Cornelius Freiherr von Berenberg-Gossler, auch Goßler (* 2. März 1874 in Hamburg; † 29. September 1953 ebenda), geboren als Cornelius Gossler, war ein deutscher Bankier und von 1913 bis 1953 Inhaber der Bank Joh. Berenberg, Gossler & Co., die sich heute Berenberg Bank nennt.

Leben

Herkunft und Familie

Berenberg-Gossler war Mitglied der Hanseatenfamilie Berenberg/Goßler und drittältester Sohn des Bankiers Johann Freiherr von Berenberg-Gossler und seiner Frau Juliane Amalie Donner (1843–1916), Enkel des Bankiers Heinrich Gossler sowie Urenkel des Senators Johann Heinrich Gossler. Sein ältester Bruder war der Bankier, Senator und Botschafter John von Berenberg-Gossler.Renate Hauschild-Thiessen: Cornelius von Berenberg-Gossler und das Dritte Reich. In: Hamburgische Geschichts- und Heimatblätter, Band 12 (1988), Heft 1, S. 14–32, hier: S. 14. Digitalisat. Der Vater, der zunächst Johann Gossler hieß, mit „Berenberg“ als zweitem Vornamen, erhielt 1880 das Recht, „Berenberg-Gossler“ als Familiennamen zu führen; 1889 wurde ihm vom Königreich Preußen ein erbliches Adelsprädikat zugesprochen („von Berenberg-Gossler“); 1910 erhielt er den Adelstitel Freiherr mit der Befugnis, ihn nach seinem Tod an einen Sohn zu übertragen. Damit konnte Cornelius Gossler ab 1913 den Namen „Freiherr von Berenberg-Gossler“ führen.Freiherr von Berenberg-Gossler Cornelius. In: Georg Wenzel (Bearb.): Deutscher Wirtschaftsführer. Lebensgänge deutscher Wirtschaftspersönlichkeiten. Ein Nachschlagebuch über 13000 Wirtschaftspersönlichkeiten unserer Zeit. Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg 1929. Zugriff über das World Biographical Information System online. Ferner Genealogisches Taschenbuch der Freiherrlichen Häuser. 63. Jahrgang. Justus Perthes, Gotha 1913, S. 56–57.

Die Familie lebte im Winter in einer Stadtwohnung an der Außenalster, im Sommer auf ihrem weitläufigen Gut in Niendorf, ein Muster, das für das vermögende hanseatische Bürgertum typisch war.Joachim Szodrzynski: Großbürgerlicher Eigensinn und Zuvilcourage, S. 272.

Ausbildung und Tätigkeiten im Kaiserreich

Cornelius von Berenberg-Gossler durchlief eine kaufmännische Ausbildung, unter anderem mit einem Volontariat bei der Barings Bank in London. Am 1. März 1898 trat er als Teilhaber in die Bank Joh. Berenberg, Gossler & Co. ein, am 24. Mai desselben Jahres heiratete er Nadja Clara von Oesterreich, die Tochter eines Kaufmanns und Finanzmaklers.Joachim Szodrzynski: Großbürgerlicher Eigensinn und Zivilcourage, S. 272. Berenberg-Gossler wurde 1907 zum Generalkonsul des Königreichs Bayern in Hamburg berufen, ein Ehrenamt, das ihm Zutritt zum gesellschaftlich wichtigen konsularischen Corps verschaffte und das er bis zur „Gleichschaltung“ der Länder 1933 ausübte, als das Amt abgeschafft wurde.Joachim Szodrzynski: Großbürgerlicher Eigensinn und Zivilcourage, S. 283–284. Er war zeitweise Vorsitzender des nationalliberalen „Reichstagswahlvereins von 1884 in Hamburg“, der sich 1908 der Nationalliberalen Partei anschloss, und organisierte in dieser Funktion Bismarck-Feiern und Ähnliches.Renate Hauschild-Thiessen: Cornelius von Berenberg-Gossler und das Dritte Reich. In: Hamburgische Geschichts- und Heimatblätter, Band 12 (1988), Heft 1, S. 14–32, hier: S. 15. Digitalisat. 1912 schloss er sich einer Abspaltung dieses Wahlvereins an, der der Deutschkonservativen Partei nahestehenden Hamburgischen Konservativen Vereinigung, wo er dem Vorstand angehörte.Joachim Bohlmann: Die Deutschkonservative Partei am Ende des Kaiserreichs: Stillstand und Wandel einer untergehenden Organisation. Dissertation, Greifswald 2011, S. 166. Digitalisat. Mit dem Tode des Vaters am 8. März 1913 übernahm er die Leitung der Bank, nachdem sein Bruder John bereits 1908 aufgrund seiner Wahl in den Hamburger Senat das Unternehmen hatte verlassen müssenRenate Hauschild-Thiessen: Gossler, Johann (John) Berenberg. In: Franklin Kopitzsch, Dirk Brietzke (Hrsg.): Hamburgische Biografie. Personenlexikon, Band 2. Wallstein, Göttingen 2003, S. 154–155, hier S. 155. und der zweite Sohn Johanns, Paul, aus Hamburg weggezogen war und das Gut Windeby betrieb.Joachim Szodrzynski: Großbürgerlicher Eigensinn und Zivilcourage. Cornelius Freiherr v. Berenberg-Goßler, S. 272. Cornelius von Berenberg-Gosslers Vermögen war beträchtlich, bereits 1912, noch vor dem Tod des Vaters, bezifferte Rudolf Martin es in seinem Jahrbuch des Vermögens und Einkommens der Millionäre auf 3,8 Millionen Mark und das Jahreseinkommen auf 300.000 Mark.Rudolf Martin: Jahrbuch des Vermögens und Einkommens der Millionäre in den drei Hansastädten (Hamburg, Bremen, Lübeck). Verlag Rudolf Martin, Berlin 1912, S. 14. Digitalisat; vgl. auch Joachim Szodrzynski: Großbürgerlicher Eigensinn und Zivilcourage. Cornelius Freiherr v. Berenberg-Goßler, S. 272.

Berenberg-Gossler war stellvertretender Vorsitzender des Hamburger Zweigs des Deutschen Wehrvereins.Marilyn Shevin Coetzee: The German Army League. Popular nationalism in Wilhelmine Germany. Oxford University Press, New York 1990, S. 93–94. 1914 war er mit 40 Jahren bereits zu alt für eine aktive Teilnahme am Ersten Weltkrieg. Stattdessen ließ er mit anderen vermögenden Hamburgern zusammen auf eigene Kosten einen Lazarettzug ausrüsten, der dem Transport verwundeter deutscher Soldaten in die Heimat diente.Joachim Szodrzynski: Großbürgerlicher Eigensinn und Zivilcourage. Cornelius Freiherr v. Berenberg-Goßler, S. 272. Ein von der Hamburgischen Konservativen Vereinigung 1916 verfasster „Aufruf zur Niederringung Englands“ trug unter anderem auch seine Unterschrift.Joachim Bohlmann: Die Deutschkonservative Partei am Ende des Kaiserreichs: Stillstand und Wandel einer untergehenden Organisation. Dissertation, Greifswald 2011, S. 167 Digitalisat.

Weimarer Republik

Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches 1918 trat Berenberg-Gossler in die Deutsche Volkspartei (DVP) ein und unterstützte diese auch finanziell.Joachim Szodrzynski: Großbürgerlicher Eigensinn und Zivilcourage, S. 274. Er übte neben der Leitung der Bank eine Vielzahl von Funktionen im Hamburger Wirtschaftsleben aus. So war er Mitglied des Bezirksausschusses Hamburg der Reichsbank und Mitglied des Ausschusses des Centralverbands des deutschen Bank- und Bankiergewerbes. Zudem gehörte er zahlreichen Aufsichts- und Verwaltungsräten an, darunter dem Verwaltungsrat der Berliner Handelsgesellschaft, den Aufsichtsräten der Vereinsbank in Hamburg, der AG für In- und Auslandsunternehmungen und der Deutschen Waren-Treuhand. In der Ilseder Hütte, an der er ein großes Aktienpaket besaß, war er wie zuvor schon sein Vater stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender, ebenso in der AG Peiner Walzwerk.Freiherr von Berenberg-Gossler Cornelius. In: Georg Wenzel (Bearb.): Deutscher Wirtschaftsführer. Lebensgänge deutscher Wirtschaftspersönlichkeiten, Hamburg 1929, Sp. 157.

In der Weltwirtschaftskrise geriet die Bank zunehmend in Schwierigkeiten und Berenberg-Gossler musste 1931 endlich die Geschäfte seiner Bank auf die Darmstädter und Nationalbank (Danat) überleiten und sein Haus schließen. Nachdem die Danat-Bank wegen Zahlungsunfähigkeit mit der Dresdner Bank fusioniert worden war, erhielt Berenberg-Gossler den Firmennamen Joh. Berenberg, Gossler & Co. 1932 zurück und nutzte ihn im Folgenden hauptsächlich zur Verwaltung seines Privatvermögens (siehe Berenberg Bank#Erster Weltkrieg und Republik).

Politisch orientierte sich Berenberg-Gossler in den letzten Jahren der Republik zunehmend an der Deutschnationalen Volkspartei und gab ihr auch seine Stimme bei den Reichstagswahlen. In seinem Tagebuch schrieb er, der Parlamentarismus habe abgewirtschaftet.Tagebucheintrag 15. September 1930, nach Renate Hauschild-Thiessen: Cornelius von Berenberg-Gossler und das Dritte Reich, S. 16. Den Aufstieg der NSDAP seit 1930 beurteilte er sehr skeptisch. Er las Mein Kampf und hielt Hitler danach für einen „verbohrten Autodidakten“, von den Nationalsozialisten hatte der Großbürger Berenberg-Gossler einen „recht spießigen, kleinen Eindruck“. Als der Völkische Beobachter im November 1930 nach einer Lohnsenkung in der Ilseder Hütte antisemitische Angriffe gegen Jakob Goldschmidt veröffentlichte, der vor kurzem ebenfalls Mitglied des Aufsichtsrats geworden war, schrieb er an Hitler, erhielt aber nur eine nichtssagende Antwort. „Ich sage Hitler, die Verhetzung der Arbeiter gegen die Unternehmer und gegen Goldschmidt, überhaupt gegen die Juden, sei verwerflich“, heißt es im Tagebuch.Renate Hauschild-Thiessen: Cornelius von Berenberg-Gossler und das Dritte Reich, S. 16; Tagebucheinträge vom 20. Oktober 1930, 25. Februar 1932 und 20. November 1930. Er sah im Nationalsozialismus aber nicht nur ein „gefährliches Risiko“,Joachim Szodrzynski: Großbürgerlicher Eigensinn und Zivilcourage, S. 277. sondern auch bereits 1931 „ein großes Wagnis, um das man nicht herumkommen wird“.Renate Hauschild-Thiessen: Cornelius von Berenberg-Gossler und das Dritte Reich, S. 16; Tagebucheintrag vom 18. Dezember 1931. Dazu trug bei, dass ihm der Kommunismus noch größere Sorgen bereitete.Joachim Szodrzynski: Großbürgerlicher Eigensinn und Zivilcourage, S. 277; Renate Hauschild-Thiessen: Cornelius von Berenberg-Gossler und das Dritte Reich, S. 17.

Zeit des Nationalsozialismus

1933 blieb die Bank zunächst geschlossen. Cornelius Berenberg-Gossler gab seine Stadtwohnung auf und zog sich ganz auf das Familiengut nach Niendorf zurück. Obwohl er von den Nationalsozialisten insgesamt wenig hielt, schwankten seine Einschätzungen der neuen Machthaber, wie er sie in seinem Tagebuch festhielt, zunächst „zwischen diffusen Erwartungen, enttäuschten Hoffnungen und wachsender Skepsis“.Joachim Szodrzynski: Großbürgerlicher Eigensinn und Zivilcourage. Cornelius Freiherr v. Berenberg-Goßler. In: Frank Bajohr, Beate Meyer, Joachim Szodrzynski (Hrsg.): Bedrohung, Hoffnung, Skepsis. Vier Tagebücher des Jahres 1933. Wallstein, Göttingen 2013, S. 271–288, hier: S. 274. Bei der Märzwahl 1933 wählte er die von der Deutschnationalen Volkspartei dominierte Kampffront Schwarz-Weiß-Rot. Bereits kurz nach der Wahl erwog er, der NSDAP beizutreten, und unterhielt sich darüber mit dem befreundeten jüdischen Filialdirektor der Dresdner Bank in Hamburg, Paul Salomon. In Berenberg-Gosslers Tagebuch ist am 11. März 1933 verzeichnet, dass Salomon ihm zugeraten habe, „weil in die Partei Leute gehen müßten, die nicht antisemitisch seien“; keiner der jüdischen Freunde werde sich verletzt fühlen.Renate Hauschild-Thiessen: Cornelius Freiherr von Berenberg-Gossler und das Dritte Reich, S. 17; Joachim Szodrzynski: Großbürgerlicher Eigensinn und Zivilcourage. Cornelius Freiherr v. Berenberg-Goßler, S. 279f.; Tagebucheintrag vom 11. März, Frank Bajohr, Beate Meyer, Joachim Szodrzynski (Hrsg.): Bedrohung, Hoffnung, Skepsis. Vier Tagebücher des Jahres 1933, S. 305. Die Tage vor und während des sogenannten Judenboykotts am 1. April verbrachte er bei Geschäftsfreunden in London und notierte dort äußerst negative eigene und fremde Urteile über die antisemitische Politik der Nationalsozialisten.Joachim Szodrzynski: Großbürgerlicher Eigensinn und Zivilcourage. Cornelius Freiherr v. Berenberg-Goßler, S. 278; Frank Bajohr: „Arisierung“ in Hamburg. Die Verdrängung der jüdischen Unternehmer 1933–1945. Christians, Hamburg 1997, S. 78. Dennoch trat er zusammen mit seinen Brüdern John und Andreas zum 1. Mai 1933 in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 3.039.123).Bundesarchiv R 9361-VIII KARTEI/1890895; Paul Windolf, Christian Marx: Die braune Wirtschaftselite. Unternehmer und Manager in der NSDAP. Campus, Frankfurt/New York 2022, S. 24, 99.