Heidelberg 1855–1879) bemühte sich ebenfalls, die archäologischen Sammlungen zu erweitern. Zu seinen wichtigsten Erwerbungen zählte die Sammlung von Friedrich Thiersch, aus dessen Nachlass 1860 eine größere Anzahl von antiken Vasen, Terrakotten und Bronzen ersteigert wurden. Zur sukzessiven Vergrößerung der Sammlung trug auch bei, dass die Heidelberger Professoren ab 1865 einen Teil ihres Honorars für öffentliche Vorträge für archäologische Neuerwerbungen stifteten. Die Neuorganisation des Philologischen Seminars durch Hermann Köchly (1865) brachte mit sich, dass Stark nicht mehr wie zuvor an der Leitung des Philologischen Seminars beteiligt war. Daraufhin beantragte er im Frühjahr 1866 die Gründung eines Archäologischen Instituts mit eigenem, regelmäßigem Etat und einer Art Studienplan zur Ausbildung von Archäologen. Mit der Genehmigung dieses Instituts im Oktober 1866 wurde die Position der Archäologie als eigenständiges Fach gestärkt. 1870 bezog das Archäologische Institut mit seiner Originalsammlung eigene Räumlichkeiten in der Augustinergasse 7.
Nach Starks frühem Tod (1879) setzte sein Nachfolger Friedrich von Duhn (Professor in Heidelberg von 1880 bis 1920) dessen Bemühungen zur Professionalisierung der Archäologie energisch fort und brachte das Archäologische Institut sowie die Antikensammlung zu großem Ansehen. Die Original- und Abguss-Sammlung wurde durch Ankäufe, aber auch durch Stiftungen von Privatleuten und Institutionen (zum Beispiel seines ehemaligen Studenten Paul Hartwig, der 1897 etwa 300 antike Vasen und Terrakotten stiftete) vergrößert. Die beträchtliche Erweiterung der Sammlungen zeigte sich etwa im Katalog der Gipsabgüsse, den von Duhn erstmals 1887 herausgab und der fünf weitere Auflagen erlebte; die sechste Auflage (1913) hatte mehr als die doppelte Seitenzahl der ersten Auflage, die Zahl der Gipsabgüsse war von 475 Stück auf über 700 angewachsen.Victoria Klein: 1876–1886: Gipsabgüsse in einem wachsenden Institut. In: Nicolas Zenzen (Herausgeber): Objekte erzählen Geschichte(n). 150 Jahre Institut für Klassische Archäologie. Heidelberg 2016, ISBN 978-3-00-054315-9, S. 144–153, hier 151. Diesem Zuwachs trug von Duhn Rechnung durch sein Bemühen um neue Räumlichkeiten. 1882 wurde die Antikensammlung in das dem Institut benachbarte Haus Schulgasse 2 ausgeweitet. 1886 erweiterte man die Fläche darüber hinaus durch den Einbau eines Oberlichtsaals (des sogenannten „Parthenonsaals“), der vorrangig der Aufstellung von Gipsabgüssen der Skulpturen des Parthenon diente. 1904 wurden schließlich die Arbeitsräume des Instituts aus dem Gebäude ausgegliedert, was weiteren Platz für die Sammlungen schuf. Auf von Duhns Erwerbungen geht der größte Teil der archäologischen Sammlungen zurück; viele seiner Erwerbungen konnten aus Raumgründen nicht aufgestellt werden und wurden eingelagert, beispielsweise die 1918 in Auftrag gegebenen und erworbenen Abgüsse des Tropaeum Traiani bei Adamclisi (Rumänien), die erst 1965 in der Heuscheuer beim Marstall aufgestellt wurden.
Entwicklung seit 1920 und Ausbau zum Antikenmuseum Unter von Duhns Nachfolgern Ludwig Curtius (Professor in Heidelberg 1920–1928) und Arnold von Salis (Professor in Heidelberg 1929–1940) wurde das Antikenmuseum nicht nennenswert erweitert. 1929 zogen das Archäologische Institut und die Originalsammlung in den „Weinbrennerbau“ beim Marstall um, der größte Teil der Abguss-Sammlung blieb jedoch, letztlich bis 1971, in den alten Räumen (Augustinergasse 7/Schulgasse 2). Immer mehr Gipsabgüsse wurden eingelagert, besonders nachdem Professor Eugen Fehrle eine „volkskundliche Lehrschau“ in den Räumen der Abguss-Sammlung aufstellte, und viele von ihnen wurden dabei beschädigt oder zerstört. Während des Zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit leitete Reinhard Herbig (Professor in Heidelberg 1941–1956) das Archäologische Institut und die Sammlungen, deren 100-jähriges Jubiläum 1948 mit großem Aufwand gefeiert wurde: Der Assistent Bernhard Neutsch organisierte die Sonderausstellung (Die Welt der Griechen im Bilde der Originale der Heidelberger Universitätssammlung), die von Gastvorträgen hochrangiger Fachvertreter, von Publikationen und einem aufwändigen Festakt in der Universitätsaula umrahmt wurde.
mini|Diese protokorinthische Oinochoe (ca. 630 v. Chr.; Inventarnummer 69/4) wurde durch Roland Hampe für das Antikenmuseum erworben. Der Lehrstuhlinhaber und Institutsleiter Roland Hampe (Professor in Heidelberg 1957–1975) leistete Entscheidendes für die Entwicklung und Förderung der Heidelberger archäologischen Sammlungen, die sich unter Hampes Ägide von einer Lehrsammlung zu einem vollwertigen Antikenmuseum entwickelten. Er schuf mehrere neue Stellen, darunter für das Antikenmuseum eine Restauratorenstelle (1961) und eine Konservatorenstelle (1963, als Akademische Ratsstelle). Die erste Konservatorin des Antikenmuseums war von 1962 bis 1992 Hildegund Gropengiesser, der Hermann Pflug von 1993 bis 2016 und Polly Lohmann ab 2017 nachfolgten. In der Erwerbungspolitik neuer Sammlungsobjekte ging Hampe systematisch vor, um Lücken in der archäologischen Lehre zu schließen und das Antikenmuseum für das Publikum attraktiver zu machen. Entsprechend seinen Forschungsinteressen bezog Hampe dabei auch die Randbereiche der Antike ein, beispielsweise die ägäische Bronzezeit. So erwarb er mehrere böotische Bronzefibeln, die zu den interessantesten Sammlungsobjekten gehörten. Die damalige Aufstellung der Keramiksammlung reflektierte auch Hampes Zusammenarbeit mit dem Bildhauer, Keramiker und experimentellen Archäologen Adam Winter, mit dem er in den 1960er Jahren die technischen Bedingungen der Keramikproduktion empirisch und experimentell untersuchte.
Seit 1966 sind das Archäologische Institut und die Sammlung antiker Kleinkunst im Neuen Kollegiengebäude am Marstallhof (das den Weinbrennerbau ersetzte) untergebracht. Bis 1974 folgte die Abguss-Sammlung in das fertiggestellte Gebäude. Unter Hampes Nachfolger Tonio Hölscher (Professor in Heidelberg 1975–2010) wurde die Erschließung der Sammlung weitergetrieben. Zu seiner Zeit erschienen sechs Kataloge der Originalsammlung. Außerdem wurden neue Dauerausstellungen eingerichtet mit dem Bronzekabinett im Erdgeschoss (1987) und mit der Schliemann-Ausstellung im Dachfoyer (1990).
Durch eine Aktion rückte das Museum 2006 in den Blickpunkt der breiteren Öffentlichkeit. Die Universität übergab im September 2006 ein kleines, 8 × 11 cm großes Bruchstück eines menschlichen Fußes aus dem Parthenon im Rahmen einer Feierstunde in der historischen Aula der Universität an den damaligen griechischen Kulturminister Giorgios Voulgarakis. Das Bruchstück war vermutlich 1871 als Mitbringsel eines Reisenden in die Heidelberger Sammlung gekommen und wurde dort nie in der Dauerausstellung gezeigt. Die Universität erklärte dazu, dass es sich hierbei um eine Aktion handele, die der besonderen Bedeutung des Parthenon-Frieses Rechnung trage und nicht auf etwaige andere Forderungen Einfluss habe. Die Rückgabe hatte ein Echo weit über Deutschland und Griechenland hinaus.
Bestände und Ausstellung Die ständige Ausstellung der Antikensammlung bietet einen breiten Überblick über die antiken Kulturen des Mittelmeerraumes vom 3. Jahrtausend v. Chr. bis in die römische Kaiserzeit. Ihr Schwerpunkt liegt auf der antiken Kleinkunst: dazu gehören vor allem bemalte griechische und etruskische Vasen sowie Tongefäße, -figuren, -lampen und -reliefs aus Griechenland, Italien, Zypern und Vorderasien, außerdem Bronzegegenstände, Architekturelemente. Hinzu kommen Nachbildungen (Galvanoplastiken) berühmter Funde aus Mykene, rund 900 originale Funde aus Troja (sog. Troja-Dubletten) und die griechischen Münzen, die vom Heidelberger Zentrum für antike Numismatik verwaltet werden. Die Gipsabgüsse umfassen wichtige Bildwerke von der griechischen archaischen Zeit bis in die römische Kaiserzeit; alle Objekte werden bis zum Abschluss der Sanierungsarbeiten im Erdgeschoss eingelagert.
Originale Wichtige Stücke der Sammlung: Apulischer Fischteller Attisch schwarzfiguriger Votivteller Böotischer Krater Korinthisierende etruskische Olpe Kylix des Providence-Malers Rhodische Kanne (Heidelberg 1)
Abgüsse mini|Abguss-Sammlung, Ansicht des Ostsaals mini|Abguss-Sammlung, Ansicht des Ostsaals mini|Abguss-Sammlung, Ansicht des Westsaals mini|hochkant|Abguss im Eingangsbereich des Kollegiengebäudes am Marstall.