mini|hochkant|Plakat auf Pegida-Demonstration in Dresden, 23. März 2015 mini|hochkant|Judenboykott am 1. April 1933 in Pforzheim.Text auf dem Schild: Ein Lump und Volksverräter ist jeder, wer heute noch bei Juden kauft. Der Begriff Volksverrat wurde in der deutschen Sprache zu Beginn des 19. Jahrhunderts u. a. von Sozialisten und Revolutionären des Vormärz als politischer Kampfbegriff geprägt.Online einsehbar: William Shakespeare in Coriolanus, übersetzt von Dorothea Tieck, online projekt-gutenberg.org Jeremias Gotthelf in Zeitgeist und Berner Geist, Roman, 1851, online projekt-gutenberg.org Später wurde er auch in der Sprache des Nationalsozialismus häufig verwendet. Das davon abgeleitete Schimpfwort „Volksverräter“ – der Duden online definiert es als abwertend für „jemand[en], der das eigene Volk verrät, hintergeht, betrügt“Volksverräter in duden.de, abgerufen am 10. Januar 2017 – wurde Unwort des Jahres 2016.

Begriffsgeschichte Karl Marx und Friedrich Engels ordneten den französischen Politiker Alphonse de Lamartine, 1848 Mitglied der regierenden Commission exécutive, als Volksverräter ein.Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 6, Dietz Verlag, Berlin/DDR 1959. S. 270. 1884 schildert Engels den „Volksverrath“ bei den Germanen.Friedrich Engels in Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats 1884, online projekt-gutenberg.org Karl Georg Büchner, Revolutionär des Vormärz, empörte sich 1834 über Großherzöge und die Stände, die diese stützten, als Volksverräter.Georg Büchner in Der Hessische Landbote 1834, online projekt-gutenberg.org 1849 bezeichnete der marxistische Abgeordnete Wilhelm Wolff den Erzherzog Johann von Österreich, den Reichsverweser, als „den ersten Volksverräter“.Wilhelm Wolff (Publizist), Rede in der Paulskirchenversammlung am 26. Mai 1849, Der-erste-Volksverraeter-war-ein-Oesterreicher, Die Welt Rosa Luxemburg „brandmarkte“ in einem illegalen Flugblatt vom Mai 1916 Sozialdemokraten als „Rotte von Volksverrätern“.Hundepolitik (Mai 1916), marxists.org

Der Begriff verbreitete sich nach dem Ersten Weltkrieg im Sprachgebrauch der Rechtsextremen im politischen Kontext der Dolchstoßlegende als Bezeichnung für die demokratisch geprägten Anhänger der Weimarer Republik. Die „Novemberverbrecher“ hätten demnach Volk und Vaterland verraten und dem unbesiegten Heer einen „Dolchstoß von hinten“ beigebracht. Die Nationalsozialisten waren in Wort und Tat extreme Verfechter dieser Verschwörungstheorie. Nach ihrer Machtergreifung führten sie demzufolge den Tatbestand des Volksverrates in ihrem Sinne im Strafrecht ein.AfD, Pegida und Co. Volksverräter? Aber gerne doch!, Pressebericht Spiegel online vom 4. Oktober 2016

Er bezeichnete das „unmittelbar gegen das deutsche Volk gerichtete Verbrechen eines Volksgenossen, der die politische Einheit, Freiheit und Macht des deutschen Volkes zu erschüttern trachtet“.Nationalsozialistische Leitsätze für ein neues deutsches Strafrecht Personen, denen dies vorgeworfen wurde, wurden als Volksverräter bezeichnet. Damit wurden zunächst Verbrechen des Hochverrats und Landesverrats (§§ 80–93 StGB) bezeichnet. Insbesondere durch die Rechtsprechung des Volksgerichtshofes unter Roland Freisler (1893–1945) wurde damit jede Art von Kritik am Nationalsozialismus bezeichnet und häufig mit der Todesstrafe abgeurteilt.

Im November 2016 wendete Stefan Räpple, Abgeordneter der Alternative für Deutschland (AfD) im Landtag von Baden-Württemberg, den Begriff auf die Abgeordneten von CDU, SPD, Grünen und FDP an, was intern für Streit sorgte.AfD in Baden-Württemberg Abgeordneter beschimpft andere Parteien als „Volksverräter“, auf faz.net Auch auf Demonstrationen von Anhängern der AfD"Volksverräter"-Rufe gegen Merkel von AfD-Anhängern, auf merkur.de und der rechtspopulistischen Pegida-Bewegung findet er Verwendung.Pegida-Kampfbegriffe Vokabular wie bei Goebbels, Spiegel online von Januar 2015"Volksverräter", "Lügenpresse", "Überfremdung" Warum das Pegida-Vokabular bedenklich ist, Focus online von Januar 2015 In Österreich wird der Terminus neben anderen Begriffen des NS-Deutsch von der rechtsextremen FPÖ verwendet.

Unwort des Jahres 2016 Das Wort Volksverräter wurde zum Unwort des Jahres 2016 gewählt.Diffamierende Sprache "Volksverräter" ist das Unwort des Jahres 2016 Spiegel online vom 10. Januar 2017 Begründet wurde dies durch die Jury, dass es ein „typisches Erbe von Diktaturen, unter anderem der Nationalsozialisten“ sei. Als Vorwurf gegenüber Politikern gelte es „in einer Weise undifferenziert und diffamierend, dass ein solcher Sprachgebrauch das ernsthafte Gespräch und damit die für Demokratie notwendigen Diskussionen in der Gesellschaft abwürgt.“ Ähnlich wie völkisch oder Umvolkung stehe es nicht für das Staatsvolk als solches, sondern für „eine ethnische Kategorie, die Teile der Bevölkerung ausschließt.“ Der Gebrauch sei undemokratisch, da er u. a. „die Gültigkeit der Grundrechte für alle Menschen im Hoheitsgebiet der Bundesrepublik“ verneint.; Pressemitteilung der Sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres vom 10. Januar 2017, abgerufen am 10. Januar 2017

Siehe auch Volksfeind Volksschädling

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Einzelnachweise

Anmerkungen Zur Quellenangabe: Die Übersetzerin Dorothea Tieck übersetzt in William Shakespeares Coriolanus das englische Wort traitor für Verräter mit „Volksverräter“.

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